Zahnarztgeschichte No. 1: Doktor Kettenbach und Genossen

Der Backenzahn hatte sich schlimm entzündet. Manchmal gab er zwei, drei Stunden Ruhe, dann ging der Spuk wieder los, ein überfallartig attackierender Schmerz, als sickerten einem Reißzwecken durchs Zahnfleisch. Ich zuckte bis in die Zehenspitzen, der Schweiß brach mir aus.
“Jetzt isses soweit”, taumelte ich durch die Wohnung, “jetzt isses soweit!!”

Dummerweise hatte die Gräfin diesen Aufschrei in den Tagen zuvor schon so oft gehört, es fiel ihr schwer, mich überhaupt noch ernst zu nehmen.
“Geh endlich zum Zahnarzt”, meinte die Gräfin, und fügte ungerührt hinzu: “Mach überhaupt mal irgendetwas.”

Ich futterte Filmtabletten und 30er Packungen Retardkapseln gegen Zahnweh, sie schob mir ein Zäpfchen in den Hintern, aber das brachte alles nichts, nicht bei einer Entzündung, doch irgendetwas musste ich ja tun. So neigte sich die Freiwoche dem Ende zu, und Freitagvormittag, nach dem Frühstück, (“Jetzt isses soweit! Jetzt isses soweit!”), war es soweit: Auch die letzte Schachtel Togal war alle.

Als obendrein das erste Bündel Reißzwecken zu rutschen begann, reichte es. Ich griff kurzentschlossen zum Telefon und rief beim Todfeind an, in der Praxis Doktor Kettenbach.

“Ich brauche einen Termin, Herr Doktor”, jammerte ich.

“Moment, ich schau nach, wann wir was frei haben”, antwortete die Sprechstundenhilfe. Sie klang forsch und kerngesund, man sah förmlich ihre Schneidezähne, wie sie aufblitzten und gute Laune versprühten. “Nächste Woche Donnerstag kann ich Ihnen anbieten!”

“Nächste Woche..? Ich bin ein Notfall!”

“Ein Notfall, so so.. Wie war der Name?”

“Glumm..”

Stöhnen am Apparat. “Herr Glumm.., na schön, kommen Sie vorbei, in Gottes Namen. Aber bringen Sie Zeit mit.”

Halb eins. Der Warteraum war leer. Wieso zum Henker war der Warteraum leer?! Kaum lag ein Damenrevolverblatt in meiner Hand, lotste mich der Lautsprecher in Zimmer 2. Ich landete in Zimmer 3. Eine Schwester war so freundlich und holte mich da raus.

“Hier lang, junger Mann!”

Sie zeigte zwei Reihen schöner Zähne, dicht gestaffelt wie eine Palisade. Eine Tür öffnete sich. Ohne mich eines Blickes zu würdigen wischte Doktor Kettenbach über den Gang, ein weißer Kittel-Herr. Ein arrogantes Energiebündel, ein Barbar ohne jegliches Mitgefühl für seine Patienten. Er hätte am liebsten mit Pressluft gebohrt, damit es schneller ging. Ich mochte ihn nicht, er mochte mich nicht. Er mochte überhaupt niemanden. Es war nicht mal klar, ob er überhaupt ein guter Zahnarzt war.

Um einen widerspenstigen Eckzahn ziehen zu können, hatte er mir Jahre zuvor vier Betäubungsspritzen verpassen müssen, bis ich endlich Ruhe gab und er seiner Arbeit nachgehen konnte. Das teilte ich ihm sicherheitshalber noch mal mit, als ich im Stuhl saß.

“Es könnte ja sein, dass davon nichts im Patientenblatt vermerkt ist.”

“Na, nun lassen Sie mich mal machen, junger Mann. Ich kenn mich ein bisschen in der Materie aus, das müssen Sie mir schon zugestehen”, liess er mich schroff auflaufen. “Und mit einer Spritze muss ich ja schließlich anfangen. Eine nach der anderen, Schritt für Schritt.”

Zwischen den Spritzen, es wurden insgesamt fünf, wechselte er ins benachbarte Behandlungszimmer, um mit einer befreundeten Patientin lauthals die neuesten Scherze zu scherzen, während ich mit taub werdender Backe die Hinrichtung erwartete.

“Ojemine, ojemine, der ist hin, der ist hin..”, hatte Kettenbach zuvor nur gemurmelt, beim Betrachten des Röntgenfotos. “Ich würde sagen: Totalschaden, junger Mann. Voll die Ruine.”

Hatte er das noch mit einem Anflug von Schadenfreude zum besten gegeben und in einem süffisanten Ton, so verlor er nach der vierten Spritze jäh die Nerven. Der verdammte Backenzahn war immer noch nicht betäubt, schon bei der leisesten Berührung mit der Greifzange stand ich schreiend im Stuhl. Ein Gefühl, als treibe jemand einen Wurfstern durch mein Zahnfleisch.

“Sie scheinen mir ein wenig übersensibel, junger Mann!”

“Ja, sag ich doch!”

Die fünfte Spritze setzte er mitten ins Zentrum des erkrankten Nervs.

“Das ist jetzt die letzte Möglichkeit. Es kann natürlich auch sein, dass die Entzündung bereits so weit fortgeschritten ist, dass keine Anästhesie mehr greift. Das kann in diesem fortgeschrittenen Stadium natürlich sein. Ganz klar. Dann haben wir die Arschkarte gezogen, Mister Strandgeflüster.”

Wieder setzte er die Zange an, doch als er diese eine Stelle des Backenzahns antippte, ganz leicht nur, röhrte es aus meinen Eingeweiden, tief und dunkel:

“Mooorkkh!!!”

“Fertig, aus! Das hat kein Zweck mit Ihnen! Dafür übernehme ich keine Verantwortung mehr!”
Doktor Kettenbach knipste das OP-Licht aus und erhob sich. Ein geschlagener, gedemütigter Dentist. Von wegen Mister Strandgeflüster.
“Sofort in die Lukas-Klinik mit dem Mann. Sollen die entscheiden, was die machen. Dafür übernehme ich keine Verantwortung mehr!”
Die Sprechstundenhilfe, die am Stuhl assistiert hatte, verschwand hektisch in Richtung Rezeption, mit geschätzten siebzig Stundenkilometern. Sie watzte regelrecht den Gang hinunter. Bloß weg hier!
Den Tränen nahe stand ich im Behandlungszimmer, während Doktor Kettenbach mir den Rücken zudrehte und den Bericht für die Lukas-Klinik abfasste. Seine dicht behaarten Unterarme stierten mich an, ließen mich an den Konfirmanden-Unterricht zurückdenken, als ich im Gemeindeheim Margaretenstrasse neben Peter Kretzen saß. Der hatte auch so behaarte Unterarme, und das zu einer Zeit, als wir anderen Jungs nicht mal Haare am Sack hatten. In jeder Doppelstunde sammelten wir uns um Peter Kretzen und starrten seine Arme an.
“Vielleicht machen die in der Lukas-Klinik eine Schnellanästhesie”, murmelte Kettenbach, “keine Ahnung, sollen die entscheiden.”
“Kommt das öfter vor?” erkundigte ich mich vorsichtig.
“Öfters??” Er fuhr herum. “Das ist mir noch nie passiert, in meiner ganzen Karriere nicht, nicht seit ich selbständig bin, in dreiundzwanzig Jahren nicht, junger Mann!”
Er sah den Schock in meinen Augen und milderte seine Stimme.
“Wissen Sie, was am besten wär? Ne Flasche Whisky, kurz was auf die Fresse und dann raus mit dem Zahn, aber so was kann man nur unter Freunden machen.”
Ich hätte ja gern gelacht, und suchte den Ausgang.
“Da gehts raus, junger Mann”, lenkte eine weibliche Stimme ein. Überhaupt, die schlichen plötzlich so verdächtig zuvorkommend um mich herum, der Doktor und seine Assistentinnen, wie liebes Vieh. Ich machte, dass ich rauskam und eilte hoch zum Busbahnhof, entschied mich dann aber für ein Taxi zur Lukas-Klinik.
“Direkteinweisung?” fragte der griechische Fahrer mit kurzem Blick auf den Umschlag in meiner Hand. LUKAS-KLINIK stand darauf in fetten Buchstaben. “Zum Zahnarzt?”
Ich nickte.
“Ich hab fünf Spritzen gekriegt. Hat alles nichts genutzt. Ist voll entzündet.”
Es klang fast, als hätte ein Automat aus mir gesprochen, vor lauter Beruhigungsspritzen spürte ich kaum noch meinen Mund.
“Kenn ich, kenn ich..” Der Fahrer winkte ab, ganz der erfahrene Profi. “Hab ich alles schon durchgemacht. Aber keine Angst, damit haben die in der Lukas-Klinik keine Probleme. Das sind Vollprofis. Du kriegst eine Schnellnarkose, bist kurz weg, und wenn du wieder zu dir kommst, ist alles erledigt und du kannst praktisch nach Hause.”
Während der Fahrt über die Stadtautobahn nach Ohligs hörten wir Lokalradio. Die beiden Täter, die am Wochenende einen jüdischen Friedhof in Wuppertal geschändet hatten, waren gefasst. Einer war zwölf, der andere dreizehn.
“Das sind ja noch Blagen”, schimpfte der Grieche. “Die haben ja nicht mal Haare am Sack! Was die brauchen, ist ne richtige Tracht Prügel. Richtig was auf die Fresse, so wie wir früher. Was wir alles angestellt haben..”
Ich stieg am Eingang der Klinik aus. Auf dem Weg zur Kiefer-Chirugie begegneten mir zwei Schwestern, die ein großes Krankenbett über den Flur schoben. Der Patient hatte kreuz und quer Drähte im Gesicht, in seiner Nase steckte ein blutverschmierter Schlauch.
“Ich arme Sau”, wimmerte ich.
“Nun machen Sie mal die Tür zu, junger Mann!” blökte die Frau an der Anmeldung. “Eigentlich ist ja nur bis zwölf Bereitschaftsdienst..”, sie schaute zur Wanduhr, “.. aber ich werd mal sehen, was sich machen lässt. Nehmen Sie solange im Wartezimmer Platz. Aber nicht türmen, junger Mann! Sie sehen aus wie jemand, der türmt!”
Ich suchte ein Münztelefon und rief zuhause an. Die Gräfin hatte meinen Anruf erwartet. Befürchtet. Mit der dicken Backe klang ich verbeult und kläglich.
“Ich bin in der Lukas-Klinik.. Ja.. Genau.. Nee. Die müssen mich nochmal richtig betäuben..”
Erst bekam die Gräfin einen Schreck, dann fand sie die ganze Situation komisch, und ich legte auf. Kaum hatte ich wieder im Warteraum Platz genommen, wurde ich über Lautsprecher in Raum 2 gerufen.
Der diensthabende Zahnarzt war mir gleich sympathisch. Ungefähr mein Alter, das Gesicht voller Sommersprossen, wie ein Tablett Likör. Zur Vertiefung der Anästhesie reichte er mir eine Pille und gleich im Anschluss zwei Betäubungsspritzen. Die Nummern sechs und sieben. Das war doch schon mal was. Was auch immer er tat, er gab sich Mühe und erklärte mir die Vorgehensweise, vom wichtigen ph-Wert im Gewebe bis zu irgendeinem anderen Zeugs, das ich nicht die Bohne kapierte, ich nickte bloß immerzu und dachte, du bist ein Profi, nicht wahr? Sag, dass du ein Profi bist!
Sag es!!
“Ich dachte, ich krieg eine Schnellnarkose”, hüstelte ich.
“Nee, machen wir nicht mehr, ist zuviel Aufwand für einen lumpigen Zahn. Und dann noch eine Stunde im Aufwachraum und so Geschichten, nee, machen wir nicht mehr.”
Es ging zur Sache. Im Gegensatz zum verpimpelten Kettenbach trug der Profi in der Lukas-Klinik weder Mundschutz noch Einmalhandschuhe. Ein Naturbursche, durch und durch. Natürlich war es auch möglich, dass er bereits mit HIV infiziert war, dann kam es darauf auch nicht mehr an. Also für ihn.
Während er das Brecheisen ansetzte, hielt die assistierende Schwester meinen Kopf fest.
“Sie müssen jetzt mal eine halbe Minute lang tapfer sein. Sehr sehr tapfer..”
Himmel! Wie klang das denn? Ich war auf dem Schafott! Ich klammerte mich an der Armlehne fest. Ich arbeitete mit den Beinen. Ich schrie durch meinen Kopf. Ich..
“Toll, wie Sie mitarbeiten. Gaanz toll machen Sie das..”
Ich war sechs Jahre alt und am Ende. Und dann – war der Zahn draußen. Mit einem einzigen, schmerzbekloppten Ruck. Als hätte man mir das Maul aus der Verankerung gerissen.
“Wunderbar! Geschafft!” hörte ich Jubelchöre, von weit her. “Der war schon ganz infiziert, der Zahn. Hier.. schauen Sie.”
Ich blickte schnell woanders hin und sackte in den Stuhl zurück. Alles war voller Blut. Der Stuhl, der Boden, mein Kinn, der Sabberlatz.  Die Schwester lächelte und stopfte so viel Wattetupfer in die Wunde, als rollte sie einen dicken Wintermantel aus.
Zurück nahm ich die Regionalbahn. Die Leute im Abteil starrten mich an. Sie sahen einen Tampon, der aus meinem Mund quoll wie eine blutige kleine Zigarre. Ich sah arg ramponiert aus, keine Frage, aber ich war die Ruhe selbst. Ich war überglücklich. Es war geschafft.
Ein Engel schwebte heimwärts.

 

extraktion

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6 Gedanken zu „Zahnarztgeschichte No. 1: Doktor Kettenbach und Genossen

  1. herrlich, herrlich, mitten aus meinem leben gegriffen, nur dass bei mir zwei spritzen reichten und es eine zierliche zahnärztin war, die die extraktion vornahm. die lücke blieb, wurde nicht gefüllt. jeden tag fahre ich mit der zunge darin herum und erinnere mich an die marter danach: denn einen ganzen tag musste ich diesen triefenden tampon im mund behalten und darauf herumbeißen. wie ging’s bei dir weiter? hast du die lücke auch so liebgewonnen?
    vielen dank für ein paar vergnügliche lektüreminuten und die erinnerung, die sich bei mir einstellte. gruß, uwe

  2. Jeder einzelne Satz wurde von mir voll durchlebt…dabei war ich kürzlich sogar nach 30 Jahren das erste Mal beim Zahnarzt nur weil ich eine Füllung verloren hatte…- ich Heldin ;-)))). Immerhin isser auch sehr sympathisch….der Zahnarzt….und soooooooooooo ruhig :-)))))))))

  3. Schade, dass Schmerzen nicht in die bleibenden Erinnerungen einfließen, ohne dass man sie je erlebt hat, dann könnte ich mich damit auch anfreunden.

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