Vernetzt Euch!* – In langen Sätzen

In langen Sätzen, teils im Zick Zack, sprang die Gräfin über die Straße, immer der Kröte nach, bis auch der Hund aus dem Gebüsch stürzte: Ein aufgeregter, struppiger Schutzmann, der die Fährte verloren hatte und nun am Straßenrand nach Orientierung suchte. Hechelnd blickte er erst nach links, dann nach rechts.

„Wo ist die Kröte?“ rief ich.

„Das ist keine Kröte!!“ rief die Gräfin hastig. „Das ist ein Frosch!“

Wo zum Henker war denn da der Unterschied. Ein Frosch, eine Kröte, ja und? Sind wir nicht alle Lurche?

Beim nächsten Versuch bekam sie das kleine Tier endlich zu fassen und hob es triumphierend in die Höhe. Die Amphibie stellte sich tot, in den Händen der Gräfin. Nicht mal das Herzchen klopfte.

„Ist der drollig!“ rief sie. „Guck mal!“

„Ja“, sagte ich, „ich guck ja.“

Der Hund, der den Frosch im Buschwerk unterhalb der Eisenbahnschienen aufgeschreckt hatte, baute sich vor der Gräfin auf und machte Männchen, so energisch, als wollte er Eigentumsansprüche anmelden – nach dem Motto, ohne mich wäre hier rein gar nichts passiert, ihr Luschen. Selbstbewusst stupste er mit der Schnauze nach dem Nest, das die Gräfin aus ihren Fingern geformt hatte, um die Amphibie zu schützen.

„Lass das!“ Die Gräfin war verärgert. „Der Frosch hat doch Angst vor deiner Riesenschnauze. Besser, ich bring den armen Kerl zurück in sein Gebüsch. Als ich klein war, wollte ich den Tieren auch immer helfen und hab ihnen doch nur geschadet.“

Sie seufzte und liess den Frosch am Straßenrand ab. Der blieb einen Moment verdutzt stehen, vermutlich weil er mit Lagerhaft gerechnet hatte (oder mit einer wenigstens halbwegs qualifizierten zoologischen Begutachtung), dann machte er einen Satz ins Gebüsch – fort war er. Verschwunden im Dickicht seiner Wohnung. In schlammigen Zimmern.

14 Zimmer Bude. Fließend Schlamm.

„Einmal brachte ich fünf Mäuschen mit nach Hause“, erzählte die Gräfin, als wir weiter gingen. „Nur weil nirgends eine Maus-Mama zu sehen war, hatte ich geglaubt, die Kleinen wären verwaist und hätten meine Hilfe nötig, also zog ich sie aus ihrem Bau, eins nach dem anderen. Das waren so niedliche kleine Dinger mit ganz nackigen rosa Füßchen. Am nächsten Morgen waren alle tot. Lagen alle fünf niedlich auf der Seite und waren eingegangen. Keine Ahnung, was in der Nacht passiert war. Ich hab zwei Tage lang nur Rotz und Wasser geheult. Ich war eine Mörderin.“

„Ach, mein Gott, du warst ein Kind, ein Kind ist kein Mörder. Was glaubst du, was ich früher alles plattgewalzt hab“, sagte ich, die Hände tief in den Hosentaschen wie ein Gassenjunge. „Am Gardasee, in den großen Sommerferien, waren riesige Ameisen auf dem Campingplatz, von denen hab ich ganze Kolonien plattgehauen mit dem Vollgummihammer, immer drupp, wie ein Berserker.“

Die Gräfin blickte mich entsetzt an.

„Dann warst du auch ein Mörder!“

Ich kam gerade erst in Fahrt.

„Und beim Zivildienst im Krankenhaus ist mir eine alte Dame abgenippelt, beim Füttern.“

„Wie, beim Füttern..?“

„Na ja, beim Mittagessen..“

„Davon hast du ja noch nie erzählt.“

„Hm, gab ja auch keinen Grund dafür. Das war eine alte Frau, groß und hager, sie lag nur noch im Bett, und ich musste sie füttern, mit Hühnersuppe. Es war Sonntag, kaum Personal da, und ich war erst ein paar Tage auf Station. Da fing die Alte an zu röcheln. Sie hatte sich verschluckt. Erst hab ich es gar nicht ernst genommen, doch sie hörte nicht auf zu japsen. Ich klopfte ihr auf den Rücken bis sie etwas Suppe ausspuckte, aber nicht alles. Sie kriegte kaum noch Luft und griff mit ihren knochigen langen Fingern nach mir, da hab ich Panik gekriegt, den Suppenlöffel in die Ecke geworfen und Hilfe gerufen. Aber sie ist gestorben. In meinen Händen.“

„Du hast sie.. EINFACH SO STERBEN LASSEN??“

„Nicht einfach so, nein.. Ich hab nach der Stationsschwester gebrüllt, und die kam auch angerannt. Als sie sah, was los war, hat sie mich losgeschickt, den Notkoffer holen, während sie Erste Hilfe geleistet hat, Mund zu Mund-Beatmung wahrscheinlich, keine Ahnung, ich war ja nicht dabei. Jedenfalls roch sie später nach Hühnersuppe. Also, die Schwester.“

„Wie meinst du, du warst ja nicht dabei..!?“

„Na, ich war doch losgerannt, den Notkoffer holen, aber ich wusste nicht, wo der war.. Das hatte mir niemand gesagt, und in der Eile hab ich ihn nicht gefunden. Als ich ihn endlich entdeckte, oben auf dem Schrank im Schwesternzimmer, war es zu spät – die Alte war längst erstickt. Eine total kranke Situation.“

Wir gingen schweigend weiter. Die Gräfin schaute mich an. Sie war es nicht gewohnt, dass ich so viele Sätze am Stück sprach. Ich war ein Mörder. Ein Mehrfachmörder. Ameisen und bettlägerige alte Damen.

Ein Lurch. Ein Mörder. Ein Held.

Wir hatten schon fast den Bolzplatz erreicht, als uns aufging, dass der Hund nicht an unserer Seite war. In dem Moment, wo wir uns umblickten, hörten wir schon, was los war – ungezügelte Buddelgeräusche, ein Schnauben, wildes Geschaufel.

Das Froschgebüsch dampfte nur so vor Erregung.

*

„Vernetzt Euch!“ ist eine Aktion von 9 Bloggern, auf Initiative von shhhhh.twoday.net. Hintergrund ist eine Auffrischung der Kommunikation der Blogger untereinander. Wer will, kann sich von einem Blog-Beitrag zum nächsten führen lassen und alle neun Beiträge im Ring lesen. Genau. Eine Ringlesung.

6 Gedanken zu „Vernetzt Euch!* – In langen Sätzen

  1. Bei den Ameisen wäre ich auch gern eingestiegen, das wäre aber wieder ein ganz anderer Text geworden. Wir hatten damals nur einen kleinen Hammer, da haben wir auch mal danebengehauen.
    Vielen Dank fürs Mitmachen, für die Geduld, für all die Dinge, die eben nicht schief gelaufen sind, weil es genauso geworden ist, wie ich mir das vorgestellt hatte:)

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s