In einem weissen Zimmer

Ich war schon volljährig und Lena gerade mal fünfzehn, das war ein Problem. Ihre Mutter fürchtete, dass man sie wegen des Kuppelei-Paragraphen 180 drankriegte, also untersagte sie uns Sex in ihren vier Wänden, auch wenn sie ansonsten nichts dagegen einzuwenden hatte und ihrer Tochter sogar die Pille besorgte.

„Geht meinetwegen in den Park und treibt es im Gebüsch, aber nicht in meinem Haus! Nicht, solange Lena keine sechzehn ist! Ich will keinen Ärger haben!“

Lenas Mutter war eine resolute und etwas anstrengende Person, frisch geschieden. Den Vater hatte ich einmal kurz gesehen, als er unmittelbar vor dem Auszug aus dem gemeinsamen Reihenhaus im Wohnzimmer kauerte und kleine weiße Ambulanzwagen und Feuerwehrautos über den Teppich hin und herschob – ein Mann Mitte vierzig, mit traurigen erstickten Augen, der seltsamerweise nicht  meine ganze Sympathie hatte – obwohl ich doch als Pico selbst nichts lieber getan hatte als mit Matchboxautos zu spielen, Bremsgeräusche und heulende Motoren nachahmend.

Natürlich wusste Lenas Mutter, was ihre jüngste Tochter für ein Früchtchen war, und das machte die Sache nicht einfacher. Wir mussten ganz schön tricksen, bis Lena endlich sechzehn wurde und auch offiziell den Mann bumsen durfte, den sie erst zum Mann gemacht hatte, mit ihrer unschuldigen Gabe, keinen Druck aufzubauen, den Dingen ihren Lauf zu lassen.

Es war aber auch zu seltsam gewesen. Als wir uns kennenlernten, war ich ein lockiger, von Mädchen umschwärmter 19jähriger Nichtsnutz, der ein Geheimnis verbarg: Ich hatte noch nie mit einem Mädchen geschlafen. Der erste Versuch mit 16 war schief gegangen, (es war ein  Sonntagmittag, es liefen Die grossen Acht auf Radio Luxemburg), danach traute ich mich lange Zeit nicht mehr. Zwar hatte ich Petting mit Mädchen, doch ich vermied jegliches Eindringen. Ich blieb aussen vor.

Bis zu dem Tag, als ich Lena von meinem Problem erzählte. Lena war ein bildhübsches Mädchen mit langen braunen Haaren und braunen Augen, ein echtes Kleinod, das der liebe Gott mir an die Hand gegeben hatte, und sie wollte kaum glauben, was sie da hörte. Am nächsten Tag trafen wir uns in der Nähe ihres Elternhauses, sie musste Zeitung austragen. Ich seh es noch vor mir, wie sie dasteht mit ihrer Zeitungskarre und auf mich wartet, Verwunderung im Blick, und wie ich auf sie zugehe, beinah schlendere, so cool wie möglich, hatte ich mich doch am Tag zuvor offenbart, war das Geheimnis doch kein Geheimnis mehr – ich fühlte mich so nackt und wehrlos, geschwächt. Ich hatte mich in ihre Hände begeben, in die Hände eines 15jährigen aufgeweckten Mädels, in das ich so verliebt war, dass es schon weh tat.

Als wir wenig später miteinander schliefen, in ihrer kleinen Kajüte unterm Dach, passierte es wie von ganz allein: Ich rutschte plötzlich in sie hinein, und blieb drin. In dieser Nacht, ich schlief heimlich bei ihr, war ich so stolz und voller Lebensmut, es müssen Sturmglocken geläutet haben bis hinaus auf den Jupiter.

Ein Jahr später zog Lenas Mutter, und damit auch Lena, vom Stadtrand ins Zentrum. Ich erwachte eines Morgens in Lenas kleinem Zimmer, ich hatte verschlafen. Ich jobbte damals in einem Zwischenlager für Tiefkühlprodukte. Lena war längst fort, sie absolvierte eine Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin, genau drei Monate lang. Es folgten eine abgebrochene Lehre zur Zahnarzthelferin, dann einige Jahre Kellnern in diversen Brombeerweinschenken und Kneipen, bevor sie Anfang der 90er Jahre nach Hamburg ging, Abitur nachmachte und zur Theater-Pädagogin umsattelte, heiratete, ein Kind bekam und sich auf Theater-Festivals einen Namen machte als Walking Act. Was man so macht, als Frau.

Zurück ins Jahr 1982. Ich wollte gerade Lenas Zimmer verlassen und hatte die Hand schon an der Türklinke, da hörte ich die rauchige Stimme ihrer Mutter und erstarrte. Was zum Teufel machte sie um diese Uhrzeit daheim? Hätte Sie nicht längst zur Arbeit sein müssen? Oder hatte sie Urlaub und Lena nur vergessen, mir davon zu erzählen?

Plötzlich war da noch eine Stimme. Die Stimme von Dascha, Lenas geschwätziger Kusine.

„..was machen wir zum Reis?“ fragte Dascha, die sich unlängst in der Wohnung einquartiert, ja eingezeckt hatte.

Lenas Mutter antwortete irgendetwas, von dem ich bloß „Spargel“ mitbekam.

Oh mein Gott, was eine Scheiße. I  Abstand von mehr als dreißig Jahren fragt man sich natürlich, warum bin ich nicht einfach in die Küche gegangen, hätte guten Morge geagt, ich hab veschlafen, und wäre abgezogen. Vielleicht noch Pipimachen und einen Kaffe im Stehen.

Aber so war die Zeit damals nicht. So war ich vor allen Dingen nicht. Ich war ein 21jähriger Spritkopf, der abends am Tresen und bei Freunden jeden Scheiß abzog, aber in Gesellschaft von Erwachsenen zu Eis erstarrte. Ich traute Erwachsenen nicht. Ich wusste nur, dass man sie sich am besten auf Abstand hielt.

Ich zog mich weiter an, traute mich aber nicht aus dem Zimmer. Am Abend zuvor war mächtig Stunk in der Bude gewesen, weil ich betrunken das Klo bekotzt hatte. Also stand ich an der Zimmertür und lauschte. Als die Stimmen der beiden Weiber sich entfernten, in Richtung Wohnzimmer, schätzte ich, öffnete ich vorsichtig die Tür und schlich den langen Korridor entlang, an dessen Ende sich die rettende Etagentür befand, die Pforte zur Freiheit, zur Sonne, zur Photosynthese.

Doch als ich die Hälfte des Flurs hinter mir hatte, näherten sich Schritte und ich verschwand hastig im Zimmer von Lenas grossem Bruder Tom. Der war sowieso nie daheim.

Tom, einige Jahre älter als ich, lebte nur auf dem Papier in der Eigentumswohnung. Er war der Prototyp eines gepflegten Langhaarigen, der sich hauptsächlich darüber definierte, welche Platten er besaß. Man kannte solche Typen. Wie findest du mich? blickten sie einen groß und ängstlich an, wenn sie zu Hause am Plattenspieler standen und ihre Lieblings-Hits präsentierten.

Natürlich war ich auch nicht anders. Sobald irgendwo eine alte Doors-Nummer lief, keuchte ich ein Gedicht von Jim Morrison, damit auch jeder Bescheid wusste, aus welchen Stall ich kam..

Toms Plattensammlung umfasste Tausende Jazz-Scheiben, besonders Be Bop hatte es ihm angetan. Wer Be Bop hörte, musste hart im Nehmen sein. Mit Be Bop machte man sich keine Freunde. Zwei, wenn es hochkam, oder eher doch nur einen, sich selbst. Dafür war seine Charlie Parker-Discografie komplett, seiner Meinung nach. Charlie Parker-Platten waren sein ganzer Stolz.

Als Familienmitglied war Tom kaum präsent. Er studierte Design in Elberfeld, wo er auch eine kleine Bude gemietet hatte. Das Zimmer in der Wohnung seiner Mutter diente mehr als Ausweichquartier und war so etwas wie die späte Erfüllung eines spleenigen Teenagertraums: Es war ganz in weiß gehalten, dem Kolorit der Unschuld.

Angefangen bei der Wandfarbe, 3fach aufgetragen, bis hinunter zum lackierten Holzboden und den darauf liegenden, ineinander überlappenden Flokatis: alles in weiss. Auch die wenigen Möbel waren, wenn nicht per se weiß, mit weißen Tüchern verhangen. Die Matratze? Mit weißem Spannlaken bezogen. Das Regal? Weiss. Auch die darauf liegenden Füllfederhalter und andere kleine Accessoires: weiß, weiß, weiß. Sogar eine weiße Reiseschreibmaschine von Olivetti hatte Tom aufgetrieben. Einzig die schwarzen Typen störten, weswegen Tom die Maschine auch nie benutzte.

Ich musste aufs Klo, traute mich aber nicht aus dem Zimmer. Warum eigentlich nicht? Warum machte ich nicht die Türe auf, spazierte durch den Flur und rief fröhlich „Guten Morgen“ und machte, dass ich so schnell wie möglich auf den Pott kam, ordentlich abschiffen? Weil ich nicht so war, damals. Ich war scheu. Ich war zwanzig und konnte mittlerweile sogar in eine Frau eindringen, aber im Umgang mit Erwachsenen blieb ich gehemmt. Ich verstand Erwachsene nicht. Ich wusste nicht, was sie von mir wollten, ich kam nicht klar mit ihren Erwartungen, und überhaupt, ich fand Erwachsene ungeheuer langweilig und borniert.

In der Mitte des Resopaltisches stand eine schlanke weiße Vase, darin eine weiße Lilie, Botschafterin des Todes und beinahe schon mumifiziert, so lange war Tom nicht mehr dagewesen. Ich spannte einen Bogen Papier in die Schreibmaschine und tippte so leise wie möglich: dascha ist eine krude schachtel.

Ich musste sicken wie ein Pferd. Ich hielt es kaum noch aus. Ich lief hin und her und drückte mein Geschlecht wie ein kleiner Schulbub. In einer Ecke des Zimmers entdeckte ich eine leere Milchkanne. Sie diente als Zierde, wie alles Zierde war in diesem unwirklichen Raum, der zum Eislaufen animierte, zum Zähneputzen und zum Wäsche waschen, alles Dinge, die sich nicht im geringsten mit meinen Bedürfnissen deckten, morgens um halb neun.

Ich setzte die Kanne an und ließ sie seufzend volllaufen – randvoll. Wäre Lenas Mutter oder Dascha in diesem Moment zufällig eingetreten, es hätte Geschrei gegeben, richtig Operette: DAS SCHWEIN IST IN LENAS ZIMMER UND PISST IN DIE MILCHKANNE!

Erleichtert schlockerte ich ab. Und dennoch, irgendetwas stimmte hier nicht. Es dauerte einen Moment, bis mir aufging, was das war, was nicht stimmte. Es war die Farbe meines Urins. Das okkere Gelb, es störte.

Kacken musste ich auch. Ich überschlug die rechnerische Wahrscheinlichkeit, einen weißen Stuhlgang hinzubekommen, der sich der Umgebung des Zimmers unauffällig angepasst hätte, und entschied mich gegen einen Ausscheidungsversuch. Ich stöhnte auf, so laut und verzweifelt, dass ich schon glaubte, mich verraten zu haben, doch niemand riss die Tür auf, niemand rief die Polizei. Doch was tun? Die Flinte schultern, ins Wohnzimmer rennen, zwei gezielte Betäubungsschüsse absetzen? (Nicht vergessen: Dascha ein Handtuch über den Kopf werfen!) Oder doch lieber gleich die weisse Fahne hissen und mich stellen? Ich hockte auf dem Hintern und kniff die Arschbacken zusammen. Lena würde kaum vor vier Uhr zurück sein. Bis dahin hätte ich mir längst die Beine runter geschissen.

Es begann nach Mittagessen zu duften. Nach Spargel. Als Kind hatte ich beim Spargelessen stets das Gefühl gehabt, ein Pony zu reiten, nur das half mir jetzt auch nicht weiter.

Lenas Mutter und Dascha liefen zwischen Küche, Wohnzimmer und Balkon hin und her und schnatterten ausgelassen. Ich hörte, wie im Bad Wasser eingelassen wurde – Dascha ging baden. Dascha badete jeden Tag vorm Mittagessen. Solange sie im Badezimmer war, war sie ausgschaltet. Ich wusste aus Erfahrung, sie würde schwere süße Öle auftragen und ihr Gesicht einer Sonderbehandlung unterziehen, mit allerlei Zaubermittel und Püderchen.

„Zieh nicht so ein Gesicht“, hatte ich sie einmal gestichelt, „du hast keins“, worauf Dascha nach reiflicher Überlegung („Wie hat der das gemeint, Lena!?“) beschloss, mir NIE MEHR zu verzeihen.

Das Badewasser wurde abgedreht, Dascha rutschte stöhnend und stinkend in die Wanne. Ich sah sie vor mir, das Haar dünn und nass und kaputt wie zerdrückte Kartoffelchips. Das war meine Chance: Dascha im Bad und Lenas Mutter, so hoffte ich, auf dem Balkon, eine rauchen. Schnell raus aus Toms Zimmer! Die letzten Meter durch den Korridor, dann leise die Etagentür aufgezogen – zur Sonne, zur Arbeit! – doch zu meiner Enttäuschung stand Lenas Mutter nicht auf dem Balkon, sondern in der offenen Küche und brutzelte. Eine winzige Kopfbewegung ihrerseits hätte gereicht, und ich wäre geliefert gewesen. Nein, der Fluchtfisch war gegessen. Dazu wurde frischer Spargel gereicht.

Jetzt hatte ich auch noch Hunger, verflucht!

Zurück im Zimmer wusste ich nicht, was ich tun sollte und überflog Toms Plattensammlung. Damit die blütenweisse Komposition seines Jungendraums durch nichts gestört wurde, hatte Lenas großer Bruder sämtliche Cover entfernt. Die Platten steckten in ihren weißen Innenhüllen und waren nur anhand der verschiedenen Label zu unterscheiden. Allmählich verwirrte das viele Weiß, das mich umgab – erste Aufallerscheinung: ich versuchte einer Zigarette mit der weißen Schere Feuer zu geben.

Ich durchforstete die Platten nach Musik, die mich interessierte. Aber da war bloß Be Bop. Be Bop war für mich gleichbedeutend mit dicken Knäueln Elektrodraht, die zu entwirren ich nicht imstande war. Allerdings gab es einen Titel von Charlie Parker, der mit Be Bop nichts am Hut hatte, sondern mit großem Orchester eingespielt worden war und geradezu verwunschen klang, wie aus der Zeit gefallen, in den Schoß eines Zulu.

Das Stück hatte ich im Radio gehört, ein einziges Mal nur. Dummerweise wusste ich den Titel nicht. Ich saß auf dem Flokati, den leckeren Spargelgeruch in der Nase und hatte noch jede Menge Zeit in diesem Irrenhaus, bis vier Uhr Minimum, und die Blase lief auch auch schon wieder woll, obwohl ich nichts getrunken hatte. Gut.

Mit Schneeblindheit hatte ich jetzt nicht gerechnet.

Advertisements

4 Gedanken zu „In einem weissen Zimmer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s