B-Western

Ich hatte es nicht mitgekriegt. Ich war im Nebenzimmer gewesen, als es passierte. Und als ich aufstand und nachsehen wollte, was los war, bekam ich nur noch das Schwänzchen einer prekären Situation zu packen, und steckte sofort mittendrin.

Mitgefangen, mitgehangen.

Als es passiert war, hockte ich mit dem Bruder vom dicken Hansen nebenan an diesem großzügigen Konferenztisch. Wir hatten ein Blech geraucht und palaverten, irgendein blödes Pulver-und Alk-Bla Bla, unschlagbare B-Film-Dialoge.

„Das hier ist doch kein Holz!“

„Aber Metall auch nicht.“

„Was denn dann?“

„Keine Ahnung. Kunststoff?“

„Ach was, das ist doch kein Kunststoff.“

„Nee, Kunststoff ist das nicht.“

„Sag ich doch. Aber irgendwas muss es ja sein..“

„Ja, irgendwas schon.. Vielleicht..“

„Plastik?“

„Nee! Kein Plastik! Ist doch kein.. PLASTIK!“

Es war nach Mitternacht und immer noch stickig im Haus, obwohl alle Türen auf Durchzug standen, auch die Verandatür zum Stadtwald hin. Man hörte das Schnauben der Reitpferde, die unten im Stall standen und auf ein klärendes Gewitter warteten, und die beiden Käuzchen, die sich hoch oben in weit entfernten Tannen ein Zwiegespräch lieferten.

Ich stand auf, weil ich etwas gehört hatte, und schaute in den Salon, wo der Rest der nächtlichen Bande hockte. Siebels, sein Buddy Twing und Lonnie, der Gastgeber.

Siebels gehörte zu den Typen, die selbstverliebt, aber im Kern unsicher sind, eine vertrackte und im Milieu häufig anzutreffende Mischung. Siebels hatte lange als Krankenpfleger gearbeitet, aber die Finger nicht vom Giftschrank lassen können, eine doppelte Kurpackung Valium 10 kostete ihn schließlich den Job. Mit seinem streng gescheitelten blonden Haarschopf und der fahrigen Gestik wirkte Siebels wie aus einem Hergé-Comic der Sechzigerjahre entlaufen. Er hatte ein Faible für Germanenkult und Einstürzende Neubauten. Ich bin unheimlich weiß, sagte er gern mit düsterem Nachdruck, und ich komm aus dem Beton.

Neben Siebels lümmelte Twing auf dem Sofa und streckte alle viere von sich. Twing, langjähriger Drogenkumpel von Siebels, war ein Stehaufmännchen und ewiger Alt-Junkie, der erst viele Jahre später an Darmkrebs sterben sollte, kurioserweise zu dem Zeitpunkt, als er erstmals Vater geworden war, mit Mitte Fünfzig.

Ich traf ihn frühmorgens in den City-Arkaden, es war keine sieben Uhr. Was machst du so früh in der Stadt? wunderte ich mich, und Twing berichtete, dass man Darmkrebs bei ihm diagnostiziert hätte und er auf dem Weg zum Doc sei. Er grinste lapidar, ich hab voll die Arschkarte gezogen, und verschwand in Hauseingang 110/112.

Lonnie saß direkt am Kamin. Er war wie gewohnt sturzbetrunken und der lauteste von allen. Er hatte diese raubeinige Stimme, die auf der Stelle alte Western mit John Wayne aufleben liess, mit Stetson und Saloon.

„Reiten kann ich! Hab ich gelernt.. als Pico!“ krähte Lonnie.

Siebels versuchte ihm deutlich zu machen, dass man mit Synchronisieren gutes Geld verdienen konnte in Deutschland.

„Dazu musst du doch nicht reiten können, um einen Western zu synchronisieren, es reicht, wenn du dich so anhörst, als ob du reiten könntest, du Idiot!“

„JA SCHON! ABER ALS OB BIN ICH NOCH BESSER, HÖR MAL!“

Lonnie wechselte vom Kingsize-Sessel rüber aufs Sofa und nahm Platz zwischen Siebels und Twing. Mit dem jüngeren Bruder vom dicken Hansen, der am Konservatorium Rotterdam Jazzmusik studierte, und mir waren wir zu fünft in dieser Nacht. Fünf Slacker, fünf Herumtreiber, die sich das Recht herausnahmen, die Tage zu vertändeln, bloß um zu sehen, was am Ende dabei rumkommt – auch wenn jedermann wusste, was am Ende dabei rumkommt, wenn man den Teufel einlädt mitzufeiern. Wenn man zwar nicht stramm auf Ergebnis spielt, das Ergebnis aber gleichwohl feststeht, von Beginn an.

Mit Ende Zwanzig hatten wir das Alter erreicht, wo deutlich wurde, dass es so nicht weitergehen konnte, doch anstatt die Pulvershow in Würde ausklingen zu lassen, gaben wir noch mal richtig Gas – lieber in staubigen Stiefeln sterben als tot in der Kantine vom Stuhl zu kippen, in der Mittagspause, in festen Arbeitsschuhen, das letzte leckere Schirmchen-Dessert in Reichweite. Slacker wie wir, Heroin und Bier!

Na, großartig. Mit Ende Zwanzig war ich es immer noch gewohnt, in entfernten Ecken der Stadt aufzuwachen und mich verbeult und verkatert vom Acker zu machen. Wir verbummelten die Tage wie Teenager und warfen alles ein, auf dem das Wort Droge eingraviert war – zur Not auch auch auf kyrillisch – bis zu dieser stickig warmen Sommernacht, als Knall auf Fall eine Überdosis dazwischen sauste, ein Zwischenfall, eine dumme Geschichte zur falschen Zeit.

Etwas, das niemand gebrauchen konnte.

*

Was zum Henker..?!

Ich blieb im Durchgang stehen und sah verblüfft zu, wie Siebels die Spritze aus Lonnies Arm zog. Im ersten Moment hielt ich es für einen Fake, eine Art .. na ja, Probebohrung, bis ich begriff: nein, das passierte wirklich. Scheisse, der kann dem Lonnie doch keinen Druck setzen! Das geht doch nie und nimmer gut!  Das ist doch.. kein Junkie!

Schon krachte Lonnie zusammen, im Sitzen, auf dem Designer-Sofa. Lonnie war kein Junkie, nicht mal ein Gelegenheitsuser, er war ein Trinker. Wenn er einmal anfing zu trinken, trank er tagelang durch, er konnte nicht aufhören zu trinken und zu krakeelen. („DREI PIMMEL MÜSSTE MAN HABEN, JUNGS, DREI! EINEN ZUM PINKELN, EINEN ZUM POPPEN, EINEN FÜR DEN SHOWROOM!“)

Sofort brach Panik aus. „LONNIE..! LONNIE!!“ Siebels verpasste Lonnie klatschende Backpfeifen. „MACH DIE AUGEN AUF, LONNNNIE!“ Twing kam dazu, zu zweit nahmen sie Lonnie in die Mangel, brachten ihn zum Stehen, versuchten seinen Kreislauf in Schwung zu bringen, in dem sie ihn zum Gehen animierten.

DU SOLLST DIE AUGEN AUFMACHEN, LONNIE!!

Es war ein erbärmliches Bild. Zwei gestandene, vom Wuchs aber eher schmächtige Junkies schleppten den in sich zusammengesunkenen Säufer-Hausherrn durchs Wohnzimmer, und der stolperte hinterher, so gut es ging, kraftlos, das Blut vergiftet von Morphin.

Bis Mitternacht hatten wir in einem von Schnaken und Mücken verseuchten Biergarten direkt am Fluss gesessen, und als es darum ging, wo feiern wir weiter, lud Lonnie uns ein, die Nacht bei ihm zu verbringen, im Haus seiner verreisten Eltern.

MEINE ALTEN SIND IN TIMBUKTU! MA-HAAA!

Lonnie lief blau an, er war ohne Bewusstsein. Jetzt zählte jede Sekunde. Twing begann hektisch die üblichen Junkutensilien einzusammeln, Siebels suchte seine Jacke. Sein Blick war leer, gehetzt. Es sind immer die leeren, die gehetzten Blicke.

„Ich hau ab“, sagte er, fast trotzig.

„Hier haut keiner ab.“

Ich war selbst überrascht, dass die Worte von mir sein sollten. Ausser blöd gucken war von mir noch nichts gekommen, was irgendwie zur Rettung Lonnies beigetragen hätte. Natürlich hatte ich uns die ganze Scheiße auch nicht eingebrockt, klar, aber Lonnie deswegen verrecken lassen? Weil ich nicht schuld war??

Auch der Bruder vom dicken Hansen hielt sich im Hintergrund. Das war nicht anders zu erwarten. In der Not ist man nicht plötzlich ein Anderer, das macht keinen Sinn. Wenn es um Leben und Tod geht, reagiert der Mensch wie unter Brennglas. Es lässt sich schnell erkennen, aus welchem Holz einer geschnitzt ist.

„Das ist kein Holz!“ „Ja, was ist es dann? Kunststoff?“ „Quatsch! Ist doch kein Kunststoff!“ „Aber irgendwas muss es doch sein!“

„Wir müssen den Notarzt rufen“, sagte ich.

„Dann ruf doch den Notarzt!“ rief Twing. „Aber ohne mich!“

„Mach doch endlich einer die scheiß Musik aus!“

Im carraragefliesten Korridor, wo der Telefonapparat stand, ein altmodisches Teil mit Wählscheibe, wählte ich die 112. „Wenn wir jetzt abhauen, sind wir dran wegen unterlassener Hilfeleistung. Dann sind wir verdammte Mörder!“

Das saß. Es ging mir in diesem Moment weniger um Lonnies Leben, ich hatte bloß Muffen vor etwaigen Konsequenzen. Während auch Siebels sich besann und zur Herzdruckmassage überging und darüber fast die Nerven verlor, LONNNIE, KOMM, REISS DIE SCHEISS AUGEN AUF! KOMM SCHON, LOS, verschwand Twing aufs Klo.

„Ich muss kotzen!“

Der Bruder vom dicken Hansen und ich liefen auf die Straße, um den Krankenwagen abzupassen. Die hell erleuchtete Stadtvilla im Stil eines spanischen Landhauses, Lonnies Eltern hatten mit der Produktion von Rollkoffern ein Vermögen gemacht, stand am Ende einer steil abfallenden Sackgasse und war selbst hier im Villenviertel ein echter Hingucker.

Die plötzliche Kühle des nahen Stadtwalds, die Sterne am Himmel, ihr unbeteiligtes Funkeln – alles nahm seinen Gang, als wäre nichts geschehen, als kämpfte hier niemand um sein Leben, nirgendwo auf der Welt. Es war nichts zu hören, auch aus dem Haus nicht. Selbst in den Stallungen war es still geworden, und die Käuzchen waren eingeschlafen in den Baumwipfeln.

Vielleicht ist er schon tot, dachte ich, als sich endlich der Ambulanzwagen näherte, im Schritttempo. Der Bruder vom dicken Hansen winkte wie verrückt, doch der Wagen blieb stehen, mit kreiselndem Blaulicht, ohne Sirene, viel zu weit oben am Berg. „Nein..! Die Penner sehen uns nicht!“

Sie suchten die richtige Hausnummer. Der Schein einer Taschenlampe schnüffelte durch die Nacht, Hansens Bruder pfiff durch die Finger. Endlich bemerkte man uns. Der Rettungswagen rollte mit ausgeschaltetem Motor die Straße runter, der Notarzt sprang heraus, den Notkoffer schwingend.

„Hier ist jemand kollabiert?“

Während wir das Haus über den Flur betraten, berichtete ich, dass Lonnie gesoffen hätte wie ein Loch und plötzlich umgekippt sei.

„Und was hat der Gute noch intus, außer Alkohol?“

„Weiß nicht“, log ich.

Der Doc schaute belämmert aus der Wäsche. „Ja also das müssen wir schon genau wissen, um die richtigen Maßnahmen einleiten zu können.“

„Irgendwelche Hammer-Pillen.. keine Ahnung.“

Lonnie lag ausgestreckt im Salon, direkt vor dem Kamin mit den handgeschmiedeten Gittern. Der Doc und sein Assistent mühten sich, ihn zu stabilisieren und veranstalteten einigen Wirbel. Umverpackungen von Medikamenten flogen im hohen Bogen durch den Salon , ein Venenzugang wurde gelegt. Keiner von uns rückte mit der Sprache raus, was wirklich passiert war, da konnte der Doktor uns noch so sehr ins Gewissen reden. Auch wenn Lonnies Überdosis uns ernüchtert hatte, wir funktionierten trotzdem nicht richtig. Wir waren trotzdem voll auf Pulver. Natürlich durften Rettungssanitäter nicht die Bullen informieren, wenn beim Einsatz Drogen eine Rolle spielten, das war uns schon bewusst, sie hatten Schweigepflicht, und dennoch – niemand wusste, wie sich diese Nacht noch entwickeln würde. Was, wenn Leon nicht mehr aufwachte? Wer hätte Schuld an seinem Tod? Wer würde wen verraten, wer wen decken, wenn es hart auf hart käme? Und warum überhaupt dichthalten? Es war eine gefährliche Situation. Vier linke Kimmen, ein Halbtoter und zwei Sanitäter.

Urplötzlich berührte uns das Grundthema der Menschheit – solange sich der Mensch unter Menschen aufhält: bist du ein Mörder, oder bist du kein Mörder? Kann ich dir trauen, oder kann ich dir nicht trauen? Darum geht es unter Menschen. Es ist die Mordfrage, die den Menschen vom Menschen trennt.

„Heroin“, sagte ich endlich. „Er hat.. Heroin gespritzt..“

Jetzt ging es blitzschnell. Der Rettungsarzt zog das Gegenmittel Naxolon auf und injizierte es. In Nullkommanichts lag Lonnie festgeschnallt auf der Tragebahre und wurde in den Rettungswagen geschoben – Abfahrt.

Wir räumten auf, wir saugten die ganze Hütte, wir spülten Gläser, wir trockneten ab. Wir vernichteten alles, was irgendwie mit Pulver in Verbindung gekommen war, jeden Fitzel Aluminiumfolie, Spritzen, Zigarettenfilter, Papers, eine Tageszeitung. Niemand machte Siebels einen Vorwurf, dass er einem stadtbekannten Säufer Heroin gespritzt hatte. Wie wir hörten, hatte Lonnie den Druck geradezu erbettelt.

„Ich hab bloß eine Messerspitze aufgekocht“, stammelte Siebels, „Mann, das war doch nur ein Fliegenschiss!“

Wir waren erschöpft wie nach einem Zehnkampf. Das Ergebnis blieb zunächst unklar, es galt die Auswertung des Fotofinishs abzuwarten. Hatten wir zu lange gezögert, bis die Notfallmediziner endlich die Wahrheit erfuhren? War Lonnies Gehirn zu lange unterversorgt gewesen mit Sauerstoff? Bevor die Ambulanz losgefahren war, hatte ich diese Frage dem Doc noch gestellt, doch der wollte sich nicht festlegen.

Der Bruder vom dicken Hansen und ich blieben den Rest der Nacht zusammen. Wir fuhren zu ihm nach Hause, blowten das restliche Pulver weg. Gegen sechs riefen wir im Krankenhaus an, erkundigten uns nach Lonnies Gesundheitszustand. Erst rückte der Nachtpfleger keine Informationen raus, später erfuhren wir immerhin, dass Lonnie wieder bei Bewusstsein war. Und dass wir gegen acht Uhr kommen könnten, um ihn abzuholen.

Der Bruder vom dicken Hansen war ein schläfriger, gutmütiger Bursche, ein talentierter Musiker, die Finger ständig an der Hosennaht, um den Takt mitzuklopfen. Manchmal warfen wir einfach seine Congas und Bongos auf den Rücksitz und fuhren raus ins Grüne, eine Lolle dampfen und trommeln. Das waren so Sachen, die konnte man mit dem Bruder vom dicken Hansen prima machen, er war der richtige Mann für unkomplizierte spontane Geschichten.

Und er war ein bisschen tollpatschig. War er morgens mit dem Rad in der Stadt unterwegs, um Frühstück einzuholen, konnte man davon ausgehen, dass ihm nicht nur die Literflasche Frischmilch vom Gepäckständer fiel und auf dem Asphalt zerdepperte, auch die Brötchentüte riss und die Brötchen verteilten sich fein säuberlich unter allen vorbeifahrenden Autos, plopp plopp plopp.

Mitten im Drogen-Tohuwabohu der späten Achtzigerjahre packte er seine Koffer und verschwand nach Havanna, wo er das Konservatorium für Musik besuchte sowie die einheimischen Kokainhändler. Er heiratete eine Kubanerin und zeugte ein Kind mit ihr. Jahre später führte er mir das Hochzeitsvideo vor. Ich war irritiert, wie isoliert er in der Familie war.

Irgendwann kehrte er in die Heimat zurück und machte da weiter, wo er aufgehört hatte. Neu war nur der Voodoo-Schrein, den er in einem Schrank eingebaut hatte und mit kleinen Gegenständen bestückte, die ihm etwas bedeuteten. Nicht mal sein dicker Bruder wusste davon. Niemand wusste davon. Nicht, dass Hansens Bruder sich dafür geschämt hätte. Er fürchtete aber, der Zauber könne verfliegen, der Altar entweiht werden, sollte ein Ungläubiger je einen Blick darauf werfen.

In dieser Nacht gestattete er mir den Einblick in seine kleine karibische Welt. Nicht sehr lange, keine zwanzig Sekunden lang schaute ich in eine sehnsüchtig flackernde Installation aus kleinen Kerzen, die ihr Licht gegen ein mit rotem Glanzpapier ausgekleidetes Schrankfach warfen, ein Mini-Plüsch-Club, in dessen Mitte ein winziger Weihwasser-Kessel schaukelte – ich sah angestrahlte Amulette, rote Gebetsfähnchen, handgefertigt in Tibet, Lametta. “Ahora es mejor”, hörte ich Hansens Bruder. Wir haben nie wieder ein Wort über diese Szene verloren. Ich hatte auch keinerlei Fragen.

Als es hell wurde, kündigte sich der nächste heiße Sommertag an, auch wenn er sich zunächst bedeckt hielt und nicht mehr als eine graue Pinnwand abgab. Noch immer hatten wir keine genaue Nachricht, in welchem Zustand Lonnie war, außer dass er das Bewusstsein wiedergewonnen hatte.

Wir fragten uns, warum wir so feige gewesen waren und so lange gewartet hatten, bis wir mit der Wahrheit rausrückten, und ob Feigheit ein Charakterzug in uns Deutschen war. Ich erzählte Hansens Bruder, dass ich manchmal dieses Spiel spielte, wenn ich durch die Stadt ging. Wäre der Kerl da vorn, der mit dem Käppi an der Fußgängerampel, im Nazireich als Mitläufer mitgelaufen? Und was war mit mir? Hätte ich den Mumm gehabt, jüdische Nachbarn zu verstecken, unter Einsatz meines Lebens? Hätte ich mich gegen das herrschende System gestellt, ausgerechnet ich mit meinem Hang zum Unsichtbarmachen, um die Dinge beobachten zu können, aus sicherem Versteck heraus? Wo ich es doch nicht mal gebacken kriegte, dem Notarzt die Wahrheit zu sagen, wenn es um Leben und Tod eines Kameraden ging? Wir kamen überein, dass wir in der Nazizeit höchstwahrscheinlich die Nähe fetter drogensüchtiger Spitzenfunktionäre der NSDAP gesucht hätten, um leichter ans Morphium zu gelangen.

„Wie hieß nochmal der fette süchtige Doktor, Goebbels?“

„Nee, Goebbels war das Hinkebein, Göring war der Doc. Die deutsche Morphiumszene 1944, die verdammte Platte, das war Hermann Göring höchstpersönlich.“

Um acht fuhren wir am Eingang des Klinikums vor. Wie der Zufall es wollte, kam uns genau in dem Augenblick Lonnie entgegen, untergehakt bei seiner bildhübschen Freundin. Lonnie wirkte wie ein Boxer, der nach schwerem Knockout langsam wieder auf die Beine kam. Er war blass, er wackelte und er bibberte vor Kälte, aber er war okay. Er würde keinerlei Schäden zurückbehalten, liess er uns wissen.

„Habt ihr schon gedacht, ihr könntet Staub und Asche aus mir machen, wa? Ja Scheiße. Ihr Penner.“

Erinnerung an die Nacht hatte er so gut wie keine. Bis auf den kurzen Moment, als der Notarztwagen mit ihm losgefahren war und er durch einen Schlitz im Dach das zittrige Blaulicht sehen konnte: Da fühlte er sich wie in einem gewaltigen Flipper gefangen.

„Freispiel! dachte ich.“

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