Biene

Ich stieg in die Bahn Richtung Innenstadt. Fahrtzeit sieben Minuten für eine Strecke, für die man mit dem Auto doppelt so lange brauchte, vorausgesetzt, die Stadtautobahn war frei und hatte nicht diese Löcher im Beton, in die man reinfallen und verschwinden konnte. Es war halb Fünf am Nachmittag, Feierabendverkehr. Ich wollte nur noch nach Hause. Die Großraumabteile der Regionalbahn waren brechend voll, die Leute standen in den Durchgängen, in Halteschlaufen eingeklinkt, hungrig, weggetreten.

Das Konzept, in der Masse unterwegs zu sein, hatte sich mir noch nie eröffnet, doch mit der Nummer musste man sich arrangieren, wenn man in der Stadt lebte.

Ich hatte einen Sitzplatz erdrängelt. Todmüde saß ich da, Grauwacke im Gesicht, zu doof für Gedanken. Der Kurs des Jobcenters ging mir mehr an die Substanz, als mir lieb war. Dabei gab es kaum etwas zu tun. Die meiste Zeit lungerten wir vor dem Rechner und blieben uns selbst überlassen, genau das war der Punkt. Permanente Unterforderung schlauchte schlimmer als den ganzen Tag Bloggen.

Hinter mir im Großraumabteil hörte ich das Plappern einer Frau, ich saß mit dem Rücken zu ihr, ich konnte sie nicht sehen. Da war bloß ihre Stimme, deren muntere Färbung mich an irgendwen erinnerte. Angenehm erinnerte. Aber ich kam nicht drauf, an wen. Und ich hatte keine Lust, mich umzudrehen. Immer, wenn mir eine Stimme gefiel und ich drehte mich um, wurde ich enttäuscht. Fast schien es zwangsläufig zu sein: eine Stimme wie Marilyn, eine Fresse wie Miss Hetty.

„Und was passiert..? Ich geh nach Aldi rein, ohne Einkaufswagen“, hörte ich sie hinter mir prusten. Sie schien mit einem Arbeitskollegen im Gespräch zu sein, wobei sie 99 Prozent des Gesprächsverlaufs dominierte und ich nicht mal die Hälfte aufschnappte. Es war zu voll an Bord, zu viele Stimmen, unterlegt vom Rumpeln der Bahnräder.

Ich hörte was von fünf Dosen flüssiger Margarine, und dass sie einfach mehr nicht geschafft habe, Wahnsinn. Und plötzlich lachte sie laut auf. Ein unbeschwerter Ausbruch, mitten in den bleiernen Feierabend, jäh und freundschaftlich, ein Stich ins Herz. Ich saß da wie hingebeamt, Nahverkehrsbereich, Wabe 45: angefasst und verstört, weil ihre Lache genau, (und ich meine haargenau!) wie Bienes Lache klang, die ich das letzte Mal vor, tja, über dreißig Jahren gehört hatte.

Biene, blond und süß und jung, war so etwas gewesen wie die perfekte Vorabversion der ersten großen Liebe. Ihre peitschende, sich voll verausgabende Lache, die stets klang, als stünde sie kurz davor, sich in die Hosen zu machen. Dazu ihr „Wie kannst du nur!?“-Blick aus blauen Augen, wenn ich für einen Lacher aus ihrem Mund wieder mal eine Sache auf die Spitze getrieben hatte – bloß, um sie lachen zu hören. Für ein Lachen aus ihrem Mund tat ich alles.

Wie lange hatte ich diese Lache nicht mehr gehört, wie lange hatte ich nicht daran gedacht, dass diese Lache einmal zu meinem Leben gehörte. Dass mein Herz einen weiten Bob Beamon-Satz machte, wenn ich sie lachen hörte.

Am Haltepunkt Mitte drehte ich mich endlich um. Sie stand auf und verabschiedete sich von ihrem Kollegen, „vielleicht bis morgen, falls du keinen Gelben einreichst..“, rief sie und lachte schallend auf. Eine burschikoses Mädel um die zwanzig, blaue Handwerkerklamotten, Zollstock im Hosenbein, glühende Bäckchen, Kurzhaarfrisur. Wir stiegen nacheinander aus.

*

Bienes Vater war ein hohes Tier bei der Berufsfeuerwehr, vielleicht war er sogar der Chef der Feuerwehr. Was juckte das einen 14jährigen Burschen, der sich an seine Tochter heranmachte. Ich mochte ihn nicht besonders. Ein kleiner dicker Mann mit drahtigem Schnurrbart, der mich nicht aus den Augen liess. Mein langes Haar passte ihm nicht. Meine ganze Hippie-Attitüde, inklusive der blauen Perlenkette meiner Mutter.

Einmal erzählte mir Biene, dass sie morgens gemeinsam mit ihrer Mutter die Betten gemacht hatte. Darunter auch das Ehebett. Dabei, so Biene, hatte ihre Mutter sie ins Vertrauen gezogen. „Ich hab heut Nacht mit Vati geschlafen.“ So reichte es Biene an mich weiter, und ich hätte fast gekotzt. Die Vorstellung, dass diese uralte kugelrunde Schnurrbartmaschine und seine Frau es immer noch miteinander trieben, obwohl sie schon drei große Kinder hatten, machte mich wütend. Kriegten die niemals genug? Gab es für Feuerwehrmänner nicht andere Brandherde zu löschen?

Ich lernte Biene im Haus der Jugend kennen. Zum Knutschen traf man sich im zweiten Stock im dunklen Gang vor der Teenie-Disco. Da war jede Menge los, es wurde geknutscht und gefummelt. Ab und zu ging die Tür der Teenie-Disco auf und Kung Fu Fighting dröhnte heraus, unterlegt vom Disco-Schwarzlicht, das all die strammen weißen Pimmel streifte, die es im Flur aus den Reissverschlüssen geschafft hatten und gierig nach Luft schnappten.

Biene war blond und hübsch, sie gefiel meiner Mutter. „Das ist ein liebes Mädchen. Halte sie dir warm.“

Jahre später ging mir auf, warum sie so einen Narren an Biene gefressen hatte. Es war ein Jugendfoto meiner Mutter, das mich auf die Spur brachte. Biene und Mutter waren sich sehr ähnlich gewesen, als junge Mädchen. Auf den ersten Blick schienen beide eher scheue bodenständige Wesen zu sein, doch darunter lauerte schon die Lava, bereit zum Überkochen. Meine Mutter hatte für mich eine jüngere Version ihrerselbst ausgewählt. Das war ein bisschen durchsichtig, aber ich war nicht enttäuscht. Im Gegenteil. Im Umkehrschluss bedeutete es nicht weniger, als dass meine Mutter, wäre sie jung gewesen, gerne mit mir gegangen wäre. Das war toll. Oder nicht?

*

Da war dieser Tag, als Biene mich im Partykeller ihrer Eltern empfing, um mit mir Schluß zu machen. Ich war 15, sie 14. Sie saß im Dunkeln und hatte eine Kerze angezündet. Weil wir zuvor telefoniert hatten, wusste ich bereits, was auf mich zukam. Sie war traurig, und ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Dass sie Schluss machen wollte, fand ich auch nicht gut. Sie weinte.

Zehn Tage drauf waren wir wieder zusammen. So ging das zwei Jahre lang hin und her. Für Sex fehlte es uns beiden zugleich an Lockerheit und Reife. Natürlich machten wir Petting, ich erinnere mich an den Moment im Kinderzimmer, wo sie mir unter der braunen Wolldecke eher ungelenk, aber erfolgreich einen runterholte, und wie sie vor Freude weinte. (Und ich wusste nicht, was ist jetzt wieder los.)

Wie auch immer, wir waren noch Kinder, wir waren nicht bereit für großen Peter Stuyvesant-Sex. Dummerweise waren die meisten Paare um uns herum längst so weit. Oder taten wenigstens so. Und falls sie nur so taten, taten sie es gut, zum Teil sogar preisverdächtig.

Der Druck nahm zu. „Ich möchte mit dir schlafen“, sagte Biene. Sie besorgte sich Verhütungsspray, und wir legten einen Termin fest. An einem Wochenende sollte es passieren. Meine Eltern waren zwei Tage auf Schloss Schwalbach im Taunus, wo Verwandte ein Hotel führten, ich hatte sturmfreie Bude. Es war alles vorbereitet. Nicht mal meine große Schwester war im Weg.

Um dem Tag unseres ersten Geschlechtsverkehrs einen halb-offiziellen Charakter zu verleihen, planten wir den Sex nicht im Kinderzimmer, sondern im Ehebett meiner verreisten Eltern. Hätte ich geahnt, wie nervös mich das weiße Interlübke-Einbau-Schlafzimmer machen sollte, ich hätte den Fahrradkeller vorgeschlagen. Die Heizölecke.

Ich war nervös von dem Moment an, als Biene auf der Matte stand. Sie hatte an alles gedacht. Verhütungsschaum, Bumslaune. Bloß ich war nicht soweit. Ich war keinen Hacken geil. Immer, wenn ich zu einem bestimmten Zeitpunkt irgendetwas unbedingt tun musste, ging alles schief.

Ich stellte das Nordmende-Radio an, das noch vierzig Jahre später am selben Ort im Schlafzimmer stand. Zufällig lief Electric Light Orchestra, ein Stück, das ich sehr mochte, ein Blues, „Strange magic“, es hob meine Stimmung.

Ob Biene tatsächlich bereit für mich war? Ich weiss es nicht. Ich war viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Mit der drohenden Pleite. Ich hätte am liebsten alles abgeblasen. Doch meine Eltern waren nicht oft übers Wochenende fort, und bei Biene zu Hause ging gar nichts. Es musste jetzt geschehen, jetzt oder nie. Biene war schon nackt und erwartete mich unter der Bettdecke meiner Eltern. Auch der Verhütungsschaum war schon eingerieben.

Ich ging aufs Klo und fummelte an mir herum, versuchte eine Latte hinzukriegen. Das Ding in meiner Hand schrumpfte stattdessen. Das war nicht viel mehr als eine Trockenaprikose. Ich fühlte mich wie im Abstiegskampf – ich hoffte auf die 93. Minute und ein Wunder. Musik drang leise aus dem Schlafzimmer meiner Eltern. Ich hatte immer noch keinen Ständer. Mein Blut hatte genug im Kopf zu tun, war ausgelastet mit dem Denken von dummen Zeug und Versagensangst.

Es war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ich auf dem Klo, mich selbst stimulierend, Biene ahnungslos im Ehebett meiner Eltern, auf etwas wartend, was nicht kam. Sie kicherte nicht mal an diesem Tag.

Irgendwann lag ich neben ihr. Wir küssten uns. Wir waren nackt, doch sie fühlte sich weit weg an. Ich erinnere mich an den scharfen Schaum, der an der Eichel brannte. Es tat sich etwas bei mir, doch es reichte nicht für das, was geplant war.

Wir brachen ab.

5 Gedanken zu „Biene

  1. Kann mich nur anschliessen: ausserdem (stating the obvious aber ich muss einfach) Der letzte Satz ist besonders genial. Vorher Rhythmus, schmunzeln, mitgrooven, wiederkennen, dann auf einmal Schluss. Koitus interruptus halt. Thnx für ein letztes wiederkennendes Lachen. Was wohl aus ihr geworden ist?

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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