Babsi mochte ich gern

Sie hatte langes blondes Haar, Sinn für Humor und schöne Beine, sie war herrlich vulgär, sie war clever – eine unschlagbare Mischung. Als Teenager landeten wir ein paar Mal zusammen im Bett, picklig und zugekifft, aber so richtig funkte es nicht. Wir konnten dennoch nicht die Finger voneinander lassen und versuchten es immer wieder, auch in späteren Jahren, und jedes Mal waren wir breit wie die Eulen.

Einmal hingen wir am Tresen, wir waren ziemlich hinüber. Als der Geschäftsführer die Glocke zur letzten Runde schlug, wollte ich mich schon vom Acker machen, da bat sie mich, auf einen Sprung mit zu ihr zu kommen. Das war merkwürdig. In der Regel reichte ein Blick und dann zog man gemeinsam ab, doch hier war die Sachlage anders. Sie sprach mit direkt an, das hatte sie noch nie getan. Ich machte mir Sorgen. Sie wollte nicht allein sein in dieser Nacht. Irgendetwas steckte dahinter, mehr als bloßer Sex.

Sex hätte auch keinen Sinn gemacht, nicht in unserem Zustand, das wusste sie so gut wie ich. Andererseits, auf einen Versuch konnte man es ankommen lassen. Auf einen Versuch konnte man es immer ankommen lassen. Das Leben war nichts anderes als eine unablässige Versuchsanordnung, ein Feldexperiment mit Exportbier und Gefechtslärm – und wer weiss, vielleicht ernüchterte mich der Herrgott auf dem kurzen Fußweg zu ihr, vielleicht fuhr er mir mit dem sauren Schwamm durchs Gesicht und liess mich – pling! – auferstehen.

Vielleicht auch nicht.

Es ging dann doch um Sex, was denn sonst. Babsi zog alle Register, technisch gesehen. Sie nahm ihn in den Mund, sie zeigte mir ihre rasierte Muschi, sie machte ganz auf hochauflösende Großbildleinwand, es half nichts. Wir waren zu besoffen. Verzweiflung steht an jedem Ende, Verzweiflung und Trunkenheit. Und Finsternis. Ich ging noch vor Morgengrauen, ohne einen Ton zu sagen.

Als ich am Mittag daheim erwachte, war ich traurig. Etwas war zerbrochen, und es war nicht rückgängig zu machen. Wir hätten uns diese verdammte letzte Nacht ersparen sollen. Ich hoffte inständig, die Bilder würden sich nicht zwischen uns stellen. Doch ich wusste, es würde nicht so sein.

Ich sah Babsi nicht wieder. Über mehrere Ecken erfuhr ich, dass sie wenig später nach Neuseeland ausgewandert war. Sie musste in dieser Nacht schon davon gewusst haben, sie wollte Abschied nehmen, warum hatte sie nichts gesagt. Ich kapierte es nicht – doch was bedeutete das schon. Da war dieser riesige Stapel anderer Dinge, den ich ebenfalls nicht kapierte, und der Stapel wurde nicht kleiner mit den Jahren.

Ich träumte von Babsi. Ich sah sie vor einer neuseeländischen Goldmine, mit einem Riesen-Nugget im Arm, für ein Foto der örtlichen Goldminenpresse. Sie lächelte triumphierend in die Kamera. German Babsy with her nugget.

Neuseeland wusste nichts von ihrer Vegangenheit.

In den Achtzigern war Babsi auf Schore gewesen, sie kam damals rüber wie die ewige Junkiebraut. Zwar gelang es ihr immer mal wieder, einige Monate clean zu bleiben, (und wenn man ihr in dieser Phase zufällig begegnete, erzählte sie stolz von der frisch gezogenen Minze auf ihrem Balkon), doch dieser Zustand war nie von Dauer. Es kam unweigerlich der Tag, an dem Babsi übelgelaunt die Augen aufschlug und neben ihr lag ein Fertiger und stank aus dem Hals.

Zuviel Cleansein, so Babsi, schadet dem Geist. Zuviel Cleansein raubt den nötigen Nebel, der einem das Überleben erleichtert, ja garantiert, und vor allem: Zu viel Cleansein macht hochmütig. Besonders dann, wenn man es anders kennt, wenn man die Sucht schon einmal kennengelernt hat, nun aber glaubt, keine Drogen mehr zu brauchen. Die Finger davon lassen zu können, für immer. FÜR IMMER. Wenn du an diesem Punkt angekommen bist.

*

„Heb deinen Arsch aus der Koje, Doofmann!“ fuhr sie Rene an. „Wir müssen los!“

Rene war ein Kerl wie ein Baum. Bis zu dem Tag, an dem er Babsi kennernlernte, war er ein harmloser Kiffer gewesen. Es dauerte keine fünf Wochen und aus dem Kerl wie ein Baum war ein Kerl auf Heroin geworden. Zweimal die Woche brachen Babsi und Rene nach Rotterdam auf, wo marrokanische Heroindealer ganze Strassenzüge kontrollierten. Sie vertickten den Stoff in Abbruchhäusern, die sie für kleines Geld anmieteten und in denen lediglich einige Tische und Sessel standen und funzlige 25-Watt-Birnen von der Decke baumelten.

Junkies aus ganz NRW kamen rund um die Uhr. Stets war jemand da, der die Tür öffnete, und stets war dieser Jemand bewaffnet mit einer Stumpfnase von Smith & Wesson und hiess Ali. Alle marrokanischen Pulverheinis im Rotterdam der Neunziger Jahre hiessen Ali und spielten mit der Stumpfnase, wenn sie Langeweile hatten.

Man konnte gar nichts falsch machen, wenn man als Junkie neu in die Gegend kam, auf der Suche nach Stoff. Man fragte einen x-beliebigen Passanten nach Ali, und der Passant, sofern er nicht selbst Ali war, zeigte zum nächsten Hauseingang, „Ali, da rein.“

Babsi und Rene hatten ihren ganz speziellen, ihren eigenen Ali auf der Schagenstraat kennengelernt, man war sich sogar sympathisch geworden. Wenn man über einen längeren Zeitraum illegale Geschäfte miteinander macht, zur beiderseitigen Zufriedenheit, vertraut man sich irgendwann wie unter normalen Geschäftspartnern und wird nachlässig.

Nachdem der Deal abgewickelt war, telefonierte Ali mit einem Landsmann und wandt sich von Babsi und Rene ab. Dabei unterlief ihm ein Fehler. Er vergaß die Schatulle, die noch voller Bargeld war vom vorangegangenen Deal und auf dem Tisch stand. Rene griff geistesgegenwärtig in die Schatulle, entnahm einen dicken Batzen Scheine und reichte ihn unterm Tisch an Babsi weiter. Die wusste erst nicht, was sie damit machen sollte, liess die Kohle dann in ihrer Handtasche verschwinden.

In diesem Moment dreht sich Ali zu den beiden um und bedeutete ihnen, dass das Telefongespräch länger dauern könnte, und ging in den Nebenraum. Besser konnte es gar nicht laufen. Zeit zu verschwinden, flüsterte Babsi, und man tat sich dadurch, Hals über Kopf.

In der Szene gebührte Babsi damals der Ruf, mehr Schore über die Grenze schmuggeln zu können wie jede andere Junkiebraut. Ihre Muschi stopfte sie mit Heroinwürsten voll, (jede einzelne in mehrere Lagen Zellophan gewickelt), bis sie nicht mehr aufrecht gehen konnte.

„Die kann stopfen wie ein Postfach“, hiess es.

Auf der Rückfahrt waren Babsi und Rene ausser sich vor Glück, auch wenn künftige Geschäfte mit Ali nach dieser Aktion verbrannt waren. Doch was kümmerte es ein Junkiepaar, das gerade mit Moneten und Pulver satt auf dem Heimweg war. Zuhause angekommen musste Rene zur Nachtschicht, er jobbte bei Wilkinson an der Maschine.

Am nächsten Morgen weckte er Babsi und wollte die Knete sehen. Er hatte die ganze Nacht hinter der Rasierklingenmaschine gestanden und darauf gewartet, dass sie Rasierklingen ausspuckt, während er wegdämmerte. Jetzt war er hellwach. Babsi hingegen nicht. Sie war noch halb im Schlaf.

„Die.. hab ich verloren.“

Babsi konnte dumm-dreist lügen, wenn die Situation es erforderte, und sie kratzte sich die Schenkel. Rene, stämmig wie ein Pferd, rollte die Augen.

„Wie.. verloren? Du blöde Junkiefotze, wo ist die scheiss Kohle!!?“

Jähzornig riss er ihr das bißchen Wäsche vom Leib, das sie trug, doch umsonst, Babsi blieb dabei – die Kohle war weg. Verloren. Keine Ahnung. Weiß ich doch nicht. Hau ab.

Rene nahm den Kleiderschrank auseinander, in dem er die Scheine vermutete, er wuchtete das Oberteil aus dem Fenster, das Holz zersplitterte unten auf der Strasse, es war ein Riesenradau.

„Du bescheisst mich nicht! Du nicht!“

Die Nachbarschaft stand vereint hinterm Fenster, und der kleine Timmy, Babsis Pinscher, schiffte aus lauter Angst auf den Teppich. Rasend vor Zorn riss Rene die Haushaltsschere aus der Besteckschublade, trennte das vollgeschiffte Rechteck aus dem Teppichboden und klatschte es mit Gebrüll gegen die Küchenwand. Ein Vorgang, den er so oft wiederholte, bis die Tapete nur noch ein armer kleiner Pinscher-Pissfleck war und sich löste.

„Rück die verfickte Kohle raus oder ich fackel dir die Hütte ab!“

Der kleine Timmy hatte sich längst wimmernd unters Schlafzimmerbett verkrochen, als Babsi ihrerseits nach der Haushaltsschere griff und auf Rene zustürzte. Damit hatte er nicht gerechnet. Das dicke Telefonbuch Wuppertal-Solingen-Remscheid vorm Bauch flüchtete er rückwärts die Treppe runter, verlor das Gleichgewicht und fiel mit einem gewaltigen Aufschrei die letzten Stufen runter. Er blutete, die Nase war gebrochen. Babsi nahm den kleinen Timmy und ein paar Gramm Schore und flüchtete mit langem Schritt über den schreienden Rene hinweg.

Als Minuten später die von Nachbarn alarmierte Polizei eintraf, konstatierten die Beamten Gefahr in Verzug und ordneten eine sofortige Hausdurchsuchung an. 14 Gramm Heroingemisch wurden festgesetzt sowie 370 Mark Bargeld in abgegriffenen kleinen Scheinen. Sowohl Babsi als auch Rene kamen mit Bewährung davon, weil sie zuvor polizeilich nicht aufgefallen waren.

„Und warum der ganze Blödsinn? Bloß, weil ich morgens schlecht gelaunt neben einem Kerl wach wurde, der mir auf den Sack ging“, ächzte Babsi, als sie mir im Tchibo die Geschichte erzählte, von A bis Z. Sie sah blendend aus. Sie war schon seit Jahren clean.

Ich fand sie gut.

3 Gedanken zu „Babsi mochte ich gern

  1. Oh ja,habe einige Babsis kennengelernt,ebenso Rene’s und unzählige Ali’s,allerdings in Heerlen oder Kerkrade,am Ende fuhr ich aber jahrelang zu chucki.wenn chucki nicht da war,dann sicher kleine Schwester,große Schwester,Schwager, Mutter und irgendwann war auch der kleine Bruder,der anfangs im Kindergarten ging soweit.irgendwann fing er an mir 50g Braunes auf Kombi mitzugeben.klappte ca zwei Monate,dann war ich mein bester Kunde und konnte ihm das Geld nicht geben.ein Jahr fuhr ich nicht mehr zu Chucki,bis Toni (kann aber auch Hussi oder Micha gewesen sein)mir sagte,Chucki hätte mir vergeben und vergessen und ich solle ruhig wieder mitkommen.da ich wußte,daß ich einer derjenigen war die Chucki über Jahre reich gemacht hatten,vertraute ich darauf.kurz gesagt irgendwann gab er mir wieder auf Kombi,irgendwann konnte ich wieder nicht zahlen und das war’s dann endgültig. Zehn Jahre dauerte diese Connection.eine der besten Anekdoten aus dieser Zeit?Hussi und ich hatten ziemlich spät Kohle für läppische drei Gramm zusammengekratzt (vor der Kombizeit ),hackten nach Heerlen.da wir mal von zivis angehalten wurden,verzichteten wir Utensilien (Löffel,Asco,evtl Alu)mitzunehmen.wir waren zwar affig,aber wollten uns in Ruhe zu Hause einen aufkochen.auf dem Rückweg vergaß ich,daß ich den Babbel in die Marlboroschachtel verstaut hatte,steckte mir die letzte an,knüllte die Schachtel zusammen und warf sie aus dem fahrenden Auto.auf einer Schnellstraße in Aachen.zu Hause angekommen fragte mich Hussi nach dem Babbel-erst da fiel es mir auf.nachts um 3.irgendwie kratzten wir neues Spritgeld zusammen (schätze grapschten in herumliegenden Verwandtenportemonaies),fuhren die100 km zurück nach Aachen, und…da lag sie,die zusammengeknüllte Schachtel samt Inhalt.so ein Glücksgefühl kennen wohl nur Süchtels.und das alles auf einem miesen schmerzhaften Affen.ich will dem Glumm mit so ner Story keine Konkurrenz machen.im Gegenteil-Danke,daß Du mir zeigst,daß wir nie allein waren.nie alleine sind.außer vielleicht im Angesicht des Todes.

    • oh ja, diese art glücksgefühl kenne ich nur zu gut.. bei uns war es mal ein ganz bestimmter kleiner kreisverkehr in rotterdam, den wir suchten, weil wir wussten, da wohnt der dealer, an mehr konnten wir uns nicht erinnern. wir klapperten halb rott. ab auf der suche nach dem verflixten kreisverkehr, natürlich affig, was sonst, und dann, ganz plötzlich, lasg er vor uns: ich glaub, ich war nie wieder so glücklich wie in diesem moment.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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