It’s all about finesse – Zum Tode von JJ Cale

JJ Cale ist tot. Einer der ganz großen Songschreiber starb in Kalifornien 74jährig nach einem Herzinfarkt.

Layla summt die Gräfin wehmütig, als sie die Nachricht von Cales Tod im Videotext aufschnappt, bis ich einschreite, He, das ist von Clapton.

Ach so.

Es ist zum Heulen. Erst wird Gandolfini von einem schweren Herzinfarkt dahingerafft, und jetzt Cale. Und mich hat’s auch schon (fast) erwischt – mir gehen langsam die Helden aus. (Wenn Bob Dylan eines Tages tot ist, worüber das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, habe ich die Überschrift für den Nachruf schon in der Tasche: HIS DEADNESS.) Aber das Cale sterben könnte, damit habe ich nicht gerechnet. Das war nicht vorgesehen. Das hat was von Frevel. Da wildert das Schicksal in meinen ureigenen Soundgründen.

Kaum jemand schaffte es, mich gefühlsmäßig so mitzunehmen auf seine Reise wie Cale. Seine Songs, seine frühen Alben sind der Soundtrack meines Lebens. Unseres Lebens.

Was Musik anging, hatte jeder seine eigenen Favoriten. Der dicke Hansen, der auf seiner original Hammond, eingeschifft aus New Orleans, Orgelunterricht gab, stand auf Jazz & Funk, Karlos und ich verehrten die Doors und Jonathan Richman, Pepe liebte Bob Marley und Benzini Punk und Ska, das rassige Mauerblümchen der Popmusik. Der Sound jedoch, der uns alle verband, auf den wir uns alle verständigen konnten, war der Sound von JJ Cale.

Cale schwebte über allen. Er war der stoppelbärtige Tramp, der im offenen Viehwaggon durch den Westen trampte, lässig auf einem Grashalm pfeifend, einen Nagel in den Stiefel getreten.

Er war unser Gott.

Wir waren um die Zwanzig und vernarrt in lässige amerikanische Okie-Musik, seinen Tulsa-Sound, sein Easy come, easy go, anyway the wind blows. JJ Cale war der Kitt, der uns musikalisch zusammenhielt.

Es war seine beste Zeit damals in den späten 70ern, frühen 80ern, als er den Tulsa-Sound entwickelte und wir Freaks sehnsüchtig darauf warteten, dass endlich ein Jahr um ist und wieder ein neues Album in den Geschäften ausliegt. Niemand sonst schaffte es, Blues, Jazz, Pop und Country so miteinander zu verdrahten, so eingängig und doch wie nebenbei eingegossen.

Und JJ Cale hatte Obeine. Obeine sind wie ein Eintrag im Personalausweis: Guter Mann. Weiterfahren.

„Ein nervöser Heini“ (Cale über Cale) eigentlich, der die gelassenste Musik seiner Zeit machte.  Er wollte nie ein großer Star sein, er wollte die Musik machen, die ihm gefällt, und davon leben.

Sein Einfallsreichtum, ein und denselben Song immer wieder umzuschreiben, dass er wie neu klingt, wie noch nie gehört, war unerschöpflich. Erst auf den sporadisch erscheinenden späten Alben schimmert so etwas wie Ermattung durch. Was in jungen Jahren Charme hatte, klingt nun bisweilen läppisch, doch noch immer gelingen ihm kleine Geniestreiche wie die zwinkernde Kiffer-Hymne Days go by aus dem Jahre 1996.

Der 5. Juli gilt in seiner Heimatstadt Tulsa, Oklahoma, offiziell als JJ Cale-Tag, wenn der Cajun Moon über der Stadt steht. In Tulsa begann er Musik zu machen, doch zu Beginn der 60er Jahre flüchtete Cale mit den befreundeten Musikern Leon Russell (Piano) und Jim Karstein (Drums) nach Los Angeles.

„Ich liebte die Hippie-Zeit und all den Kram. Ich wollte dabei sein.“

Dennoch gab es für ihn in LA nicht genug zu tun und er kehrte zunächst zurück nach Tulsa.

Ich kann heute noch Stunde um Stunde im Sessel sitzen und einen Cale-Song nach dem anderen hören, ohne dass mir langweilig wird.

Drifters Wife sangen Karlos und ich von der ersten bis zur letzten Strophe mit, und Magnolia ist bis heute mein liebstes Liebeslied.

Magnolia, you sweet thing
You’re driving me mad
Got to get back to you, babe
You’re the best I ever had

Erst als Eric Clapton, der Cale bis heute verehrt, auf den Song After Midnight stösst und ihn covert und berühmt macht, wird die Öffentlichkeit auf Cale aufmerksam. (Clapton über Cale: „It’s all about finesse“).

Meine Lieblingsplatte von Clapton war schon immer 461 Ocean Boulevard (1974)mit der eher bluesorientierte Clapton-Fans nie etwas anfangen konnten. Erst viele Jahre später las ich zufällig, dass Clapton dieses Album als Hommage an JJ Cale verstand. Alles klar.

Weil After Midnight ein Hit wurde, überredete Clapton JJ Cale ein Album aufzunehmen, was dieser zunächst ablehnte. Er traute sich nicht zu, zehn oder zwölf Songs zu schreiben, doch Clapton liess nicht locker. So entstand Naturally, aufgenommen in Nashville. Die zweite Single-Ausklopplung (nach After MidnightCrazy Mama erreichte Platz 22 der amerikanischen Billboard Charts.

Es folgten die Alben Really (1973) und Okie (1974). Und dann kam das rockige Cocaine vom 1974er Meisterwerk Troubadour. Cocaine in seiner peitschenden Griffigkeit erreichte neue Hörerschichten. Viele Jahre war Cocaine der Rausschmeisser in Rock-Discos, selten hatte jemand so unverblümt über Koks gesungen.

When your day is done and you want to run, cocaine

If you want to get down, down on the ground, cocaine

Don’t forget this fact, you can’t get it back, cocaine

Lena, die zu Beginn der 90er Jahre ihre Heimatstadt Solingen verliess und nach Hamburg ging, rief mich eines Tages an. Sie hatte Cale und Band live gesehen, ich glaube in Bremen. Sie erzählte, dass das Publikum, wie üblich, zunächst stand, doch nach nicht mal zwanzig Minuten war die Atmosphäre in der Halle so entspannt, dass immer mehr Leute sich niederliessen bis irgendwann alle gemütlich auf dem Boden saßen und sich angrinsten. „Fehlte eigentlich nur, dass die Leute Karten rausholten und Mau-Mau spielten“, so Lena.

Easy come, easy go, any way the wind blows

Seine Freunde nannten ihn John, niemand aus seiner Umgebung sagte JJ zu ihm. JJ war die Erfindung seines Managers, der meinte, es gäbe schon einen John Cale in der Musikszene (bei Velvet Underground), und so machte er aus John (Weldon) Cale kurzerhand JJ Cale.

Für das Album Tulsa and back (2004) kehrte Cale in die Heimatstadt zurück und trommelte seine alten Kumpel zusammen, mit denen er zum Teil seit 1957 auf Tour ging.  Andere musste er regelrecht ausgraben.

„Es war wie ein Klassentreffen. Wir jammten ein bisschen und liessen die Rekorder einfach mitlaufen. So entstand das Album.“ (JJ Cale)

Hey hey, drummer, drummer, can you gimme me that beat, can you gimme me that beat, got to move my feet

In Nashville nahm Cale insgesamt 8 Alben auf. Die ganzen 70er Jahre blieb er dort, dann hatte er die Nase voll und ging an die Westküste. Er wohnte die meiste Zeit im Wohnwagen, weil er das einfache Leben liebte. (Die Frauen fanden das weniger angenehm, seine Ehen scheiterten.)

Wenn Cale keine Lust hatte, nahm er jahrelang keinen einzigen Song auf. Er weigerte sich Playback im TV aufzutreten, („das ist unecht und krank“), er hatte Angst vor Fahrstühlen und hasste Telefone, aber er liebte Aufnahmegeräte. Manchmal saß er einfach da und spielte Gitarre, stets einen Schritt hinter dem Beat, und die Maschinen liefen mit und zeichneten alles auf. Er war sein eigener Toningenieur. Gut zu hören ist das auf dem Album „10“, wo manche Songs wie spontan ineinandergeschraubt klingen und andere, als hätte er jedes Mal knapp den Anschlusszug verpasst.

Ich bin mir ganz sicher. Wir alle, die ganze große weite Welt, sind riesige JJ Cale-Fans. Viele wissen es nur nicht.

Trotz zahlreicher Klassiker, (Sensitive kind, Call me the breeze, I got the same old blues), mein Lieblingsalbum von Cale ist und bleibt sein drittes, Okie. Der Titelsong war viele Jahre lang Erkennungsmelodie des Pop Shop im Südwestfunk. Auf den ersten Blick sein unscheinbarstes Album, das selbst ich als eingefleischter Fan oft spielen musste, bis es sich einbrannte, doch als es soweit war, streckte ich die Waffen.

Auf Okie passt alles zusammen.Das geniale Album-Cover, die lockere Studio-Stimmung, die jeden der wenigen Songs prägt, Laufzeit: kaum 30 Minuten, inclusive dem unerreichten Cajun Moon und dem programmatisch kühlen Anyway the wind blows.

Okie hören, das ist das Fenster öffnen nach einem Sommergewitter, wenn die Luft erfrischt und gereinigt ist und man wieder durchatmen kann, wenn für eine halbe Stunde eine alles durchdringende Klarheit die Oberhand gewinnt, wenn die Regentropfen auf der Wäscheleine sitzen und Kniepäugelchen machen.

Das ist Okie.

Okie lehrte mich, dass Ohren mit der Zeit lernen, anders, genauer hinzuhören, wenn man ihnen Gelegenheit gibt. Fand ich Cales Country-Nummer Precious memories mit Zwanzig eher so lala, um nicht zu sagen: überflüssig, so schälte sich der Glanz dieses Songs erst 15 Jahre später heraus, als Okie in meiner Plattensammlung Wiederauferstehung feierte. Selten wurde der Augenblick des seligen Erinnerns so perfekt eingefangen, so unaufdringlich, so zurückgenommen, so seelenvoll wie in Precious memories von JJ Cale.

Zum Schluss eine kleine Anekdote. Na, mehr ein Bild. Es muss um 1979 herum gewesen sein, Cales Album 5, aufgenommen in Tennesse, war gerade erschienen. Wo auch immer man sich aufhielt, bei welchen Freunden man auch saß, überall drehte sich die neue Scheibe.

Spätabends waren wir in zwei vollbesetzten Wagen unterwegs. Es ging den abschüssigen Promenadenweg runter ins Bärenloch, einer weitläufigen windigen Parkanlage. Wie ein Überfallkommando sprangen wir aus den Wagen, vielleicht zehn Leute, und tanzten zu Boilin‘ Pot, Track 2 vom Album 5, der aus den Autoboxen schwappte. Eine spontane Session in der Dunkelheit, von zwei Autoscheinwerfern angestrahlt, eine eilig anberaumte Tanz-Konferenz auf dem kleinen Volleyballfeld, ein batteriebetriebenes Lagerfeuer, eine Rangelei im Dunkeln, und die Sterne am Himmel fingerschnippten im Takt.

Und bevor die Bullen kamen, waren wir über alle Berge und tanzten im Auto weiter, im Sitzen.

Seit dieser Nacht ist das Bärenloch ein geweihter Ort. Eine Masterstätte der Zurückgenommenheit, immer einen Schritt hinter dem Beat.

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7 Gedanken zu „It’s all about finesse – Zum Tode von JJ Cale

  1. Als ich es in der Zeitung las, wußte ich sofort, was auf Glumm-TV demnächst gesendet wird.

    Sehr viele Musiker wären einfach nur dankbar, wenn ein Blogger sie mit ihrem Leben in Verbindung bringen würde.

    Und: Die Gräfin hatte auch Recht: Schließlich hat Clepton auch Cale gecovert. (She don’t lie, she don’t lie, she don’t lie; -Koksen.)

    Womit ich bei dem nächsten Kuriosum angekommen bin… But fuck, was soll´s?

    Wenn ich den Song im Radio höre, fühle ich mich gut.
    Und das, obwohl ich niemals gekokst habe und es voraussichtlich -Dank eindrucksvollen Schilderungen;-) auch niemals tun werde. Nur einfach, weil der Song gut ist. LG, G+K

  2. Einer von den Texten, bei denen ich mich ärger nicht ein paar Jahre eher geboren zu sein. Natürlich kenne ich JJ Cale und natürlich find ich das was ich von ihm kenne gut, aber leider ist das nicht soviel. Unsere ewige Helden sind außer Dylan, Van Morrison und Neil Young. Komischerweise hab ich von den Jungs irgendwann nach und nach alle großen Scheiben in die Hand bekommen. Hab im Moment Zeit, werd mir morgen mal ne JJ Auszeit nehmen.

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