Schulschwimmen

Schulschwimmen hatte mit Sport nichts zu tun. Nicht für mich. Zwar war ich vernarrt in alles, was mit Bewegung und Beinen zu tun hatte, Fußball, Leichtathletik, Trampolinspringen, (sogar Bodenturnen ging in Ordnung, solange es sich um einen Salto handelte und nicht um Purzelbaum mit anschliessender Kerze) – doch sobald es ins Wasser ging, versteifte ich.

Ich hasste Schwimmen.

Ich konnte nicht schwimmen.

Ich glaube, ich war so ziemlich der letzte Schüler der 4a, der noch nicht schwimmen konnte. Wenn alle zwei Wochen Donnerstags nach der großen Pause der Reisebus kam, um uns zum Hallenbad zu bringen, war der Tag für mich gelaufen. Am liebsten wäre ich stiften gegangen, egal wohin, Hauptsache raus aus dem Bus, diesem großen Gefährt Richtung Hölle.

Ich saß zusammengekauert auf dem hintersten Sitz, neben Annemie Müller mit ihrem schweinerosa Schwimmbeutel. Die Strecke zur Badeanstalt war kurz, nicht mal fünf Minuten. Fünf Minuten im Bus können eine ungemütlich lange Zeitspanne sein, wenn am Ende die Zwangseinweisung ins Wasser droht, alle vierzehn Tage Donnerstags, von 10.15 bis 12.15. Und wenn man die Badehose bereits druntergezogen hatte, eine enge Buxe, die am Sack zwickte, das war auch nicht schön.

Alles, was mit Schulschwimmen zu tun hatte, bereitete mir Qualen. Da die beiden Schwimmstunden in die reguläre Öffnungszeit des Hallenbades fielen, waren wir Jungs nicht allein im Becken, und auch unter der großen Gemeinschaftsdusche gab es normales Publikum. Was heißt normal.

Da standen Rentner mit durchgedrückten Beinen und dicken weissen Bäuchen, die daheim keine Waschmöglichkeit hatten. Mitleidlos und zornigen Waschfrauen gleich seiften sie ihre riesigen hängenden Gemächte ein und putzten und schrubbten es mit einer Hingabe, als walkten sie Wäsche im Weltkrieg, während wir Kinder verschämt die Köpfe senkten und dem Seifenschaum nachblickten, der in langen  Kolonnen Richtung Abfluß sickerte – ein übles Gemisch aus Schamhaaren, Kolibakterien, Alterszucker und Fa.

Und dann begann der Horror.

Noch war ich nicht im Wasser. Zum Abkühlen wechselten wir von der warmen Dusche unter die eiskalte Brause, von der es nur eine einzige gab und wo man fröstelnd darauf warten musste, bis man endlich an der Reihe war. Danach ging es im Gänsemarsch ins Becken, ins kachelblaue Inferno, in der Nase den Gestank von Chlor und im Ohr die spitzen, von den hohen Gründerzeitwänden widerhallenden Schreie der Mitschüler, die Spaß am Schwimmen hatten, die Butterfly und Kraulen konnten und kurz vorm Rettungsschwimmerabzeichen standen, die einen anrempelten und zur Seite stießen, weil sie es nicht erwarten konnten, ins Wasser zu kommen.

Die mich anrempelten!

Mich, die Nummer 1 in Sport, außer in Schwimmen, die in sich gekehrt und bibbernd den Ausgang der Badeanstalt ins Visier nahm: O MEIN HERR,  BITTE  SCHWING DIESE VERFLUCHTE TÜRE AUF, BEFREIE MICH! HOL MICH HIER RAUS! BITTE!

Es gibt Gerüche, die holen die schönsten Momente der Kindheit zurück. Der Geruch, der im Spätsommer beim Pflücken von Brombeeren in der Luft ist, macht mich glücklich, besonders wenn dabei ein leichter Landregen niedergeht. Brombeeren im Regen sind eine sehr leise, sehr süße Bombe. Doch wehe, von irgendwoher steigt Chlor in meine Nase. Dann ist bei mir ruckzuck Essig mit Brombeere, dann ist knallhart Kindheit angesagt im gekachelten Becken Badeanstalt Birker Strasse 1969. Dann sehe ich mich inmitten von Schamhaaren, Kolibakterien, Alterszucker und Fa, mit soviel Herpes am Maul wie Blumenkohl in eine Kiste passt.

Schulschwimmen war für mich ungefähr so, als erwachte ich alle zwei Wochen im falschen Erdzeitalter, wo die Amphibien noch in der Entwicklung waren und ich als Gottes erster Versuchsfrosch ins Wasser hüpfte. Derweil spazierte ein ganz in weiß gekleideter Badeherr mit amüsiertem Gesichtsausdruck und in offenen Badelatschen am Beckenrand entlang und notierte in sein gottverdammtes Bademeisternotizbuch, was alles falsch lief, unten im Wasser.

Meine unkoordinierten Versuche, mich irgendwie über Wasser zu halten und nicht abzusaufen, bedachte er solange mit Spott, (“Na Glummi, wieder auf Krötenwanderung?”), bis ich endlich soweit war und den Freischwimmer wagte. Und wo ich schon mal dabei war, packte ich vierzehn Tage später den Fahrtenschwimmer drauf. Ich hatte den begehrten Freien-Fahrten, fertig, aus.

Kraulen kann ich bis heute nicht.

Ich bin immer noch neidisch auf die Burschen, die so lässig und souverän das Becken durchpflügen, als wären sie am Mittelmeer geboren und könnten schön singen. Ich kann gerade mal Brustschwimmen und bin froh, wenn ich eine halbwegs spritzende Arschbombe hinkriege, ohne Schmauchspuren zu hinterlassen.

Apropos Schmauchspuren.

Ich habe da diesen wiederkehrenden Traum. Ich sitze mit dem Bademeister von der Birker Strasse in der Badewanne. Es ist Samstag, und Samstag ist Badetag. Wir baden in jedem Traum gemeinsam, ich und der Bademeister, mittlerweile ein alter Sack. Doch sein Gesicht ist jung und spöttisch wie eh und je. Bis plötzlich eine Kackwurst plopp! an der Wasseroberfläche auftaucht, wie ein brauner Pottwal.

IIHHH! schreit der alte Bademeister und stürzt aus der Wanne. DER HAT INS WASSER GEKACKT!

Pitschenass rutscht er auf den Badezimmerkacheln aus und legt sich lang. Zähne ausgeschlagen. Scheisse am Bauch.

Ich wache hochzufrieden auf.

*

san.muedermann„Schwimmen? Näh – nix für mich.“

3 Gedanken zu „Schulschwimmen

  1. ich bin nur knapp am Rettungsschwimmerabzeichen vorbei ..
    ich hatte vergessen nach der dusche den fußlüfter zu bedienen und fiel glatt durch..
    seitdem dusch ich nur noch draussen..hihi

    fusspilz

  2. schulschwimmen war mir auch horror. ich lerne erst mit neun schwimmen, nachdem ich mal fast ertrunken bin, als mich ein kollege meiner schwester (in unkennnis meiner schwimmunfähigkeit) ins wasser geschubst hatte. ein traumatisches erlebnis, das mich noch immer horror vor „unter wasser“ haben lässt.
    aaaber … mit freundInnen im see – ganz auf eigene fast – liebe ich es heute im wasser zu sein. brustschwimmen, aufdemrückenrudernpaddeln (mein eigener schwimmstil) … ja, das liebe ich. weil ich das im-wasser-sein liebe – aber in eigenregie.
    wer weiss, vielleicht gibts du dem wasser eine solche zweite chance? es hätte es verdient …!

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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