Batzen Dill

Eine Weile gab es in der Nähe einen Biobauern. Samstagmittags schnappten wir uns den Hund und spazierten zur Hofschaft. Es waren meist kleine Besorgungen, ein Feldsalat, 2-3 Möhren, Kräuter.

„Hoffentlich hat der noch auf“, sagte sie

„Wenn nicht, sind wir dann angeschissen?“ fragte ich.

„Nö. Dann gibts Fisch“, sagte sie.

Der Biobauer, ein Bursche mit langen Dreadlocks, hatte die Ruhe weg. Man könnte auch sagen, er war nie ganz bei der Sache. Er blickte in die Welt, als würde er innerlich schon mal durchspielen, welche sozialen Hilfen man so alles in Anspruch nehmen könnte, sollte der kleine Biobauernhof baden gehen. Er war ja nicht vom Fach. Er kam vom Taxifahren.

Als wir ankamen, baute er den kleinen Verkaufsstand gerade ab, den er dreimal die Woche vor der Scheune aufstellte, für Eingeweihte wie uns und für Wandersleute, die zufällig des Weges kamen und einen Batzen Dill brauchten.

Feldsalat und Tomaten waren schon ausverkauft. Zum Glück hatte er noch frischen Grünkohl im Angebot. Wir nahmen ein Kilo. Ein Riesenteil. In die Zellophantüte gequetscht sah es aus wie Gemüse vom Angeberplaneten Vega X. Die Gräfin drückte mir das Monster in die Hand, und wir zogen heimwärts. Frau Moll murrte enttäuscht. Sie hatte sich mehr versprochen von dem Spaziergang. Hättet ihr wenigstens ein Kotelett gekauft. Muss ja nicht Bio sein.

Als wir in den Zedernweg einbogen, stoppte die Gräfin abrupt ab.

„Da sind sie!“

„Da ist wer?“

Sie nickte zur Strasse hin. „Da. Das Ordnungsamt.“

In hundert Meter Entfernung parkte ein silberner Kombi, mit der Schnauze zur Strasse. Um jeden Moment losbrausen zu können. Die Verfolgung aufnehmen. Wir hatten mittlerweile ein Näschen für die Brüder. Da machte uns keiner was vor.

„Die sind überall“, sagte die Gräfin.

„Jetzt kommen sie sogar schon samstags“, sagte ich.

In der Hocke verbargen wir uns hinter der Streukiste an der Zufahrt zum Naturfreundehaus und hielten Kriegsrat. Schließlich war Frau Moll nicht angemeldet beim Schatzamt, und versichert war sie auch nicht. Da hockten wir nun, mit unserem dicken Angebergrünkohl und einem nicht angemeldeten und unzufriedenen Hund und überlegten hin und her, was wir jetzt machen sollten. Wie wir aus der Nummer rauskamen. Einfach weiterlatschen in der Hoffnung, dass der Wagen vielleicht gar nicht vom Ordnungsamt wäre? Oder der ganzen Sache lieber aus dem Weg gehen und den Umweg nach Hause einschlagen? Die Minuten verronnen, es begann zu nieseln. Der Regen pixelte unsere Haut.

„Sag mal, sitzt da überhaupt einer im Wagen?“ fragte ich. „Kannst du das erkennen?“

„Nicht genau. Weiss nicht. Ja, doch. Zwei Leute sind das, glaub ich.“

Gut. Wir nahmen den Umweg.

Zwanzig Minuten später. Wir hatten den gefährdeten Raum großzügig umgangen und befanden uns gut zweihundert Meter vor dem Kombi. Als wir uns umdrehten, gab er Gas.

„Scheisse!“

„Jetzt haben sie uns am Arsch.“

Bußgeld. Anzeige. Wesenstest.

Flüchten machte keinen Sinn. Wir ergaben uns, und blieben stehen. Der Wagen kam näher, und fuhr im Schritttempo vorüber. Darin zwei Burschen, die uns keines Blickes würdigten. Der Beifahrer zählte lässig Geld. Kleine abgegriffene Scheine, hauptsächlich.

„Zwei Schwule!“ rief die Gräfin erleichtert. „Der eine hat dem Anderen schön einen geblasen!“

Das war ja gerade noch mal gut gegangen.

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