Becher Kakao auf dem Balkon

Nach Mutters Tod schnappte ich mir zwei-, dreimal die Woche den Hund und besuchte meinen alten Vater, der jetzt allein in der großen Wohnung an der Schillerstraße lebte.

Meist blieb ich den ganzen Nachmittag.

Wir zerrten den Diaprojektor aus den Tiefen des Wohnzimmerschranks, fanden zudem eine aus Japan importierte winzige Spezialbirne, damit der Projektor auch Licht hatte, und schauten alte Dias. Nur wir beide. Was früher von Hosianna-Schreien und Kichern begleitete Dia-Abende im Kreise der ganzen Familie waren, inklusive Tanten und Onkel und Cousins und Cousinen, das besorgten wir nun zu zweit, plus Hund. Der lag auf dem Teppich und schnorchelte vor sich hin.

Statt umständlich eine Leinwand aufzubauen, verdunkelten wir das Esszimmer und projezierten die Fotos einfach an die Wand. Fotos aus Kindertagen, von Ausflügen in den Benrather Schloßpark und Bootstouren auf der Diepentalsperre, Ferienbilder vom Lago di Garda. Mir fiel auf, dass es so gut wie kein einziges Bild von meinem jüngeren Bruder gibt, auf dem er mal nicht aus vollem Hals lacht.

Am liebsten waren mir die Dias, die meine Mutter in jungen Tagen zeigten. Wie sie, kaum volljährig und im feschen Badeanzug, mit der Plattenkamera flirtete, die mein Vater hielt. Eine junge Frau, die sich ihrer Schönheit bewusst war, ohne arrogant zu wirken, grandiose Bilder, auch wenn wir sie oft nur mit schwerem Herzen betrachteten.

Als es Frühling wurde, schälte sich ein neues Ritual heraus: sobald ich am frühen Nachmittag in Vaters Wohnung aufkreuzte, ich hatte wieder meinen eigenen Schlüssel, gab es einen großen Becher heissen Kakao auf dem Balkon unterm Dach, Südseite, mit dem gewaltigen Rundumblick über die Stadt. Wir saßen am Tisch, tranken Kakao und teilten uns das abonnierte Tageblatt, so, wie meine Eltern es getan hatten, in besseren Zeiten.

In unserer Familie gab es dieses geflügelte Wort, das besonders meine Mutter mit spitzbübischem Charme bemühte, um Außenstehenden den Alltag der Glumms näherzubringen:

„Bei uns wird jeden Morgen ausgiebig gefrühstückt, um halb eins gibt es Mittagessen, nach dem Mittagsschläfchen wird der Kaffeetisch gedeckt, und wenn wir Kaffee getrunken haben, wird es auch langsam Zeit fürs Abendbrot.“

Die Mahlzeiten stellten traditionell den Mittelpunkt des Familienlebens dar. Darum war ich auch so traurig, als ich in den letzten Monaten vor Mutters Tod feststellen musste, dass die Stimmung zwischen meinen Eltern am Mittagstisch einen Tiefpunkt erreichte. Das Alter setzte ihnen zu und zerstörte die gemeinsame Harmonie, bis zum Schluss immer weniger übrig war. Da Mutter die Kraft fürs Kochen fehlte, sie war auf 50 Kilo abgemagert, bekamen beide das Essen von einem Menüdienst geliefert, den ein befreundeter Metzger anbot.

Meine Eltern saßen am Tisch, an dem sie schon Jahrzehnte lang miteinander gespeist und gelacht und geredet und Spiele gespielt hatten, nun aber kauerte jeder für sich allein da, abgeriegelt in seiner Trutzburg, und löffelte wortlos und beleidigt das halbwarme Essen.

Ich konnte es kaum ertragen.

Ich schätze, es war kein Zufall, dass Mutters Tod quasi beim Mittagessen eingeläutet wurde. Sie hatte eine Dessertschale in der Küche vergessen, und auf dem Rückweg stolperte sie im Esszimmer über ihre eigenen Schläppchen. Sie war eh schlecht zu Fuß, hatte Wasser in den Beinen. Sie erinnerte an ein zerzaustes krankes Vögelchen, das in den Regen gekommen war. Beim Sturz zog sie sich einen komplizierten Bruch zu, oberhalb des Knies. Sie wurde in die Klinik eingeliefert, doch sie erholte sich nicht mehr und starb einen Tag nach dem Weihnachtsfest 2010 an einem schweren Herzinfarkt.

Auch wenn ich mir so noch viel Mühe gab, ich konnte meinem Vater natürlich nicht die Frau ersetzen. Ich ebensowenig wie meine Geschwister, die sich an den Wochenenden um ihn bemühten. Am schönsten war es, wenn der Balkon die Nachmittagssonne perfekt einfing und Vater von früher erzählte. Aus seiner Kindheit in der „schlechten Zeit“.

Ich hab ihn mal gefragt, wann das denn genau gewesen sei, diese ominöse schlechte Zeit, und ahnte schon, dass damit nicht die Zeit unter den Nazis gemeint sein konnte, sondern das Ende der Weimarer Republik, als es Millionen von Erwerbslosen gab. Auch mein Großvater war damals ohne Arbeit. Als Vater von (zu jener Zeit) vier Kindern eine Katastrophe. Sein Job war ein typisches Nebenprodukt der Solinger Klingenindustrie, als Schleifer von rundlaufenden Werkzeugen wie etwa Bohrern belieferte er Zahnärzte im Bergischen Land, doch die Nachfrage war gegen null gesunken. Das war die schlechte Zeit, aus der heraus die Nazis schliesslich 1931 die Macht ergriffen.

Damals war mein Vater fünf Jahre alt.

Von der Hasseldelle aus, wo die Familie Glumm ein zweistöckiges Fachwerkhaus bewohnte, wovon ein Stockwerk komplett untervermietet war, hiess es jeden Sonntag zu Fuß über die Stadtgrenze nach Wuppertal, immer den steilen Berg hinauf bis Cronenberg, wo ein Zweig der Familie Glumm ein Lebensmittelgeschäft besaß. Tante Clara und ihr schwuler Ehemann, von dem niemand wissen durfte, dass er schwul war, die aufkommenden Nazis hatten was gegen Schwule, führten den Laden.

Drei Stunden dauerte der Marsch bis Cronenberg, nur um bei Tante Clara übriggebliebenes Brot vom Vortag abzustauben, zwei Laibe, wenn’s hochkam. Selbst wenn die Jungs und ihr Vater sich beeilten, brauchten sie vielleicht eine halbe Stunde weniger, „da konnte wir es auch genauso gut langsam angehen lassen.“

In Cronenberg angekommen, liessen sie sich am Waldrand auf einer bestimmten Bank nieder und erholten sich von den Strapazen des Anstiegs. An einem Sommertag 1932, während einer solchen Rast, schnitzte mein Großvater mit einem Taschenmesser den Namen meines Vaters in die Lehne der Holzbank, WILLI. Als mein Vater 1948 aus englischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, war die Bank den Abhang runtergepurzelt und vermoderte achtlos im Wald.

Eines Tages aber holten Cronenberger Einheimische die Bank wieder hinauf und stellten sie an ihren angestammten Platz. Und obwohl seit 1932 fast zwanzig Jahre vergangen waren, der Name WILLI war so gut zu lesen wie am ersten Tag, wovon sich mein Vater Anfang der 50er Jahre überzeugen konnte.

„Das war mal ne Bankenrettung, die sich lohnte“, sagte ich und Vater lachte.

Wie so oft war es weniger die Anekdote an sich, die mein Herz auf dem sonnigen Balkon zusätzlich aufheizte, es war vielmehr die Art und Weise, wie Vater erzählte. 85 Jahre alt, mit brüchiger Stimme und der traurigen Gewissheit, dass mit seinem Tode auch diese kleine Geschichte zu den Akten kommen wird, dass eines Tages niemand mehr da ist, der von dieser Bank erzählen kann. Und ich sitze da und höre zu und versuche mir alles zu merken, so gut es eben geht.

„Steht die Bank noch?“

„Ach wat, die is längst verfault.“

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7 Gedanken zu „Becher Kakao auf dem Balkon

  1. kostbare stunden sind das, inhaltlich (geschichten, erinnerungen) ebenso wie fürs herz. gut, dass du sie aufschreibst und mitteilst.
    schön, diese wärme in deinen zeilen zu lesen.
    danke!

  2. Pingback: Können wir noch zwei Kaffee haben? | Glumm

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