Yellow Sunshine

Die erste Linse teilte ich mir im Frühsommer 1977 mit Pepe, eine Yellow Sunshine. Es war nicht nur die erste, es war auch die bei weitem beste Linse, die ich jemals eingeworfen hab. Danach hätte ich meine LSD-Experimente eigentlich einstellen können. Yellow Sunshine haben einen gutwilligen Charakter, sie sind sonnig und korrekt, eine ganz und gar saubere Angelegenheit, im Gegensatz zu anderen Linsen, wo schon ein paar Atome zu viel oder zu wenig darüber entscheiden, ob man sich am sanftesten Lagerfeuer der Menschheitsgeschichte wähnt oder ob man sich im Verfolgungswahn selbst entzündet und verbrennt.

Wir waren seit Monaten hinter einer Yellow Sunshine her gewesen, doch Pepes großer Bruder hielt uns hin.

“Ein Trip ist nicht wie Kiffen, Jungs, das kann schwer ins Auge gehen. Man muss mit jemanden zusammen sein, dem man blind vertrauen kann. Wartet ein bisschen. Sobald ich eine Yellow Sunshine in die Finger kriege, denke ich an euch.“

Yellow Sunshines, soviel hatten wir schon gehört, galten als die Könige unter den Psycho-Substanzen. Sanft und langanhaltend, wenig Halluzinationen, kaum Speed. “Was denn, was denn, keine Hallus..!?” sagten wir verstört. Wem sollte ein Trip ohne Hallus etwas bringen?

Pepes großer Bruder lachte. “Wartet nur ab.”

Was blieb uns anderes übrig.

Mein Freund Pepe trug die coolsten Blue Jeans der Stadt, immer die neueste Exportware aus den USA. Sein von Selbstbräunern maskierter Vater, Inhaber mehrerer Herrenmodegeschäfte und einer Kette von Jeansläden, versuchte ihn frühzeitig zum Junior-Chef aufzubauen. Pepes älteren Bruder dagegen hatte er abgeschrieben, er wurde hauptsächlich als Fahrer eingesetzt. Ab und zu er durfte im Zentrallager kommissionieren, aber auch nur, wenn die Bestellung nicht über einige Dutzend Rifle-Jeans hinausging.

Pepes großer Bruder war ein lieber Kerl, nicht der gescheiteste, etwas weich in der Birne. Er war ständig auf Pille und bekifft und kicherte und verrechnete sich auf der Arbeit, er brachte alles durcheinander. Wenn die von ihm ausgefüllten Bestellscheine aus den anderen Filialen mit Fragezeichen verziert retour kamen, machte er eine Woche blau, schmiss Pillen ein, kiffte und kicherte. Ein Kindskopf, aber ein Kindskopf mit einem Riecher fürs Geschäft, das hatte er vom Vater geerbt. Pepes großer Bruder überführte gebrauchte Limousinen in die Türkei und brachte auf dem Rückweg Grünen Türken mit, in gepressten Platten. Das Geschäft florierte, es ging lange Zeit gut, erwischt haben sie ihn im heißen Bee Gees-Sommer 1978, als er an der Cote d’Azur mit Freunden Urlaub machte.

Aber das ist eine eigene Geschichte.

An einem Frühlingstag war es endlich soweit. Die Yellow Sunshine war da. Eine kleine orangefarbene Tablette. Wir sollten sie uns teilen, meinte Pepes Bruder. Mit 15 Mark kostete sie doppelt so viel wie eine normale Linse.

“Bleibt auf jeden Fall zusammen, egal was passiert, und geht raus ins Grüne”, gab uns Pepes Bruder noch mit auf den Weg. Er hatte krauses Haar und Stupszähnchen, mit denen er jedem britischen Fünf-Uhr-Tee zum Schmuck gereicht hätte. “Bleibt bloß nicht auf dem Zimmer hocken.“

LSD war das letzte Geheimnis, das Geheimnis dieses Sommers. Das Geheimnis der großen Brüder. Wir hörten so viel davon, sie erzählten so wenig. Sie behielten es für sich. Es war ihr letzter Trumpf. Pepes Bruder mussten wir lange Zeit bearbeiten, bis er endlich nachgab und die Linse besorgte. Eine funkelnde kleine gelbe Sonne. Wir hatten regelrecht betteln müssen, bis wir sie endlich in den Händen hielten. Und nun steckte sie in unserem Kopf, seit einer Stunde schon, und es geschah – nichts.

„Vielleicht braucht doch jeder ne ganze“, fluchte ich. „Vielleicht ist ne Halbe zu wenig.“

Als wir uns schon beinahe verschaukelt fühlten, vom Geheimnis entkoppelt, ging es, leicht noch zunächst, los. Ein erster sachter Einschlag, fast anderthalb Stunden nach der Einnahme. Wer LSD nicht kennt, wer es nie probiert hat, der erwartet alles Mögliche, wenn es losgeht, nur keinen unaufdringlichen Gast an einem milden Sommertag. Ja, man weiß anfangs nicht einmal, bin ich schon auf Acid? Ist das schon die Linse? Und – was federt denn da…? Sehr angenehm, das Licht. Das organische Kitzeln. Und urplötzlich ist man mittendrin. Ohne Worte. Wie immer, wenn es wichtig wird im Leben, wenn es wirklich drauf ankommt, sind Worte nichts als tapsige Urlauber, die im falschen Augenblick durchs Bild rennen. Man kommt ohne sie besser klar. Man kann auf sie verzichten.

(Eines der irrsten Erlebnisse auf LSD, wenn auch auf einem späteren, mehr vom Speed dominierten Trip: Wie der dicke Hansen und ich nebeneinander auf dem Scheißhaus sitzen und uns schweigend eine Klobrille teilen. Es war, als wollte der Stuhlgang überhaupt nicht enden, als würden wir ganze Planeten ausscheiden.

“Boh…”, grunzte der dicke Hansen.)

Am Zedernweg stiegen wir über den Zaun und ließen uns auf einer Kuhweide nieder, Pepe und ich, lang ausgestreckt, die Ohren nah am Klauberger Bach. So mächtig kam der Klang des Wassers, so unmittelbar und jäh, als senkten sich gewaltige Tonarme in die Rille des Bachbetts – Wassertropfen, wie von Ping Pong-Schlägern geschmettert, pfiffen und giggelten uns um die Ohren, wir beobachteten Finger, wie sie von Norden kommend durchs Wasser schlenderten.

Geweihtes Wasser, geweihte Finger.

Kaum nahmen wir die Ohren vom Bach und legten uns ins hohe Gras, machte sich Ruhe breit. Rundum war nichts als Stille. Ich weiß nicht, wie lange wir dort lagen, es mögen Tage gewesen sein, eine Viertelstunde, ein Moment nur, die Entspannung war total. Ein großes gedämpftes Herz schlug in uns, ein helles gleichmäßiges Uhrwerk. Höhepunkt: Wie Pepe und ich Schulter an Schulter auf der tiefen Wiese stehen und zur Sonne aufblicken. Wie wir den blassen Bombenkopf mit der bloßen Kraft des Augenblicks am Himmel entlangschieben, ihn am Firmament neu platzieren, ihn fixieren und kopfüber abtropfen lassen, ihm beim Purzeln, Tanzen, Glühen zusahen.

Egal, was der eine von uns tat, der andere folgte und machte es ihm nach. Wir spielten mit unseren Augen großes Sonnenverschieben. Blickte einer nach links, rückte die Märzsonne nach links, blickte der andere nach rechts, rutschte sie nach rechts. Ein Wimpernschlag reichte, schon rutschte die große blasse Bombe in die entfernteste Ecke des Himmelreichs… und darüber hinaus.

Mit Genickstarre wie im Kino, erste Reihe, Hauptfilm, schlenderten wir weiter; Eidechsen am Straßenrand, in tiefer Aufmerksamkeit,

grüßten.

Gezwitscher von Vögeln tropfte auf uns nieder, wie Regen. „Vögel sind freundliche Menschen“, sagte jemand. Eichhörnchen, von Baum zu Baum unterwegs, nutzten die überhängenden Zweige als Zubringer. Rascheln im Wald, das Gehuste einer alten Hexe.

Der Trip dauerte bis in den Abend. Verbunden durch ein nur allmählich ausleierndes chemisches Band erreichten wir Theegarten, eine Hofschaft, in der uns Sonnenblumen ihre Köpfchen entgegenreckten wie Richtmikrofone, die alles aufzeichneten für die Ewigkeit.

(Kann gar nicht sein, sagte einer.)

Spätere Trips, mit Speed gepanscht, gingen hauptsächlich in die Beine, stifteten Unruhe. Einmal steppten wir zu fünft die Wupperstraße entlang, den schläfrigen Basslauf von Clever Trevor von Ian Dury in den Oberschenkeln, (die Nummer hatten wir zuvor x-mal hintereinander gehört, immer wieder neu aufgelegt), eine Prozession bekloppter Beine. Nicht übel, aber nur flüchtig. Speedig. Kein Vergleich zur Meditation der Yellow Sunshine.

Die letzte Acid-Tat des Tages: Pepe bröselte einige Cracker, die er in der Hosentasche hatte, in den Bach, wir schauten versonnen den Krümeln hinterher, ihrem Verschwinden im Strudel.

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