Im September kam Post vom Klinikum

Anfang September kam Post vom Klinikum. Post, die ich erwartet hatte, mit der Einladung zum Kontrolltermin. Kontrolliert werden sollte, ob die im Mai eingesetzten Stents noch da waren, wo sie hingehörten, oder ob sich einer der drei Kameraden schon selbständig gemacht hatte und Richtung Ausgang wanderte. So wie ich es gemacht hätte, wäre ich als Stent zur Welt gekommen: Platzangst kriegen in den engen Herzkranzgefäßen, und dann tumultartig das Weite suchen – raus aus dem verdammten Kriegsgebiet.

Ich rief in der Krankenhausverwaltung und sagte den Termin kurzfristig ab. Verschob ihn eilig in hintere Regionen. Weg damit. Verlassen Sie den unmittelbaren Schwenkbereich meines Lebens.

„Nach hinten verschieben..? Wie lang nach hinten? Eine Woche?“ fragte die Angestellte.

„Weiter.“

„Weiter.. Gut. Zwei Wochen?“

„Noch weiter“, sagte ich. „Oder ist das ein Problem?“

Die Frau aus der Verwaltung sah es pragmatisch. „Wenn Sie gesundheitlich soweit keine Probleme haben.. setzen wir einen späteren Termin an. Wie Sie mögen. Ihre Sache.“

Ich verschob den Termin so weit nach hinten, bis er kaum noch ins Quartal passte. Aber auch dieser Termin näherte sich unaufhaltsam. Wobei das ja nicht richtig ist. In Wirklichkeit bleiben Termine stehen, wir bewegen uns auf sie zu, ob wir wollen oder nicht. Wir alle sind zutiefst geprägt von Terminen, von Verabredungen, auf die es ankommt, wo man den Karren endgültig in den Dreck fährt und unterschreibt.

Einige Tage vor der geplanten Herzkathetermessung wurde ich hibbelig. Mein Herz verließ seinen gewohnten Takt, ich bekam dieses hastige Gefühl in der Brustgegend. Ein Gefühl, als setzte der nächste Atemzug schon forsch zum Überholen an, während der Vorgänger noch zu tun hatte. Zwei Atemzüge, nein: -schläge, besser: zwei Boliden auf einer einzigen Spur. Dazu Herzstolpern, Aussetzer.

Ganz zu schweigen von den Panikattacken, die mich überfielen, wenn ich im falschen Moment unter Menschen geriet. Es passierte, dass ich den Bus schlagartig verlassen musste, obwohl ich erst zwei Stationen gefahren war und noch einiges an Strecke vor mir lag. Ich musste weite Fußmärsche absolvieren, weil ich nicht in der Verfassung war, in einem lausigen Bus zu sitzen. Es war nicht so, dass ich die Menschen nicht aushielt, ich hielt mich nicht aus, nicht unter Menschen. Mir wurde regelrecht übel. Immer in Bussen.

Natürlich gab es die Option, auch den neuen Kontrolltermin abzusagen, nach hinten zu verschieben. Es war schließlich eine ganz und gar freiwillige Geschichte. Drei Monate zuvor eingesetzte Stents müssen nicht kontrolliert werden. Nicht unbedingt. Es lag ganz in meinem Ermessen. Und die Vermutung, dass Krankenhäuser mit solchen Herzkatheter-Messungen in der Hauptsache ihren überteuerten High Tech-Maschinenpark auslasten wollen, ist nicht von der Hand zu weisen. High Tech, die mir das Leben gerettet hatte. Einst im Mai. Am zehnten.

Die Schweine.

Ich seh den Herzchirurgen noch vor mir, (joviales Hutgesicht, im Dienst ohne Hut), wie er nach dem Einsetzen von Stent Nr. 3 am 17. Mai 2012 am Krankenbett hockte und versuchte, mich auf diesen Untersuchungstermin zu eichen, der jetzt, einige Monate später, anstand und mich nervte.

„Lassen Sie die Kontrolle nicht verstreichen, im eigenen Interesse, mein Herr. Gehen Sie auf Nummer Sicher. Stents können sich auch wieder verengen. Sie wollen doch nicht noch einmal erleben, dass ihr Herz schlapp macht, oder..?“

Der Mann wusste, wie man zu einem Patienten spricht, der nach einem 3-fachen Hinterwandinfarkt auf der Intensivstation liegt und kaum weiß, wo hinten und vorne ist und wem diese gottverdammte Hutablage gehört. Zum Abschied tippte er seine imaginäre Krempe und ich nickte brav.

Nun war es also soweit. Die Zeit war gekommen, seinen Worten und meinem Kopfnicken Folge zu leisten. Versprochen war versprochen. Obwohl ich ja, genau genommen, nur genickt hatte. Und Nicken gilt weniger als Versprechen, so hatten wir es unter Kindern gelernt.

Nicken ist noch lange kein Versprechen.

*

Der Kontrolltermin bestand aus zwei Teilterminen. Ein hässliches Wort, wie Tellerminen. Ich befand mich im Krieg, Schauplatz war mein marodes Herz-Kreislaufsystem. War ich nicht immer davon ausgegangen, Drogen wären so etwas ähnliches wie mein privater Weltkrieg? Ich gegen mich, Brüder unter Waffen, ein Feldzug gegen mich selbst, wolle Gift kaufen? Und plötzlich im Westen was Neues: dieser verdammte Nebenkriegsschauplatz auf der Meridianebene. Ein Zwei-Fronten-Krieg also. Wäre ich als Kino-Vorstellung zur Welt gekommen, man hätte mich als Midnight Double Feature buchen können. Genre: Kriegsfilm, mit einem Schuss Salon-Nihilismus.

Der erste Teiltermin diente Voruntersuchungen wie EKG, Röntgen, Ultraschall. Alles ganz harmlos. Der zweite Tag war die eigentliche Crux, der Termin am Herzkathetermessplatz im Klinikum, unten auf U1. Im Bauch des Monsters.

Ach, das ist doch nicht mehr so wild heutzutage, hörte ich eine Stimme auf dem Krankenhausflur, die es gewohnt war, dass man vor ihr kuschte. Da stand ein Doktor in weißer Herrschaftskleidung, ganz wie in Deutsch-Südwest-Afrika, als man noch Namen zu Felde trug wie Dr. Joe Haubitz, Prof. Fleischer oder Prof. Dr. Richtig Richtig Blutig Blutig. Warme Krankenhausluft und unausrottbare Keime krochen sein Hosenbein hinauf, und er stelzbockte von dannen.

Ist doch nicht mehr so wild heutzutage.. Mag schon sein, dachte ich. Doch Stent Nr. 3 war mein Trauma geworden. Während die ersten beiden Gitterröhrchen unmittelbar nach Einlieferung in die Klinik eingesetzt wurden, um die beim Infarkt verengten Blutgefäße wieder aufzudehnen, (wovon ich im Narkoserausch nichts mitbekommen hatte), so wurde der dritte Stent erst sieben Tage später eingepflanzt, separat, bei vollem Bewusstsein. Und das, liebe Freunde und Arterienstecher, war nicht bloß etwas unangenehm, es fühlte sich an wie ein zweiter, leichter Infarkt.

„Ja, das muss auch so sein“, verteidigte sich der Kardiologe noch während des Eingriffs. Weil der Schlauch bei seiner Fahrt durch die enge Arterie dieselbe so verstopfte, dass kaum noch Blut hindurch floss, bekam ich Panik: stechender Kopfschmerz, Engegefühl, Elefanten auf der Brust.. von wegen leichtes Hitzegefühl, etwas unangenehm. 

Meine Angst, mein Pech. Immer, wenn ich Angst aufbaue, bin ich zu 100 Prozent Reptil, und Pechmarie. Von meinem männlichen Verstand, der als Ombudsmann eingreifen könnte, (bleib liegen und entspann dich, Blödmann!), ist in solchen Momenten weit und breit nicht zu sehen. Das Gefühl ist Chef im Ring. Das Mastergefühl. Die Master-Angst.

*

Angst wurde uns von Kindesbeinen an eingetrichtert, mit dem großen Apothekerlöffel und Zückerchen obenauf. Mein Vater war Ober-Apotheker und Ober-Angsthase in Personalunion, er war der Dompteur, der die Nachfahren auf seine Ängste abrichtete. Tu dies nicht, tu das nicht, das ist zu gefährlich, sei nicht so mutig, du fällst da runter, pass auf, pass auf, pass auf.

„Am liebsten hätte er euch alle in Watte gepackt“, sagte Mutter. Sie war von Natur aus offensiver, mutiger, eine Halb-Italienerin – es wäre für alle Beteiligten besser gewesen, sie hätte die Atmosphäre dominiert, doch leider leider.. doch konnte Vater etwas für seine Ängste? Oder gab er bloß weiter, was ihm selbst als Kind eingeimpft worden war, von seiner weichen ängstlichen Über-Mutter, für die es in erster Linie stets darum ging, die große Familie zusammenzuhalten? Und die übrigens eine tolla Großmutter war.

Und wozu da noch Fragezeichen.

*

Nächster Tag. Zweiter Teiltermin. Morgens um Sieben erreichte ich die Haltestelle, um den Bus in die Stadt zu nehmen. Mir war übel. Allein die Vorstellung, gleich zwischen Dutzenden von Schülern zu sitzen, zwischen all ihrer Lebenslust und ausufernden Präsenz, war zu viel für mich. Ich blieb stehen, um hinter die große Plakatwand zu spucken. Die Frau, die wie jeden Morgen um diese Zeit auf dem Weg zur Arbeit an der Haltestelle saß, zurrte ihr altmodisches Haarnetz fest. Sie schien mir guten Morgen wünschen zu wollen, doch irgendetwas in ihr hinderte sie daran, einen Mann zu grüßen, der hinter die Plakatwand spuckt, früh um Sieben.

Der Herbstwind schob das Laub über den Asphalt, es raschelte auf dem Weg zum Schafott. Ich liess einen Bus nach dem anderen passieren und nahm die Fußgänger-Trasse bis zum Botanischen Garten. Ich ging die ganze Strecke zu Fuß, während Nieselregen einsetzte. Eine Dreiviertelstunde Gehen und Schwitzen im Regen, bis sich nicht mehr unterscheiden liess, was Schweiß auf der Haut war, was Regenwasser, und was Rotz.

Die Bäume warfen ihre Eicheln ab, viel mehr als üblich. Um mich herum klackerte es mit einer Vehemenz und Präzision zu Boden, als säßen zornige Affen im Geäst, die mit Kokosnüssen nach Passanten zielten. Ich zog die Mütze tiefer ins Gesicht. Wir kriegen einen strengen Winter, mutmaßten die Leute, die sich damit auskannten. Und die sich nicht damit auskannten, auch.

Im Spital angekommen, nahm ich in der beinah menschenleeren, noch halbdunklen Empfangshalle Platz, gleich gegenüber der Information. Ich dampfte in meinen Kleidern, ich fühlte mich elend, schwach. Es machte keinen Sinn. Meine Nerven spielten nicht mit. Sobald ich die Augen schloss, sah ich mich in höchster Not nackt vom OP-Tisch fliehen, es war das reinste Chaos. Ich sah entsetzte Mediziner, sie schrien durcheinander, Infusionsständer stürzten um. Ich sah mich voll verkabelt durch ein Fenster krachen. Um Gottes Willen, hier geblieben..!

Ich nahm mir vor, den Kontrolltermin abzusagen, sobald ich mich etwas ausgeruht hatte und wieder bei Kräften war. (Können Sie unten auf U1 anrufen und Bescheid geben? hörte ich mich schon am Empfang formulieren. Dass ich nicht zum Termin komme? Ja wieso..? Jetzt sind Sie doch schon mal hier! Trotzdem! Ich schaff das nicht!)

Andererseits war ich ja schon mal hier, stimmt.. Ich saß in der Falle. Es sind immer die selbst gestellten Fallen, die solide sind und zuschnappen.

Kurz vor acht stieg ich die Treppe runter auf U1, Heimat der Ambulanz, der Radiologie, der Kardiologie. Ich dachte: Mach dich nicht verrückt. Mach dich nicht lächerlich. Was soll schon groß passieren. Ein Kontrolltermin.

Du bist ein großer Junge.

*

„Oder glauben Sie, dass wir Sie fressen?!“

„Ja, natürlich. Davon ist immer und überall auszugehen“, entgegnete ich.

„Was denn..? Dass wir Sie fressen?“

„Dass man gefressen wird.“

Der OP-Pfleger, der in der kardiologischen Aufnahme das Gespräch mit mir suchte, aus beruflichen Gründen, ein Schlaks Mitte Zwanzig, war für meinen Geschmack ein bisschen zu witzig für die Uhrzeit. Ein Clown, der sich da als „Schwester“ vorstellte, weil er Krankenschwester gelernt hatte und nicht „Krankenbruder“. Den Gag hatte er schon so oft gebracht, dass er nur noch bedingt auf einen Lacher wartete, zumal ich mich auch nur bedingt lachbereit zeigte. Man sah mir auf eine Meile Entfernung an, wie mir zumute war, und der Pfleger saß kaum eine Rocklänge entfernt.

Er hatte die komplette Dröhnung im Blick.

Ich erkundigte mich, ob es vor der Untersuchung etwas zur Beruhigung geben würde.

„Für wen? Für den Oberarzt?“ scherzte er.

Ja, lustig.

„Gegen die Nervosität“, meinte ich. Gegen mein Nervenflattern. Die Panik, das Pulsrasen. Die Todesangst.

Sind Sie so ein Sensibelchen? sagte sein erster schneller Blick, der unmittelbar in Teil 2 mündete: Oder ist das ein Junkie? Will der BTM-Pillen abgreifen? Und sein Mund sprach: „Na, das muss der Oberarzt entscheiden. Ein leichtes Beruhigungsmittel bekommen Sie sowieso verabreicht.“

Es folgte erneut ein EKG, erneut wurde Blut abgezapft. Warum schon wieder das ganze fragte ich nicht, war mir auch egal. Und dann stand mir plötzlich und ohne Vorwarnung eine Stunde Zeit zur freien Verfügung, eine Stunde Leerlauf, bis das Labor die Testergebnisse runterschicken würde.

Eine Stunde, die ich im nahen Botanischen Garten verbrachte, unter Staudengewächsen und belehrenden Schildchen. Das rundum verglaste Tropenhaus, das mich schon als Grundschüler fasziniert hatte mit seinen riesigen Zuckerrohren und wilden Orchideen, kam mir winzig vor wie eine Zündholzschachtel. Da passt du doch gar nicht rein, dachte ich ungläubig, mit deinem blöden dicken Herzen, und blieb draußen.

Eine Stunde später. Im kleinen EKG-Vorraum (Vorstationäre Untersuchung) wartete ich darauf, dass es weiterging. Ich wollte den Termin nur noch hinter mich bringen, und dann nichts wie nach Hause. Ein Elvis-Verschnitt alter Schule, (ganz alte Schule), fiel in den Sitz gegenüber, er ging auf Krücken.

„Wenn ich einmal sitze, ist gut.“

Sein Haar trug der Alte gegelt und gezirkelt wie ein junger Stielkamm-Luigi aus Oberhausen-Eisenheim, und er war schwerhörig auf dem einen und beinah taub auf dem anderen Ohr. Er dübelte die Silben eher ins Gespräch, als dass er kommunizierte.

„Meine Frau sagt immer, Ernst, tagsüber sieht und hört man dich nicht, aber nachts schnaufst und ackerst du wie ein alter Traktor.“

Auf dem tauben Ohr hatte er einen gewaltigen Dauerpfeifton, einen Tinnitus, laut wie eine Turbine.

„Das ist das einzige, was ich links noch höre, und das lässt sich das doofe Ohr auch nicht nehmen. Obwohl es taub ist..“

Ohne Übergang erzählte er von dem Unfall im Haushalt, bei dem er sich 1989 schwerste Verletzungen am Rückgrat zugezogen hatte, noch vor der Wende.

„Beim Renovieren bin ich über den eingerollten Perserteppich gestolpert und hab mir das Rückgrat gebrochen. Dass ich heute überhaupt wieder gehen kann, verdanke ich nur einem göttlichen Zufall.“

Nach sechs Monaten im Krankenhaus war er entlassen worden, „praktisch querschnittsgelähmt“, ein hoffnungsloser Fall, austherapiert. Ein befreundeter Taxifahrer kutschierte ihn heim, inklusive einer Kiste Bier und einer Flasche Bourbon. Irgendwann schlief er besoffen und total schief in seinem Spezial-Rollstuhl ein. Seine Frau fand ihn mitten in der Nacht, schon halb auf den Boden gerutscht.

„Dabei muss sich zufällig ein eingeklemmter Nerv gelöst haben.“

Was all die Krankengymnasten und Bewegungstherapeuten monatelang umsonst versucht hatten, es gelang nach einer einzigen Nacht im Suff.

„Schon am selben Abend konnte ich den kleinen Zeh bewegen, und nach einem halben Jahr wieder aufrecht gehen, also auf Krücken. Aber wenn du einmal gelähmt warst, sind Krücken der Porsche.“

„Ja, ja, Besoffene und kleine Kinder..“, sagte ich.

Der Alte haute zustimmend mit dem Stock auf eine Stuhlkante, und sein gegeltes Haar schimmerte kraftvoll.

Natürlich war nicht ganz klar, ob er die Wahrheit sagte, die Story klang etwas wirr, doch ich glaubte ihm. Dafür bekommt man ein Näschen im Laufe der Zeit. Man nennt es auch Lebenserfahrung.

Ich hab mal ausgerechnet, dass die Wahrscheinlichkeit, dass man eine Lüge enttarnt, mit jedem Lebensjahr um ein Prozent steigt. Wird man also als blauäugiger und naiver 20jähriger Jüngling mit einer Wahrscheinlichkeit von, sagen wir, 80 Prozent beschissen und durchschaut selbst offensichtliche Schauermärchen nicht, so sinkt die Quote dreißig Jahre später auf 50 Prozent. Und um zu 100 Prozent wirklich jeden Quatsch herausfiltern und unter Ulk abheften zu können, muss man 100 Jahre alt werden.

Am Ende kann man sogar sich selbst glauben.

*

Herr Glumm..?“

Es war soweit. Das Schafott war vorgeglüht, die Herzkathetermessung stand an. Der Pfleger drückte mir ein Info-Blatt in die Hand. Das kenn ich schon, sagte ich. Egal, sagte er. Durchlesen und unterschreiben. Er reichte mir seinen Kugelschreiber. Ich tat so, als würde ich das Blatt noch mal durchkauen, unterschrieb und steckte den Kuli ein.

Eine junge Schwester kam ins Zimmer und bat mich schüchtern, die Hosen runterzulassen. Sie rasierte mir eine Stelle am Handgelenk und eine Stelle an der Leiste, mit einem trockenen Einmalrasierer, der unangenehm schabende Geräusche von sich gab. Wir schauten uns gemeinsam meinen Schwanz an, wie bei einer kurzen Werbeunterbrechung.

Im Wasser sieht dein Pimmel aus wie ne Rolle Zwirn, hatte die Gräfin tags zuvor im Bad gemeint. Du meinst eine große Rolle Zwirn, entgegnete ich, doch darauf wollte sie sich nicht einlassen. Nee, ne Rolle Zwirn. 

Eine noch jüngere Schwesternschülerin führte mich nach nebenan, in einen Raum voll leerer Betten.

„Suchen Sie sich eins aus.“

„Eins aussuchen? Wofür..?“

„Na, für nachher. Sie müssen nach dem Eingriff vier Stunden ruhen, bevor Sie nach Hause dürfen.“

„Vier Stunden? Hä?! Wieso das denn..?“

„Na, weil das hier Usus ist. Falls es zu Komplikationen kommt. Hat Ihnen das niemand gesagt?“

Ich schüttelte vehement den Kopf, war mir aber nicht sicher. War da nicht doch etwas gefallen, in der Richtung? Vier Stunden! Da war ich ja Mittags noch hier! Die Schwesternschülerin brachte ein Hemdchen und legte es aufs Bett. Ich hatte mich für das Krankenbett ganz außen entschieden, im Norden des Zimmers. Norden war immer gut. Norden war nüchtern, Norden war kühl und klar.

Ich hatte keine Ahnung, wo Norden war.

„Bitte auch die Unterhosen ausziehen, und dann das Hemd hier drüber. Ich komm gleich zurück, dann schiebe ich Sie in den OP.“

Sie war so flott zurück, ich war noch damit beschäftigt, das hinten offene Krankenhausleibchen zu verschnüren und meinen Hintern im Spiegel zu betrachten. Ich sah aus wie durch die Babyklappe gerauscht und das Bettchen durchgeschlagen, weil das Baby 85 Kilo wog.

Sie hielt ein Paar weiße Stützstrümpfe bereit.

„Einmal Primaballerina“, scherzte sie.

*

Ich war jetzt ein Fall für den Krankentransport. Es ging durch weitgehend verlassene, von Neonlicht ausgeleuchtete unterirdische Flure. Gegenüber der Kardiologie wurde ich auf dem Gang abgestellt. In einer Nische für ruinierte Herzen.

„Gleich gehts weiter. Viel Glück.“

Dann war ich allein. Ich fühlte ein Pochen in der Meridianebene, mein Hintern flatterte. Das letzte Mal, dass mein Hintern geflattert hatte, war vor einer Lesung in Köln gewesen, als plötzlich doppelt so viele Leute im Publikum saßen wie erwartet, mit verstörend hungrigen Augen. Auch auf U1 kam allmählich Betrieb auf. Schwestern auf dem Weg in die Umkleide, Putzfrauen in die erste Pause. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als anpacken und mitarbeiten zu dürfen. Irgendeinen Pisspott schrubben und bohnern, ganz egal. Hauptsache, nicht auf diesen verflixten Herzkathetermessplatz.

Als ich in den OP-Bereich geschoben wurde, kam eine Pflegerin auf mich zu und gab mir die Hand.

„Hey, wir kennen uns doch“, sagte sie. „Erinnern Sie sich?“

„Sie waren dabei, als ich meinen dritten Stent bekam.“

„Den dritten? Na, kann schon sein. Aber dass wir Sie hier gut versorgt haben, weiß ich noch.“

Hellblonder Lockenkopf, kompakt gebaut, Typ Motorbiene, aber mit eigenem Motorrad. Nicht hintendrauf. Als sie ihrer Kollegin in die sterile grüne OP-Kleidung half, setzte ich mich im Bett auf und stieß mit dem Kopf gegen einen Scheinwerfer. Bongg! Die Beiden blickten sich erschrocken um.

„Was machen Sie da? Bleiben Sie liegen.. Wir betten Sie gleich um.“

„Ich glaub, ich schaff das heute nicht“, murmelte ich.

„Ach was.. keine Angst, das machen wir schon.“

Ein Mitarbeiter kam hinzu, stellte sich als Assistenzarzt vor.

„Dauert noch ein Viertelstündchen, bis der Chef kommt.“

Die Pflegerin sagte, ich hätte Bedenken.

„Welche Bedenken?“

Er musterte mich. Er war extrascharf ausrasiert, geradezu gerodet, ja brandgerodet.

„Ich bin heute nicht gut drauf“, sagte ich.

„Macht nichts, wir sind Profis. Wir machen den ganzen Tag nichts anderes als Herzkatheter legen und Messungen durchführen. Wovor haben Sie Angst? Dass wir etwas falsch machen?“

„Nein.. nein, darum gehts nicht.“

Darum ging es wirklich nicht. Ich suchte verzweifelt nach Worten, aber es war nichts zu machen. Ich war innerlich zu aufgerieben, zu aufgewühlt, um die richtigen Worte zu finden. Um überhaupt irgendwelche Worte zu finden.

„Wissen Sie eigentlich, welches Glück Sie haben..?“ Die ganz in grün gekleidete Motorbiene trat auf mich zu. „In Saal 2 kommen Sie heute morgen in den Genuss nagelneuer Apparate.“

„Nagelneu? Die haben Premiere?“

„Na, Premiere nicht. Aber neu sind die schon, höchstens ein halbes Jahr alt. Haben anderthalb Millionen gekostet.“ Sie schraubte stolz ihr Näschen in die Höhe. „Oder möchten Sie rüber in Saal 1, zu den Altertümchen?“

Der andere Messplatz war von meiner Warte aus gut zu sehen, durch eine leicht milchige Glasscheibe. Ein Patient mit ausserordentlich dickem Bauch, von einem Haufen grüner OP-Tücher abgedeckt, thronte auf dem Tisch, drumherum ein Gewimmel von Pflegekräften und Ärzteschaft. Das Bild erinnerte an die feierliche Bestattung eines Südsee-Königs in streng zeremoniellem Licht.

Mein Krankenbett wurde neben den OP-Tisch geschoben und hochgepumpt, bis es die gleiche Höhe erreichte. Dann wurde ich umgebettet. Das Krankenhausleibchen wurde abgenommen, stattdessen bekam ich einen Strahlenschutz, der wie eine orientalisch anmutende schwere Windel zwischen den Beinen lag und hinauf bis zum Hals führte.

Kontrastmittel und Infusionen wurden vorbereitet, Verkabelungen überprüft, aber noch nicht angelegt, ich bekam einen Stich in die Leistenarterie.

Um mich abzulenken, redete man mir.

„Was machen Sie eigentlich beruflich, Herr Glumm? Was war das noch mal?“

„Ich schreibe.“

„Bitte was?“

„Ich schreibe. Ich bin ein Autor.“

„Sie schreiben..?! Was schreiben Sie?“

„Ich schreibe mein Leben auf.“

„Um Gottes Willen!“

Von Minute an war für den Assistenzarzt die Sache erledigt. Wir waren uns sozusagen plötzlich einig. Er resignierte, vielleicht aus Erfahrung. Künstler sind Spinner, der Kampf lohnt nicht. Ich saß aufrecht auf dem Tisch, den Bleischutz im Schoß, Elektroden auf der Brust, mit knielangen weißen Thrombosestrümpfen und sah aus den Augenwinkeln, wie er in meinem Rücken die Augen verdrehte.

Die Motorbiene hingegen gab noch nicht auf.

„Ich ruf beim Chef oben an, wie lange er noch braucht.“

Sie wies ihre Kollegin an, mir ein Glas Wasser zu bringen. Ich trank es in kleinen Schlücken aus. Aber es war sinnlos. Es ging nicht. Innerlich hatte ich mich schon entschieden. Alles drehte sich um die Angst vor dem Moment, von dem an es nicht mehr zurückging. The point of no return.

Angenommen, ich hätte mich auf die Katheteruntersuchung eingelassen. Ich wäre schon verkabelt gewesen und der feine Herzkatheter wäre in die Blutbahn eingeführt und bis zum Herzen vorgeschoben worden. Und dann hätte ich mitten in der Aktion eine Panikattacke gekriegt. In Panik bin ich zu allem fähig. Ich ticke dann nicht mehr normal, ich durchschlage auch selbstverständliche Grenzen. Ich hätte mir sämtliche Kabel und Elektroden vom Leib gerissen, wäre vom Tisch gesprungen und geflüchtet, unter dem entsetzten Geschrei von Oberarzt und Personal: „Sie haben den Katheter noch im Körper!“

Natürlich musste das alles nicht passieren – aber es hätte passieren können. Das musste ich verhindern.

„Ich mach das heute nicht“, entschied ich.

*

Ich wäre lieber zu Fuß nach Hause gegangen, doch aus dem Nieseln war strömender Regen geworden. Ich wartete an der überdachten Haltestelle auf die Linie 92. Der Regen stürzte die Straßen runter, und ich beobachtete eine Nacktschnecke, die sich in einer geschützten Ecke über einen weggeschnippten Zigarettenfilter hermachte, dem noch Reste von rotem Lippenstift anhafteten.

Die Nacktschnecke war ein durchgedrehter fetter Außendienstmitarbeiter, der auf dem Weg zum letzten Termin des Tages noch schnell einen Happen zu sich nehmen wollte, auf die Faust sozusagen, doch plötzlich geriet alles außer Kontrolle, mit dieser komplett heruntergerauchten Lord Ultra.

Da kam der Bus.

15 Gedanken zu „Im September kam Post vom Klinikum

  1. “Glauben Sie, dass wir Sie fressen?!”

    “Ja. Natürlich. Davon ist immer und überall auszugehen”, antwortete ich.

    “Was? Dass wir Sie fressen?”

    “Dass man gefressen wird.”

  2. Pingback: Too much information - Papierkorb - Guten Morgen

  3. Tapfer, so einem Horror muss man sich erst einmal freiwillig ausliefern, und das ohne Begleitung. Ich gehe immer mit, wenn sie meinem Mann an die Kehle wollen im Krankenhaus und versuche sogar, mit in das OP zu kommen, was natürlich ausgeschlossen ist.

  4. Darf ich noch mal?

    “Was machen Sie eigentlich beruflich, Herr Glumm? Was war das noch mal?”
    “Ich schreibe.”
    “Bitte?”
    “Ich schreibe. Ich bin ein Autor.”
    “Sie schreiben?! Was schreiben Sie?”
    “Ich schreibe mein Leben auf.”
    “Um Gottes Willen!”

    Danke für die grandiose Story.

  5. wie immer einfühlsam und zugleich distanziert geschrieben, mit dem unverwechselbaren schuss selbstironie, die alle deine texte auszeichnet. autofiktion vom feinsten.
    gruß, uwe

  6. Danke!!! Ich mag das Blog hier generell, aber das ist mit Abstand das Beste, was ich seit langem gelesen habe. Halt den Moment eingefangen.

    und: „Krankenhäuser mit solchen Herzkatheter-Messungen in der Hauptsache ihren überteuerten High Tech-Maschinenpark auslasten wollen, ist nicht von der Hand zu weisen“ (siehe auch http://www.wdr.de/tv/servicezeit/sendungsbeitraege/2013/kw08/0220/03_herzkatheter.jsp
    –> sagt meine Mutter auch immer. Andererseits ist sie ja auch so ein kleiner Sturbock. Mittlerweile sind ihre Stents 7 Jahre her und sie war erst einmal zur Kontrolle. Hat sich bislang geweigert, das dauernd machen zu lassen (die wollten wohl irgendwelche Kontrollduntersuchungen keine Ahnung alle sechs Monate (?) machen. Auf jeden Fall eindeutig zu oft für ihren Geschmack, obwohl sie jahrelang beschwerdefrei war/keine Veranlassung bestand. Mittlerweile geht aber kein Weg dran vorbei. Gestern war sie in der Röhre/Szintigraphie. Heute wird dann bei Katheteruntersuchung noch was abgeklärt. Vielleicht schaffe ich es, ihr vorher noch die Story vorzulesen. Chapeau!

    • Alle 6 Monate ist Blödsinn. Ein Kardiologe meinte zu mir, solange man keine Beschwerden hat, wären Kontrollmessungen überflüssig. Auch nach 7 Jahren, zumal wenn man schon etwas älter ist und jeder Eingriff Probleme machen kann. Ich hoffe, alles ist gut gegangen bei deiner Mutter.

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Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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