Vorsicht vor blonden Big Bands

Stille im Wald, Nebel. Eine Atmosphäre, als tuschelten Tiere hinter vorgehaltener Hand.

„Mein Lieblingswort ist schlaftrunken“, brummelt sie, „wenn ich das irgendwo lese, habe ich ein glückliches Gefühl.“

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Sie ist fest davon überzeugt, eines Tages auf sich selbst zurückgeworfen im Wald aufzuwachen, aus einem tiefen Traum, der früher einmal ihr Leben war. „Es wird spät im Herbst sein und ich muss draussen überleben, in freier Wildbahn, so hat es das Schicksal für mich auserkoren.“ So gesehen ist noch der kleinste Waldspaziergang ein Trainingscamp. Eine Begegnung mit den topografischen Eigenheiten des Bergischen Landes, Rübezahl-Gruben, viel Felsen, Schiefer und Fußangeln der Neuzeit: von Herbstwind aufgewirbelte Plastiktüten, die sich in niedrigem Gestrüpp verfangen.

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Arme Buckelkinder morgens um halb acht, Susanne Eggert, 2013

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Als der Herrgott das Bergische Land gebaut hat, muß er einen in der Krone gehabt haben. Mindestens einen schweren Schluckauf. Wie anders liesse sich die Linienführung erklären. Dauernd geht es rauf und runter, rutscht man weg, lauern zackige Hügel, Siefen und Senken und die Buckel von Einheimischen, wo gar keine Buckel hingehören, keine Siefen, keine Senken, nicht mal Einheimische.

Und am Ende der Sackgasse, wo jeder glaubt, endlich ist Schluss, jetzt gehts aufwärts, ja, Flöte gepfiffen!

gehts wieder talwärts!

Und wer muss das heute ausbaden? Ausspazieren, austrotten? Dass der liebe Gott so ein versoffenes Stück war, damals, beim Bau des Bergischen Landes? Na, die armen Schulkinder, die morgens um halb acht unterwegs sind. Wie bei schwerem Gegenwind und Blattschneideameisen gleich mühen sie sich ab, kämpfen sie sich voran, rauf und runter.

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Vielleicht stehen wir unmittelbar vor der finalen Explosion.

Es könnten die letzten Tage sein im Kornfeld, wo Grannen im Winde sich wiegen wie Blechbläser in einer blonden Big Band.

Die letzten Töne könnten es sein bis Kometen mit großen bösen Teddy-Augen auf unserem blauen Erdball einschlagen und ewige Finsternis ausbricht; vielleicht bleibt auch alles hell!

kann auch sein.

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Windiger Abendspaziergang. Der Sturm zerrt an Gartenplanen, fährt in sie hinein wie unter Weiberröcke, bläst sie auf, ziept am Saum, will den Hintern sehen, he, zeigt schon her, den Blanken! Stellt Euch nicht so an!

Vom Wind herübergetragene Kinderstimmen, Hundegebell, der Fernzug in die Kölner Bucht.

Der Boden? Seifig, als wäre man auf weichgekochten Halbschuhen unterwegs.

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Mit sehnsuchtsvoller Stimme vergangene Zeiten heraufbeschwören.

Holt die Mammuts raus, Leute, kehrt auf ein langes Wochenende in die alten Jagdgründe zurück, den Rüssel fesch gewienert.

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Eine vergessene Region wie das Bergische Land erinnert an eine Begleitband, die während des gesamten Konzerts hinterm Vorhang steht und die Musik spielt, während vorn im Scheinwerferlicht die dicke Sau Berlin schlitzohrig und sexy über die Rampe kracht.

Ein Gedanke zu „Vorsicht vor blonden Big Bands

  1. „Als der Herrgott das Bergische Land gebaut hat, muß er einen in der Krone gehabt haben. Mindestens einen schweren Schluckauf.“
    da muss er ja beim schweizbauen besoffen gewesen sein … 🙂

    tolle wortgebilde, die du hier malst!

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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