Endlich Saison

Der stiernackige kleine Polier von gegenüber hat sich das neueste Laubsauger-Modell zugelegt. Auf 3.600 Umdrehungen pro Minute bringt es die auf dem Rücken getragene Astronautenausführung mit gepolsterten Schulterriemen, Hüftgurt und wirkungsloser Vibrations-Dämpfung.

„Damit hol ich dir jeden Wurm aus dem Watt!“

„Watt? Welches Watt?“

„Wa..? Ist doch nur so ne Rede.. so ne.. Redensart. Mit dem Maschinchen zieh ich dir jeden Wurm aus der Wiese, jeden scheiß Wurm.“

„Du ziehst keinen Wurm aus unserer scheiß Wiese. Bleib ja weg mit deinem Rohrgetüm.“

Zeitgenossen, die starke Nerven haben, wird es vielleicht nicht so auffallen, oder es beeinträchtigt sie einfach nicht so sehr: die zahllosen Geräusche, der ganze Krach, der schon am Morgen auf einen niederprasselt, wenn man (mit dem Hund) das Haus verlässt.

Jetzt im Herbst sind sie allgegenwärtig, die Laubgebläse, die einen Lärm über die Landschaft legen, dass man sich von monströsen, unablässig nach Extra-Happen geifernden, sich gegenseitig hochschaukelnden, Krach als Antwort begreifenden gefräßigen Industrie-Insekten umstellt fühlt.

Umstellt von Raketenwerfern, Mischmaschinenbefüllern und Betonsilobefüllern, von Schmiedehammer-Enthusiasten, Müllabfuhrautos und Autos, von Mopeds, Mofas, Motorrädern, schweren Maschinen und Maschinen, von Talking Hauptschülern und Gebläsereinigern mit gepolsterten Schulterriemen, Hüftgurt und wirkungsloser Vibrations-Dämpfung. von Modulreinigern, zuschlagenden Gartentörchen, die Bimmel schlagenden Essener Alteisenhändlern mit großer Klappe und Genossenschaftsgärtnern, die ihre Motoren anwerfen und Akkordgras mähen – ich meine, im Akkord Gras mähen. Mann, bin ich durcheinander. Ist Krieg?

Endlich Saison, freut sich der Polier.

Die ersten Herbststürme fegen durch die Gärten, reissen Pfannen von den Dächern und Zweige von den Birken. Der Polier ist überglücklich. Wie ein stiernackiger kleiner Laub-Bub frisst er sich seit Tagen mit dem Gebläse durch die Siedlung und zertritt im Übermut noch eine Stinkbombe, die ein Pennäler auf dem Weg zur Schule verloren hat.

„Morgen Petersen“, grüss ich, als ich mit dem Hund aus dem Haus gehe. So heisst er nämlich, der Polier. Petersen.

„Morgen“, murmelt Petersen, und stiert unglücklich zu Boden. Es ist noch keine acht Uhr. Er darf noch nicht anblasen. Gesetz ist Gesetz. Kein elektrisches Anblasen vor acht Uhr.

Das Gerät wartet fiebrig auf seinen Kickstart, als Frau Moll ausgelassen kläffend aus dem Garten schiesst. Geradewegs auf den Hügel Laub zu, der sich über Nacht vor unserem Fenster angesammelt hat. Mit Kopfsprung taucht sie ein in den Hügel und wälzt sich in den bunten Blättern, wobei die schwarze Knopfnase keck hervorblitzt, wie der neugierigste Negerkuss im ganzen Land.

Es ist Herbst in der Stadt, alles klafft auf – und kracht

ab.

*

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Molldecke

10 Gedanken zu „Endlich Saison

  1. Von allen genannten Lärmquellen sind die „talking Hauptschüler“ dann doch die, die den meisten Stress verspricht. Dann kommen aber auch schon die Laubgebläse.

    • Laub soll man liegen, liegen und nochmals liegen lassen. Und wenn es gar nicht anders geht, mit dem Rechen oder der Harke drangehen.

      ABER NICHT MIT DIESEN VERFLUCHTEN HÖLLENMASCHINEN!!.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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