Ich werde alt, weint der Hund

Frau Moll hat (bald) Geburtstag. Sie wird zehn. Zur Feier des Tages wird jetzt schon ein Glas rosa Kitschwasser gereicht.

„He, stehen lassen!“ ruft die Gräfin. „Das ist meins! Da ist ne Zinktablette drin!“

„Ne Zinktablette? Wofür soll das denn gut sein?“ frag ich und hab sofort T. Rex im Hinterkopf, Think Zinc, eine der letzten, schwächeren Singles von Marc Bolan, aber immer noch gut genug für meinen Hinterkopf, wenn in der näheren Umgebung das Wort Zink fällt.

„Zink ist für alles gut, hab ich gelesen“, sagt sie. „Für Ferse, Kniekehlen, Armbeugen, Halspartien. Eben alles.“

„Gut“, sag ich. „Nehm ich auch eine.“

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Frau Moll ist Ende 2003 geboren, früh am Morgen. Die Nummer 5 in einem 8er-Wurf. Sagen wir mal 8er-Wurf, wir wissen es nicht genau, nur vom Hörensagen. Und ob Frau Moll wirklich die Nummer 5 war und nicht Nummer 4 oder 6, wer weiß das schon.

Scheiß der Hund drauf.

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Wenn sie auf dem Rücken liegt, streckt sie gern alle viere von sich, alles, was die Party-Pfoten hergeben. Wenn sie aber richtig gut drauf ist, streckt sie nur ein Bein in die Höh, das rechte Vorderbein: ICH BIN DIE GRÖSSTE! DIE BESTE! ICH BIN DIE NUMMER EINS!!

san.heimwehpostk

„Ich werde alt“, weint der Hund

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Nach Adam Hunde-Riese bedeutet ein Menschenjahr sieben Hundejahre, demnach wird sie 70. Bei großen Hunden wird sogar acht Jahre gerechnet. Frau Moll ist mittelgroß, also pendeln wir uns bei 7,5 ein. Sie wird also schon 75. Ein stolzes Alter.

Wenn man Dreißig wird, denkt man noch, Scheißdreck, jetzt ist alles aus, die Jugend ist vorüber, jetzt wirst du alt, wo ist die Smith & Wesson, doch dann passiert – gar nichts. Man bleibt einfach Ende Zwanzig, auf unbestimmte Zeit. Nicht mal so richtig Dreißig wird man.

So vergehen die Jahre, man wird Vierzig und denkt zurück an die Zeit, als man Dreißig geworden ist und Angst davor hatte, alt zu werden und nichts geschah, also hofft man, dass sich das Spielchen noch mal wiederholt und man einfach Ende Dreißig bleibt, auf unbestimmte Zeit, oder auf bestimmte Zeit, ganz egal, und tatsächlich, obwohl sie 40 sind, schaffen es die Glückspilze bei Mitte Dreißig stehen zu bleiben. Auf bestimmte Zeit.

Denn spätestens mit 45 ist Schluß mit jeglichem Betrug, mein Freund. Wenn du 45 wirst, ändert sich alles. 45 ist die Pforte zum Tod. Mit 45 reißt das Alter die Herrschaft an sich und du darfst offiziell in die Geschichte eingehen. (Wenn du Pech hast, dauert es noch mal 45 Jahre bis die Geschichtsbücher in Druck gehen, aber das ist eine andere, das ist die nächste, das ist die everlasting Story.)

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Wenn man älter wird und Fotos aus der eigenen Jugend betrachtet, ist es ein bisschen so, als habe man sich verlassen.

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junge fr.moll, grosses foto

Die junge Frau Moll

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Einmal im Monat macht die Gräfin ein Riesenfass Hormone auf. Und wenn dann noch zufällig der Vollmond die Luftherrschaft an sich reißt, womöglich der hellste Vollmond des Jahres, 30 % heller als der normale Vollmond, eine vollfahle Nachtsonne, dann steigt die Gräfin hormonell und luna-luna befeuert in die Badewanne und lässt Wasser einlaufen, 44 Grad heiß.

„Ich bin ein Hummer“, summt sie.

Sinkt die Wassertemperatur mit der Zeit auf unter 44 Grad, lässt sie heißes Wasser nachlaufen. Eine Prozedur, die sie so lange wiederholt, bis eine innere Stimme ihr befiehlt, es gut sein zu lassen für heute und das Bad – endlich – zu verlassen. Lobsterrot bis hinter die Ohren, die Haut verkocht, auf eine rohe Art froh, so steigt sie aus der Wanne.

„Madame, Sie brühen..“

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Frauen sind wie das Meer. Sie werden vom Mond hin- und hergeschubst.

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Ich stehe blöd in der Geschichte rum. Aber einmal steht jeder blöd in der Geschichte rum. Einmal, das geht ja noch.

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Auf dem Bolzplatz haben Maulwürfe zu Ehren von Frau Moll über Nacht unzählige Geburtstagshäufchen aufgeworfen. Da hat sie ordentlich was zu buddeln, und ich singe Frau Moll ein kleines Lied. Tu ich doch gern, so als verkappter Schlagersänger. Ein Adamo, der Inch Allah schmettert, im Garten, hinter dem Sandkasten, auf französisch, ohne gesicherte Textkenntnisse. Ich singe irgendwas mit Robespierre.

Der Hund geht buddeln.

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Halb zehn am nächsten Tag. Wir haben so lange geschlafen, wir sehen aus wie Kraut und Rüben. Auch Frau Moll ist 16 Stunden nicht mehr vor der Tür gewesen. Sie verharrt irgendwie eckig auf ihrer Lieblingsdecke, so als hätte man einen Sessel in sie eingebaut, auf der sie selbst, eine struppige Gouvernante (75), sitzt.

„Lass sie besser mal in den Garten“, gähnt die Gräfin, „kann sie mal eben Pipi machen.“

Kaum öffne ich die Haustür, spurtet der Hund los, elegant wie eine Kurvenläuferin, durch meine Beine hindurch, rücksichtslos rempelnd, WEG DA! DU SAU! ICH MUSS SICKEN!

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Während der Frühstücks-Espresso auf dem Herd köchelt, stehen die Gräfin und ich zerknittert am Küchenfenster und beobachten Frau Moll, ob sie Pipi macht im Garten oder ob sie, wo sie schon mal dabei ist, gleich das ganze schmutzige Morgengeschäft erledigt, auf dem Grundstück der Nachbarn.

Stattdessen steht sie wie angewurzelt auf der Wiese, den Blick starr nach oben gerichtet, in Richtung unser Küchenfenster, hinter dem wir stehen, genauso stur nach unten glotzend.

Wir taxieren uns gegenseitig, wie zwei oberfaule Armeen.

(Siehe auch: Herbert W. Franke, Übereinstimmungen im menschlichen und tierischen Verhalten, Stuttgart 1968.)

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Als ich den Garten betrete, beginnt sie wie wild zu buddeln, wie ein Berserker buddelt sie, ich hab den Sand schnell in der Fresse und im Ohr. Gibt es das als Rasse, Buddelhund? Und wo kann man das anmelden?

„Und ne Buddel voll Hund“, singt Adamo aus mir.

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Die Abendrunde mit dem Hund ist traditionell meine Sache. Es kommt vor, dass ich mich dabei langweile. Dann halte ich mir die Nase zu und täusche mit quäkender Bademeisterstimme einen Bademeister vor, mitten im Wald, „Frau Bückeburg, bitte zur Kasse! Frau Bückeburg, bitte!“ Oder auch: „Frau Bückeburg und andere Frauen, die sich ne Mark verdienen wollen, bitte beim Bademeister melden!“

Da Frau Moll als Hütehund-Mischling auf alles Fremde allergisch reagiert, auch auf fremde Stimmen, die aus dem Herrchen kommen, bleibt sie wie vom Blitz getroffen stehen. Rührt sich nicht von der Stelle. Bellt zur Sicherheit zweimal in meine Richtung, das Köpfchen zur Seite geneigt, als Zeichen höchster Irritation: Wieso spricht mitten im Buchenhain ein Bademeister aus dem Herrchen? Wieso hält der sich die Nase zu? Hat der einen Knall? Und wer zum Henker ist Frau Bückeburg!?

Jedenfalls, mir ist nicht mehr so langweilig.

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4 Gedanken zu „Ich werde alt, weint der Hund

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