The whole thing started with Rock’n Roll, now it’s out of control: Zum Tode von Ray Manzarek (74)

Mich erwischt die Nachricht um 5 Uhr 30 im ARD-Morgenmagazin, und kaum aufgewacht, bin ich down: Raymond Daniel Manzarek (74), Keyboarder-Legende der Doors, ist Pfingstmontag 2013 im RoMed Klinikum Rosenheim an Gallenwegkrebs gestorben.

“Ich wollte einen Sound, der einem den Zahnbelag entfernt”, erklärte Ray Manzarek, Keyboarder der Doors und hauptverantwortlich für den unverwechselbaren Klang der Band.
Auch wenn Morrison der (tote) Gott war, Ray Manzarek war unser heimlicher Held. Es gab eine Menge Leute um uns herum, die auf die Doors standen, doch der harte Kern, die Verrückten, die total Kaputten, das waren Karlos und ich.

Manchmal strolchten wir ganze Nachmittage durch die Gegend und rezitierten Sprüche aus Doors-Dokumentationen, die wir in Paris gesehen hatten. Im 11. Arrondissement gab es Spezial-Kinos, deren Programm aus nichts anderem bestand als Dokus aus der versunkenen Ära rund um Jimi Hendrix, Otis Redding, Janis Joplin und den Doors.

In einem dieser Streifen, technisch hundsmiserabel und amateurhaft geschnitten, steigen die Doors auf einem Flughafen die Gangway runter, einer nach dem Anderen, brav wie die Entchen, aber Entchen mit sehr langem Haar und bösen Blick. Die Szene muss 1967 gefilmt worden sein, als sie noch relativ unbekannt waren, denn nacheinander verraten die Bandmitglieder der Schwarz-Weiss-Kamera ihren Namen. Und als Letzter ist Manzarek an der Reihe.

“Raymond Daniel Manzarek”, stellt er sich vor, mit diesem herrisch-tiefen Timbre, importiert aus Osteuropa, in Los Angeles geschärft und zur Blüte gebracht:
“Born Two Twelve Thirty-Nine, Musician, Organist.”
Das kam so obercool und Westcoast rüber, Karlos und ich konnten nicht genug davon kriegen. Während wir mit einem kräftigenden Haschisch-Tee im Blut durch die Laubenpieperkolonien & Parkanlagen unserer Heimat strolchten, trat abwechselnd einer von uns ans imaginäre Mikrofon und verkündete das Wort:
“Raymond Daniel Manzarek, born two-twelve thirty-nine”, und der andere meldete brummend seine Zustimmung,
“yapp”.
..

Nachdem ich von den Doors alles an Land gezogen hatte, was es auf Vinyl an Land zu ziehen gab, darunter auch solch hallige Bahnhofsklo-Raubpressungen wie Live in Stockholm ’68, machte ich mich auf die Suche nach Solo-Platten der verbliebenen drei Doors.

Gitarrist Robbie Krieger und Drummer John Densmore, dem mit Riders on the storm – Mein Leben mit Jim Morrison und den Doors die beste Doors-Biografie gelang, gründeten Butts Band und veröffentlichten zwei unterschätzte, sehr entspannte Reggae-Pop-Alben.

Die Platten von Ray Manzarek waren schwerer zu kriegen. Die Plattenfirma hatte sie in Deutschland nicht veröffentlicht bzw. nach kurzer Zeit wieder aus dem Katalog genommen, also brauchte man gute Connections, Spucke und Geduld.

Ich suchte fast zwei Jahre lang nach The Golden Scarab und The whole thing started with Rock’n Roll, now it’s out of control, 1973 und ’74 in den USA erschienen. (Das mystische Album The Golden Scarab enthält ein frühes, von ihr selbst gehauchtes Poem von Patti Smith!)

The whole thing.. kaufte ich Peter Braatz alias Harry Rag für einen Zwanni ab. Braatz, Kopf der legendären Solinger Ur-Punks von S.Y.P.H. und heutiger Filmemacher, schaute immer wie ein Nager aus der Wäsche, der gleich Beute macht, vorausgesetzt, er pennt vorher nicht ein. Braatz rückte die Scheibe nur deshalb raus, „weil du so ein eingefleischter Doors-Freak bist und ich eingefleischte Freaks nicht leiden sehen mag.“ Braatz, ein Mensch mit Überzeugungen.

Überhaupt war es damals nicht ganz unwichtig, WER einem WELCHE Platte abdrückte oder besorgen konnte. Das konnte den Wert einer LP oder Single ungemein steigern.

1977 gründete Manzarek die Band Nite City. Hatte das Debut-Album schon Hoffnungen geweckt, so wurde der Nachfolger Golden Days, Diamond Nights (1978) Manzareks Meisterwerk, zumal er wieder als Sänger brilliert. (Jede andere Rockband außer den Doors hätte Ray Manzarek mit Kusshand als Sänger genommen).

Sein aus den Untiefen seiner Kehle gewonnenes, sonores Timbre, tief wie der Ozean, wo die schrägsten Lebewesen existieren, seine von Stolz und Hingabe geprägte Collegesprecher-Stimme erzählt von Amerika, von Küste zu Küste, Freiheit und Freeways, love it or leave it.

Zwei Songs auf Golden Days, Diamond Nights sind so etwas wie das Vermächtnis von Ray Manzarek, unabhängig von seiner Karriere als Doors-Keyboarder.

Da ist das unauffällig und schleppend beginnende, sich stetig steigernde The Dreamer, das in einem fulminanten Walking Pop kulminiert, sowie die 8:33 Minuten dauernde Hymne America. Hier ist Manzarek auf dem Höhepunkt: Sein einprägsames und stets zum Überflug ansetzendes Orgelspiel, das schon Songs wie Light my fire und Riders on the storm zu Klassikern gemacht hatte, entfacht einen Weltenbrand, verschlingt Los Angeles und den Rest von Amerika, von Küste zu Küste, Freeway zu Freeway. Nie wieder wurde ich bei aufgesetzten Kopfhörern derart mitgerissen.

Adieu, Ray. Let’s ride. Into the sun.

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8 Gedanken zu „The whole thing started with Rock’n Roll, now it’s out of control: Zum Tode von Ray Manzarek (74)

  1. Ich wusste aber gleich was du meinst, als du es schriebst. Hatte die Doku auch mal gesehen in dem frühen 90ern.
    Hatte das auch so in Erinnerung. Wie auch immer… großartiger Hammondorgler, großartige Band, großartiger Nachruf!

  2. Pingback: Danke Raymond… - Hier, Ohrtrompete!

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