Glüh, du Wurm

Die Gräfin mag keine deutsche Fernsehkrimis: schlecht geschriebene Dialoge, kaum Action, miese Schauspieler. Die Handlung spielt sich nur noch im Mund ab. Es wird gequasselt, gequasselt, gequasselt.

„Gestern hab ich zufällig einen alten Schimanski gesehen, Blutsbrüder. Der war tausend Mal wärmer und menschlicher als die ganzen neurotischen Ermittler heutzutage. Spannender sowieso. Schimanski hat sich auch mal einen schmierigen Verdächtigen gepackt und ihn rangenommen bis der sich vor Angst in die Buxe geschissen hat. Das sieht man heutzutage nur noch in den Nachrichten.”

*

„Sag mal, ist nichts anderes drin?“ stöhnt sie und zappt durch die Programme. Ich nehm die TV-Zeitschrift vom Tisch und lese ihr den Titel eines Hochsee-Thrillers vor, der gerade auf Sixx anläuft.

„Open Water, USA, 2003. Effektiver Low-Budget-Überraschungshit.“

„Nee, den kenn ich“, winkt sie ab. „Da hängen irgendwelche Penner die halbe Zeit im Wasser und schreien rum, weil dicke Fische angeschwommen kommen. Ich mein, die sind im Wasser! Hallooo!! Wo sollen Fische denn sonst hin??“

*

Es kündigt die TV-Ansagerin den Spätfilm an, eine französisch-italienische Co-Produktion, einen Sixties-Klassiker, sinnlos im Plural. Sinnlos im Plural..? Wie, sinnlos im Plural? Was redet die Ansagerin da fürn Scheiß? Oder ist das eine verdammte Literaturverfilmung?

Erst als ich in der TV Today nachschlage, begreife ich: ich hab mich verhört. Der Schinken ist mit Lino Ventura.

*

Zehn Minuten später, diese Situation:

„Schnell! Komm mal!“ ruft die Gräfin aus der Wohnküche. „Die Sterne sind vom Himmel gefallen.. und landen in unserem Garten!“

„Das wurde aber auch Zeit“, geb ich zurück. „Endlich fette Beute.“

„Red kein Blech. Komm gucken! Mach hin!“

Bis ich den Hintern aus dem Bett bewegt habe und endlich in der Küche ankomme, ist sie schon einer neuen Theorie auf der Spur. Jedenfalls, das mit den Sternen ist perdu.

„Ich glaub, da unten sind Glühwürmchen im Garten. Oder nicht? Guck du mal! Meinst du, das sind Glühwürmchen da unten?“ Wie ein Bussard in der Baumkrone steht sie am Küchenfenster und zerrt an meiner Schulter. „Aber wieso liegen die im Gras?! Was machen die da unten im Gras? Bumsen?“

Ich bin hingerissen. Was ein Spektakel, trotz aller Dunkelheit und Dauerregen: Es leuchtet und flackert im ganzen Hinterhof, winzige bläulich-gleissende Lagerfeuer, entzündet von liebestollen Fluginsekten. Das glüht „wie auf einer verdammten Festwiese!“

Dann werde ich skeptisch.

„Aber Glühwürmchen im Oktober..? Und bei dem Wetter? Geht das zusammen?“

„Ach was, ist denen doch schnuppe, wenn die ein bisschen nass werden.. Wenn die einmal glühen, glühen die.“

Sie schlüpft in ihre Ballerinas und flappt die Treppe runter in den Hof. Flapp-flapp-flapp. Ich bleib solang oben am Küchenfenster stehen und versuche zu erkennen, was sie dort unten im Garten treibt. Leuchtkäfer fangen vielleicht? Und eintüten, so wie es unsere Großväter einst mit Maikäfern getan haben? Gut möglich. Sie ist eine große Freundin von traditioneller Lebensführung. Sie springt auf der Wiese umher wie das Sterntalermädchen, nur dass sie keine Sterntaler im Hemdchen auffängt, sondern fluoreszierende Insekten abpflückt.

Es dauert keine Minute, ist sie zurück – durchgefroren, das Nachthemd nass, die Möpse vor Spitzbergen.

„Glühwürmchen, so ein Blödsinn, weißt du, was das ist? Das sind Regentropfen, die auf den Grashalmen sitzen und Licht reflektieren aus den umstehenden Häusern..  Irgendwelche Küchenlampen, Haustürleuchten“

Still und leise gesellt sich der Hund in unsere Mitte. Unbeeindruckt von dem ganzen Trara & Geflacker war er auf seiner Decke geblieben, ganz gegen seine Gewohnheit. Er gähnt ausgiebig.

Es ist null Uhr fünfzehn, als ich im Bett liege und mir alles noch mal durch den Kopf gehen lasse. Die Sache mit den Glühwürmchen, die glitzernden Regentropfen, das Gähnen unseres alten Hundes, der allmählich hinfällig wird. Und dass Wetter-Kapriolen in diesem Land so etwas wie die letzten Anarchisten sind.

Die veräppeln einen richtig.

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6 Gedanken zu „Glüh, du Wurm

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