Potleg!

Niemand wusste, was Potleg! genau bedeuten sollte, war aber auch egal. Man stellt Begriffe nicht in Frage, wenn man jung ist, sie sind eben da und klingen, als wären sie schon immer dagewesen, als hätten die Altvorderen sie einst erfunden, das muss reichen, fertig, aus,

Potleg!

Nachmittags trafen sich die Jungs der Gegend am Fuße des Klaubergs auf dem staubigen Fußballplatz, den die Nationalsozialisten in den 30er Jahren für ihre Militärpferde zweckentfremdet hatten und der noch lange Zeit danach nur als der Reitplatz bekannt war. Ein großartiges Stück Erde, in der ganzen Nordstadt berüchtigt. Es war ungefähr doppelt so groß wie der gemeine deutsche Bolzplatz, die Torpfosten waren aus echtem Holz, und der Platz war außergewöhnlich eben, sogar, ja, plan..

Ab und zu veranstaltete mein Onkel Fitting zweitägige Turniere zugunsten irgendwelcher armen Bierbäuche, keine Ahnung, war auch egal, wir waren meist mit von der Partie als Karacho Klauberg und sahnten den ersten Rang ab. Wichtiger aber: noch Wochen nach dem Turnier waren beide Tore mit grünen Wembley-Netzen bespannt, die so weit in die Tiefe gingen, dass einem der Atem stockte. In den Osterferien war der Platz schon morgens um acht proppenvoll, weil jeder das Wembley-Tor von Geoff Hurst 1966 nachspielen wollte, das keines gewesen war.

Es sprach sich herum, dass unten am Klauberg eine Menge Talente bolzten, und so verteilten sich nicht selten schreiende und früh verrentete sizilianische Eisenbieger um den Platz herum, die ihre fußballspielenden Söhne anfeuerten – aus ihnen sollte noch etwas werden.

Da war dieser knorrige kleine polnische Opa, der bei jedem Wetter mit Regenschirm aufkreuzte und seinen schlaksigen, uninspiriert nach vorn bolzenden Sohn nach vorne peitschte, der verdammt lang geraten war für sein Alter und ein Gesicht hatte wie ein Pfannkuchen ohne alles, vielleicht paar Pilze drauf, aber sonst nichts. Er sprach so gut wie kein Wort Deutsch und raste meist mit hochroter Birne übers Feld, ohne je von den Mitspielern die Pille zugespielt zu bekommen. Eine tragische Figur. (Der Vater.) (Der Sohn auch.) Da er keinen Namen hatte, jedenfalls keinen, den wir kannten, nannten wir ihn der Einfachheit halber den Polnischen Pfannkuchen und seinen Vati.

Bevor ein Match losging, mussten die Mannschaften gewählt werden. Dazu wurden zwei Kapitäne bestimmt, die beiden stärksten Spieler auf dem Feld. Wer von beiden nun mit dem Wählen beginnen durfte, (was ja nicht unwichtig war, schließlich konnte sich derjenige den besten Spieler sichern), das wurde mit einer Runde Potleg ausgefochten.

Beim Potleg (je nach Region auch als Pisspott bekannt) standen sich zwei Spieler gegenüber, die im Abstand von einigen Metern aufeinander zumarschierten, abwechselnd einen Fuß von den anderen setzend, straight wie ein Mariachi-Bass: Erst ging A eine Fußlänge vorwärts, „Pot!“, dann war B dran, „Leg!“, dann wieder A, „Pot!“, dann wieder B., „Leg!“Gewonnen hatte, wer zuletzt noch eine Fußlänge aufsetzen konnte, ohne sein Gegenüber mit der Schuhspitze zu berühren.

Je später der Tag, desto ausgefuchster wurde gepotlegt. Besonders in den Großen Sommerferien, wenn es spät dunkel wurde, entwickelte sich die letzte Runde Potleg zu einem Match für sich.

Alles, was noch auf dem Platz war, stand um die beiden Mannschaftskapitäne herum und verfolgte den Zweikampf in der Abenddämmerung. Nur von batterieschwachen Autoscheinwerfern und einigen aufgehangenen Taschenstrahlern beleuchtet, wurde die alles entscheidende letzte Fußlänge gestückelt: Wenn abzusehen war, dass der verbleibende Raum zwischen zwei Kontrahenten für eine ganze Fußlänge nicht mehr ausreichte, winkelte man den Fuß an und drückte ihn „POT!“ schräg in den Sand: der schiefe Turm von Pisa.

Das war einerseits clever, andererseits aber blieben so für den Gegner noch zwei, drei Zentimeter Platz, genug für die allerletzte Aktion, für eine Zehspitze, senkrecht von oben in den Staub gezirkelt: „LEG!“ Wie ein verdammter Fischreiher stand der Gewinner da, eine Figur, die keiner lange durchhielt. Man kippte um und lag mit der Nase im Sand und musste sich von den Umstehenden als Ballerina verspotten lassen.

Aber Hauptsache gewonnen.

Zu einer gewissen lokalen Attraktion brachte es auch der polnische Rentner. Jedes Mal, wenn sein Enkel nach dem Potleg ins Team der Luschen gewählt wurde, reagierte er mit ausgesuchtem Jähzorn – doch auch hier galt, gewonnen ist gewonnen, verloren ist verloren, und wen juckten da schon Danziger Beiss- und Spuckattacken sowie seitenweise Tritte vom Spielfeldrand.

Nur warum dieses ganze Verfahren Potleg hiess – keine Ahnung. Aber Pisspott war auch nicht viel besser.

san.tiermitblauball

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2 Gedanken zu „Potleg!

  1. Bei uns hieß das Verfahren „Písspott“. Vor einem Bolzplatzspiel stand immer die Frage, „wer jetzt Písspott macht“. Unterstrichen wurde es durch das Rufen von „Píss“ bzw. „Pott“ beim Setzen des jeweiligen Fußes.

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