Yellow Sunshine

Wer LSD nimmt und auf den Horror kommt, hat zuletzt nur noch einen Wunsch: Dass in Gottes Namen alles wieder so wird, wie es einmal gewesen ist. So normal und vertraut, wie man es gekannt hat, bevor die Säure das Bewusstsein kaperte und durchlöchert weiterreichte. Du wünschst dir nichts sehnlicher, als mit Freunden zusammensitzen, in eine stinknormale Tüte Colorado zu greifen und dabei amerikanische Soaps anzuschauen, die einem mit jeder Folge mehr ans Herz wachsen, du sehnst dich danach, ein ganz normaler Bürger zu sein, der LSD nur vom Hörensagen kennt, du möchtest, dass alles wieder so ist wie es früher einmal war.

LSD nehmen und auf den Horror kommen, das ist, als würdest du dir selber nachwinken, während du krachend in die Tiefe stürzt und alles mitreisst, was eine Seele ausmacht. Dabei gibt es auf Erden kein chemisches Material, das einen näher an die Ursprünge der eigenen Existenz führt. Ein guter Trip ist deine eigene Schöpfungsgeschichte, deine Indianererfahrung. Ein schlechter Trip dagegen klemmt wie ein schwarzer Schatten über deinem weiteren Leben, er begleitet dich wie ein böser Zeppelin.

Das Problem: Es gibt keinen Löschzug für einen schieflaufenden LSD-Trip. Die Brandwehr rückt erst gar nicht aus, wenn die Substanz dich innerlich in Schutt und Asche legt. Oder wie Albert Hofmann, Entdecker von LSD, im Alter erschüttert meinte: „Ich glaubte nie, dass ein Stoff mit dieser Kraft auf der Strasse landen könnte..“

Die erste Linse teilte ich mir im Frühsommer 1977 mit Pepe, eine Yellow Sunshine. Es war nicht nur die erste, es war auch die bei weitem beste Linse, die ich jemals eingeworfen hab. Danach hätte ich meine LSD-Experimente einstellen können. Yellow Sunshine haben einen gutwilligen Charakter, sie sind sonnig und sauber und korrekt, im Gegensatz zu anderen Linsen, wo schon eine Messerspitze zu viel oder zu wenig darüber entscheiden kann, ob du dich am sanftesten Lagerfeuer der Menschheitsgeschichte wähnst oder ob du dich im Verfolgungswahn selbst entzündest und verbrennst.

*

Wir waren seit Monaten hinter einer Yellow Sunshine her gewesen, doch Pepes großer Bruder hielt uns hin.

“Ein Trip ist nicht wie Kiffen, Jungs. Das kann schwer ins Auge gehen. Man muss mit jemanden zusammen sein, dem man blind vertrauen kann. Wartet noch ein bisschen. Wenn ich eine Yellow Sunshine in die Finger kriege, denk ich an euch.”

Yellow Sunshines, soviel hatten wir schon gehört, galten als die Könige unter den Linsen. Sie waren legendär. Sanft und lang anhaltend, wenig Halluzinationen, kaum Speed. “Was denn, was denn, keine Hallus..!?” sagten wir verstört. Was sollte ein Trip ohne Hallus? Der Bruder von Pepe lachte.  “Wartet nur ab.” Na schön. Was blieb uns anderes übrig

Pepes grosser Bruder war ein lieber Kerl, nicht der gescheiteste, etwas weich. Er war ständig auf Pille und bekifft und kicherte und verrechnete sich auf der Arbeit, er brachte alles durcheinander. Wenn die Bestellscheine aus den anderen Filialen mit Fragezeichen verziert retour kamen, ???, machte er eine Woche blau, schmiss Pillen ein, kiffte und kicherte. Ein Kindskopf, aber mit einem Riecher fürs Geschäft, das hatte er von seinem Vater geerbt. Pepes Bruder überführte gebrauchte Limousinen in die Türkei und brachte auf dem Rückweg Grünen Türken mit, in gepressten Platten. Es ging lange gut, erwischt haben sie ihn im Bee Gees-Sommer 1978, als Pepe und ich ihn auf einem Campingplatz an der Cote d’Azur besuchten, wo er mit Freunden Urlaub machte. Da kassierten ihn die französischen Flics, aufgrund einer dummen Bemerkung zur falschen Zeit.

Extra für den Urlaub hatte Pepes Bruder einen VW-Bus gemietet und den Unterboden mit hundert Gramm Rotem Libanesen präpariert. Nur zum Eigenverbrauch für drei Wochen Urlaub. Wir gerieten an einem heissen Nachmittag in die Polizeikontrolle. Den Flics von St. Tropez waren wir ein Dorn im Auge. Deutsche Hippies mochte niemand, aber die Gendamerie hasste uns, die verzogenen Enkel der Nazi-Generation.

Als man uns aufforderte aus dem Bus zu steigen, beging einer der Freunde von Pepes Bruder einen verhängnisvollen Fehler. Weil er Muffen hatte, die Flics könnten das Versteck unterm Wagenboden entdecken, zischte er leise, aber für alle vernehmbar, „Scheiße.“ Sofort sprang ein Bulle hinzu. Er sprach ein paar Brocken Deutsch. Wichtige Brocken. “Wieso Scheisseh? Wieso sagen Sie Scheisseh..?!” Der Freund von Pepes Bruder begann zu schwitzen. Ihm fiel nichts ein. Wir alle schwitzten.

“Weil..”

Weiter wollte ihm partout nichts einfallen, und so hing dieses unschuldige kleine Wörtchen in der flirrenden südfranzösischen Luft, wie ein winziger Vagabund, der nur eines im Sinn hatte: weg hier. Bloß, wohin — !? Grimmig nahmen die Flics den Wagen auseinander, am hellichten Tag auf dem Parkplatz eines Supermarkts in St. Tropez. Es dauerte keine Viertelstunde, und der Pot war gefunden. Nach einem Nachmittag auf der Gendamerie durften Pepe und ich gehen, nicht ohne Stadtverbot zu kassieren, für St. Tropez und das angrenzende Departement. Mit der Auflage, uns nie wieder dort blicken zu lassen. (Pepes Bruder wurde später zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt, eine für französische Verhältnisse geradezu lächerlich geringe Strafe. Sein Vater hatte ihm den besten Verteidiger besorgt, der für Geld zu haben war.)

*

An einem Frühlingstag war es endlich soweit. Die Yellow Sunshine war da. Eine kleine orangefarbene Tablette.

“Bleibt auf jeden Fall zusammen, egal was passiert, geht raus ins Grüne”, gab uns Pepes Bruder mit auf den Weg. “Bleibt bloß nicht auf dem Zimmer hocken.”

Jedes Mal, wenn ich eine Droge neu ausprobierte, war Pepe mit an Bord. Der erste Trip, das erste Mal Heroin, die erste Nase Koks, selbst das erste Pfeifchen Haschisch teilte ich mir mit Pepe.

1976, spätabends in der Nordstadt. Wir hockten auf den Treppenstufen der katholischen Kirche Unter St. Clemens und ergötzten uns am Straßenverkehr, an den warmen Wechselfarben der Ampelschaltungen und roten Rücklichtern der Mopeds, am Sound dahinjagender Herzinfarktlimousinen. So homogen, so perfekt war das vom Haschischrausch produzierte Bild, als hätte jemand zu unseren Füßen die grosse Elektrische aufgebaut, mit einem Unterschied: die Märklin-Show war lebensgroß. Wir saßen an Gottes Trafostation und ließen es laufen. Mit Pepe und einem guten Trafo konnte man die Dinge ganz wunderbar laufen lassen.

*

Zwei Jahre später war LSD das Geheimnis. Das Geheimnis der großen Brüder. Wir hörten so viel, sie erzählten so wenig. Sie behielten es für sich. Es war ihr letzter Trumpf. Pepes Bruder mussten wir lange bearbeiten, bis er endlich nachgab und die Linse besorgte. Eine funkelnde kleine gelbe Sonne. Wir hatten regelrecht betteln müssen, bis wir sie endlich in den Händen hielten. Und nun steckte sie in unserem Kopf, seit einer Stunde schon, und es geschah – nichts.

Als wir uns schon beinahe verschaukelt fühlten, vom Geheimnis entkoppelt, ging es, leicht noch zunächst, los. Ein erster sachter Einschlag. Wer LSD nicht kennt, wer es nie probiert hat, der erwartet alles mögliche, nur  keinen unaufdringlichen Gast an einem milden Sommertag. Ja, man weiß anfangs nicht einmal, bin ich schon auf Acid? Ist das schon die Linse?

Angenehm, das Licht. Das organische Federn.

Und urplötzlich – ist man mittendrin. Ohne Worte. Wie immer, wenn es wichtig wird im Leben, wenn es wirklich drauf ankommt, sind Worte nichts als tapsige Urlauber, die im falschen Augenblick durchs Bild rennen. Man kann auf sie verzichten. Man kommt ohne sie besser klar.

(Eines der irrsten Erlebnisse auf LSD, wenn auch auf einem späteren, mehr vom Speed dominierten Trip: Wie der dicke Hansen und ich nebeneinander auf dem Scheisshaus sitzen und uns schweigend eine Klobrille teilen. Es war, als wollte der Stuhlgang überhaupt nicht enden, als würden wir ganze Planeten ausscheiden.

“Boh..”, grunzte der dicke Hansen.)

Am Zedernweg stiegen wir über einen Zaun und ließen uns auf einer Kuhwiese nieder, Pepe und ich, lang ausgestreckt, die Ohren nah am Klauberger Bach. So mächtig kam der Klang des Wassers, so unmittelbar und jäh, als senkten sich gewaltige Tonarme in die Rille des Bachbetts – Wassertropfen, wie von Ping Pong-Schlägern geschmettert, pfiffen und giggelten uns um die Ohren, wir beobachteten Finger, wie sie von Norden kommend durch geweihtes Wasser schlenderten.

Geweihte Finger.

Kaum nahmen wir die Ohren vom Bach und legten uns ins hohe Gras, machte sich unbekannte Ruhe breit. Ich weiss nicht, wie lange wir dort lagen, es mögen Tage gewesen sein, eine Viertelstunde, ein Moment nur, die Entspannung war total. Ein großes gleichmäßiges Herz schlug in uns, ein helles Uhrwerk. Höhepunkt: Wie Pepe und ich Schulter an Schulter auf der tiefen Wiese stehen und zur Sonne aufblicken. Mit der bloßen Kraft des Augenblicks schoben wir den blassen Bombenkopf am Himmel entlang, platzierten ihn neu am Firmament, fixierten ihn, ließen ihn kopfüber abtropfen, liessen ihn purzeln, tanzen, glühen.

Egal, was der eine tat, der andere folgte und machte es nach. Wir spielten großes Sonnenverschieben. Blickte man nach links, rückte die Märzsonne nach links, blickte man nach rechts, rutschte sie nach rechts. Ein Wimpernschlag reichte, und schon rutschte die große blasse Bombe in die entfernteste Ecke des Himmelreichs und darüber hinaus. Mit Genickstarre wie im Kino, erste Reihe, Hauptfilm, schlenderten wir weiter; Eidechsen am Strassenrand, in tiefer Aufmerksamkeit,

grüßten.

Gezwitscher von Vögeln tropfte auf uns nieder, wie Regen. „Vögel sind freundliche Menschen“, sagte jemand. Eichhörnchen, von Baum zu Baum unterwegs, nutzten die überhängenden Zweige als Zubringer. Rascheln im Wald, das Gehuste einer alten Hexe. Der Trip dauerte bis in den Abend.Verbunden durch ein nur allmählich ausleierndes chemisches Band erreichten wir die Hofschaft Theegarten, wo uns Sonnenblumen ihr Köpfchen entgegenreckten wie Richtmikrofone, die alles aufzeichneten für die Ewigkeit.

(Kann gar nicht sein, sagte einer.)

Spätere Trips, mit Speed gepanscht, gingen hauptsächlich in die Beine, stifteten Unruhe. Einmal steppten wir zu fünft die Wupperstasse entlang, den schläfrigen Basslauf von “Clever Trever” von Ian Dury in den Oberschenkeln, (die Nummer hatten wir x-mal hintereinander gehört, immer wieder neu aufgelegt), eine Prozession bekloppter Beine. Nicht übel, aber flüchtig. Speedig. Kein Vergleich zur Meditation einer Yellow Sunshine.

Die letzte Acid-Tat: Pepe bröselte einige Cracker, die er in der Hosentasche hatte, in den Bach, und wir schauten versonnen den Krümeln hinterher, ihrem Verschwinden.

*

Ostern 1978 gastierte die große Patti Smith in Düsseldorf. Sie war so populär geworden, dass wir die Karten im Vorverkauf besorgen mussten. Zwar war das neue Album Easter nicht so gut wie Horses und Radio Ethopia, aber es enthielt Because the Night, ihren ersten echten Single-Hit.

Horses, das Debüt, war eins meiner absoluten Lieblingsalben. Das Stück Birdland, eine sechsminütige Landschaft aus Baum und Bass, sowie ihre rauh und sexy hingerotzte Einleitung von Gloria, “Jesus died for somebody’s sins but not mine”, hatte ich so oft gespielt, dass die Langspielplatte an der Stelle knisterte wie ein Scheiterhaufen. Eine verdammte Jesusverbrennung. Patti Smith war eine Druidin, ihr Zaubertrank wurde auf Vinyl ausgeschenkt. (Dummerweise ist ihr Name für mich bis heute mit meinem grössten nervlichen Desaster verbunden.) (Auch wenn ich andererseits vermute, dass ich schon mit einem gewissen Nervenscharren zur Welt kam.)

Einen Tag vorm Konzert rief Pepe an und meinte, er könne was Acid klar machen.

“Ein Konzert auf Trip? Bist du übergeschnappt?”

“Kein normaler Trip. Eine Yellow Sunshine..”

Das war was anderes. Seit der Trip-Erfahrung am Hippergrund verband uns diese spezielle Linse, das wollten wir wiederholen, auch wenn man sich nie sicher sein konnte, was man da schluckte. Aber wer nicht mit 18  lebt, als könne nichts schiefgehen, wann dann?

Und dennoch – ich hatte kein gutes Gefühl, von Anfang nicht. Eine Linse gehört nicht in die Konzerthalle, sie gehört in die Natur, nach Faustregel Nummer 1: Keine Wände! Nichts, was dich irgendwie einkesseln und beschränken könnte.

*

Wir waren vorm Mumms verabredet an diesem Samstag, Pepe und ich sowie drei oder vier andere Leute, die ihre Karte für Patti Smith schon in der Tasche hatten.

Pepe nahm mich beiseite.

“DieYellow Sunshine hat sich erledigt”, sagte er, und ich war schon fast erleichtert, “aber mein Bruder hat eine Red Star abgedrückt.”

Am liebsten hätte ich die Sache auf der Stelle abgeblasen, doch Pepe wollte das Konzert unbedingt auf Linse erleben, und das brachte mich in einen Konflikt. Es war nicht nur ungeschriebenes Gesetz, einen Trip in der Natur zu schmeissen, man liess auch einen Freund nicht allein auf Trip gehen.

Soweit nachvollziehbar. Warum wir den Red Star aber, einen gezackten roten Stern, der wie ein mit Zuckerglasur überzogener winziger Kirmesapfel funkelte, gleich in zwei Hälften teilten und einwarfen, anstatt ihn erst mal zu vierteln und eine halbe Stunde abzuwarten, um zu sehen, wie stark die Säure war, (selbst Pepes Bruder hatte bis dahin noch keinen eingeworfen), dafür gibt es im Nachhinein nur eine einzige Erklärung:

Wir waren jung.

Ich seh uns noch vorm Mumms stehen, an den Parkscheinautomaten gelehnt. Wie Pepe den Stern in der hohlen Hand entzweibricht und jeder seine Hälfte schluckt, Schluck Bier hinterher, und wie der dicke Hansen Wind von der Sache kriegt und neugierig angeschlichen kommt, von hinten.

“He! Was pfeift ihr beide euch denn ein? Ne Linse?”

“Was? Nee”, sagte Pepe.

Auch ich schüttelte nur den Kopf. Der dicke Hansen auf Drogen, das bedeutete bloß  Scherereien. Und was kann man auf Acid partout nicht gebrauchen? Scherereien.

Dafür ist LSD nicht gebaut.

*

Wir fuhren mit zwei Wagen nach Düsseldorf.

Ich stieg beim Schuh ein, im roten Kasten-R4, Pepe in den Wagen dahinter. Schuh, ein charmanter langer Schlaks, der skeptisch in die Welt guckte und mich mit “He, du Spezialist” zu grüßen pflegte, war nicht nur ein paar Jahre älter, er fiel schon von der ganzen Ausstrahlung in die Kategorie Großer Bruder, auch wenn er Einzelkind war.

Nach nicht mal einer halben Stunde setzte die Wirkung ein – mitten auf der Autobahn Richtung Düsseldorf-Oberbilk. So rasch hatte es mich noch nie erwischt. Ich konnte kaum stillhalten, die Füße drängelten unterm Sitz hervor wie Flöze, die nur noch raus wollten aus dem verdammten Erdreich. Ich saß auf einem Bunsenbrenner.

Ich war heilfroh, als wir endlich in den Parkplatz vor der Philipshalle einbogen. Kaum war ich aus dem Wagen gestiegen, stürzte Pepe auf mich zu, aus dem zweiten Auto.

“Alter, was.. ist das denn..?!” zischte er, unterfüttert von einem in die Breite blubbernden Grienen, das ich so noch nie gesehen hatte, weder bei Pepe noch bei irgendwem sonst, doch ich konnte nichts erwidern. In meiner an Strommomenten nicht gerade armen Drogenkarriere steckte ich im funkelndsten aller Strommomente – und hatte keine Worte.

(Zumal LSD keine Droge ist. Es ist eine Form von Wahrheit.)

Im gleißenden Flutlicht der Laternenmasten marschierten Pepe und ich Seite an Seite über den Parkplatz der Philipshalle, Stars auf schwarz geteerten glänzenden Bühnenbrettern.

Ein rot glitzernder Aufgalopp.

Als in meiner Nähe jemand versehentlich den Schlüsselbund fallen ließ, schepperte es in meinen Ohren, als stürzten riesige Stahlträger zu Boden. Ich duckte mich erschrocken, während Pepe lässig weiter stolzierte, hin zum Gemurmel der Halle, zum Gelächter der In-Crowd, die, zurecht gemacht fürs Konzert, den Kassenbereich angockelte.

Umtost vom Hupen ankommender Autos, vom Club-Sound schwerer Motorräder, verschmolz alles zu einem einzigen pulsierenden Super-Ereignis . Willkommen auf dem Acid-Trip, machs gut, Kamerad, verlier mich nicht.

Ich holte Pepe ein. Wir blickten uns an, halb irre schon (Innerlich noch am wegducken, ich.)

(Das Universum erklärt sich immer dort, wo du dich gerade aufhältst.)

“Shit, ist das hell hier”, hörte ich Pepes Begeisterung, während ich mich schon sorgte, was denn erst drinnen werden sollte, in der Philipshalle. Zusammengepfercht, unter Tausenden. Und richtig mulmig wurde mir, nachdem ein Ordner unsere Eintrittskarten abgerissen hatte und wir die Vorhalle betraten, das Reich der Bierstände, der T-Shirt-Verkäufer, und wo mir schlagartig bewusst wurde, dass ich für die nächsten Stunden hier gefangen sein würde. Dass es kein Entrinnen geben würde aus diesem flachen Betonquader.

Jeder Acidhead kannte einen Acidhead, der einen Acidhead kannte, der hängen geblieben war auf Acid, nicht mehr zurückgekehrt war, der es nicht mehr geschafft hatte.

Der in der Klapse gelandet war.

*

(Bernie Wester hatte sich im Übermut eine Handvoll Trips in den Mund werfen lassen, wie verdammte M&M’s. Einige spuckte er wieder aus, andere nicht, sie rollten in sein Hirn. Es hieß, seine Augen wären damals fast geplatzt, vor lauter Innendruck, die Ärzte hatten ihre liebe Mühe, sein Augenlicht zu retten. Er blieb zwölf Monate im Landeskrankenhaus. Der nette Bernie Wester.)

*

Bedrängt von Fans in speziell punkigen Patti Smith-Capes, die sich nach vorne kämpften, um die besten Plätze zu ergattern, schoben wir uns in den Innenraum der Philipshalle. Aus Bühnen-Boxen, zu Türmen übereinandergestapelt, dröhnte Miss you von den Stones. Miss you mit dem rollenden Disco-Basslauf und der fröhlichen Mundharmonika, Miss you, gerade überall Nummer 1 – und dieses eine Mal noch grinsten wir uns verschwörerisch an, Pepe und ich, ein letztes Mal, bevor wir uns für den Rest des Abends aus den Augen verlieren sollten.

Unterhalb der Tribüne bildete sich eine Gasse, in der das Publikum hin und her strömte, hin zu den Bierständen, zurück zu den teuer erkauften Plätzen. In diesen Gesichtern begann der Horror. Fratzen, breit wie Brotkästen, das Maul eingekleistert, bebuttert, blutig geratschte Augen. Ich blickte in Schlachthof-Visagen, teigige Fleischwunden. Als mampften alle aufgeweichtes Krepp. Alle sahen aus wie Kasper.

Ich hatte auf Acid Hallzuninationen gehabt, doch dieses Fratzenhafte, Zerstörte sprengte alles bislang Gesehenes, war eine Dimension näher am Irrsinn, ich bewegte mich auf Stromschnellen und das Schlimmste: ES würde anhalten, so schnell würde ES keine Erlösung geben, mein Zustand, diese LSD-Vollvergiftung, würde noch eine ganze Weile anhalten, (und niemand gab mir die Gewähr, dass es nicht noch schlimmer kommen könnte): Das Weiterschwappen der Acidsäure durch alle Schichten war längst durchprogrammiert, da kam ich nicht mehr heraus – es WAR ZU SPÄT.

Eine Angst, wie ich noch nie Angst verspürt hatte, umfing mich. Ich suchte Pepe, fand ihn nicht. Ich fand niemand von meinen Leuten.

Ich kam nicht klar mit den Monstern. Ich schloss die Augen, versuchte mich mich dem Schwarz anzufreunden, doch da war ja noch das Speed in den Beinen, das mir keine Ruhe liess, kein Augenzumachen und durch. Säure schoss die Beine hoch, ich lief wie auf aussuppenden Batterien umher, mit Augen, die sich nicht mehr trauten, in entgegenkommende Gesichter zu blicken. Unmöglich, irgendwo anzuhalten. Luft zu holen. Zu überlegen.

Ich

fand niemanden von meinen Leuten; ich mied Gesichter – inmitten siebentausend Gesichtern.

*

Einmal stand der dicke Hansen neben mir und brüllte etwas in mein Ohr, doch ich verstand ihn nicht, ich starrte nur zu Boden, um dem Gebeize seiner Fratze zu entgehen.

“Keine Vorgruppe..”, wiederholte Hansen verblüfft, und ich floh aus dem Innenraum.

Als ich die Gasse unterhalb der Tribüne erreichte, wo man etwas Platz hatte, blickte ich hinauf zu den Rängen, und jetzt geriet meine Wahrnehmung komplett durcheinander. Die Bewegungen der Menschen, die auf der Tribüne ihre Plätze einnahmen, deutete ich falsch. Ich glaubte, das Publikum sei in Panik. Ich sah Menschen fliehen, über die Sitze stolpern, ein einziges großes Gewimmel war es, was sich dort oben abspielte. Und das schlimmste – es interessierte niemanden. Um mich herum war alles wie zuvor. Leute kamen mit Bier, Leute gingen Bier holen.

Vielleicht war auf den Tribünen ein Feuer ausgebrochen und jetzt kletterte alles wild durcheinander und stürzte Richtung Notausgang.

Nur merkwürdig. Nirgends war ein Schrei zu hören, keine Hilfe-Rufe, es war eine lautlose Panik, die die Halle ergriffen hatte! Aber was zum Teufel war mit den Leuten um mich herum los, wieso gaben sich alle so unberührt? Sah denn wirklich niemand außer mir, was dort oben vor sich ging!?

JA MERKT DAS DENN NIEMAND?

Erst als das Hallenlicht unter Gejohle erlosch und schrille Pfiffe den Beginn des Konzerts forderten, verschwand das Gespenst einer Massenpanik. Ich versuchte mir irgendwie klarzumachen, dass es Halluzinationen gewesen sein mussten, nur Hallus.

Dumm nur, dass auf LSD definitiv kein nur existiert. Alles ist gleichsam wichtig, man bewegt sich wie in tausendfacher Vergrößerung unterm Elektronenmikroskop, schwimmt auf der Pipette. Das Selbst ist gleichsam monströs groß und winzig und enthauptet. Es gibt kein Ich mehr.

Nur noch Ich.

Auf Resten einer entglittenen Seele, niedergedrückte Versuche, mir zu entkommen, Abgrund überall, Wege weg vom Abgrund –

hier entlang!

Ich versuchte, Vorsprung zu gewinnen, Vorsprung vor mir selbst inmitten rempelnder Körper, einem brutalen MILLIARENGEMURMEL, o Herr – hätte ich es doch nur ungeschehen machen können.  Doch ich blieb wie zugeschnürt, randvoll pulsierend.

*

Auf der Bühne erschien Patti Smith, die sich feiern ließ für ein erbärmliches Gitarren-Solo. Das gab mir den Rest. Ich tigerte zurück in die die Vorhalle, zu den Poster-Ständen, den Fress- und Saufbuden. Immer in Bewegung, ohne ruhige Sekunde. Alles, was im cleanen Kopf ein Kinderspiel gewesen wäre, in die S-Bahn setzen und die dreiviertel Stunde bis nach Hause fahren, es war mir jetzt unmöglich.

Beifall brandete auf. Das erste Stück war vorbei. Ich schlich hinters Mischpult, wo genug Platz zum Tanzen war. Die Band spielte Ask the angels, FRAG DIE ENGEL, ich versuchte zu tanzen, mich in die Musik einzugraben, eine Schutzschicht aus Noten um mich herum zu ziehen, doch ich fand mich nicht. Ich spürte die Musik nicht. Ich spürte mich nicht. Ich war ein verlorener  Chemieritter. Es blieb nur ein Hampeln. Ich blieb auf der Pipette.

Schuh begegnete mir an der Garderobe. Wir waren nicht gerade das, was man Freunde nannte. Was sagt man einem Bekannten, wenn die Seele gerade von zu starkem LSD zerschossen wird?

“Schuh.. ich bin auf Trip.. ich pack das nicht mehr..”, mehr brachte ich nicht heraus. Die Worte eines Hängenbleibenden. Nüchternes Zeugs. Doch Schuh zögerte keinen Moment.

“Lass uns hier verschwinden. Mir gefällt das Konzert eh nicht. Und ich hab einen dicken Brösel im Wagen.”

“Nein. Nicht kiffen”, sagte ich, “bloß nicht!”

Ich hatte Angst, dass mit Haschisch alles nur noch schlimmer werden würde, doch Schuh ließ sich nicht beirren.

“Auf Horror hilft nur viel kiffen, so viel wie möglich.”

In seinem R4 holte er ein Piece aus dem Handschuhfach, groß wie ein Hühnerei. Wir rauchten fünf oder sechs Joints, bis Schuh nicht mehr konnte und nur noch für mich drehte. Es war, als drückte das THC allmählich die Säure aus meinen Beinen, als würde sich mit jedem Zug aus der Haschischzigarette eine weitere leichte Decke über meine rohen Sinne legen, in der kühlen Stille des Autos. Wir sprachen kein Wort. Ich hatte keins, und Schuh wollte nicht.

Als der Brösel fast ganz aufgeraucht war, gaben die Dämonen endlich Ruhe. Schuh gähnte ausgiebig.

“Du Spezialist.”

Ein Gedanke zu „Yellow Sunshine

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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