Tim war schmal geworden

Ich hatte ihn lange nicht gesehen, ein Jahr vielleicht, nun saß Tim neben mir an diesem langen gedeckten Tisch. Um uns herum gedämpftes Palaver. Wirtshaus-Suppe wurde aufgetragen, Brotkörbchen, warme und kalte Getränke. Geklapper von Besteck war zu hören, Porzellangebell. Der alte Holzboden knarzte.

Es war eine große ratlose Gesellschaft, die sich in einer Gaststätte am Schlagbaum zu Ringos Beerdigungsfeier eingefunden hatte, zum Reuzech: reuen und zechen. Freunde waren da, Bekannte und Verwandtschaft, die hübsche 24jährige Tochter und nicht zuletzt Ringos 87jährige, beinah blinde und wunderbare Mutter, die ihm so sehr ähnelte. Dazu eine Auswahl seiner Verflossenen und Mary, die aktuelle, die letzte Geliebte, die Ringos Vorliebe für einen gewissen Schlampenfaktor noch einmal bestätigte und die ihn morgens tot im Bett gefunden hatte – sie  alle waren aufmarschiert, um Ringo das letzte Geleit zu geben. Selbst ein halbes Dutzend verhuschter Hardcore-Junkies von der Platte stieg vor der Kapelle aus dem Nebel, mit Blumen in der Hand. Sie verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren, es war wie ein Spuk.

„Wie gehts dir?“ fragte ich Tim.

„Geht so. Gut.“

Tim war der bescheidenste Junkie, den ich kannte. Er hasste es, Leuten zur Last zu fallen, auf den Wecker zu gehen. Er war ein Einzelgänger, ein Loner, und er war schmal geworden, schmaler als früher, als wir ab und zu Kontakt hatten, meist in Zusammenhang mit Ringo. Ich mochte Tim. Es war etwas in seinem Wesen, etwas britisch-lässiges, das mir imponierte. Doch er sah schlecht aus, geschlaucht. Heroin geht an die Nieren, Heroin zehrt. Es verschont niemanden, der sich auf dieses Leben einlässt. Jeden Tag musst du alles geben, um nicht unterzugehen – was will das Herz mehr vom Leben. Es ist ein ruheloses, ein barbarisches Dasein, nichts für Leute ohne Eier.

Soviel ich gehört hatte, war Tim in den vergangenen Monaten mehr und mehr abgetaucht und hatte sämtliche Verbindungen gekappt. Aus einem Loner war ein Eremit geworden, der nur die nötigsten Drogen-Connections aufrecht hielt. Er war zum König der Wüste geworden, der Wüste in ihm selbst. Ein König mit einem riesigen, in sich leeren Königreich, ein König ohne Macht und Zepter.

An diesem kühlen Novembertag 2007 auf Ringos Beerdigungsfeier saß er blass und durchgefroren neben mir, der Zufall hatte es so gewollt. Tim zitterte am ganzen Körper, seine Nase tropfte. Die Machthaber hatten den rohstoffreichen Körper heruntergewirtschaftet, und sie gaben keine Ruhe. Sie waren noch nicht zufrieden. Der Abbau ging weiter. Sie schufteten im Akkord. Machthaber gaben sich nie zufrieden. Es gab niemals genug Macht für Machthaber, und Heroin war unter den ambitionierten Machthabern einer der ambitioniertesten.

Doch nun zog mit jedem Löffel Suppe ein wenig mehr Wärme in seinen Kreislauf ein, die käsige Blässe verließ sein Gesicht. Das Zittern wurde weniger, und nach einer Weile wurde Tim sogar redselig, für seine Verhältnisse. Er sah fast aus wie früher. Wie ein Ska-Boy aus Nordengland, der zum Essen geladen war. Ein junger Prinz, cool und golden.

“Tja-ja, der Ringomann”, sagte er und zeigte eine Reihe brauner Mausezähnchen, “der Ringomann hat’s hinter sich. Vielleicht ist er jetzt glücklich, wo er ist.”

Es war offensichtlich, dass Tim weniger von Ringo sprach, er sprach von sich selbst. Davon, dass er es noch nicht hinter sich hatte, dass er noch mittendrin steckte im Kampf, im Struggle mit dem Pulver. Es war ein aussichtsloser Fight. Es gab nur die Möglichkeit, den Kampf für beendet zu erklären und andere Wege einzuschlagen. Aber der Tod eines guten Bekannten, eines Freundes beinah, denn das waren Ringo und Tim gewesen, beinah Freunde, war noch lange kein Grund, gegen die Machthaber anzustänkern. Eine Revolution anzuzetteln womöglich, eine Revolution aus sich selbst heraus. Aber der Tod eines Anderen war kein Grund, Heroin die Stirn zu bieten.

“Wohnst du noch Papageiensiedlung?”

Tim löffelte die Suppe mit einer Inbrunst und Tiefe, als wäre es die erste warme Mahlzeit seit dem Krieg.

“Nee, schon lang nich mehr.“

Während ich Tim anblickte, fragte ich mich, was zum Teufel eigentlich mit Blässe geschah, wenn sie aus einem Gesicht verschwand. Wohin verkrümelte sich die Blässe? Sie war ja nicht aus der Welt. Blässe kam wieder. Sie würde wieder Einzug halten in diesem ebenmäßig geplünderten, immer noch hübschen Jungengesicht, das stand mal fest.

“Hm..?”

“Wo du wohnst..”, wiederholte ich.

Offensichtlich wollte Tim nicht darüber reden. Die Frage machte ihn nervös. Tim gehörte nicht zu den (wenigstens halbwegs) organisierten Männchen, die Wert auf ein funktionierendes Zuhause legten, Tim war eher ein von außen kontrolliertes Männchen. Die Machthaber kontrollierten ihn, und sie forderten drei Pulvermahlzeiten täglich, ganz egal, wo sein Zuhause war. Wozu sich dann darum kümmern.

Eine Weile hatte er in der Papageiensiedlung gewohnt, die ihren Namen von den verschiedenfarbigen Häusern hatte, ich glaube, Tim wohnte in einem der blauen Häuser. Es war eine dieser tristen Junkiebuden. Noch nicht ganz abgefuckt, aber ohne Freude. Alte Schallplatten standen herum, ein verstaubter CD-Turm. Es roch nach Strümpfen und vergorenen Äpfeln. Der Balkon war zugestellt mit Leergut. Der Fernseher lief.

Tim war eine Dekade jünger als ich, er war mit Nirvana sozialisiert worden. Das Debut-Album stand vornweg, und auch wenn in Tims Bude niemals Musik lief, man hatte automatisch Come as you are im Kopf, wenn man bei ihm Platz nahm, den düsteren, unheilschwangeren Basslauf, die Hymne des Unglücks, die Verschmelzung von Magie und Depression an vorderster Front.

“..verloren die Bude”, flüsterte er.

“Was..?” Ich war abgelenkt gewesen, ich hatte gerade den Tisch hinaufgeguckt, wo Ringos Mutter saß, eine große hagere Königin, fast erblindet löffelte sie ihre Wirtshaus-Suppe.

“Verloren.. Die Wohnung. Ich hab sie verloren.”

Eine seltsame Formulierung. Eine Wohnung verlieren. Als wäre sie ihm plötzlich aus der Hosentasche geplumpst.

“Du hast die Miete nicht gezahlt”, sagte ich.

Er nickte.

“Wie lang?”

“Na.. ja, halbes Jahr, oder so.. Weiß nich.”

“Und jetzt? Ich mein, irgendwo musst du doch untergekommen sein.”

Ich blieb hartnäckig. Neugier war mein erster Wohnsitz, ich nervte die Leute schon damit. Mich faszinierte, wie sich alle durchs Leben schlugen. Durch den Alltag. Wo Tim lebte. Ich wollte ihn ja nicht besuchen kommen. Ich wollte nur.. ja, was denn? Bescheid wissen..?! Tim sah sich sorgsam um. Dreißig, vierzig Leute waren nach der Zeremonie in der Friedhofskapelle in die gutbürgerliche Gaststätte gefolgt, zum Leichenschmaus. In der Kapelle hatte mich der Sarg amüsiert, der merkwürdig klein geraten war für so ein langes Elend wie Ringo. Da passt seine langen Beine doch gar nicht ein, flüsterte ich der Gräfin ins Ohr. Nachdem der Pfaffe seinen letzten Psalm heruntergemümmelt hatte, wurde auf Ringos letztem Wunsch der Ghettoblaster angeworfen, in verschämter Lautstärke.

Es endete in einem grotesken letzten Störfeuer von Ringo. Ich sah ihn mit baumelnden Beinen auf Wolke 9 sitzen, die rote Ted Nugent Gitarre geschultert, sein kantiges Schmugglergrinsen grinsend. Denn kaum, dass der Song von CD einsetzte, ein harter Southern Rock Song, so wie Ringo es mochte, begannen (zufälligerweise) die Glocken der Kapelle zu läuten, wie Artilleriefeuer, Ding-Dong Ding-Dong. Eine Minute lang übertönten die Glocken, die eine volle Stunde anzeigten, den Song, er war kaum zu hören.

“Ich schlaf im alten Proberaum”, wiederholte Tim.

“Im alten Proberaum am Nordbahnhof?? Das ist doch arschkalt da. Da ist doch keine Heizung drin.”

“Ja, doch, ein kleiner Heizlüfter. Aber seit zwei Wochen ist der Strom abgestellt.”

Von der heißen Suppe hatte sich auf seinen Backen ein Flaum gebildet. Ein dünnes Hitzeschild. Er war jetzt im roten Bereich. Er sah aus wie jemand aus der Popbranche, der es selbst nicht nach oben geschafft hatte und sich nun nach talentierten Nachwuchsbands umsah. Seine Haut war milchig.

“Wenn ich breit bin, brauch ich keine Heizung, das ist wie mit zehn Katzen im Bett. Und wenn ich affig bin, helfen auch keine hundert Heizungen.”

Tim langte zum Brotkorb, nahm einen Kanten Weißbrot und tunkte ihn in die restliche Suppe.

“Irgendwann..”

Er schob den Teller kauend von sich fort, und ließ den Satz unvollendet stehen.

Irgendwann stand ich auf und ging um den Tisch herum, bis ich den Platz erreichte, auf dem Ringos alte Mutter saß. Was bleibt am Ende eines Lebens? dachte ich. Was bleibt nach all dem Abstrampeln für ein Schäufelchen voll Anerkennung? Für die Momente des Durchatmens? Für die paar Highlights? Was zum Teufel bleibt?

„Ringo war ein toller Typ“, kondolierte ich seiner wunderbaren alten Mutter und drückte ihre überraschend warme Hand. „Er war ein Aufrechter.  Er hat sich niemals klein gemacht. Er hat sich nie für seine Sucht geschämt. Er hat sich nie für irgendetwas geschämt.“

„Ja, mein Ringo war ein Lieber, aber er war ein Armer“, sagte seine Mutter traurig. Mütter dürfen so etwas sagen, wenn sie weinen. Auch wenn sie nicht weinen, dürfen sie so etwas sagen.

„Ringo war ein toller Typ.“

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7 Gedanken zu „Tim war schmal geworden

  1. reuzech: wunderbar. eine wortneuschöpfung, die ich mir merken will. und auch den beiden darin enthaltenen tätigkeiten will ich nachgehen, aber nicht nur auf beerdigungen. ansonsten wie immer: nah dran am schrecken eines suchtlebens und doch poetisch überformt, warmherzig und distanziert in einem. ein weiterer porträt-typ, der bleiben wird. gruß, uwe

  2. Ich hatte meine Miete drei Wochen zu spät gezahlt,dachte mir aber nichts weiter bei.daß ich monatelang meine Post nicht mehr aufgemacht hatte sollte sich jetzt rächen.sie hatten mir tatsächlich die Wohnung gekündigt,hätte ich den Brief aufgemacht und dagegen Einspruch eingelegt,sie hätten mich wohl bis heute nicht raus bekommen.
    So lag ich eines Morgens im August auf meiner Schlafcouch,ich glaub ich hatte gerade Urlaub,als meine Wohnungstür aufging und sechs Männer plus Vermieterin hereinmarschierten.ich hatte ein paar Minuten Zeit ein paar Sachen zu packen,während fünf Männer sich aufmachten meine (jetzt ehemalige) Wohnung leerzuräumen.der sechste Mann kam vom Wohnungsamt und erklärte mir,daß ich Glück im Unglück gehabt hätte,da im Pennerheim auf Reinshagen ein Zimmer frei wäre.Katzen wären unerwünscht.jetzt mußte ich erstmal überlegen wohin mit Schnucki.der Wohnungsamtmensch war so nett und fuhr mit mir zu Geli,Schnucki auf meinem Arm die Tasche mit ein paar Habseligkeiten im Kofferraum.bei Geli wußte ich sie in guten Händen (als sie nach drei Tagen nichts gefressen hatte,holte ich sie heimlich nach).ich war noch keine Stunde in meiner neuen Bleibe,als der Feuermelder losging.ich ging auf den Flur und sah aus meinem Nachbarzimmer Qualm steigen.ich ging rein,auf dem Herd war irgendwas angebrannt,auf dem Bett lag ein Typ,vor ihm auf dem Tisch Löffel und Pumpe.ich bekam ihn zum Glück wach,packte ihn und wir gingen ein paar Schritte-keine Überdosis.vor zwei Jahren,in meiner vorletzten Wohnung hatte ich ne ähnliche Erfahrung gemacht.nach Spätschicht hatte ich mir ne Pizza im Ofen geschoben und mir dann zwei Dias geschluckt und n Blech geraucht.als ich wieder wach wurde,stand die ganze Wohnung im Nebel,Rauchschwaden überall.die Pizza pechschwarz,auf Untertassengröße geschrumpft.als ich die Fenster aufriß,sah ich wie zwei große rote Feuerwehrwagen gerade vorfuhren…
    Mir war klar,bevor ich hier versacke und sowas Alltag wird,sollte ich besser aus dem Arsch kommen.ich wollte keine anderen Junkies retten,ich wollte selbst gerettet werden.außerdem war ich zum ersten mal raus aus Lüttringhausen,wenn auch immerhin noch in Remscheid.aber auf Dauer kein Zustand.es dauerte dann doch bis Dezember.dann erfuhr ich ,daß Hussi’s Eltern die Wohnung unten in ihrem Haus vermieten wollten,wo Hussi’s Oma bis zu ihrem Tod gewohnt hatte.
    Am 01.01.09 zog ich ein und wohne da bis heute.Hussi’s Pa lebt nicht mehr,mit seiner Ma als einzige Nachbarin läuft alles gut,die Miete ist billig,ich hab ne Terrasse und n Garten,seit ich hier wohne,kann ich Schnucki rauslassen.als ich 2011 im Knast mußte,kümmerte sich Katrin um Schnucki.ich gab ihr die Schlüssel,die sie bis heute behalten hat und als ich raus kam,blieb sie gleich bei mir.
    Im Nachhinein war der Tag,als
    der Räumungstrupp plötzlich auf der Matte stand,mein Glückstag!

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