Yellow Sunshine

Wer LSD schluckt und auf den Horror kommt, hat zuletzt nur noch einen Wunsch: Dass in Gottes Namen alles wieder so wird, wie es einmal gewesen ist. So normal und vertraut, wie man es gekannt hat, bevor die Säure das Bewusstsein kaperte und durchlöchert weiterreichte. Du wünschst dir nichts sehnlicher, als mit Freunden zusammensitzen, in eine nach Gummibärchen und Lakritze duftenden Tüte Colorado zu greifen und dabei eine dieser amerikanischen Soaps anzuschauen, die einem mit jeder Folge mehr ans Herz wachsen. Du sehnst dich danach, ein ganz normaler Bürger zu sein, der LSD nur vom Hörensagen kennt, du möchtest, dass alles wieder so ist wie du es von früher kennst, als das Leben noch in Ordnung war.

LSD nehmen und auf den Horror kommen, das ist, als würdest du dir selber nachwinken, während du krachend in die Tiefe stürzt und alles mitreißt, was dein gutes altes Ich je ausgemacht hat.

Dabei gibt es auf Erden vermutlich kein chemisches Material, das einen näher an die Ursprünge der eigenen Existenz führt. Ein guter LSD-Trip ist deine eigene Schöpfungsgeschichte, deine Indianererfahrung. Ein schlechter Trip dagegen klemmt wie ein schwarzer Schatten über deinem weiteren Leben, er begleitet dich wie ein böser Zeppelin.

Das Problem: Es gibt keinen Löschzug für einen schieflaufenden LSD-Trip. Die Brandwehr rückt erst gar nicht aus, wenn die Substanz dich innerlich in Schutt und Asche legt. Oder wie Albert Hofmann, Entdecker von LSD, im Alter erschüttert meinte: „Ich glaubte nie, dass ein Stoff mit dieser Kraft auf der Straße landen könnte.“

Die erste Linse teilte ich mir im Frühsommer 1977 mit Pepe, eine Yellow Sunshine. Es war nicht nur die erste, es war auch die bei weitem beste Linse, die ich jemals eingeworfen hab. Danach hätte ich meine LSD-Experimente eigentlich einstellen können. Yellow Sunshine haben einen gutwilligen Charakter, sie sind sonnig und korrekt, eine ganz und gar saubere Angelegenheit, im Gegensatz zu anderen Linsen, wo schon ein paar Atome zu viel oder zu wenig darüber entscheiden, ob du dich am sanftesten Lagerfeuer der Menschheitsgeschichte wähnst oder im Verfolgungswahn selbst entzündest und verbrennst.

Wir waren seit Monaten hinter einer Yellow Sunshine her gewesen, doch Pepes großer Bruder hielt uns hin.

“Ein Trip ist nicht wie Kiffen, Jungs. Das kann schwer ins Auge gehen. Man muss mit jemanden zusammen sein, dem man blind vertrauen kann. Wartet noch ein bisschen. Sobald ich eine Yellow Sunshine in die Finger kriege, denke ich an euch.“

Yellow Sunshines, soviel hatten wir schon gehört, galten als die Könige unter den psychotropen Substanzen. Sie waren legendär. Sanft und langanhaltend, wenig Halluzinationen, kaum Speed. “Was denn, was denn, keine Hallus..!?” sagten wir verstört. Wem sollte ein Trip ohne Hallus etwas bringen? Pepes großer Bruder lachte.  “Wartet nur ab.” Was blieb uns anderes übrig.

Pepe trug die coolsten Blue Jeans der Stadt, immer die neueste Exportware aus den USA. Sein von Selbstbräunern maskierter Vater, Inhaber mehrerer Herrenmodegeschäfte und einer Kette von Jeansläden, versuchte Pepe frühzeitig zum Junior-Chef aufzubauen. Den älteren Bruder dagegen hatte er abgeschrieben, er wurde hauptsächlich als Fahrer eingesetzt. Ab und zu er durfte im Zentrallager kommissionieren, aber auch nur, wenn die Bestellung nicht über einige Dutzend Rifle-Jeans hinausging.

Pepes Bruder war ein lieber Kerl, nicht der gescheiteste, etwas weich in der Birne. Er war ständig auf Pille und bekifft und kicherte und verrechnete sich auf der Arbeit, er brachte alles durcheinander. Wenn die Bestellscheine aus den anderen Filialen mit Fragezeichen verziert retour kamen, machte er eine Woche blau, schmiss Pillen ein, kiffte und kicherte. Ein Kindskopf, aber einer mit einem Riecher fürs Geschäft, das hatte er vom Vater geerbt. Pepes großer Bruder überführte gebrauchte Limousinen in die Türkei und brachte auf dem Rückweg Grünen Türken mit, in gepressten Platten. Das Geschäft florierte, es ging lange Zeit gut, erwischt haben sie ihn im heißen Bee Gees-Sommer 1978, als er an der Cote d’Azur mit Freunden Urlaub machte. Da kassierten ihn die französischen Flics aufgrund einer dummen Bemerkung zur falschen Zeit.

Extra für den Urlaub hatten die Freunde einen VW-Bus angemietet und den Unterboden mit rotem Libanesen präpariert. Nur zum Eigenverbrauch für drei Wochen Urlaub. Ich weiß nicht, wieviel es waren, mehr als 100 Gramm bestimmt. Pepe und ich waren tags zuvor dazugestoßen, wir trampten gerade durch Südfrankreich. Wir gerieten an einem heißen Nachmittag in die Polizeikontrolle auf einem Parkplatz vor einem Intermarché. Den Flics von St. Tropez waren Pepes Bruder und seine Hippiefreunde ein Dorn im Auge. Deutsche Hippies mochte niemand, aber die Gendarmerie hasste uns regelrecht, die verzogenen Enkel der Nazi-Generation.

(Im selben Jahr drehte Louis de Funes den Film „Louis‘ unheimliche Begegnung mit den Außerirdischen“, in dem die Flics von St. Tropez von Aliens geklont werden. Genau so kamen uns die Flics von St. Tropez damals vor, wie ferngesteuerte dünnhäutige Robotniks. Selbst einen hyperaktiven Wachtmeister mit Riesenzinken machten wir unter den Polizisten aus, einen kahlköpfigen kleinen Tölpel, dem die Adern auf der Stirn zu platzen drohten, wenn er sich aufregte über jugendliche Haschischraucher aus Deutschland. „Du grosse Haschmann!“ radebrechte er auf Deutsch, als Pepe ihm klarmachen wollte, dass er keine Drogen nehmen würde, eine zugegebenermaßen sehr steile These.)

Als man uns aufforderte aus dem Bus zu steigen, beging einer der Freunde von Pepes Bruder einen verhängnisvollen Fehler. Weil er Angst hatte, die Flics könnten das Versteck unterm Wagenboden entdecken, zischte er leise, aber für alle vernehmbar, „Scheiße.“ Sofort sprang der kleine de Funes-Bulle hinzu, der ein paar Brocken Deutsch sprach. Wichtige Brocken. “Wieso Scheisseh? Wieso Sie sagen Scheisseh..?!” Der Freund von Pepes Bruder, ein hagerer Geselle, der sonst nie viel Worte machte, begann zu schwitzen. Ihm fiel nichts ein. Wir alle schwitzten. Es war heiß und es war laut. Wir waren alle dünn und bekifft und nervös. Der Supermarkt gehörte zur Mammouth-Kette, die es gern gigantisch hatte, mit Parkplätzen breit wie Flugzeugträger. Die Hitze war drei Wochen lang wie fest justiert. Als hätten sich alle Thermometer der Welt auf 35 Grad geeinigt.

“Weil..”

Weiter wollte ihm partout nichts einfallen. Und so hing dieses unschuldige kleine weil in der flirrenden Luft, ein Wörtchen wie ein Vagabund, der nur eines im Sinn hatte: weg hier. Bloß, wohin —!? Grimmig nahmen die Flics den Wagen auseinander, am helllichten Tag. Es dauerte keine Viertelstunde, und der Pot war gefunden.

Nach einem Nachmittag auf der Gendarmerie durften Pepe und ich gehen, sie ließen uns ziehen, aber nicht ohne ein Stadtverbot zu auszusprechen, für St. Tropez und das angrenzende Departement. Mit der Auflage, uns den ganzen Sommer nicht mehr blicken zu lassen. (Pepes Bruder wurde später zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt, eine für französische Verhältnisse lächerlich geringe Strafe. Sein Vater hatte ihm den besten Verteidiger besorgt, der für Geld zu haben war.)

An einem Frühlingstag war es endlich soweit. Die Yellow Sunshine war da. Eine kleine orangefarbene Tablette. Wir sollten sie uns teilen. Sie kostete 15 Mark, viel mehr als eine normale Linse.

“Bleibt auf jeden Fall zusammen, egal was passiert, und geht raus ins Grüne”, gab uns Pepes Bruder noch mit auf den Weg. Er hatte krauses Haar und kleine Stupszähnchen, mit denen er jeden Fünf-Uhr-Tee in Bexhill-on-Sea geschmückt hätte. “Bleibt bloß nicht auf dem Zimmer hocken.”

Jedes Mal, wenn ich eine Droge neu ausprobierte, war Pepe mit an Bord. Wir waren zu zweit bei meinem ersten Acid-Trip, bei meinem ersten Mal Heroin, bei der ersten Nase Kokain, selbst das erste Pfeifchen Haschisch teilten Pepe und ich, anno 1976, spätabends auf den Treppenstufen der katholischen Kirche Unter St. Clemens.

Wir hatten eine Purpeife geraucht, die erste, bei der ich wirklich etwas spürte, und ergötzten uns am vorüberfließenden Straßenverkehr, an den warmen Wechselfarben der Ampelschaltungen und roten Rücklichtern der Mopeds, am Sound dahinschnurrender Mercedes-Limousinen. So homogen, so perfekt wirkte das vom Haschischrausch produzierte Bild, als hätte jemand zu unseren Füßen die große Elektrische aufgebaut – mit einem Unterschied: die Märklin-Show war lebensgroß. Wir saßen an Gottes Trafostation und jemand ließ es laufen, nur für uns. Wir kamen aus dem Staunen nicht heraus. Es war ein ganz und gar mystisches Erlebnis, dessen Kraft ich heute noch spüre, wenn ich die Augen schließe und zurückdenke. Mit Pepe konnte man die Dinge ganz wunderbar laufen lassen.

Zwei Jahre später war Haschisch Normalkost und LSD das neue Geheimnis. Das Geheimnis der großen Brüder. Wir hörten so viel, sie erzählten so wenig. Sie behielten es für sich. Es war ihr letzter Trumpf. Pepes Bruder mussten wir lange Zeit bearbeiten, bis er endlich nachgab und die Linse besorgte. Eine funkelnde kleine gelbe Sonne. Wir hatten regelrecht betteln müssen, bis wir sie endlich in den Händen hielten. Und nun steckte sie in unserem Kopf, seit einer Stunde schon, und es geschah – nichts.

Als wir uns schon beinahe verschaukelt fühlten, vom Geheimnis entkoppelt, ging es, leicht noch zunächst, los. Ein erster sachter Einschlag. Wer LSD nicht kennt, wer es nie probiert hat, der erwartet alles Mögliche, nur keinen unaufdringlichen Gast an einem milden Sommertag. Ja, man weiß anfangs nicht einmal, bin ich schon auf Acid? Ist das schon die Linse? Was federt denn da..? Sehr angenehm, das Licht. Das organische Federn. Kitzeln. Und urplötzlich ist man mittendrin. Ohne Worte. Wie immer, wenn es wichtig wird im Leben, wenn es wirklich drauf ankommt, ist plötzlich Stille, sind Worte nichts als tapsige Urlauber, die im falschen Augenblick durchs Bild rennen. Man kann auf sie verzichten. Man kommt ohne sie besser klar.

(Eines der irrsten Erlebnisse auf LSD, wenn auch auf einem späteren, mehr vom Speed dominierten Trip: Wie der dicke Hansen und ich nebeneinander auf dem Scheißhaus sitzen und uns schweigend eine Klobrille teilen. Es war, als wollte der Stuhlgang überhaupt nicht enden, als würden wir ganze Planeten ausscheiden.

“Boh..”, grunzte der dicke Hansen.)

Am Zedernweg stiegen wir über einen Zaun und ließen uns auf einer Kuhweide nieder, Pepe und ich, lang ausgestreckt, die Ohren nah am Klauberger Bach. So mächtig kam der Klang des Wassers, so unmittelbar und jäh, als senkten sich gewaltige Tonarme in die Rille des Bachbetts – Wassertropfen, wie von Ping Pong-Schlägern geschmettert, pfiffen und giggelten uns um die Ohren, wir beobachteten Finger, wie sie von Norden kommend durch geweihtes Wasser schlenderten.

Geweihte Finger.

Kaum nahmen wir die Ohren vom Bach und legten uns ins hohe Gras, machte sich unbekannte Ruhe breit. Ich weiß nicht, wie lange wir dort lagen, es mögen Tage gewesen sein, eine Viertelstunde, ein Moment nur, die Entspannung war total. Ein großes gleichmäßiges Herz schlug in uns, ein helles Uhrwerk. Höhepunkt: Wie Pepe und ich Schulter an Schulter auf der tiefen Wiese stehen und zur Sonne aufblicken. Mit der bloßen Kraft des Augenblicks schoben wir den blassen Bombenkopf am Himmel entlang, platzierten ihn neu am Firmament, fixierten ihn, ließen ihn kopfüber abtropfen, ließen ihn purzeln, tanzen, glühen.

Egal, was der eine tat, der andere folgte und machte es nach. Wir spielten großes Sonnenverschieben. Blickte man nach links, rückte die Märzsonne nach links, blickte man nach rechts, rutschte sie nach rechts. Ein Wimpernschlag reichte, und schon rutschte die große blasse Bombe in die entfernteste Ecke des Himmelreichs und darüber hinaus. Mit Genickstarre wie im Kino, erste Reihe, Hauptfilm, schlenderten wir weiter; Eidechsen am Straßenrand, in tiefer Aufmerksamkeit,

grüßten.

Gezwitscher von Vögeln tropfte auf uns nieder, wie Regen. „Vögel sind freundliche Menschen“, sagte jemand. Eichhörnchen, von Baum zu Baum unterwegs, nutzten die überhängenden Zweige als Zubringer. Rascheln im Wald, das Gehuste einer alten Hexe. Der Trip dauerte bis in den Abend. Verbunden durch ein nur allmählich ausleierndes chemisches Band erreichten wir die Hofschaft Theegarten, wo uns Sonnenblumen ihr Köpfchen entgegenreckten wie Richtmikrofone, die alles aufzeichneten für die Ewigkeit.

(Kann gar nicht sein, sagte einer.)

Spätere Trips, mit Speed gepanscht, gingen hauptsächlich in die Beine, stifteten Unruhe. Einmal steppten wir zu fünft die Wupperstaße entlang, den schläfrigen Basslauf von Clever Trevor von Ian Dury in den Oberschenkeln, (die Nummer hatten wir x-mal hintereinander gehört, immer wieder neu aufgelegt), eine Prozession bekloppter Beine. Nicht übel, aber flüchtig. Speedig. Kein Vergleich zur Meditation einer Yellow Sunshine.

Die letzte Acid-Tat: Pepe bröselte einige Cracker, die er in der Hosentasche hatte, in den Bach, und wir schauten versonnen den Krümeln hinterher, ihrem Verschwinden.

Ostern ’78 gastierte die große Patti Smith in Düsseldorf. Sie war so populär geworden, dass wir die Karten im Vorverkauf besorgen mussten. Zwar war das neue Album Easter nicht so gut wie Horses und Radio Ethopia, aber es enthielt Because the Night, ihren ersten echten Single-Hit.

Horses, das Debüt, war eins meiner absoluten Lieblingsalben. Das Stück Birdland, eine sechsminütige Landschaft aus Baum und Bass, sowie ihre rauh und sexy hingerotzte Einleitung von Gloria, “Jesus died for somebody’s sins but not mine”, hatte ich so oft gespielt, dass die Langspielplatte an der Stelle knisterte wie ein Scheiterhaufen. Eine verdammte Jesusverbrennung. Patti Smith war eine Druidin, ihr Zaubertrank wurde auf Vinyl ausgeschenkt. (Dummerweise ist ihr Name für mich bis heute mit meinem grössten nervlichen Desaster verbunden.) (Auch wenn ich andererseits vermute, dass ich schon mit einem gewissen Nervenscharren zur Welt kam.)

Einen Tag vorm Konzert rief Pepe an und meinte, er könne was Acid klarmachen.

“Ein Konzert auf Trip? Bist du übergeschnappt?”

“Kein normaler Trip. Eine Yellow Sunshine..”

Das war was Anderes. Seit der Trip-Erfahrung am Hippergrund verband uns diese spezielle Linse, das wollten wir wiederholen, auch wenn man sich nie sicher sein konnte, was man da schluckte. Aber wer nicht mit 18 lebt, als könne nichts schiefgehen, wann dann?

Und dennoch – ich hatte kein gutes Gefühl, von Anfang nicht. Eine Linse gehört nicht in die Konzerthalle, sie gehört in die Natur, nach Faustregel Nummer 1: Keine Wände! Nichts, was dich irgendwie einkesseln und beschränken könnte.

Wir waren vorm Mumms verabredet an diesem Samstag, Pepe und ich sowie drei oder vier andere Leute, die ihre Karte für Patti Smith schon in der Tasche hatten.

Pepe nahm mich beiseite.

“Die Yellow Sunshine hat sich erledigt”, sagte er, und ich war schon fast erleichtert, “aber mein Bruder hat eine Red Star abgedrückt.”

Am liebsten hätte ich die Sache auf der Stelle abgeblasen, doch Pepe wollte das Konzert unbedingt auf Linse erleben, und das brachte mich in einen Konflikt. Es war nicht nur ungeschriebenes Gesetz, einen Trip in der Natur zu schmeißen, man ließ auch einen Freund nicht allein auf Trip gehen.

Soweit nachvollziehbar. Warum wir den Red Star aber, einen gezackten roten Stern, der wie ein mit Zuckerglasur überzogener winziger Kirmesapfel funkelte, gleich in zwei Hälften teilten und einwarfen, anstatt ihn erst mal zu vierteln und eine halbe Stunde abzuwarten, um zu sehen, wie stark die Säure war, (selbst Pepes Bruder hatte bis dahin noch keinen eingeworfen), dafür gibt es im Nachhinein nur eine einzige Erklärung:

Wir waren jung. Ich sehe uns noch vorm Mumms stehen, an den Parkscheinautomaten gelehnt. Wie Pepe den Stern in der hohlen Hand entzweibricht und jeder seine Hälfte schluckt, Schluck Bier hinterher, und wie der dicke Hansen Wind von der Sache kriegt und neugierig angeschlichen kommt, von hinten.

“He! Was pfeift ihr beide euch denn ein? Ne Linse?”

“Was? Nee”, sagte Pepe.

Auch ich schüttelte nur den Kopf. Der dicke Hansen auf Drogen, das bedeutete bloß Scherereien. Und was kann man auf Acid partout nicht gebrauchen? Scherereien. Dafür ist LSD nicht gebaut.

Wir fuhren mit zwei Wagen nach Düsseldorf. Ich stieg beim Schuh ein, im roten Kasten-R4, Pepe in den Wagen dahinter. Schuh, ein charmanter langer Schlaks, der skeptisch in die Welt guckte und mich mit “He, du Spezialist” zu grüßen pflegte, war nicht nur ein paar Jahre älter, er fiel schon von der ganzen Ausstrahlung in die Kategorie Großer Bruder, auch wenn er Einzelkind war.

Nach nicht mal einer halben Stunde setzte die Wirkung ein – mitten auf der Autobahn Richtung Düsseldorf-Oberbilk. So rasch hatte es mich noch nie erwischt. Ich konnte kaum stillhalten, die Füße drängelten unterm Sitz hervor wie Flöze, die nur noch raus wollten aus dem verdammten Erdreich. Ich saß auf einem Bunsenbrenner.

Ich war heilfroh, als wir endlich in den Parkplatz vor der Philipshalle einbogen. Kaum war ich aus dem Wagen gestiegen, stürzte Pepe auf mich zu, aus dem zweiten Auto.

“Alter, was.. ist das denn..?!” zischte er, unterfüttert von einem in die Breite blubbernden Grienen, das ich so noch nie gesehen hatte, weder bei Pepe noch bei irgendwem sonst, doch ich konnte nichts erwidern. In meiner an Strommomenten nicht gerade armen Drogenkarriere steckte ich im stromigsten aller Strommomente – und hatte keine Worte. Zumal LSD keine Droge ist. Es ist eine Form von Wahrheit. Von Strom.

Im gleißenden Flutlicht der Laternenmasten marschierten Pepe und ich Seite an Seite über den Parkplatz der Philipshalle, Stars auf schwarz geteerten glänzenden Bühnenbrettern.

Ein rot glitzernder Aufgalopp.

Als in meiner Nähe jemand versehentlich den Schlüsselbund fallen ließ, schepperte es in meinen Ohren, als stürzten riesige Stahlträger zu Boden. Ich duckte mich erschrocken, während Pepe lässig weiter stolzierte, hin zum Gemurmel der Halle, zum Gelächter der In-Crowd, die, zurecht gemacht fürs Konzert, den Kassenbereich angockelte.

Umtost vom Hupen ankommender Autos, vom Club-Sound schwerer Motorräder, verschmolz alles zu einem einzigen pulsierenden Super-Ereignis. Willkommen auf dem Acid-Trip, mach’s gut, Kamerad, verlier mich nicht.

Ich holte Pepe ein. Wir blickten uns an, halb irre schon (Innerlich noch am wegducken, ich.)

(Das Universum erklärt sich immer dort, wo du dich gerade aufhältst.)

“Shit, ist das hell hier”, hörte ich Pepes Begeisterung, während ich mich schon sorgte, was denn erst drinnen werden sollte, in der Philipshalle. Zusammengepfercht, unter Tausenden. Und richtig mulmig wurde mir, nachdem ein Ordner unsere Eintrittskarten abgerissen hatte und wir die Vorhalle betraten, das Reich der Bierstände, der T-Shirt-Verkäufer, und wo mir schlagartig bewusst wurde, dass ich für die nächsten Stunden hier gefangen sein würde. Dass es kein Entrinnen geben würde aus diesem flachen Betonquader.

Jeder Acid Head kannte einen Acid Head, der einen Acid Head kannte, der hängen geblieben war auf Acid, nicht mehr zurückgekehrt war, der es nicht mehr geschafft hatte, der in der Klapse gelandet war. (Bernie Wester hatte sich im Übermut eine Handvoll Trips in den Mund werfen lassen, wie verdammte MOMS. Einige spuckte er wieder aus, andere nicht, sie rollten in sein Hirn. Es hieß, seine Augen wären damals fast geplatzt, vor lauter Innendruck, die Ärzte hatten ihre liebe Mühe, sein Augenlicht zu retten. Er blieb zwölf Monate im Landeskrankenhaus. Der nette Bernie Wester.)

Bedrängt von Fans in speziell punkigen Patti Smith-Capes, die sich nach vorne kämpften, um die besten Plätze zu ergattern, schoben wir uns in den Innenraum der Philipshalle. Aus Bühnen-Boxen, zu Türmen übereinandergestapelt, dröhnte Miss you von den Stones. Miss you mit dem rollenden Disco-Basslauf und der fröhlichen Mundharmonika, Miss you, gerade überall Nummer 1 – und dieses eine Mal noch grinsten wir uns verschwörerisch an, Pepe und ich, ein letztes Mal, bevor wir uns für den Rest des Abends aus den Augen verlieren sollten.

Unterhalb der Tribüne bildete sich eine Gasse, in der das Publikum hin und her strömte, hin zu den Bierständen, zurück zu den teuer erkauften Plätzen. In diesen Gesichtern begann der Horror. Fratzen, breit wie Brotkästen, das Maul eingekleistert, bebuttert, blutig geratschte Augen. Ich blickte in Schlachthof-Visagen, teigige Fleischwunden. Als mampften alle aufgeweichtes Krepp. Alle sahen aus wie Kasper.

Ich hatte auf Acid Halluzinationen gehabt, doch dieses Fratzenhafte, Zerstörte sprengte alles bislang Gesehenes, war eine Dimension näher am Irrsinn, ich bewegte mich auf Stromschnellen und das Schlimmste: ES würde anhalten, so schnell würde ES keine Erlösung geben, mein Zustand, diese LSD-Vollvergiftung, würde noch eine ganze Weile anhalten, (und niemand gab mir die Gewähr, dass es nicht noch schlimmer kommen könnte): Das Weiterschwappen der Acidsäure durch alle Schichten war längst durchprogrammiert, da kam ich nicht mehr heraus – es WAR ZU SPÄT. Eine Angst, wie ich noch nie Angst verspürt hatte, umfing mich. Ich suchte Pepe, fand ihn nicht. Ich fand niemand von meinen Leuten.

Ich kam nicht klar mit den Monstern. Ich schloss die Augen, versuchte mich dem Schwarz anzufreunden, doch da war ja noch das Speed in den Beinen, das mir keine Ruhe ließ, kein Augenzumachen und durch. Säure schoss die Beine hoch, ich lief wie auf aussuppenden Batterien umher, mit Augen, die sich nicht mehr trauten, in entgegenkommende Gesichter zu blicken. Unmöglich, irgendwo anzuhalten. Luft zu holen. Zu überlegen. Ich fand niemanden von meinen Leuten; ich mied Gesichter – inmitten siebentausend Gesichtern. Einmal stand der dicke Hansen neben mir und brüllte etwas in mein Ohr, doch ich verstand ihn nicht, ich starrte nur zu Boden, um seiner Fratze zu entgehen.

“Keine Vorgruppe..”, wiederholte Hansen verblüfft, und ich floh aus dem Innenraum.

Als ich die Gasse unterhalb der Tribüne erreichte, wo man etwas Platz hatte, blickte ich hinauf zu den Rängen, und jetzt geriet meine Wahrnehmung komplett durcheinander. Die Bewegungen der Menschen, die auf der Tribüne ihre Plätze einnahmen, deutete ich falsch. Ich glaubte, das Publikum sei in Panik. Ich sah Menschen fliehen, über die Sitze stolpern, ein einziges großes Gewimmel war es, was sich dort oben abspielte. Und das schlimmste – es interessierte niemanden. Um mich herum war alles wie zuvor. Leute kamen mit Bier, Leute gingen Bier holen. Vielleicht war auf den Tribünen ein Feuer ausgebrochen und jetzt kletterte alles wild durcheinander und stürzte Richtung Notausgang.

Nur merkwürdig. Nirgends war ein Schrei zu hören, keine Hilfe-Rufe, es war eine lautlose Panik, die die Halle ergriffen hatte! Aber was zum Teufel war mit den Leuten um mich herum los, wieso gaben sich alle so unberührt? Sah denn wirklich niemand außer mir, was dort oben vor sich ging!?

JA MERKT DAS DENN NIEMAND?

Erst als das Hallenlicht unter Gejohle erlosch und schrille Pfiffe den Beginn des Konzerts forderten, verschwand das Gespenst einer Massenpanik. Ich versuchte mir irgendwie klarzumachen, dass es Halluzinationen gewesen sein mussten, nur Hallus.

Dumm nur, dass auf LSD definitiv kein nur existiert. Alles ist gleichsam wichtig, man bewegt sich wie in tausendfacher Vergrößerung unterm Elektronenmikroskop, schwimmt auf der Pipette. Das Selbst ist gleichsam monströs groß und winzig und enthauptet. Es gibt kein Ich mehr.

Nur noch Ich.

Auf Resten einer entglittenen Seele, niedergedrückte Versuche, mir zu entkommen, Abgrund überall, Wege weg vom Abgrund – hier entlang! Ich versuchte, Vorsprung zu gewinnen, Vorsprung vor mir selbst inmitten rempelnder Körper, einem brutalen MILLIARENGEMURMEL, o Herr – hätte ich es doch nur ungeschehen machen können.  Doch ich blieb wie zugeschnürt, randvoll pulsierend.

Auf der Bühne erschien Patti Smith, die sich feiern ließ für ein erbärmliches Gitarren-Solo. Das gab mir den Rest. Ich tigerte zurück in die die Vorhalle, zu den Poster-Ständen, den Fress- und Saufbuden. Immer in Bewegung, ohne ruhige Sekunde. Alles, was im cleanen Kopf ein Kinderspiel gewesen wäre, in die S-Bahn setzen und die dreiviertel Stunde bis nach Hause fahren, es war mir jetzt unmöglich.

Beifall brandete auf. Das erste Stück war vorbei. Ich schlich hinters Mischpult, wo genug Platz zum Tanzen war. Die Band spielte Ask the angels, FRAG DIE ENGEL, ich versuchte zu tanzen, mich in die Musik einzugraben, eine Schutzschicht aus Noten um mich herum zu ziehen, doch ich fand mich nicht. Ich spürte die Musik nicht. Ich spürte mich nicht. Ich war ein verlorener Chemieritter. Es blieb nur ein Hampeln. Ich blieb auf der Pipette.

Schuh begegnete mir an der Garderobe. Wir waren nicht gerade das, was man Freunde nannte. Was sagt man einem Bekannten, wenn die Seele gerade von zu starkem LSD zerschossen wird?

“Schuh.. ich bin auf Trip.. ich pack das nicht mehr..”, mehr brachte ich nicht heraus. Die Worte eines Hängenbleibenden. Nüchternes Zeugs. Doch Schuh zögerte keinen Moment.

“Lass uns hier verschwinden. Mir gefällt das Konzert eh nicht. Und ich hab einen dicken Brösel im Wagen.“

“Nein. Nicht kiffen”, sagte ich, “bloß nicht!”

Ich hatte Angst, dass mit Haschisch alles nur noch schlimmer werden würde, doch Schuh ließ sich nicht beirren.

“Auf Horror hilft nur viel kiffen, so viel wie möglich.”

In seinem R4 holte er ein Piece aus dem Handschuhfach, groß wie ein Hühnerei. Wir rauchten fünf oder sechs Joints, bis Schuh nicht mehr konnte und nur noch für mich drehte. Es war, als drückte das THC allmählich die Säure aus meinen Beinen, als würde sich mit jedem Zug aus der Haschischzigarette eine weitere leichte Decke über meine rohen Sinne legen, in der kühlen Stille des Autos. Wir sprachen kein Wort. Ich hatte keins, und Schuh wollte nicht.

Als der Brösel fast ganz aufgeraucht war, gaben die Dämonen endlich Ruhe. Schuh gähnte ausgiebig.

“Du Spezialist.”

 

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