Achtung! Hier kommt ein Evergreen

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© s. eggert

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Erinnert sich jemand? In den 80ern gab es diesen schlimmen Werbeslogan für Instant-Kaffee, I love Genuß sofort, der einem auf die Nerven ging wie ein Ohrwurm von Phil Collins. Ich hasste Phil Collins, und doch ertappte ich mich dabei, wie ich eines Nachts im Nieselregen nach Hause schlenderte und gut gelaunt In the air tonight flötete,

oh Lord.

Genauso erging es mir mit I love Genuß sofort: ein dämlicher Spruch, ein Slogan für den Arsch, doch andererseits, klar, natürlich, auch I loved Geklatsche and Gejohle sofort.

(aus I love Geklatsche and Gejohle sofort)

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“Deine Platten waren deine kleinen Nutten”, sagte die Gräfin zu mir, “so abschätzig, wie du sie behandelt hast.”

Damit lag sie nicht mal falsch. Wenn ich mir (schön) einen runterholte, passierte es ab und zu, dass die Schlacke achtlos auf einer achtlos am Boden liegenden Platte landete und die Rille verstopfte, ein kleines pointiertes weisses Unwetter.

Hach, Popmusik, herrlich.

Als die Gräfin mich kennenlernte, war ich sechsundzwanzig und in der Spätphase meiner Pop-Besessenheit. Zwar nährte mich Popmusik immer noch mit Schwärmerei, und ich musste ständig mit Schwärmerei genährt werden, sonst wurde mir langweilig, doch ich war nicht mehr verrückt danach. Ich musste die Songs nicht mehr besitzen. Ich konnte sie auch einfach hören und Song sein lassen, ohne sie unbedingt zu glorifizieren.

Die letzte 45er Single kaufte ich mir 1989, Everything I own von Boy George, eine verwässerte Hommage an das Original von Ken Boothe, das ein wunderbar schlichter Reggae war, wie eine Sommerhütte am Strand, früh am Abend, Windstille – und hinterm Küchenschrank kriecht ein Ohrwurm hervor, groß wie ein Gecko.

(aus: Plattendieb)

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Schlimm sind die ganz abgenudelten Ohrwürmer, die man nicht mehr los wird. Die sich in dein Gehirn eindrehen wie eine Schraube ins Gewinde, und irgendwann sind sie eingerostet und niemand kriegt sie mehr raus. Nicht mal mit Weltraumwerkzeug aus der Weltraumwerkzeugspezialtasche.

Wobei es feine Unterschiede gibt zwischen einem Ohwurm und einem Evergreen. Ein Evergreen ist ein Song, der sofort eine eigene Stimmung lostritt, ohne den dicken Hammer. Einen Ohrwurm dagegen beschreibt die Gräfin so.

„Alles, was ich mitsingen MUSS, auch gegen meinen Willen, ist nicht in Ordnung.“

Logisch, dass man bei dieser zwar richtigen, aber dennoch diffusen Definition nicht immer einer Meinung ist.

Raindrops keep falling on my head von B. J. Thomas etwa ist für mich ein klarer Fall von Evergreen, für sie ein verdammter Ohrwurm. Bei These boots are made for walking von Nancy Sinatra sind wir uns rasch einig, Evergreen. My way (Frankieboy): Für sie ein Evergreen, für mich Ohrwurm überhaupt.

Die allerübelsten Ohrwürmer neigen dazu, auf der Stelle zu galoppieren, eine Art mechanisches Schaukelpferd, das nicht vom Fleck kommt und pausenlos vor und zurückschaukelt, mit einem Refrain, der sich in einer Endlosschleife wiederholt.

Love is in the air ist so ein beschissener Schunkel-Oldie aus den 70ern, der heute noch im Radio zu bestaunen ist und zum beschleunigten Einkoten einlädt. Dabei gibt es genug Songs, die es verdient hätten, häufiger gespielt zu werden, aber es ist, als hätte es sie nie gegeben, als wären sie niemals aufgenommen  worden. Als würden sie im entlegensten Winkel dieser Erde in einem geheimen Tresor lagern, mit der Aufschrift

ACHTUNG! SONGPERLEN! NICHT SENDEN!

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6 Gedanken zu „Achtung! Hier kommt ein Evergreen

  1. Aber ich hoffe doch,daß Du Genesis vor 75 gut findest/fandest,als Peter Gabriel noch Sänger und Phil Collins nur der Drummer war?bis 75 waren sie eine meiner Lieblingsbands,das heißt,entdeckt und gehört natürlich erst in den 80/90ern.fand in the air und against all odds auch geil,wäre da nicht all der andere Schrott.aber du hast recht,über Musik streiten kann man sich sparen.nur,bis jetzt war ich halt immer Deiner Meinung. und jetzt das…

  2. Gab’s bei euch auch wettwichsen?mein jetzt weniger nebeneinander beim Pornogucken,eher wer den Rekord hält innerhalb 24 Stunden.ich lag mal mit 12 vorn,Markus löste mich dann mit 14 ab (ich glaub alleine achtmal während den 90 min seines Lieblingsporno’s).oh je,und heute…

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