Popcorn und Hundehalsband

Dass Frauen älter werden, davon hatte ich schon gehört. Dass aber auch Frauen an meiner Seite älter werden, davon war nie die Rede. Und dann kehrt sie eines Tages vom Termin bei der Frauenärztin heim, mit einer Schachtel Hormonpflaster, und sagt, sie wär fast fünfzig. Während ich meine Erschütterung verberge, liest mir aus dem Beipackzettel vor. Ich weiss nicht, was ich davon halten soll, und lasse es mir übersetzen.

„Hormone sind Popcorn für die Gebärmutter“, erklärt sie aufgekratzt.

Nicht, dass ich fortan wirklich Bescheid gewusst hätte, doch jetzt hört es sich wenigstens sexy an, nach großer Oster-Kirmes mit Blue Hawaii und Autoscooter, nach rieselnden Kokusnussbrunnen. Nach 50jährigen Jungs und Mädchen, die über den Rummel ziehen und sich gegenseitig necken.

Tja, da sind wir also tatsächlich erwachsen geworden, und wie lange das gedauert hat.

*

Wir haben zwei klassische italienische Espressokännchen zu Hause, ein kleines und ein großes. Wenn das große Espressokännchen auf dem Herd steht und das Kaffeewasser beginnt zu brodeln, klingt es wie ein Motorflugzeug hoch über den Wolken. Im Sommer, wenn das Küchenfenster offen steht und ich sitze am Schreibtisch, bin ich mir oft nicht sicher, ist das nun der Espresso, der gleich fertig ist, oder will da wieder jemand in Ferien?

*

Ich steh auf und sage: „Dieser Satz muss festgehalten werden!“ und suche das neue Notizbuch, das ich heut Nacht angebrochen habe. Ich liebe es, neue Notizbücher anzubrechen. Den ersten Satz zu schreiben, auf liniertem (oder kariertem) Jungfernhäutchen.

„Was ist dein erster Satz?“ fragt die Gräfin ab und an, wenn ich ein Notizbuch in der Hand halte, und dann blättere ich zurück und lese den ersten Satz vor.

Das Notizbuch März/April 2013 zum Beispiel beginnt mit dem Zitat: „Ich hab die besseren sozialen Sätze als du!“ (Die Gräfin).

Auch das August 2011-Notizbuch beginnt mit der Gräfin. Ganz oben, noch über dem Datum, das ich stets voranschicke (02. 08. 2011), hat sie kackfrech und schwungvoll MOIN! geschrieben. Dann erst kommt meine Notiz, in der krickligen Handschrift des ewigen Grundschülers:

Als kleines Kind hat sie nie verstanden, warum man ein Herz auf dem rechten Fleck hat. „Ich hab dann immer gefühlt, wo mein Herz schlägt. Dass es auch bloß nicht zu weit links ist.“

Ein neues Notizbuch ist jedes Mal ein neues Leben, ein Fest für jede bröckelige Buben-Handschrift, 100 Doppel-Seiten brandneue Möglichkeiten.

*

Sobald ich das Haus verlasse, sorge ich dafür, dass stets ein Notizbuch in meinen Taschen steckt. Ich gehe niemals ohne Notizbuch aus dem Haus, nicht mal die paar Meter zur Mülltonne. Ich bin zerfressen von der panischen Angst, dass urplötzlich jemand meinen inneren Kreis betritt und mir das Leben erklärt und dann ist niemand da, der mitschreibt.

*

„Weißt du was? Du bist ein Springer“, sagte sie und nahm einen Schluck heißen französischen Espresso.

Es hatte über Nacht geregnet, Wasser tropfte von der Zeltwand, aber es machte uns nichts aus. Wir lagen schön gemütlich im Schlafsack, mit krümelnden Croissants vom Vortag und frisch gekochtem Kaffee.

„Ein Springer..? Wieso? Was meinst du?“

„Na ja. Jahrelang machst du gar nichts, du liegst Amok im Bett, du verknöcherst, du kriegst Atemnot vor lauter Nichtstun, und dann, urplötzlich – innerhalb von zehn Tagen – krempelst du dein ganzes Leben um.“

Sie klopfte drei Mal gegen die Zeltstange am Kopfende.

„Sa-gen-haft.“

„Mh.. ist wahr?“

„Nö. Ist nicht wahr. Aber du könntest so sein. Du könntest ein Springer sein.“

*

„Du hast es im Kopf, aber nicht in der Hand“, zitiere ich sie und möchte mehr darüber wissen.

„Na, was wohl.. Du hast wieder mal vergessen, dem Hund das Halsband abzunehmen. Obwohl du es versprochen hast..“

Ich vergesse dauernd solche Sachen, das hat doch nichts mit gebrochenen Versprechen zu tun. Ich denke einfach nicht daran. Ist ja auch keine große Sache, dem Hund das Hundehalsband NICHT abzunehmen, wenn man vom Spaziergang heimkommt.

Aber es sind ja nie die großen Sachen, an denen sich Streit entzündet. Dafür geschehen große Sachen schon viel zu selten. Das wäre ja ein beschauliches Dasein, entzündete sich Streit nur an großen Dingen. Nein, es sind Kleinigkeiten, die einem das Miteinander versauen.

Es sind die Hundehalsbänder, die man nicht abnimmt, wenn man vom verregneten Spaziergang reinkommt, es sind die Hundepfoten, die man nicht mit dem Handtuch abrubbelt und reinigt, wenn man vom verregneten Spaziergang reinkommt und den ganzen Dreck in die Bude trägt – es sind solche Sachen, die Frauen in den Wahnsinn treiben. Genauer gesagt, in den Hyper-Wahnsinn, denn es ist ja nicht so, als wären Frauen nicht schon per se wahnsinnig, von Haus an wahnhaft!

Frauenzimmer!

Die Gräfin weiht mein neues Notizbuch ein.

Die Gräfin weiht mein neues Notizbuch ein.

©

Im übrigen ist das Hundehalsband so justiert, dass es nicht besonders eng anliegt und den Hund kaum bis gar nicht zwickt, doch da unser Hund reichlich dickes Fell hat, wirkt es, als würde das Hundehalsband tief in seinen Pelz schneiden, als litte er Höllenqualen und hechelte nach Luft. Als wäre ich ein Rabenherrchen, das immerzu vergisst, seine devot veranlagte wuschelige Hündin von den Bondage-Knebeln mit Kegelnieten und Edelstahlstiften zu befreien.

*

Es kann passieren, dass der Hund den halben Tag unterm Schreibtisch liegt und mir die Füße wärmt, bevor mir irgendwann auffällt, dass er das Halsband noch um hat. Nämlich dann, wenn ich mich fürs nächste Rausgehen parat mache und dem Hund im Hausflur das schicke rote Halsband anlegen will, was dann ja nicht mehr nötig ist.

IST JA NOCH DRAN DAS DING HÄ HÄ.

Eine bequeme kleine Sache ist die Vergesslichkeit. Eine Sache für Glumm. Mach ich doch gern. Sind doch keine Umstände.

Ach was!

*

Es liegt in der Natur der Sache, dass große Sachen selten geschehen, dass sie echte Ausnahmen sind, während kleine Sachen gern mal durch den Rost fallen und nicht einmal bemerkt werden. Da kann man im Rückblick schon froh sein, wenn überhaupt etwas übrig bleibt, was sich im Anhang auserzählen lässt.

*

Noch kurz bevor ich nach Hause kam, hatte ich mir fest vorgenommen, dem Hund das Halsband abzunehmen.

Diesmal denk ich dran, dachte ich, diesmal machst du deine Frau stolz und glücklich.

Diesmal schaffst du es.

Doch kaum stand ich im Hausflur, hatte ich was anderes im Kopf und der Gedanke war futsch. Futschikato sogar, als hätte es ihn nie gegeben. Und die Frau war wieder nicht glücklich und nicht stolz. Ich weiß auch nicht. Ich kann machen, was ich will, ich vergesse jedes Mal, dem Hund das Halsband abzunehmen.

*

500Hunde

*

Als ich um die Mittagszeit vom Einkaufen heimkehrte, bepackt wie ein Sherpa des Kapitalismus und dementsprechend gelaunt, („Was sollen wir unseren Enkeln eigentlich später mal erzählen?! Wie schön wir früher Einkaufen waren??!“ „Welche Enkel!?“), sprang der Hund kläffend an mir hoch. Die Gräfin stand in der Küche, noch dick eingemummelt vom Spaziergang.

„Wir sind auch gerade erst reingekommen.“

(aus Der 3. Todestag auf 500beine)

6 Gedanken zu „Popcorn und Hundehalsband

  1. Offen gesagt man lobt dich gerade ein bissken arg hoch,
    aber dann lese ich..

    .. es sind ja nie die großen Sachen, an denen sich Streit entzündet. Dafür geschehen große Sachen schon viel zu selten. Das wäre ja ein beschauliches Dasein, entzündete sich Streit nur an großen Dingen. Nein, es sind Kleinigkeiten, die einem das Miteinander versauen.

    ..und bin hin & weg. Danke.

    lava

    • Ja, zu hoch gelobt.
      Aber dann lese ich Dich weiter…
      Und tatsächlich: Es entpuppt sich eine Frau!

      Mensch, eine Frau!

      Und was für eine kluge…

      Ein Stück Fleisch zum Durch kauen?

      Wenn Glumm sich mit Heino trifft; dann kommt dabei mehr raus…

      (Nix für ungut. Aber

  2. Selber besoffen! Vom weiblichen Intellekt, hehhe!
    Wen ich hoch Lobe bestimme ich selber. Danke auch Frau Kill Bill Black Mamba. (hüstel) :-)))

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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