Alone again

„Dass es so Leute noch gibt“, grummelte der Berater, „ihr seid nicht mehr vorgesehen.. Ihr seid so was von.. tot.“

Wir saßen uns gegenüber an seinem aufgeräumten Schreibtisch im Beratungsraum, und er war tatsächlich ein bisschen wach geworden, ein bisschen aufmerksam. Es war brüllheiss in seiner Kammer unterm Dach. Fenster aufmachen bringt nichts, hatte er gleich zur Begrüßung gesagt, das lassen wir besser, ist besser.

Wieder kam er auf seine sonstigen Klienten zu sprechen, von denen sich das Gros aus Unterschicht zusammensetzte, wie er es nannte, und von eher beschränktem geistigen Niveau war. Aus Leuten, die ihr Weltwissen aus amerikanischen Actionserien saugten,

Hulkwissen.

„Das sind Leute, die alles einwerfen, was sie in die Finger kriegen“, sagte er, während er uns, also mich, eher für Typen hielt, die ausschließlich Heroin konsumierten, mit intellektuellem Unterbau.

„Ihr seid so.. wie hiessen die früher noch, die langhaarigen Typen in den amerikanischen Romanen..“

„Hippies.“

„Ja, nee, nicht Hippies.. literarischer..“

„Beatniks?“

„Ja, Beatniks! Euch gibts doch gar nicht mehr. Euch hats hier doch nie richtig gegeben.. vielleicht in Berlin, aber hier..?“

Der Typ gefiel mir nicht. Nur weil wir das Gymnasium besucht hatten und der eine oder andere sogar Abitur gemacht hatte, waren wir für ihn nicht ganz so asozial wie die Süchtigen von der Platte, unter denen doch die erstaunlichsten Typen zu finden waren, wahre Großmeister des Überlebens.

Andererseits war es nie verkehrt, dass man sich Typen wie ihn warmhielt, solche Typen brauchte man immer mal ganz plötzlich, ganz dringend. Typen, die am Stellwerk arbeiteten, die Kontakte hatten, die ein Wort einlegen konnten zur richtigen Zeit. Und er hatte ja Recht. Es gab uns nicht mehr. Wir waren weg vom Fenster, wir waren unser eigener dunkler Schatten geworden. Wir hatten uns weggeixt.

Hatte Ringo früher nur ein goldener Schneidezahn und ein Sombrero gefehlt und er wäre als Freischärler durchgegangen, als Guerillero, der auf leuchtenden Pfaden durch die Berge ritt und nachts den Opiumbauern die Ernte klaute, so sah er neuerdings aus wie ein Angestellter, der morgens um acht den Vorortzug nach Düsseldorf nahm, da konnte ihm noch so viel golden-brauner Heroinrotz aus der Nase tropfen, die Reste der Frühverköstigung.

Dass wir süchtig geworden waren auf unserem langen Ritt durch die 80er und 90er – geschenkt. Ein Betriebsunfall. Als hätte man im Eifer des Gefechts jeden Morgen die Hose falschrum angezogen und nun saßen die Gesäßtaschen vorn an den Lenden und juckten wie Sau – na und?!

Es gibt schlimmeres.

Gibt es Schlimmeres? Für den Einzelnen? Etwas schlimmeres als Sucht? Das ist hier die Frage, das ist die Frage, die hier gestelllt wird, das ist es, was ich nicht gebacken kriege, wo mir keine Antwort einfällt, vielleicht auch weil ich nicht richtig frage. Nur Häppchen hinwerfe.

Fresst.

Fragt nicht.

Ich frage auch nicht.

Aber wie auch immer, Beatniks waren wir nicht mehr. Das war vorbei, So gesehen hatte der Drogenberater recht. Es stimmte. „Da kommen die Intellektuellen!“ rief längst niemand mehr, wenn wir mit vier Mann auf einer Party einliefen, plus drei Puppen. Erstens gab es keine Party mehr, wo man noch hätte einlaufen können, zweitens waren die Puppen verheiratet und drittens waren die Intellektuellen am Ende immer besoffener gewesen als der ganze Rest. (Weshalb am Ende auch niemand mehr „Da kommen die Intellektuellen!“ gerufen hatte, sondern da kommen die Trinker. Die Koksnasen. Die Polytoxikomanen. Die Multiplen.)

Da saß ich also.

Es war so heiss, man hörte durch die geschlossenen Dachfenster das Blöken der Kühe, die keinen Schatten auf der Weide fanden und sich lauthals beim Bauer beschwerten – hol uns rein! Mach uns lecker was zu trinken! Wir haben die Nase voll!

Da saß ich also unterm Dach beim Drogenberater und hörte mir an, was er zu sagen hatte – tausend Mal geschwurbeltes Geschwurbel von einem Mann, der seit Jahren irgendwelchen Süchtigen gegenübersaß, die nur eines wollten von ihm: den Anwesenheitsstempel. Die Bestätigung, dass man seine psychologische Hilfe in Anspruch nahm, eiserne Voraussetzung, um überhaupt ins Methadonprogramm eines niedergelassenen Arztes übernommen zu werden.

Wir waren der verdammte Rest. Es gab uns nicht mehr. Es gab uns nicht mehr, weil wir genau wie die Anderen geworden waren. Wir nahmen den Vorortzug morgen um acht, wir waren erwachsen gewordene Menschen, die ihre Probleme von Abteil zu Abteil schoben wie ihre verdammten weißen Fischbäuche, die niemand sehen wollte, weil die Werbung andere Sachen zeigte, Sachen, die jeder haben wollte, Sachen mit Muskeln, keine verdammten weissen Bäuche.

Wir waren Design geworden, Allerweltsdesign.

Und manchmal setzten wir uns hin und hörten einen Oldie von Gilbert O’Sullivan.

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4 Gedanken zu „Alone again

  1. ich mach jetzt erstmal Urlaub,denn hör ich auf mit saufen und geh viel spazieren, bis ich müde bin.
    vielleicht such ich mir nen Job als Fahrer..hihi

  2. Pulver ist an mir trotz 2-maligem Versuch vorüber gegangen, mich haben Alk, Dope sowie die passende Begleitmusik im Leben an gewisse Grenzen gebracht. Allerdings – bin ich nicht „bekloppt“ von alledem geworden, obgleich mir das so vorkam, am Ende. DAS war ich vorher schon, darum wurde ich süchtig. Kein Hase und Igel 🙂

    Gruß aus dem Tal der Wupper, Reiner

  3. Meine Dropsenfrau heißt Melanie ,wir kennen uns seit ca 15 Jahren und-das kann ich jetzt nicht von sooo vielen Menschen behaupten-sie freut sich aufrichtig,wenn sie mich sieht.den Stempel gibt’s am Ende,ohne daß wir drüber gesprochen haben.sie ist der einzige Mensch,den ich kenne,die drogenfrei ist,aber im Laufe der Jahre gelernt hat,sich in einen Junkie hineinzuversetzen und in Sachen Drogenpolitik den richtigen Durchblick hat.sie kann über das ganze Prozedre der Substitutionsprogramme auch nur mit dem Kopf schütteln.sie findet es zum Kotzen,daß wir kriminalisiert werden,uns ständig neue Steine im Weg gelegt werden,bei dem Versuch ein „normales“ Leben zu führen.aber sie schafft es ihre Meinung nicht laut hinauszuposaunen ,sonst wäre sie ihren Job wahrscheinlich sehr bald los.daß ich nicht beikonsumfrei lebe,findet sie völlig in Ordnung.im Gegenteil,sie hat mich als ziemlich kaputten Hardcorejunk kennengelernt und freut sich für mich,wenn sie sieht,daß ich diese Zeit nicht nur überlebt, sondern mein Leben mehr oder weniger gut im Griff habe.sie findet es in Ordnung,solange der Konsum nicht das ganze Leben bestimmt.wenn man arbeiten geht,zum ersten mal im Leben schuldenfrei ist,sogar am Ende des Monats Geld übrig bleibt,ne intakte Beziehung hat,sogar mit einem drogenfreien Menschen,eine Familie hat,in der man füreinander da ist,dann ist Beikonsum für sie OK.sie schließt nicht aus,daß der Versuch clean zu werden sogar nach hinten losgehen könnte.ich will nichts schönreden,aber diese Frau kennt mich sehr gut.ich glaub,mein Stempel ist wieder mal demnächst abgelaufen.Hoffentlich ist dann einmal mehr Melanie am Start!

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