Wasserkrawall

Montagfrüh, Regenwettergeschichte. Ich war mit dem Obus unterwegs, musste am Central umsteigen. Wer fremd ist in der Stadt und eine Kreuzung namens Central sucht, oder das Hotel Tack am Central, wird vom Navigationssystem zu einem unspektakulären Knotenpunkt zwischen den Stadtteilen Gräfrath, Mitte und Wald gelotst. Viel Lärm, ein Hotel. Kaum Baum.

Wie der Herrgott einst die Natur erfand? Er liess sein gesamtes Inventar über Nacht draussen stehen und wartete, bis es grün wurde. So machte er es immer. So ungefähr. Am Zentral hatte es nicht so gut geklappt.

Unweit vom Hotel stieg ich aus, klappte den Schirm auf. Die Regenböen fielen seitlich ein, ein kräftiges Westgeschäft, STURM, selbst der begabteste Schirm konnte da nichts reißen. Ich klappte ihn wieder ein und zog die Kapuze über.

Im Regen wechselte ich die Strassenseite, und obwohl ich es eilig hatte, blieb ich jäh stehen. Von der Dachrinne eines hohen Gründerzeitbaus prasselte das Wasser nieder, gebündelt zu einem langen Zopf schlug es hart aufs Trottoir. Ich drückte mich der Hauswand entlang, bis ich lotgenau unterm Wasserfall zum Stehen kam und ihm Gelegenheit gab, auf den – jetzt wieder entspannten – Schirm zu trommeln; ein Gehämmer wie von hundert Protzen, die sich vor der Pinkelrinne aufbauen und es krachen lassen.

Es blieb keine Zeit, auch wenn ich ein großer Fan von Geräuschen bin – ich musste den Bus nach Wald erwischen. Hinter mir hörte ich ihn schon herankriechen, den Strom kauenden Oberleitungsbus, los jetzt: bei Rot über die Fußgängerampel.

Ich war nicht der Einzige, der die Linie 2 noch kriegen wollte, in meinem Schlepptau wackelte ein xbeiniges Mütterchen über die vielbefahrene Strasse, zwang den Berufsverkehr (und einen hochhackigen Freizeitjeep) zum Mitdenken, sonst wäre sie weg gewesen, aufgespiesst.

„Na, wir sind ja schöne Vorbilder“, schnaufte das Mütterchen, als wir an der Haltestelle ankamen.

„Aber natürlich“, keuchte ich.

Es stellte sich schnell heraus, dass es der falsche Bus war. Statt nach links Richtung Solingen-Wald bog er an der Kreuzung nach rechts ab, Richtung Solingen-Gräfrath. Linie 3 statt Linie 2.

„Sind wir ganz umsonst bei Rot und so“, feixte die alte Dame,  „hätten wir uns gar nicht sputen müssen.“

Ein bißchen ähnelte sie einer Kaulquappe, aber das konnte auch an den nassen Umständen liegen. Ein kleines Persönchen, das sich trotz des Alters linkisch bewegte, unfreiwillig akrobatisch.

„Das wird überhaupt nicht richtig hell heute“, sagte sie.

„Stimmt, seit Tagen nicht.“

„Ja stimmt. Seit Tagen nicht.“

„Nicht richtig hell.“

Ich schaute mich um. Wo ich stand, war geweihte Erde. Die Haltestelle, keine zehn Schritte entfernt von dem überwucherten Gelände, auf dem einst das Geburtshaus von Pina Bausch stand. Ein zuletzt baufälliges altes Fachwerkhäuschen, das gegen geringen Widerstand in der Bevölkerung abgerissen wurde, zu einem Zeitpunkt, als Pina Bausch noch lebte und kaum jemand in der Stadt wusste, wer Pina Bausch war. Ein Jahr später war sie plötzlich tot, und plötzlich wusste die ganze  Stadt, wer Pina Bausch gewesen war, die große Choreografin des Plötzlich, und alle wollten ihren Tod mitfeiern.

(Die Gräfin nahm mich 1989 mit ins Ballett. „Wie, Ballett?“ fragte ich. „Was soll ich im Ballett?“ „Nicht Ballett“, sagte sie. „Pina Bausch.“ Wir sahen uns Nelken an. Toller Abend.)

Am Central war ein Brachgelände aus dem Ort geworden, wo Pina Bausch aufwuchs. Nahe Hotel Tack, unweit Cafe Müller. Wilder Weizen hatte sich ausgesät, buschige kleine Regentage, eine Landschaft ohne Zaun, mild und friedlich, wie von einem wohlmeinenden Regengott hingewürfelt, locker aus dem Handgelenk.

Wo Pina als zehnjähriges Mädchen sonntags losgezogen war, um Kuchen zu holen im benachbarten Cafe Müller. Die kleine Pina, immer in Bewegung, immer am tanzen, immer bergische Schlange. Solingen, am Central 1950.

„Stellen Sie sich vor, all der Regen der letzten Woche wäre als Schnee runtergekommen“, schlug das alte Mütterchen vor, tief unterm Schirm geduckt.

„Ja, dann wären wir jetzt eingeschneit, dann würden wir jetzt versinken“, sagte ich.

„Nach dem Krieg war ich mit meinem Bruder im Westerwald, mit dem Zug. Sei vorsichtig, wenn du aussteigst, hatte mein Bruder noch gesagt, der Schnee liegt hoch, wenn du hinfällst, buddel ich dich nicht mit bloßen Händen raus. Und was tut die kleine Schwester? Springt einfach aus dem Zug. Klar, das konnte man von oben nicht sehen, wie hoch der Schnee lag. Und schwupps war ich weg, eingesunken bis zur Nasenspitze. Was hab ich geschrieen.. Ich dachte, ich ersaufe.“

„Und dann hat der große Bruder Sie ausgegraben?“

„Ja natürlich, dafür sind große Brüder doch da. Der war zehn Jahre älter als ich und einen Kopf größer. Du großer Blödmann, sagte ich immer. Da! Da kommt unser Bus..“

Die alte Dame zog den Schirm ein und wankte beim Einsteigen wie ein Schiffchen im Sturm, ich folgte ihr, drehte mich aber kurz um und sah die kleine Pina, wie sie vom Cafe Müller kam, eine Papiertüte voller Gebäck in der Hand, über den Bürgersteig tänzelend, auf Zehspitzen Von den blauen Bergen kommen wir summend.

(Unser Lehrer ist genauso doof wie wir.)

Ich verzog mich ganz nach hinten, in die letzte Sitzreihe. Der Regen klopfte hysterisch gegen die Panoramascheiben. Ich sah den Nothammer, merkte mir die Position. Nur für den Fall.

Wasserkrawall.

©

500beinegrafik

..

„Bist du einsam?“ fragt sie Pfingstsamstag. Sie sitzt im Bett, mit dem Rücken zur Wand, und strickt.

„Einsam..? Ich?“

„Ja. Du.“

„Wieso?“

„Nur so.“

..

aus Feldwebel Glumms Lonely Hearts Club Band

Advertisements

4 Gedanken zu „Wasserkrawall

  1. heut sah ich mal eine Pina bei Penny ..die hüpfte sehr viel..und junge …mit einer etwas oberflächlichen Art lief ihre mutter ,ne der onkel es war nicht mal ihrs
    nur rum bie Penny..
    ein afrikanischer Sohn grossreicher ..Audifahrer mit mirowelle
    so Mara tHone..

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s