Pamplona

„Hallelujah..!“ ruft sie aufgekratzt, als ich aus der Stadt komme. Sie steht hinten im Garten und hängt Wäsche auf. Darunter eine Reihe Frotteehandtücher, die so eng nebeneinander an der Leine klemmen wie kleine Kinder, die sich ängstlich bei der Hand nehmen.

„Ich mach mir Kaffee, willst du auch einen?“ rufe ich und erwarte, dass sie „Okay, mach mir auch einen“ sagt oder etwas in der Art, stattdessen stürmt sie die Hinterhoftreppe hoch, „warte!“, der Hund aufgeregt hinterher. „Ich muss dir was erzählen!“

Dann erzählt sie.

„Molli und ich sind eben beinah von einer Horde wildgewordener Kühe totgetrampelt worden!“

Ich bleib stehen und warte ab. Wenn sie etwas schildert, das gerade geschehen ist, steckt sie so voller Adrenalin, dass man am besten Platz nimmt, es sich gemütlich macht, vielleicht einen Stickie rollt – und die Show beginnt. Ohne Geplänkel, mittenmang, ab dafür. Genau das war es auch, was mir vom ersten Moment an ihr gefallen hat: Dass so schöne Lippen so tabula rasa machen können.

Da war zum Beispiel, jetzt nur als Argumentationshilfe, dieser Augustmorgen im Jahre des Herrn 1990. Ich kam vom Nachtdienst im Hotel und fand im Waschbecken unseres Badezimmers einen Hügel toter Wespen, das ganze Waschbecken war voll halbverstümmelter Leichname. Ein verstörend gewalttätiger Anblick so früh am Morgen, ein zoologisches Desaster.

Nun war die Gräfin bereits fort zur Arbeit, aber sie hatte auf dem Küchentisch eine postergroße Nachricht hinterlassen, in hysterischen, wie in Raserei verfassten Druckbuchstaben:

LIEBLING, HIER SIND ÜBERALL WESPEN, VORSICHT!! DIE STECHEN WIE BEKLOPPT! ICH HAB SCHON NEUN STÜCK PLATTGEMACHT, MIT DEM SAUNATUCH!! DIE LIEGEN IM WASCHBECKEN! BIS HEUT ABEND!!SIND ALLE TOT!

KUSS

Gut. Aber zurück zu den Kühen.

„Wie, die haben euch fast totgetrampelt? Welche Kühe denn?“

Ich kapiere gar nichts. Sie erzählt so schnell, so atemlos, so voller Adrenalin, dass ich nicht mitkomme.

„Fang noch mal von vorn an.“

Also noch mal von vorn.

*

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Am Vormittag war sie mit dem Hund rund um Theegarten unterwegs, der weitläufigen und windigen Anhöhe am Stadtrand, die wir bloß „die Felder“ nennen und wo sich der Panoramablick bis weit in die Wupperberge öffnet. Je nachdem, wie der Wind steht, riecht es salzig wie an der Nordsee. Sie liebt ihr kleines Holland, sie liebt die Felder, die Äcker und Wiesen rund um Theegarten, deren Anblick sie an ihre Kindheit erinnert, an barfuß Nachlaufenspielen auf abgeernteten Stoppelfeldern, an prall-goldene Maisernten im September.

In diesem Jahr bieten die Felder einen trostlosen Anblick, Mais und Weizen stehen kaum halb so hoch wie üblich. Erst war das Frühjahr zu trocken, dann hat es ohne Unterbrechnung geregnet. Ein Fiasko für die Landwirte.

„Vielleicht waren die Rindviecher deshalb so unter Stress und leicht erregbar“, meint die Gräfin, immer auf der Suche nach einer psychologischen Erklärung für das Geschehene. „Die Viecher spüren, dass ihr Fleisch es dieses Jahr für den Bauern raushauen muss, das setzt sie enorm unter Druck. Die sind ja nicht doof. Die wissen, dass sie Speck ansetzen müssen. Und dann steigt auch noch ne fremde Frau über den Weidezaun, mit einem großen fremden Hund im Schlepptau..! Klar, dass man da sauer wird und losrennt, oder?“

So weit sind wir noch nicht. Wir müssen vorher ansetzen. Denn kurz bevor die Gräfin und der Hund das Haus verlassen, entlädt sich die schwere Luft und ein kurzes krachendes Sommergewitter geht nieder, mit Graupelschauern als Marschmusik. Der Boden ist tief und seifig, als sie losmachen. An sich keine schlechte Sache, denn wie sagt die Gräfin: Wenn man losgeht, muss der Regen gefallen sein. Die Atmosphäre ist friedlich, kaum jemand unterwegs. Auch als die Beiden den Zedernweg erreichen, die Verbindung zu den Feldern, ist soweit alles in Butter – noch.

„Und dann dauert es keine Minute und ich werde fast von einer Horde wild gewordener Fleischkühe zermalmt. Jede Wette, eines Tages wird irgendwelches Viehzeugs mein Ruin sein!“

Es sind die muskulösen bergischen Fleischkühe, die eine Art rosa Scheitel auf dem Schädel tragen, was sie trügerischerweise ziemlich mädchenhaft wirken lässt, auf den ersten Blick. Dazu die entzündeten roten Ärsche vom langen Winter im Stall – das kann man doch nicht ernst nehmen, das sind doch Schwuchteln. Denkt man. Dachte sie. Ausserdem hatte sie keine Lust mehr, so gesittet und gelangweilt dem Weg zu folgen. Sie wollte Action – und sie bekam Action. Die Idee, über den Zaun zu steigen und querfeldein weiterzulaufen, kam ihr an der Stelle im Wald, wo Frau Moll immer mal wieder ein Karnickel aufscheucht, wo wilde Narzissen duften und der Farn meterhoch steht, überall umgestürzte, vor sich hinfaulende Baumriesen.

Hinter dem kleinen Hain beginnen die Kornfelder und Viehweiden von Theegarten. Ab hier ist bäuerlicher Bereich, Rindviehdistrikt. Wer sich vom Zedernweg kommend auf die Weide traut, tut das auf eigene Gefahr, unter Kaskaden protestantisch-finsterer Landwolken, die sich auftürmen und schon den nächsten Regenguss ankündigen.

„Ich hab die Kühe erst gar nicht gesehen, die standen ja noch hinterm Hügel, aber dann tauchten sie auf. Bestimmt zwanzig Stück, eine verdammte Kuh nach der anderen, Kälber, Jungbullen, alles. Die Herde kommt hinterm Hügel hervorgeschlichen und blickt neugierig zu uns rüber. Ein bißchen entrüstet vielleicht, so nach dem Motto wie kann die Tante mit Hund da es wagen, unser Refugium zu betreten. Aber noch waren die weit weg, wir stellten keine Bedrohung für sie dar. Ich schätze, die haben sich die folgende Bedrohung erst selbst geschaffen, ganz schnell ging das, so als hätte die Anführerin befohlen, jetzt ist genug, jetzt zeigen wir den beiden Hübschen mal, wo die Glocken hängen..“

Die Kühe waren in der Mehrzahl keine behäbigen alten Muttertiere, es waren junge Mütter, die ihre ersten Jungen aufziehen und schnell in Stress geraten, wenn sie spüren, dass Gefahr für den Nachwuchs droht. Und schon.. gehts los.

„Wie auf Kommando rollen die auf uns zu, wie Stiere in den Gassen von Pamplona. Und ich steh da im nassen Gras und bin so erschrocken, dass ich mich nicht rühre, ich denke bloß, he! was ist denn hier los!? Was soll der Scheiß!“

Auch bei Frau Moll scheint die Erzählung Gefühle zu wecken, sie erhebt sich und tigert nervös im Garten auf und ab, wir können sie kaum beruhigen bis sie endlich wieder Platz nimmt, immer noch zitternd. Mach schön Platz.. So ist fein. (Wenn Mensch und Hund sich das Leben teilen, ist von entscheidender Bedeutung, dass der Hund gelassen bleibt.)

„Was glaubst du, was Hochleistungskühe für Adrenalin aufbauen, wenn sie glauben, ihre Kälber verteidigen zu müssen“, sagt sie, immer noch aufgebracht. „Da war ein so tiefes und drohendes Blöken, ein Sound, als hätte ich das schon mal erlebt, komischerweise. Oder geträumt. Ich sage dir, irgendwelche Kühe oder Kampfschafe werden noch mal mein Ruin sein..“

„Irgendwie ein elementares Gefühl, dieses Gefühl von Gefahr. Das muss man erstmal schnallen, dass es jetzt wirklich gefährlich ist und kein Kinosaal, in dem man gemütlich sitzt und einen Spielfilm guckt. Wie mich die Anführerin fixiert hat.. ich war wie von einem Bannstrahl belegt. Wahrscheinlich bin ich dem Tode nur um Haaresbreite entronnen, aber das hab ich erst später gemerkt, als es vorbei war.“

„Es ist, als würde man erst durch die Gefahr wirklich Mensch werden. Eine irre Erfahrung.“

„Plötzlich ist die ganze Herde in Bewegung, rollt straight in unsere Richtung. Die hätten mich beinah in Grund und Boden gallopiert.“

„Da spaziert man ständig an irgendwelchen Kuhweiden entlang und denkt, was ne träge Meute, haben die nichts besseres zu tun als den ganzen Tag fressen und die Wiese vollkacken, und dann das..“

„Ich in Richtung Zaun, versuche, die Ruhe zu behalten. Wenn du jetzt anfängst zu rennen, sind die Schweine erst recht hinter dir her. Dann lecken die Blut. Die riechen Angst..“

„Schweine?“

„Kühe.“

„Hm. Und was hat Frau Moll gemacht?“

„Die hat mit dem Schwanz gewedelt, am Anfang. Für die war das nur ein großes Spiel. Es hat jedenfalls seine Zeit gebraucht, bis ihr die akute Gefahr bewusst wurde. Aber dann war sie gut, dann hat sie klug gehandelt.“

„Wie denn?“

„Moment, der Reihe nach. Die Kühe kommen also immer näher, mit vor Wut verzerrten Kuhfressen, eine Wand weisser tobender Muskeln. Weisst du, wieviel Tonnen sich da in Bewegung setzen?“

„Keine Ahnung.“

„Na, weiss ich auch nicht, aber das war einzige schunkelnde Muskelmasse, wie von riesigen gewalttätigen Moskitos gestochen und aufgepumpt. Ich versuche trotzdem cool zu bleiben und zügig bis zum Zaun zu marschieren..“

„Und Frau Moll? War die ganze Zeit an deiner Seite.?“

Ich frage das noch mal, weil die Reaktion des Hundes mich überrascht. Normalerweise darf man in ihrem Beisein nicht zu lange mit irgendeiner Kuh schäkern, die irgendwo auf der Weide steht und zufällig über den Elektrozaun glotzt, schon gar nicht mit einem Nutzvieh, sonst wird der Hund eifersüchtig und kläfft alles in Grund und Boden und schnappt nach Kuhbeinen..

„Nee. Ist ganz cool an meiner Seite geblieben. Ist nicht gelaufen, hat zu mir gestanden. War super, der Hund. Aber die Kühe werden immer schneller, der ganze Boden war in Bewegung.“

Sie zeigt mir das Erdbeben an.

„Da bin ich abrupt stehen geblieben und hab mich umgedreht. wie ein Wachtmeister, der ein Stoppschild raushält: BIS HIERHIN, HERRSCHAFTEN, UND NICHT EINEN SCHRITT WEITER! Das muss die Kühe so irritiert haben, die sind tatsächlich stehen geblieben, keine fünfzehn, zwanzig Meter entfernt. Auch Frau Moll hat die Bedrohung gespürt. Stellt sich vor mich und hält die Kühe in Schach, so dass ich schnell ein paar Meter gutmachen kann in Richtung Zaun, war ja nicht mehr weit. Aber es ging jetzt die Böschung runter, und plötzlich stampft die Anführerin wieder los – schnaubend und mit irrem Blick, wie in den Gassen von Pamplona, wenn die Stiere durchdrehen. Dahinter die anderen Kühe und ihre Kälber, entschlossen, es mir zu zeigen. Es war, als hätten die Viecher noch mal Schwung genommen, Schwung an der eigenen Wildheit, von der sie selbst nicht wussten, dass es so was tatsächlich noch gibt, ganz nach dem Motto wir sind Nutzvieh, und wir sind böse! Und ich steh da auf schwerem Geläuf, den Hund an der Seite und mache so laut ich kann:

„buh!“

Also, wenn ich nicht so gut bluffen könnte, ich hätte in Nullkommanichts eine Hufe am Kopp gehabt, glaub mir das, Andreas.“

„Glaub ich dir, Susanne.“

Wir glauben uns. Frau Moll blieb zum Glück stehen, wie eine Mauer, wie eine Ein-Hund-Schutzstaffel. Ich streichle unsere Nummer 3. Brav, sag ich. Gut gemacht.

„Die hat wirklich super reagiert. Als die Herde hinter mir hertrampelt, läuft sie frontal auf die Anführerin zu und verbellt sie, und ich kann währenddessen unter dem Maschendrahtzaun hersteigen, ohne mir alle Klamotten aufzureissen. Also, ich weiss nicht, wieviele Schutzengel ich in meinem Leben schon verbraten hab, aber heute haben sich garantiert alle da oben versammelt auf der Himmelstribüne und sich vor Lachen ausgeschüttet.“

„Eine Aura von Gefahr umgab uns sogar noch, als wir schon längst in Sicherheit waren, hinterm Zaun.“

„Eine Aura von Abenteuer.“

„Eine Ur-Situation.“

„So 80 Kuhfüße insgesamt bestimmt.“

 

*

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6 Gedanken zu „Pamplona

  1. Schön! Und erinnert mich an eine Situation,die ich während meiner Therapiezeit erlebt hab.
    Ich hatte seit ein paar Tagen sogenannten Dreierausgang,d.h. daß ich nur mit zwei anderen Drogies an meiner Seite rausdurfte. In Liblar Richtung Eifel gibt es zig Seen un d wir hatten Anfang August, d.h.es war warm und so machten wir es uns irgendwo am Wasser gemütlich.die beiden anderen Jungs gingen irgendwann schwimmen.das war noch nie Meins.war noch nie ein guter Schwimmer und die MatschePatsche unter meinen Füßen konnt ich auch noch nie ab.liege also alleine da und döse vor mich hin.als ich irgendwann hochschaue kommt gerade ein Schwan mit nem Rudel Enten angeschwommen.was n Schwan mit ner Ente zutun hat,weiß ich bis heute nicht,aber ich schreib hier keinen Scheiß!
    Erst denk ich so,och nee wat nett,bis die Viehcher aus dem Wasser und auf mich zukommen.die Enten nur im Hintergrund behäbig am watscheln,kommt dieser Scheißschwan mit einem Affentempo auf mich zugelaufen.bis dahin wußte ich weder daß Schwäne laut fauchen können,noch wie riesig die Viecher sind,wenn die sich aufstellen und dabei ihre Flügel ausbreiten.Ich hatte zwar keine Todesängste,aber definitiv einen Anflug krasser Panik. Keine Ahnung,ob ich denen ihr Brutplatz streitig gemacht hatte.wie gesagt:Schwan/Ente-bis heute ein Rätsel.uns trennten höchstens nur noch drei Meter.
    Ich war natürlich längst aufgesprungen und war tatsächlich schon drauf und dran dem Monster mit Anlauf in die Fresse zu treten,ohne mir dabei sicher zu sein,daß ich dabei nicht den Schnabel ins Auge gerammt bekomme.war zum Glück aber nicht nötig,denn irgendwann beruhigte sich das Vogelvieh und sprang mit seiner Ententruppe zurück ins Wasser.Aber das war auch nicht ohne.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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