Der erste Zungenkuss

Fryda war ein Jahr älter als ich, auf skandinavische Weise hübsch und unkompliziert, ein temperamentvolles, wasa-blondes Mädchen mit vielen lustigen Sommersprossen. Nur ihr Nachname war nicht unkompliziert. Er begann mit Zy und war der allerletzte im örtlichen Telefonbuch. Dafür war sie die allererste, die mir zeigte, wie ein Zungenkuss ging, 1974 im Metropol-Kino in der unterirdischen Einkaufs-Passage, die zum Turm-Zentrum gehörte.

An den Film selbst hab ich keinerlei Erinnerung, (Karlos meint, es wäre Das große Fressen gewesen), aber den stürmisch drängelnden Fleischlappen in meinem Mund hab ich nicht vergessen. Ich wurde gnadenlos überrannt, im Sitzen. Ich wusste überhaupt nicht, wie mir geschah. Dabei fing der Kuss vielversprechend an. Die Zungenspitzen spielten miteinander, es war ein bisschen wie an der Wursttheke, wenn die freundliche Verkäuferin eine Scheibe Fleischwurst rüberreicht, doch sobald der Happen im Mund war, rollten feindliche Bulldozer los und walzten alles nieder, was sich in den Weg stellte. Wow..

EIN ZUNGENKUSS!.

Meist trafen wir uns im Enten-Park am Hippergrund, dem Hippie’s Ground, oder wir verabredeten uns in der Stadt, und da meist hinterm Karstadt, das zum Turm-Zentrum gehörte. Es war Februar. Es war windig. Es war überhaupt eine zugige, eine temperamentvolle Ecke hinterm Karstadt. Das Warenhaus glich einer überdimensionalen Hutschachtel und war mit dem einzigen Gebäude der Stadt verbunden, das die Wolken kratzte, dem 14stöckigen Turm-Hotel.

Nach hinten raus hatte das Warenhaus weder Schaufenster noch Eingang, es gab nur eine tote asphaltierte Auslauffläche, die für Publikum gesperrt war. Wir kletterten über die Absperrung und verbrachten ganze Teenie-Nachmittage hinterm Karstadt, wo wir unsere Ruhe hatten.Selbst der Hausmeister ließ uns in Ruhe, solange wir keine alten Matratzen anzündeten oder kleine rothaarige Jungs in ausgediente Mülleimer stopften.

Wir knutschten pärchenweise. Karlos knutschte Biene, der dicke Hansen hatte was mit Anne, sein Bruder fummelte mit Gudi rum, Pepe hatte Simone in der Mache, der Mitsubishi Boy Jaqueline, ich Fryda.

Sagen wir, Fryda mich.

Es wurde geknutscht, es wurden Pullover hoch geschoben bis der Busen ans Tageslicht kam, insgesamt machten wir genau das, was meine halbitalienische Oma kiss kiss nannte, wenn sie uns zufällig in der Stadt traf.

Na, geht ihr wieder kisskiss machen!?

Ja Oma.

Nach Feierabend kam der schwule kleine Leiter der Lebensmittel-Abteilung aus einem Seitenausgang und versorgte uns Jungs mit Tabak und Zigaretten. Mädchen existierten für ihn nicht. Er übersah sie einfach. Einmal führte er ein wildes Tänzchen auf, nur für Karlos und mich. Wie ein Gockel fegte er übers zugige Parkett, ohne begleitende Musik, nur mit seinen fliegenden Beinen und seiner Verrücktheit. Wir klatschten und lachten und feuerten ihn an, sogar die Mädchen mochten ihn an diesem Tag.

Fryda nahm meine Hand und führte sie in ihre Hose. Mir brach der Schweiss aus. Zentimeter um Zentimeter zitterte ich die enge Jeanshose runter bis zum Buschansatz. Es war das erste Mal, dass ich soweit unten war und auf den Busch klopfte. Weiter unten wurde das Haar so dicht, ich musste unwillkürlich an den Hund einer Nachbarin denken, ein Deutsch Drahthaar.

Ihre Möse bekam ich einfach nicht zu packen, ich blieb im Gebüsch stecken. Frydas Hose war a) zu eng und ich b) zu nervös, um den Reißverschluss aufzukriegen und mir Platz zu verschaffen. Es war ein ziemlicher Reinfall, an diesem windigen und kühlen Tag hinterm Karstadt. Februar eben.

„Wir machen das demnächst bei mir zuhause im Hobbykeller, ganz in Ruhe“, meinte Fryda schliesslich. Sie blieb gelassen. Sie hatte schon mit größeren Jungs gefummelt, vielleicht sogar gerammelt, man hörte so manches, während es für mich die Premiere gewesen war. Die Pettingpleite. Jedenfalls, aus der Nummer bin ich vorerst raus, nahm ich mir vor, und zur Fortsetzung in ihrem Keller kam es nie.

Ein paar Jahre später traf ich Fryda wieder. Sie war 18 und hübscher als je zuvor, doch irgendetwas schien nicht zu stimmen. Sie sah aus, als würde sie bei Velvet Underground singen, aber nicht im Hintergrund, sondern ganz vorn, neben Lou Reed. Dann rückte sie mit der Bombe heraus: Sie war auf Heroin. Auf “H”, wie wir das damals nannten, “Eitsch”. Ich war fassungslos.

“Wenn wir uns einen Druck setzen”, erzählte sie vom neuen Leben in ihrer Clique, “machen wir uns schön, wir putzen uns richtig raus mit Make up und Lidschatten und alles und fahren nach Köln auf die Rolle, wie die Stars.”

Ich war empört. H und Köln, das war wirklich das letzte. Ich schimpfte sie aus, ich verstand nicht, wie man so doof sein konnte, Heroin zu nehmen. „Wie die Stars!“ höhnte ich, doch sie blieb unerreichbar für meine Worte. Sie lachte nur und nannte mich ihren naiven kleinen Andi von früher. Dann hörte ich eine Weile nichts mehr von ihr.

Anfang der Achtzigerjahre, an einem bräsigen Sommersonntag, war ich mit einem Bekannten unterwegs, als ich sie plötzlich auf dem Bürgersteig sah. „Halt an“, sagte ich zu Carsten, der einen gelben Mercedes fuhr und schläfrig in die Welt guckte. Er liess mich aussteigen. Fryda und ich fielen uns in die Arme. Sie war ins Zentrum gezogen, wohnte am Friedhof, war clean. Ich blieb bis zum Abend bei ihr und wir holten alles nach, wofür wir in jüngeren Jahren zu jung gewesen waren. Dann hörte ich lange nichts von ihr.

Bis zum Jahr 1995, als ich Fryda einen Überraschungsbesuch abstattete, in Dortmund, wo sie mit einem Junkie lebte. Die Adresse hatte ich von Jerry, einem gemeinsamen Bekannten, der Kontakt zu ihr hielt, und als ich in Dortmund eine Verabredung hatte, (mit dem Verleger einer holländischen Hardrock-Enzyklopädie, die ich gemeinsam mit Schnaat für den deutschen Markt bearbeiten und übersetzen sollte), stand ich unangemeldet bei ihr auf der Matte, in der Dortmunder Nordstadt.

Wir hatten uns fünfzehn Jahre nicht gesehen. Sie ahnte nichts von meinem Besuch. Mir öffnete eine geschrumpfte Heroin-Hausfrau die Tür, immer noch blond, aber ganz klein geworden, und sie trug eine viel zu kantige Brille. Nach einem ersten ungläubigen Austausch von Blicken fiel sie mir um den Hals.

“Bist du’s..?! Bist du das wirklich?”

Ich hatte die Taschen voller Kohle, der Verleger hatte einen Vorschuss rausgetan, und so dauerte es keine zehn Minuten, bis ich Fryda gestand, warum ich da war.

“Sag mal, kannst du was Pulver klarmachen?”

Sie war nicht so überrascht, wie man meinen könnte, schließlich hatte ihr Jerry von meiner latenten Sucht berichtet.

“Wieviel willst du setzen?” fragte sie und holte ein Bier aus dem Kühlschrank. Ich blieb eine Stunde und lernte ihren Typ kennen, der in Ordnung war und die halbe Zeit am Rechner saß, sie erledigte einige Telefonate, aber es tat sich nichts an diesem Abend. Sie bot mir etwas Methadon an, aber danach stand mir nicht der Sinn.

Ihr Mann erzählte, dass ihm während einer Schmuggelfahrt über die holländische Grenze fast der mit sechzig Gramm gefüllte Pariser im Darm geplatzt war. Wie, fast geplatzt? sagte ich. Na, der war porös geworden, sagte er, das Pulver wurde feucht, von der Darmflüssigkeit.

„Jedes Mal, wenn wir in den nächsten Tagen von dem Pulver aufkochten, stank die ganze Hütte, als hätte man einem alten Hund in den Arsch gegriffen. Aber was solls, was ist los! Nur weil es mal ein bisschen nach Scheisse stinkt, wirfst du doch keine sechzig Gramm weg.“

Fryda stand dabei, klein geworden und verzog die Miene mit gespielter Empörung. Ich fuhr nach Hause, ohne dass wir Pulver klargemacht hätten. Meine Taschen waren immer noch voller Kohle.

Fryda sah ich nie wieder.

Advertisements

3 Gedanken zu „Der erste Zungenkuss

  1. fummelecke hinter Karstadt..
    gefährliche Zone mit der auslauffläche und der komischen mauer vor dem Abgrund.
    einem Rottweiler wurde das zum Verhängnis ,ob er nu tauben jagte oder Stöckchen spielte
    er landete auf dem dach der Tankstelle.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s