Eine Nacht im Hotel (Nächte fressen 1995)

22.00

Gong..! Pünktlich steige ich in der elften Etage aus dem Aufzug und bewege mich Richtung Empfang, vorbei an den großen Palmengewächsen. Nicht eine Minute zu spät, obwohl ich noch auf einen Sprung drüben bei Kilian war, meinem Dealer. Ergebnis: genug Nachschub in der Tasche, um über die nächsten zwei Tage zu kommen. Theoretisch jedenfalls. In der Praxis entwickeln die Dinge rasch ein Eigenleben. Und tatsächlich, zwei Stunden später ist der schnöde Pulverhügel auf ein Minimum zusammengeschrumpft, mit dem man gerade noch den nächsten Morgen bewältigt kriegt.

Die Praxis ist das Elend – nicht die Theorie. In der Theorie bin ich diszipliniert, zielorientiert, ein unabhängiger Geist. Das Problem sind die Hände, die diese Theorie in die Praxis umsetzen müssen. Die sind undiszipliniert, ziellos, von Abhängigkeiten geprägt. Die sind des Teufels.

Erstmal heißt es schnell den Chef loswerden, um ein Näschen ziehen zu können, doch der Chef hat anderes im Sinn. Er hat Zeit. Klar, ihm brennt ja auch kein Heroin auf der Tasche, das er so schnell wie möglich zu sich nehmen muss, damit es ihm besser geht. Hochgewachsen und sonnengebräunt, ein silbernes Puffkettchen am Handgelenk, vier Tage-Bart, so harrt er hinter der Rezeption aus und zählt in aller Ruhe die Tageseinnahmen, sein Opium. Papiergeld, Münzgeld, Schecks, die Kreditkartenzahlungen.

“Bevor ich’s vergesse. Oben in der dreizehnten Etage, ich glaub Zimmer 40, wohnt ein Inder oder wo der herkommt, irgendwo vom Ganges da unten. Der steht hier alle halbe Stunde auf der Matte und will wissen, ob das Fax gekommen ist.“

„Welches Fax?“

„Na, weiß nicht. Eins, auf das er wartet. Scheint dringend zu sein. Also, ich sag Ihnen das nur, damit Sie Bescheid wissen, wenn der Knabe mitten in der Nacht hier auftaucht und nervös nach seinem Fax fragt.”

“Ist gut, Chef”, sage ich ungeduldig und fühle das Pack in meiner Hosentasche. Ich und mein Pack, so lebt ein Heroinabhängiger. Ich und mein Bubble. Ich und meine braune Brise. Ich und meine Tagesration. Man vergewissert sich immer wieder, ob es noch da ist. Oder ob man schon wieder losrennen muss, um Nachschub zu organisieren, ob man telefonieren, checken, frisches Geld beschaffen muss. Ob einem noch ein wenig Ruhe vergönnt ist. Bevor es weitergeht.

Wie immer ist das Pack, das Kilian mir verkauft hat, viel zu klein für meinen Riesenappetit auf Opiate, außerdem kommt der Chef mit den wirklichen relevanten, mit den existentiellen Dingen erst gegen Ende der Übergabe rüber – in einem Nebensatz.

“Ach, übrigens, Herr Klump..”, (er hat sich in fünf Jahren nicht merken können, wie ich richtig heiße, und jetzt werde ich einen Teufel tun, ihn noch zu berichtigen), “der Fernseher im Büro ist kaputt.”

Erst denke ich, der Chef will mich verkackeiern, der macht einen Joke. Er stammt schließlich aus dem Sauerland, die haben einen sehr speziellen Humor, da hat man nichts zu lachen. Da lacht nur der Sauerländer, wenn der Sauerländer witzig wird, und man fragt sich als Nicht-Sauerländer höchstens, muss ich jetzt lachen? Bin ich jetzt dran?

“Wie, der Fernseher ist kaputt..?”

“Na, kaputt eben..  Wie soll ich sagen..? Der tut’s nicht mehr. Ist tot, die Kiste, tot, tot – und ne Buddel voll Rum. Jetzt angekommen?! Harr-harr!”

Ja, lustig. Ich bin kreidebleich. Dann dauert es noch einen Moment, bis ich wirklich schnalle, was er da gesagt hat, und regelrecht ins Taumeln gerate – denn die ganze verheerende Härte, die aus dieser unscheinbaren kleinen Verlautbarung spricht, der Fernseher ist kaputt, entfaltet sich beim Blick auf den von Neonlicht ausgeleuchteten Belegungsplan: Das verfluchte Turm-Hotel ist ausgebucht! Jedes Zimmer, jeder TV-Apparat ist in Gebrauch! Zwar befinden sich in 42 Hotel-Zimmern 42 durchaus intakte verkabelte Farbfernseher, von denen ich aber keinen einzigen abziehen kann, weil die Gäste selber fernsehen wollen.

Eine Nacht ohne Fernsehapparat.. Ich geh kaputt. Man versucht mich bei lebendigem Leibe zu entmenschen. Zu entinstrumentalisieren. Man möchte schließlich Instrument im 20. und 21. Jahrhundert, man möchte Apparat sein unter Apparaten. Ich bin es gewohnt, die ganze Nacht den Fernseher laufen zu haben. Was soll ich denn sonst die ganze Nacht lang machen? Ich geh kaputt.

“Aber keine Panik, morgen früh ruf ich den Reparaturdienst an”, höre ich den Chef sagen, wie von weit her. Als ich in seine Richtung blicke, fällt mir seine Unterlippe auf, wie ein törichter römischer Torbogen hängt sie durch, “damit Sie wenigstens morgen Nacht fernsehen können, Herr Klump.”

 

22.30

Endlich. Der Chef verabschiedet sich mit einem Schwall Hauptsätze, von denen ich jeden einzelnen sofort wieder vergesse, bis auf den letzten.

„Morgen Abend ist der Apparat wieder heile, Herr Klump. Versprochen.“

Irgendwie scheint mir die Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben zu sein. Danach hocke ich frustriert im Büro und lausche dem Regen, der leise gegen die Fensterscheiben tippt, wie von abertausend winziger Fingerkuppen getrommelt. Mir ist nicht gut. Ich fühle mich unwohl. Ich hab nicht mal Lust auf ein Näschen Schore. Na schön, eins vielleicht. Oder zwei. Aber mehr auch nicht. Ich kriege kaum was rein. Der Fernseher ist kaputt.

 

22.35

Ich bin überrascht von den vielen sonderbaren Geräuschen, die so ein Innenstadt-Hotel im Sommer bereit hält, wenn es quälend langsam Nacht wird. Da fällt eine Etage über mir, im zwölften Stock, eine Tür ins Schloss, und wenig später rauscht auch noch die Klospülung. Ich werd irre. Wahnsinn.

Dann Totenstille. Auch wenn die großen Fenster im Frühstücksraum alle auf Kipp stehen, nicht mal das Knattern eines Mopeds ist zu hören. Vielleicht dürfen so spätabends keine Mopeds mehr durch die Straßen der Stadt knattern, ich weiß es nicht, davon hab ich keine Ahnung, ich schaue normalerweise fern um diese Zeit.

Ich kämpfe mit den Tränen.

 

23.50

Eine Nachtschicht ohne Fernsehapparat schleust zusätzlich schlechtes Karma ins Hotel, ist die Gräfin doch ohnehin der Überzeugung, ich würde mit meiner schlechten Laune die Atmosphäre verpesten, und das weltweit! Jedenfalls, wenn ich eine Woche lang im Nachtdienst bin.

“Kündige endlich deinen Job, dann geht’s gleich der ganzen Menschheit besser! Dann fällt uns allen ein Stein vom Herzen!”

In der Tat, es fällt mir nicht leicht, die Contenance zu wahren. Wer hat meinen schönen Telefunken ermordet?! Meinen lieben kleinen Fernseh-Apparillo. Denn was gibt es schöneres, als vollgepumpt mit Stoff im Chefsessel vorm Kabel-Fernseher wegzudämmern, eine heiße Kippe in den Fingern, die bis auf die Knochen des Zeigefingers herunterbrennt.

Junkies bringen es fertig, in den unmöglichsten Körperhaltungen einzupennen, dagegen ist mein Dümpeln im Fernsehsessel mit brennender Kippe in der Hand die Lehrlings-Variante. Junkies erwachen mit gebrochenem Arm, weil sie am Tisch sitzend eingepennt sind, den Kopf auf dem Arm aufgestützt. Ich hab mal jemanden im Rollstuhl kennenlernt. Er hatte sich im Nahverkehrszug nach Köln auf dem Klo einen Knaller gemacht und war danach im Schneidersitz vor der WC-Schüssel eingepennt. Fünf Stunden lang pendelte er zwischen Solingen und Köln hin und her, bis ein Zugbegleiter gewaltsam die Klotür öffnete. Da konnte er sich schon nicht mehr bewegen, das Blut hatte nicht zirkuliert. In einer Notoperation wurden ihm am selben Nachmittag beide Beine abgenommen.

Ein anderer Junkie hatte so viel Benzos geschluckt und Heroin geraucht, sein Oberkörper fiel nach vorne, der Kopf knapp über einer brennenden Kerze. Am nächsten Morgen war seine Kopfhaut bis zum Schädelknochen weggeschmort. Auch er mußte notoperiert werden. Glücklicherweise wuchsen an der Stelle irgendwann wieder Haare.

 

00.45

Wie gerne würde ich mir jetzt etwas Werbung auf Vox anschauen, Bindenwerbung mit Olga Lipinsky vielleicht, der Pionierin aller blauen Ersatzflüssigkeit. Oder Theo Kojak in Einsatz in Manhattan. Meinetwegen auch Beverly Hills, 90210. Oder Seinfeld! Die Simpsons! Roseanne! Scheiß der Hund drauf!

Ich finde, Deutsche sollten vor amerikanischen Einwanderungsbehörden den langjährigen TV-Konsum von Daily Soaps geltend machen dürfen, um Punkte für die Aufnahme in den USA zu sammeln, da sie durch Seinfeld & Co. bereits eine Art US-Amerikaner geworden sind, wenn auch durch und durch synchronisiert.

Seht ihr, ich vermisse schon die tiefe deutsche Synchronstimme von Lieutenant Theo Kojak. Niemand sonst kann mit dem Lolli im Mundwinkel einen Verdächtigen so lässig und sonor abkanzeln:

“NA, WER KOMMT DENN DA AUS DER JAUCHE GEKROCHEN..? SETZ DICH, DU MÜLLHAUFEN!”

 

02.45

BÖSE GELANGWEILTER NACHTPORTIER ERSCHLÄGT 42 HOTELGÄSTE IM SCHLAF UND SETZT SICH DANACH SEELENRUHIG VOR 42 HOTEL-FERNSEHER!

NACHEINANDER!

 

03.30

Aus Langeweile beschrifte ich im Frühstücksraum sämtliche Marmeladentöpfe neu, in Schönschrift. Blaubeere. Aprokose. Johannisbeer-Gelee. Bei Aprikose verschreibe ich mich extra, damit ich das Schildchen noch einmal beschriften darf, diesmal richtig. Aber erst nochmal falsch.

 

04.00

Man könnte ja auch ein gutes Buch lesen. Aber wie soll ich vorher wissen, ob ein Buch gut ist. Das Risiko ist mir zu hoch, dass es ein schlechtes Buch ist. Das letzte Näschen zieh ich in der Küche weg, beim Brotschneiden. Ich hoffe, dass die Chefin pünktlich um Sieben zum Frühdienst einmarschiert, damit ich Kilian, meinen Dealer, abpassen kann, bevor er zur Arbeit fährt und ich womöglich auf dem Trockenen sitze. So war das nicht geplant. So ist das nie geplant. Wie ging der Spruch noch mal, der in Lateinamerika kursiert? Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen.

 

04.10

“Have you any message for me?” erkundigt sich der Inder, der sich als pakistanischer Waldorf-Lehrer mit Segelohren entpuppt, zum dritten Mal an der Rezeption, und ich lasse ihn die Frage fünfmal wiederholen, damit etwas Zeit vergeht, bis er stirnrunzelnd abzieht.

 

04.11

Wie ein Torhüter, der wild entschlossen seinen Strafraum bewacht, bewege ich mich vor den Überwachungsmonitoren hin und her. Die grobkörnigen Bilder zeigen abwechselnd den Hotel-Eingang, den Eingang zum Parkdeck Rot sowie diverse Zwischentüren zu den Aufzügen. Es passiert nichts, überhaupt nichts, nirgends auch nur ein Krümel Action. Genau genommen passiert noch nicht einmal überhaupt gar nichts, niente, Null. Ich könnte schreien vor lauter schwarzen Löchern, die sich in der Nacht auftun, wenn der Fernseher kaputt ist.

Einmal beobachte ich an Monitor 3 zwei Nachtfalter, die hart gegen eine Überwachungs-Kamera anflattern, immer und immer wieder, wie Mücken das Licht. Was für ein entsetzlich törichtes Pack.

 

04.15

Hitze rotzt über mein Gesichtsfeld, von einem Ohr zum anderen. Das ist mein Kreislauf! Weil ich mich immer so furchtbar aufrege!

 

06.00

Noch eine Stunde, dann ist es geschafft. Dann sind neun fernsehfreie, bange Nachtstunden um. Keine Ahnung, wie ich das bewältigt habe. Ich bin froh, wenn ich daheim bin und noch etwas Frühstücksfernsehen einschalten kann.

 

06.15

Die letzte Dreiviertelstunde hänge ich trotzig in meinem verwaisten Chefsessel und glotze in den kaputten TV-Apparat. Immerhin, das kleine rote Stand-by-Licht funktioniert noch. Wie herrlich es leuchtet, in welch herrlich funkelndem Rot, ach, das unschuldige kleine Lichtelein. Ich geh ganz nah ran an den Apparat und flüstere zärtlich, “oh moi rouge, mon television..” Ich weiß auch nicht, warum ich immer so scheiße belgisch bin, wenn ich sentimental werde. Ich habe wirklich keinen Schimmer.

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5 Gedanken zu „Eine Nacht im Hotel (Nächte fressen 1995)

  1. Hervorragend!
    Ein paar Jahre ist es her, daß Hotti Benzos geschluckt und n Blech geraucht hatte.Sein Oberkörper fiel nach vorne, der Kopf knapp über einer brennenden Kerze. Am nächsten Morgen war seine Kopfhaut bis zum Schädelknochen weggeschmort. Er mußte notoperiert werden…Glücklicherweise wuchsen an der Stelle irgendwann wieder Haare. Und in Entgiftung hab ich n Typ kennengelernt, dessen kompletter Arm eine riesengroße Brandnarbe aufweist. Er war auf Benzos und Heroin vor einer brennenden Heizung sitzend eingepennt.

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