See how they run!

Manche Dinge ändern sich, manche ändern sich nie, bei anderen weiß man nicht, ob sie sich nun geändert haben oder nur die Zeiten anders geworden sind.

Die Art und Weise, wie ich Musik höre, hat sich geändert. Mit Acht hört man Musik anders als mit 52. Popmusik mit Acht ist explodierende Popping Candy & Lollipop-Knisterbrause im Mund, während Popmusik mit 52 eher einem Abend am Kamin gleicht: kann prasseln, muss nicht.

Es war 1968, als ich die populäre Musik entdeckte und, wo ich schon mal dabei war, ihr auch gleich mit Haut und Haaren verfiel. Da musste ich nicht extra noch mal kommen. Nicht, dass ich ein besonders effektiver Mensch wäre, aber manchmal darf man Gelegenheiten einfach nicht verstreichen lassen.

Wir hatten zwei Plattenspieler an der Hasseldelle. Im Wohnzimmer stand die imposante Musiktruhe mit eingebauten Stereo-Lautsprechern, ein riesiges nussbraunes Möbelstück von Nordmende, das eine ganze Wand beanspruchte und wo ich eine Weile nicht ran durfte, als Strafe.

Ich hatte gefiestet, mit Feuer gespielt und dabei fast die halbe Siedlung in eine Feuerwalze geführt, der Meinung war jedenfalls mein Vater. So schlimm war es nicht. Es war selten so schlimm, wie Vater es machte. Vater liebte es, Dinge schlimmer zu machen.

An einem Tag, ich war allein in der Wohnung, hatte ich Tageszeitungen in den Kohleofen gesteckt, ein Haufen Papier, möglichst locker arrangiert, und angezündet. Die ganze Wohnung war verqualmt, als meine Eltern nach Hause kamen, es war die hustende Hölle. Hätte es damals schon Brandmelder gegeben, freiwillige und unfreiwillige Feuerwehren bis rauf nach Radevormwald wären liebend gern ausgerückt und hätten beim Löschen geholfen. Dabei gab es gar nichts zu löschen. Ausser der Panik in meinem Vater. Aber auch so bekam ich einen abgerissen. Dabei war es bloß ein Osterfeuer gewesen mit sensationeller Qualmentwicklung.

Die heilige Musiktruhe, die im Wohnzimmer gleich neben dem Dassel-Dauerbrenner stand und als erstes abgefackelt wäre, war jedenfalls eine Weile tabu für mich, ich musste mit dem kleinen Mono-Plattenspieler vorliebnehmen, der in der Wohnküche unten im Schrank stand. Ein 50er-Jahre-Möfchen mit vergilbtem Tonarm, aber mit den spannenderen Platten: den Singles meiner 13jährigen Schwester.

Sie hörte die Hits für Mädchen mit Ponyfrisur und Boots: Eloise von Barry Ryan, Lady Madonna von den Beatles, eine Single von den Casuals. Sogar ein paar Langspielplatten waren darunter, Idea von den Bee Gees und was von Donovan. Ich hörte die Platten öfter als meine große Schwester, mir gefiel der Radau, der aus den schwarzen Scheiben tönte.

Noch faszinierter war ich von den Plattencovern. Ich hielt sie in den Händen und studierte sie sorgsam, während die Musik lief. Das Lady Madonna-Cover verstörte mich. Die vier Beatles standen beisammen wie eine kleine Jagdgesellschaft, rätselhafte weltberühmte Beatles-Männer, warm angezogen, grüne Loden. Einer der Beatles hielt mit dem Fernglas Ausschau, ein anderer trug ein Waldhorn unterm Arm. Ein intimes Gruppenbild, aber ich verstand nicht, was das mit der klavierlustigen Musik von Lady Madonna zu tun haben sollte. Das Stück klang wie ein Kurzfilm, der zu schnell von der Spule rollte, aber niemand bemerkte es. Ausser mir: DIE LADY MADONNA WAR JA NACKT!

Oder Cliff Richard: Auf dem Umschlag seiner Single trat er meschugge lächelnd hinter einem Wald aus bunten Luftballons hervor und sah dabei aus, als habe er extra große Pillen für Hunde gefressen: Ein Sonntag mit Marie.

1968 wusste niemand in der Familie, wie tief ich schon im Würgegriff der Popmusik war, es blieb mein kleines manisches Geheimnis – außerdem entdeckte ich im selben Jahr den Fußball. Oha, ich wurde reich beschenkt im Jahre des Herren 1968 immerdar. Und was sagte man damals, als braver Bub? Danke, Onkel.

HER DAMIT!

Im Laufe der Zeit kamen neue Singles hinzu, doch ihre Zahl blieb überschaubar, ich war weiterhin auf meine große Schwester angewiesen, die nicht anders tickte als die meisten Mädchen in ihrem Alter. Es waren eher Jungs, die Platten kauften und ihren Freundinnen schenkten, manche begannen sogar Platten zu sammeln. So wie auch der Freund meiner Schwester, mein heutiger Schwager. Ein Krauskopf, ein Gitarrenspieler und ein guter Leichtathlet, ein Langhaariger, der sich gerne für Dinge begeisterte und mich später in die verräucherten Ecken der Popmusik einführte, Jimi Hendrix, John Mayall.

Die erste Single, von der ich nicht genug bekommen konnte, auf die ich mich jedes Mal freute, wenn ich mit einem Affenzahn nach Hause radelte, war von Vicky Leandros.

Damals war Vicky noch nicht das gurrende Schlagerfötzchen der 70er Jahre, Vicky war eine aufstrebende junge Griechin, die nach Deutschland ausgewandert war und nun mit stürmischer Piano- und Orchester-Begleitung ihrer Liebesqual ein Ende machen wollte. Das war ihr Auftrag, sie hatte sich ihm ganz und gar verschrieben. Sie wollte alles. Jedenfalls:

“DEINEN KLEINEN FINGER WILL ICH NICHT”, kämpfte und schrie sich Vicky drei Minuten lang durch die Single-Aufnahme, eine wie von Katapulten abgeschossene Anklage gegen eine männliche Liebe, die gewohnt war, nicht alles zu geben, aber alles zu bekommen.

Vicky verzehrte sich so sehr nach dem Kerl, dass ich auf der Stelle süchtig wurde nach der Leidenschaft in ihrer Stimme, ich musste es wieder und wieder hören, wie sie alles wollte. Nicht bloß kleine Finger. Ich war acht Jahre alt und schwärmte für Vicky. Nachts schniefte ich. Sie war todtraurig, aber sie gab nicht auf, Ich nahm mir vor, das Herz weit aufzumachen, sollte ich mal groß werden und Frauen gut finden. Frauen wie Vicky. Mit dunklem Haar und einem Geheimnis.

Die Platte ist im Laufe der Zeit weggekommen, ich meine mich aber zu erinnern, dass es die B-Seite war, die in der Seele eines Achtjährigen eine grandios verwüstete Landschaft hinterließ, nicht die A-Seite. Nicht der eigentliche Hit. Das fand ich seltsam. Es war einer der ersten Momente in meinem Leben, wo ich ahnte, dass etwas nicht stimmte. Dass ich nicht so war wie die anderen, nicht ganz so.

Ich mochte die B-Seite.

Bei Cliff Richard, Ein Sonntag mit Marie, handelte es sich, wie damals nicht unüblich, um die deutsch synchronisierte Version eines Hits aus England.  Der Song war langweilig, eine stampfende Polka, doch die Einleitung gefiel mir, die ersten zehn, zwanzig Sekunden, und das sollte mir in späteren Jahren noch etliche Male passieren, dass ich die Einleitung super fand und den Rest Scheiße.

Am besten war es natürlich, wenn das Intro stimmte und der Rest. So wie der spannende Bossa Nova-Beat, mit dem Drummer John Densmore Break on through to the other side einleitet, einer der besten Doors-Songs überhaupt, auch wenn der Basslauf ausgeliehen war von der Butterfield Blues Band.

“Der Sommer war längst schon vorbei”, säuselte Cliff Richard, “es war ein Sonntag, es war noch fruh.”

Fruh. Es war noch fruh. Das war toll. Das war sexy.

Fruh.

Ein einziges, falsch gesungenes Wort rettete einen ganzen Song.

In den frühen 80ern hockten Karlos und ich oft zusammen und hörten alte deutsche Schlager, lange bevor das Hören alter deutscher Schlager populär wurde. Damals schüttelten die Leute den Kopf, wenn wir auf Partys Die Spitzenreiter 1964 auflegten, die ich von meinen Eltern gemopst hatte. Nur Schnaat war genauso verrückt wie Karlos und ich nach Straße der Sehnsucht von Peter Kraus, und nach Bernd Spier: “Wenn du willst, verbrenn das Bild von mir.. wenn du willst, das letzte Souvenir..”

Überhaupt steckten wir damals so oft die Köpfe am Tresen zusammen, in hitziger Rede und stinkbesoffen, dass manch einer misstrauisch wurde: Was zum Teufel habt ihr drei Schwuchteln da dauernd zu bekakeln?! Im Nachhinein würde ich das auch gern mal wissen. Ich hab null Ahnung, welche Geheimnisse wir uns anvertrauten. Was mich betrifft, so schwärmte ich vermutlich von der Single von Vicky Leandros, die mich 1968 in die Popmusik eingeführt hatte, und dass es die B-Seite gewesen sein musste, der ich hoffnungslos verfallen war, und nicht die A-Seite. (“BEI MIR WAR DAS AUCH SO!” krähte Karlos vermutlich, ach was, hundertprozentig, “DIE B-SEITE! IMMER DIE B-SEITE!”)

B-Seiten-Sachen.

*

Ich wusste, wo das Haus stand, in dem sie wohnte. Es war nicht weit entfernt. Zwei, dreihundert Schritte, wenn überhaupt. Nach der Schule ging ich hin, setzte mich gegenüber auf die Mülltonnenbox und wartete, was geschah. Ob sie am Fenster erschien.

Ich war verliebt, doch sie wusste nichts davon. Sie hieß Karina, sie war älter als ich, nicht viel älter, ein Jahr vielleicht. Aber wenn die Frau, die man liebt, neun ist und man selbst ist erst acht, dann ist ein Jahr ein Haufen Zeit.

Sommer 1968.

Filmaufnahmen und Fotos aus dieser Zeit zeigen Straßenschlachten und Wasserwerfer und dieses süße Mädchen mit dunklem Haar und weißer Haut. Sie trug Strümpfchen und ein Lackmäntelchen mit  Gürtelschnalle.

Ich saß auf dieser Müllbox aus Edelstahl, die nach Sonne roch, weil sie so nagelneu war und jeden Geruch speicherte, und ich blickte zu ihrem Fenster hoch. Ich wartete auf ein Zeichen, auf eine Bewegung hinter der Gardine. Noch heute sehe ich mich dort sitzen, Stunde um Stunde, bis es die Sonne untergeht und es allmählich dunkel wird.

Ich war wunderbar allein.

Es kribbelte, es kribbelte die ganze Zeit, weil man nie wusste, was gleich passiert oder ob nichts passiert. Ich wusste, sie war zu Hause, sie wohnte hinter dieser Gardine. Das war ihr Zimmer.

Sie zeigte sich nie. Sie war ein Engel in einem weißen Lackmäntelchen mit Gürtelschnalle, ein ferner Engel, der sich nicht zeigte. Das Haus lag ruhig da. Niemals geschah etwas.

Einmal kam ihr Vater von der Arbeit. Er parkte sein Auto, und als er mich sah, blieb er kurz stehen. Er schien zu überlegen, ob er mich kannte. Wo er mich hinstecken sollte. Dann ging er weiter, den Kiesweg hinauf. Ich war nur ein kleiner Junge, der auf der Mülltonne saß und seinen Wünschen nachhing. Er schloss die Haustüre auf. Niemand begrüßte ihn. Seine Frau nicht, nicht die Tochter. Nicht mal der Hund. Es gab keinen Hund. Ein verlorener Mann. Niemand freute sich auf ihn, obwohl er nach Hause kam.

Ich verrenkte mir fast den Kopf, um einen Blick in den Hausflur werfen zu können, doch es gab nichts zu sehen.

Ihr Zimmer war oben im ersten Stock. Das Häuschen war das erste in einer Reihe von fünf Häusern, die alle gleich aussahen, wie Bastelarbeiten aus Beton lehnten sie aneinander.

Wir wohnten im alten Teil der Hasseldelle, einer 20er-Jahre-Siedlung mit hohen Hecken und der spitznasigen Frau Drexelius, die über ihr klitzekleines Büdchen wachte wie eine Vogelmama über ihre Brut.

Die kleine Karina und ihre Eltern waren oben in das Neubaugebiet gezogen, das man mitten ins Grüne gesetzt hatte: Flachdachbungalows und Reihenhäuser mit Vorgärten, in denen dürre Bäumchen und Sträucher, gerade erst angepflanzt, dem Wind nichts entgegenzusetzen hatten. Der Staub strich um die Häuser, Bauschutt und Splitter. Nur die Mülltonne, auf der ich saß, war geschützt, in einer gemauerten Ecke.

Daheim spielte ich Schlager und Beat-Singles meiner großen Schwester. Eloise. Lady Madonna. See how they run. Ein stürmisches Piano und die leidenschaftliche Stimme von Vicky waren der Soundtrack meiner ersten großen Liebe.

“Dich mit Anderen teilen kann ich nicht.”

Am Nachmittag kletterte ich auf die Mülltonne, und sobald Bewegung ins Haus kam, schnurrte und bubbelte mein kleines Herz, als hätte es jemand angehoben und mit weißer Munition unterfüttert:

alles bereit zur Sprengung.

Das Haus lag ruhig da.

*

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9 Gedanken zu „See how they run!

  1. Zwei Töne in einem Text? Gibt es dafür einen Anlass? Ich muss das fragen, da mir ein alter Schriftsetzer einmal sagte, die Schrift dürfe sich nie über den Inhalt erheben, sie muss unauffällig wie ein Diener sein.

  2. Zack! Sitzt man da und Glumm haut einen mit seinem historischen Baseballknochen mitten ins morphogenetische Feld. 1982 war’s bei mir: das total verpeilte Jahr des Zeichners in München, im Bierschaum bis über die Hüften, das Augenlicht trüb am Sechsämtersee niedergelegt. Freunde kamen zu Besuch aus Meister Glumms 1968er Vergangenheit. Nein, nicht das Mädelchen mit dem Lackmantel. Eine Horde ebenso gleichmäßig besoffener wie genialisch herumröhrender Engländer in einem alten Ford Transit Tourbus war‘s, zu fünft schlugen sie das Camp in meinem Wohnzimmer auf für ein paar Tage, gekrönt von den abendlichen Auftritten dieses „Rock’n’Roll Circus from London“ im Lenbach-Palast. Eben noch das Gästeklo verkotzt bis oben hin und lamentierend über meinem Sofa hängend – direkt auf die Showbühne: Johnny Tebb, die alte Röhre aus Glumms Vergangenheit, the voice of the Casuals, mit Jesamine einen einzigen Tophit im Leben gelandet, der bis weit in die Achtziger hinein tragen sollte und das Häuschen in Port Talbot finanzierte. Von wo aus der Zug nach Nirgendwo sich Bewegung setzte, mählich Fahrt aufnehmend und hinüberknatternd auf den Kontinent mit seinen vielen Zwischenstationen im Tingeltangel-Elend der drittklassigen Vorstadtbühnen, durchsichtig geworden und schließlich ganz verschwunden zwischen fadenscheinigen Army-Clubs.
    http://rockasteria.blogspot.de/2011/08/casuals-very-best-of-1968-71-uk-fine.html
    Und Glumm drückt 2013 da oben in Solingen auf die Elfenbeintaste seiner Zeitmaschine mit dem magischen Auge und alles wird eins. Wieder mal. Verdammte Schriftstellerei. Glumm, Rindvieh, geliebtes.

    • ettore, das du noch lebst, hab ich mich aufrichtig gefreut. jesamine war natürlich auch die single, die meine große schwester hatte. beim schreiben hab ich noch überlegt, soll ich the casuals erwähnen, kennt doch sowieso kein schwein. und sieh an, kennt doch ein schwein.

  3. Komisch, das man sich an so Sachen noch erinnern kann.
    Aber dieser Beine tut es erstaunlich gut.
    „Jedes Wort von dir klang wie Musik
    und so tief wie die See war das Glück.“
    Jaja, jeder hat so seine Leichen im Keller. ick och.

  4. Den Text habe ich atemlos und mit offenem Mund gelesen.
    Genau so wr das als Kind. Die erste Musik. B-Seiten. Rätselhafte Texte, die von einer Welt erzählen, in die man erst noch hineinwachsen muss. Das puckernde Kinderherz, immer in Erwartung der großen wichtigen Dinge, die geschehen werden.
    Auf Mülltonnen sitzen und Beobachtungen anstellen.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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