Ach, du immer mit deinen.. Sätzen!

4. Juli 85. Volle Pulle Hochsommer. Bin zwischendurch mal zu Hause. Direkt geht das Telefon. Lena ist dran, aus Berlin. Sie ist nicht gut drauf, ich höre es an ihrer verdrucksten Stimme. Sie erzählt, was sie so macht und so, unter welchen Leuten sie ist, aber kein Wort von ihrem Chef, den sie in die große Frontstadt begleitet, ausser, dass er ihr einen weißen Fummel gekauft hat. Irgendwas pompöses.

„Ne Pelz-Stola?“ werfe ich höhnisch ein.

Der alte Geldsack. Sie kichert kurz auf, aber sie ist so fern, so weit weg. So komisch drauf. Ich erkenne ihre Stimme kaum wieder.

„Was ist los mit dir?“

“Was los ist? Ich hab die letzten Tage paar Mal bei dir angerufen, nie warst du da”, beschwert sie sich.

“Na gut, ich war viel unterwegs.”

“Ah, sieh an, der Herr war unterwegs.. Und wo war der Herr unterwegs? In fremden Frauen? Du hast bei Martina geschlafen, gibs zu. Der Zahnkuh. Die dir dauernd Zuckerstangen schenkt.“

Eine Zuckerstange hat sie mir geschenkt, eine. Nicht dauernd welche.”

“Also, was ist? Hast du bei Martina geschlafen oder nicht!?”

Mist.. Was jetzt? Ich zögere. Und weil ich zögere, kann ich mich nicht mehr herausreden, das Zögern verrät alles. Dabei hätte ich es ihr lieber nach Berlin gebeichtet. Wenn sie zurück ist. Aber was heisst gebeichtet. Lena macht schliesslich schon lange, was sie will. Trotzdem fühle ich mich wie ein Verräter an unserer Sache, als ich zugebe, bei Martina übernachtet zu haben.

„ÜBER.. NACHTET!!?“

Schon geht die Post ab. Kommt Lena genauso drauf, wie ich immer draufgekommen bin, wenn ans Licht kam, dass sie was mit einem anderen Typ laufen hatte. Ausserdem, sie kennt Martina, die Zahnarzthelferin, weiss, wie hübsch sie ist. Dass sie Charme hat. Konkurrenz ist. Ob ich verliebt bin? Ob ich jetzt mit ihr zusammen sei? Die gleichen verflixten Fragen, meine gleichen genervten Antworten. Was soll ich darauf sagen. Bin ich mit Martina zusammen? Ich weiss es selbst nicht. Ach was, natürlich nicht. Ich mag Martina, sie gefällt mir, aber mit Liebe hat das nichts zu tun. Sie ist blond und zurückhaltend und genau das Gegenteil der dunkelhaarigen impulsiven Lena. Die bohrt weiter. Hört nicht auf zu bohren. Ob ich Martina heut Abend wieder treffe. Ich bin so genervt, dass ich ihr endlich die Antwort gebe, die sie hören will.

“Ja! Ja!! Ich bin mit ihr zusammen.”

Lena ist völlig daneben, und ich bin so cool. So cool wie sie sonst ist, wenn mir die Felle davon schwimmen. Dennoch gelingt ihr ein Treffer, ein Leberhaken, der mich fast K.O. setzt.

“Ich liebe dich so sehr, dass ich versucht habe, von dir wegzukommen”, sagt sie. “Kann man jemanden mehr lieben?”

Jetzt habe sie Sehnsucht nach mir. Sie sei so eifersüchtig. Sie wolle mich irgendwann heiraten und ein Baby von mir haben. Ein Baby, kein Kind.

“Möchte ich doch auch”, sag ich und bin selbst überrascht. “Also ich meine, vielleicht.. irgendwann mal. Jetzt will ich erst mal ein bisschen.. gucken. Mich umgucken. Den Markt sedieren.”

“Sedieren..? Wie, den Markt sedieren?”

“Ach, sortieren. Sortieren, meine ich.”

Verdammt. Ich blicke nicht mehr durch.

17. Juli 85. Lena ist zurück. Wir sind zum Schwimmen verabredet. Um zehn soll ich sie abholen. Ich bin früh wach an diesem Freitag und nehme den Fußweg unten am Weyersberg her.

Früher als abgemacht stehe ich vor ihrer Wohnung und wundere mich, dass ihr Rouleau oben ist. Dass sie schon wach ist. Es passt nicht zu ihr. Ich schelle. Erst ganz normal, dann Sturm. Ich steige auf den Mauerabsatz unter ihrem Fenster und schaue ins Schlafzimmer. Das Bett ist leer. Sieht unbenutzt aus.

Na toll, denke ich, und muss lachen. Ein trauriges, ein galliges Lachen. Wie kaputt das zwischen uns ist. Nicht mal eine harmlose Verabredung kriegen wir noch gebacken. Was jetzt? Soll ich allein ins Freibad? Die Badehose trage ich unter der Jeans, ich müsste nur irgendwo ein Handtuch auftreiben.

Ich mache ein paar Schritte Richtung Strasse, bleib stehen. Jäh baut sich in meinem Bewusstsein ein ebenso langer wie heißer und einsamer Tag auf, ein mächtiger Gegner, ohne jede Gnade. Ich stapfe weiter, Richtung Innenstadt. Um zehn nach zehn bin ich am Graf Wilhelm-Platz und rufe Lena aus einer Telefonzelle an. Sie hebt tatsächlich ab.

“Gut geschlafen?”

“Ja”, sagt sie.

“Aha. Und mit wem?”

“Mh..? Wie, mit wem..? Was meinst du?”

“Na, wo du warst.. heut Nacht.”

“Wie, wo ich war..? Was redest du da? Zu Hause natürlich.”

“Wieso lügst du? Ich war eben bei dir, vor ner halben Stunde. Da warst du nicht zu Hause..”

Schweigen.

“Also.. gut. Ich hab beim Chef auf der Couch geschlafen. Ist spät geworden gestern. War ganz harmlos. Ist nichts passiert.”

Pff..! Mir doch scheißegal. Ich leg auf. Die kann mich mal. Macht mir Vorhaltungen, nimmt sich selbst aber alle Rechte der Welt raus. Ich bin so wütend, keine fünf Minuten später rufe ich erneut an.

“Ich komm jetzt”, sag ich.

Zurück zur August Dicke Strasse. Auf den weitläufigen Rasenflächen am Weyersberg spielen die Kids Baseball. Ist jetzt Schulsport. Ich könnte so reintreten. Sie sperrt die Türe auf. Na ja. Sie ist müde, noch k.o. vom langen Kellnern gestern Abend, sie will sich noch eine Runde hinlegen, bevor wir Schwimmen gehen.

Nach kurzem Zögern lege ich mich zu ihr. Sie holt mir einen runter. Geil und verzweifelt zugleich. Sie bleibt trocken, erinnert mich an einen Teller Roastbeef. Das ist noch nie passiert, sie ist noch nie nicht feucht geworden. Sie schläft auf der Stelle ein. Ich bleibe wach. Liege da, und starre zur Decke, einen merkwürdigen Geruch in der Nase. So wie als Kind, wenn ich bei den Großeltern unterm Tisch spielte, umgeben von den schwarzen Seidenstrümpfen der Omas, die so muffig rochen, als hätten sie Jahrzehnte in der Schublade verbracht. So alte dicke schwarze Seidenstrümpfe. Was macht der Geruch hier bei Lena? Er kommt aus der Küche.

Um eins wecke ich sie auf.  Hast du ne Oma hier vergraben? Hä? Schon gut. Wir frühstücken und rufen ein Taxi zum Freibad. Der Fahrer setzt uns oben am Bismarckplatz ab, den Rest gehen wir zu Fuß, immer den Pfad entlang, der sich durch den Wald schlängelt bis runter ins Schellbergtal. Gartenzäune knacken in der Hitze, wir pflücken wilde Erdbeeren. Ein Marienkäferchen lässt sich auf meiner Schulter nieder, ein Sendbote vergangener, glücklicher Tage. Vite, vite, flötet es aus den Baumkronen.

„Das sind die französischen Austauschvögel von der Seine“, sag ich.

Vite, vite, vite. Allez. Ansonsten Stille,

“Irgendwie romantisch hier”, sag ich.

“Romantisch..? Wenn ich ner Kuh auf der Wiese beim Scheißen zugucke, das ist romantisch”, spottet sie.

Yepp! Das ist mein Mädchen! Das beim Spaziergang immerfort auf die Füße schauen muss, damit es nicht auf die Nase fällt und sich den Knöchel bricht. Ich hebe Lena hoch und wirble sie in der Luft herum, wie ein Funkenmariechen.

“He, meine Sachen..!”

Im Freibad kommen wir gut zurecht. Im Wasser stehend küsse ich sie auf die Dracula-Stelle am Hals, wo jede Frau es gern hat: erst ein bisschen gerötet, dann getötet. Am Hals wissen sie nie so genau, ob der Mann es nicht doch vielleicht ernst meint mit dem Töten, und sie genießen es.

Oja..

Sie hat neue Sommersprossen bekommen, seit unserem letzten Zusammensein.

“Das sind keine neuen Sommersprossen, das ist eine Mücke, du Blödmann!”

Ich mach sie umgehend platt.

“Autsch, bist du doof! Das tut vielleicht weh!”

Auf der Liegewiese der übliche Kampf ums Badetuch. Sie schlägt mir vor, ich solle mal ein Märchen schreiben.

“Hä..? Was denn für ein Märchen?”

“Weiß ich doch nicht! Die Prinzessin auf der Saubohne!”

Beim aller Harmonie, eins passiert nicht: Wir verdrücken uns nicht wie früher in eine der engen Umkleidekabinen, für ein paar Ferkeleien im Stehen. Wir kommen gar nicht erst auf die Idee. Wir sind vertrocknet. Aus. Und vorbei.

Am späten Nachmittag nimmt uns ein Bekannter im Auto mit in die Stadt. Wir gehen ins Mumms, trinken was. Gerade wollen wir abhauen, da schiebt sich ein alter Sittenstrolch zur Tür hinein, mit hervortretenden Wangenknochen und Bürstenhaarschnitt.

“Vaffanculo!”

Benzini, der alter Zigeuner, lebt seit Jahren in Köln, wo er mit gebrauchten US-Strassenkreuzern handelt, doch die Wochenenden verbringt er weiterhin in der alten Heimat. Hier hat er sein Publikum, das dankbar ist für einen wilden Mann mit Einsichten.

“Ich bin ein Pechvogel, darum muss ich besonders clever sein.”

Zu dritt brettern wir nach Gräfrath, ins Metropol. Die Sonnenterrasse ist überfüllt, lauter bekannte Gesichter. Ich hole zwei Stühle hinzu. Lena genießt es, noch mal unter den alten Leuten zu sein.

“Fast ein Déjà-vu”, sagt sie.

Wir teilen uns einen dampfenden Champignon-Topf und zwinkern uns zu, die Nase knusprig rot vom Tag im Schwimmbad. Dann muss sie los, kellnern. Wir verabreden, dass ich später in der Nacht zu ihr komme. Oha, denk ich so für mich, das geht garantiert nach hinten los.

“Du musst dich entscheiden, ob du liebst oder nicht”, krächzt Benzini, als Lena fort ist. Zuerst bin ich empört, “ja, aber das Herz entscheidet doch!”, doch je länger wir trinken, desto unsicherer werde ich. Stimmt vielleicht mein ganzer fatalistischer Aufbau nicht. Dass man seinem Schicksal nicht nachlaufen kann, weil es dich so oder so einholt – ich meine, es ist schließlich deins! Wo soll es sonst hin? Das arme Schicksal! STIMMT DAS ETWA NICHT!??

Muss man tatsächlich selbst entscheiden??

Um zwei in der Nacht rudere ich betrunken an den Hauswänden entlang zur August Dicke Strasse. Aus einem Vorgarten pflücke ich eine kleine weiße Blume, eine Lilie wahrscheinlich. Keine Ahnung. Lena öffnet verschlafen die Tür und haut sich gleich wieder hin. Ich lege mich zu ihr und kitzle sie mit dem Stengel unter der Nase. Sie schreckt zurück.

“He! Ich will kein ausgelutschtes Kaugummi..!”

Das hätte sie nicht sagen dürfen, so verschlafen sie auch sein mag. „Kein ausgelutschtes Kaugummi!“ – wie treffend für unsere Situation! Und so geht – einmal mehr – die Post ab. Sie schreit mich an. Was mir überhaupt einfiele.

“Platzt hier mitten in der Nacht rein und beschimpfst mich wegen so einem Scheiß! Nur weil ich.. eine Blüte mit einem scheiss Kaugummi verwechselt habe. Es ist dunkel, ich habs nicht gesehen!”

Sie habe es so nicht gemeint.

“AUSGELUTSCHTES KAUGUMMI!” gifte ich zurück. Ich kriege mich kaum mehr ein. Ich bin besoffen. Dramatisch. „SOLL ICH WIEDER GEHEN?“ Sie antwortet nicht. Aber wie das so ist mit Antworten, auf die man wartet, wenn sie dann kommen, schwingen sie einem entgegen wie ein Weihrauchgefäß in einer großen Kathedrale; eine wahrhaft kathedrale Antwort:

„Ja. Hau doch ab.“

Es ist vorbei, alles läuft nur noch falsch. Ich heule. Sie heult. Dieses Drecksdrama. Diese Dreckswahrheiten. Irgendwann schlafen wir ein, die Fenster sperrangelweit offen.

*

18. Juli 85. Wie immer werde ich vor ihr wach. Ich geh ins Badezimmer und brause meinen Schädel mit eiskaltem Wasser ab. Zieh mich an. Wecke sie.

“Ich muss los”, sag ich.

Tränen in den Augen. Abschied. Der nächste Abschied. Der letzte.

“Das ist aber doch jetzt kein Abschied”, flüstert sie.

Ich mach mich los. Pflücke vor ihrem Fenster ein Gänseblümchen. Werfe es in ihr Zimmer. Bleib einen Moment stehen. Warte. Sie kommt ans Fenster. Ich schlage die Hände vors Gesicht.. Bloß weg hier.

Als ich zu Hause bin, geht das Telefon. Ich bin froh, dass sie es ist. Wir machen ab, dass wir uns eine Weile gegenseitig in Ruhe lassen.

“Aber nur einen Augenblick”, sagt sie.

Ja. Nur einen.. Augenblick.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Ach, du immer mit deinen.. Sätzen!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s