Hase

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Mit seiner üppigen Hippie-Krause, die fast unverändert die Jahrzehnte überstand, wirkte er etwas aus der Zeit gefallen. Vielleicht ist das der Grund, warum es uns so schwer fällt, seinen Tod zu akzeptieren.

Irgendwie ist er nur in Ferien.

Nimmt wie üblich den Großteil seines Jahresurlaubs im Spätsommer und fliegt nach Andalusien, wo ein Mietwagen darauf wartet, ihn zu den schönsten Plätzen zu bringen, und spätestens übernächste Woche taucht er wieder im Treppenhaus auf, mit federndem Schritt, eine Locke aus der Stirn schiebend, ein vollmundiges Lächeln im Gesicht. Ohne viel Worte.

Wie gehabt.

„Gewohnheit vermittelt einem die Illusion, das Leben ginge auf ewig so weiter“, so die Gräfin. „Aber so leicht lässt sich das Leben nicht austricksen.“

Auf den Tag genau ein Jahr vor seinem Tod zog Hase aus dem Haus am Kannenhof aus, in dem wir fast 25 Jahre zusammen gewohnt hatten. Er in seinen beiden Zimmern unterm Dach, die Gräfin und ich im Erdgeschoss. (Dazwischen wechselnde Geschichten.)

Das letzte, was Hase aus der Mansarde heraustrug, war eine wie neu funkelnde Konzertgitarre. Was uns erstaunte. Wir waren Metal von ihm gewohnt, Metal in all seinen Facetten, Speed-Metal, Trash-Metal, Monster Magnet, dazu Blumfeld, aber niemals Cat Stevens.

„Mh, er ist ja doch ein Hippie“, murmelte ich.

Als die Gräfin ihn zum Abschied umarmte, was ihm ausnahmsweise recht war, er war sonst auf Distanz bedacht, war sie überrascht, wie dünn, ja, wie hager er war.

„Als hätte ich ein Bündel Holz im Arm gehabt.“

Nachdem er ausgezogen war, hallten seine Schritte noch Wochen später durchs Haus, eine Trug-Akustik, die nur langsam ausblendete. Uns fehlte sein kleines durchritualisierte Leben, das wir über die vielen Jahre mitbekommen hatten, ob wir wollten oder nicht. Er kam gegen fünf von der Arbeit, relaxte ein bisschen, duschte. Punkt sieben hörten wir die Tür seiner Dachwohnung, (auf der ein großes Osterhase-Abziehbild klebte), er kam die Treppe runter.

Hases Schritte.

Mal ein leichtfüßiges Turnschuh-Dip-dip-dip, mal ein verschlossenes, mitunter zorniges Stapfen, dem der Ärger noch anzuhören war, der sich auf der Arbeit angestaut hatte.

Er ging über die Straße, die Matte vom Duschen noch nass und ein frisches Hemd an, er liebte bunte Hemden, bevor sie Mode wurden:

Mehr ein Wehen als ein Gehen.

Ziel war ein italienisches Cafe in den Clemens Galerien, wo er ein, zwei Espresso nahm. Pünktlich um Acht war er zurück am Kannenhof, Abend für Abend. Man konnte das Leben nach ihm ausrichten.

Mit Hase stirbt ein Stück Solingen, das sicher schien.

„Gewohnheit vermittelt einem die Illusion, das Leben ginge ewig so weiter“, so die Gräfin. „Aber so leicht lässt sich der Tod nicht austricksen.“

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Hases Lieblingsbaum im Coppel-Park steht gleich gegenüber der Bank, auf der er gern saß und seine Ruhe hatte, ein Buch in der Hand. Als ich den knorrigen alten Stamm am Morgen nach Hases Beisetzung anfasse, bei kühlem und regnerischen Wetter, ist er ganz warm.

Ein Gedanke zu „Hase

  1. Hase, Ruhe in Frieden. Habe erst heute von Deinem Schicksal erfahren. War immer gerne mit Dir unterwegs, am liebsten zu Fuß durchs Ittertal nach Haan ins Jugendzentrum, Mann ist das lange her, aber auch wie gestern. Konzertgitarre hab ich gelesen…dem Blues dann doch nicht ganz abgesagt, gut so. Deine Schwestern Gabi und Martina denken bestimmt oft an Dich. Wir hatten gute Zeiten, bis bald, Manfred PS: Wer auch immer Dich auf dieser Seite beschrieben hat – er hat Dich gekannt und verstanden. Das war nicht allen Bürgern in SG vergönnt.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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