Ein grosses düsteres Live-Konzert

Nachmittags, im August. Während ich im Discounter den Einkaufszettel abarbeite, entlädt sich das lang angekündigte Sommergewitter. Es rumpelt und es blitzt, Regen steppt über die Straße wie heißes Popcorn in der Pfanne, Kinder preschen in nassen Nikes über den Asphalt. Der Hund liegt zum Glück unterm Vordach, angeleint an den Fahrradständer. Glücklich sieht er nicht aus, wer sieht schon glücklich aus, wenn er darauf wartet, erlöst zu werden vom Warten. Die ganze Christenheit sieht nicht glücklich aus, seit zweitausend Jahren. Immer nur warten.

Die letzten Positionen. Zum Ende hin lege ich immer einen Zahn zu. Ich eile durch den Laden, vorbei an konkurrierenden Kunden und stramm bepackten Paletten, die den Gang versperren. Ich hasse Einkaufen im Discounter. Eines Tages laufe ich Amok und erschieße den Filialleiter, den Vize und die Auffüll-Trullas, einfach so, weil ich schlechte Laune hab. Weil ich noch was einkaufen muss. Weil Samstag ist, der Hund draussen wartet und eine Palette Ziegen-Käse versperrt den Weg. Und weil die Knarre gut in der Hand liegt. Das Präzisionsgewehr. Die Winchester. Und weil im Ziegenkäse bloß 5 % Ziegenmilch verabeitet wird.

Weil man mich veräppelt.

Frau Moll verschluckt vor Erregung ihr eigenes Bellen, als ich mit dem Einkauf durch bin und sie vom Fahrradständer befreie. Ein Biker mustert uns. Er wartet schon eine geraume Weile darauf, dass er seine Strassenrennmaschine endlich anketten kann. Ist ja ein Fahrradständer, keine Hundeverwahrung.

„Hallo“, spricht mich jemand an, mit extratief gelegter Stimme. Frau Moll erhebt sich und knurrt zurück. Sie mag keine Fremden. Sie mag keine Gewitter, sie mag keine Radfahrer, sie mag kein extratief gefärbtes Timbre. Und sie sitzt nicht gern vorm Discounter und wartet aufs Herrchen. Sie mag so einiges nicht, genau genommen eine ganze Menge. Aber sie mag mich, und ich mag sie. Macht 2:0, für jeden von uns.

„Scheiß Regen, wa?“

„Ja“, sag ich.

Jetzt erst schaue ich richtig hin, wer das ist, und erkenne ihn. Er hat sich kaum verändert. Dieselbe plattgeboxte breite Nase, dieselben Schweinsäuglein, derselbe übelgelaunte Mund. Meist begnügen wir uns mit einem knappen Kopfnicken, wenn wir uns in der Stadt begegnen.

Er stellt eine ausgebeulte Tragetasche ab.

„Wie isses?“

Ich: „Ja gut.“

Pause.

Er: „Ist dein Hund?“

Ich: „Ja. Ist mein Hund.“

Er: „Bist auf den Hund gekommen, ja?“

Ein Blitz flackert über die Dächer, und es donnert und kracht, wie aus zehntausend Grammophonspielern.

Das All, das All, das Alles ist aus Schellack.

Ich: „Was macht dein Bruder? Der.. wie heißt er noch?“

Er: „Welchen meinst du?“

„Na, den Ältesten“, sag ich verblüfft. Der jüngere Bruder ist doch längst tot. Mit dem hab ich früher zusammen gekickt, beim RSV. Ein feiner Kerl. Er war blond, er hatte etwas weiches, sympathisches, jedermann wollte ihm helfen. Auch seine Freundin mochte ich gut leiden, Natascha. Die ist ebenfalls tot. Beide sind an Heroin verloren gegangen, der großen braunen Pauschalreise.

„Du meinst Sammy“, sagt der Typ neben mir verächtlich.

„Sammy..!? Genau! Euer Ältester.Den hab ich ewig nicht mehr gesehen.“

„Ich auch nicht.“

„Du auch nicht?“

„Nein. Seit acht Jahren nicht“, erwidert er so postwendend, als hätte er heute morgen noch durchgezählt. All die Zeit, die vergangen ist. „Seit 2001, um genau zu sein..“

„2001? Was war denn da?“

„Da ist unsere Mutter gestorben.“

Als wolle er dem Gewitter ganz allein die Stirn bieten, das wie ein großes düsteres Live-Konzert über der Stadt steht, wirft er den Kopf in den Nacken, und irgendwo schlägt krachend der Blitz ein, irgendwo in den Wupperbergen.Sein Name will mir nicht einfallen, doch ich seh ihn noch vor mir, im Haus der Jugend 1975, wo er immer der Lässigste sein wollte, der Mutigste, der coole. Doch dafür war er zu klein von Statur, dafür wurde das Gesicht zu sehr dominiert von der plattgeboxten Nase und den Schweinsäuglein. Wollte er einen John Travolta-Gang hinlegen, wurde eine Hüpfburg draus, wollte er wie der Yorkshire-Killer dreinschauen, schlug man ihm die Fresse ein. Haben es kleine Männer schon schwer im Leben, dann haben es kleine Männer mit platter Nase und Schweinsäuglein noch viel schwerer: von den Jungs verscheißert, von den Mädels übersehen. Und wenn dann noch die letzte Frau stirbt, die einem hässlichen kleinen Kerl die Stange hält, die Mutter, dann ist Gefahr in Verzug. Dann wird jede kleine Kränkung mit gleicher Münze heimgezahlt, dann wird alles über den Haufen geschossen, was sich in den Weg stellt.

Er zündet sich eine Kippe an. Camel ohne.

„Auch eine?“

Ich schüttle den Kopf, fasziniert von seinem Gesicht. Es ist so bodenlos in seiner Hässlichkeit, so wahrhaftig. Ich halte drauf, suche die Großaufnahme. Selbst in Gedanken fotografiere ich auf traditionellem Silberfilm. Auf Rollfilm. Das ist im Ergebnis nicht weniger unerbittlich als in der digitalen Variante, aber beim Knipsen vertrauenswürdiger. Und Vertrauen ist das Pfund jedes Fotografen. Wir alle sind Kameraleute und Fotografen geworden. Wir alle beherrschen das globale Handwerk des Glotzens. Das Rasche-Schnitte-Setzen, das lange Einstellungen abfedern mit einem Song von Randy Newman. Das überflüssige Material wegschneiden, das Licht prüfen: es ist eine große autodidakte Bilder-Welt da draussen, und jeder hat seine Finger drin.

„Einmal hab ich Sammy noch im Mumms gesehen, da stand er keine drei Meter entfernt, aber wir haben keinen Ton miteinander gesprochen“, sagt er und saugt an der Zigarette. „Dabei kommt das gar nicht von ihm, dass er so komisch geworden ist, dass er sich so zurück zieht, dahinter steckt seine Alte. Wenn er abends ein Bierchen zischen will, muss er sich aus dem Haus schleichen, sonst macht ihm die Kuhfotze eine Woche lang die Hölle heiß.“

„Hm.. so kenne ich den Sammy gar nicht. Der war doch früher immer solo. Solo und besoffen.“

„Früher. Ja, als er noch solo war. Klar. Aber seit er verheiratet ist..“

Plötzlich fällt es mir ein: Ben. Er heisst Ben. In den frühen Achtzigern jobbte Ben als Rausschmeißer und Gläsereinsammler in einer Großraum-Disco in der Innenstadt. Eines Nachts war ich so besoffen, dass ich den Ausgang nicht fand. Ich wusste nicht mehr, wo die scheiß Tür war. Ich irrte unter der Discokugel herum, total konfus von den Stroboskopblitzen verlor ich mich im Dunkel, wurde richtig panisch, ich dachte schon, hier kommst du nie wieder raus. Bis ich IHN erblickte, auf der entgegengesetzten Seite der Disco, auf einem kleinen Podest. Mit weit ausholenden rudernden Armbewegungen versuchte Ben mich Richtung Ausgang zu lotsen, ein kleiner Dirigent, der sich alle Mühe gab, mir rauszuhelfen, und tatsächlich, nach einigen Fehlversuchen und Rempeleien schaffte ich es zur Tür, immer der Wand lang.

„.. aber wenns ums Erbe geht“, beendet Ben seinen Monolog, „hat man keine Verwandte mehr.“

„Welches Erbe?“

„Na, Sammy hatte doch Anzeige erstattet gegen Unbekannt. Unbekannt, so ein Blödsinn. Selbst der Kripobeamte, der mich vernommen hat, meinte, dass Sammy mich damit meinte, mit Unbekannt. Er hatte Anzeige gegen mich erstattet.“

Ich kapiere kein Wort.

„Pass auf. Der Sammy hatte rumposaunt, ich hätte unsere Mutter tot aufgefunden und bestohlen. Ich wäre der erste gewesen in der Wohnung und hätte das Geld gestohlen, das sie unterm Bett aufbewahrte. Den Sparstrumpf. Also, die Geldkassette.“

Der Regen lässt nicht nach, der Himmel bleibt zugestellt, Tausende von Gewitterwürmchen schwirren umher. Das Live-Konzert über den Straßen bereitet sich auf die Zugabe vor.

„Bei den Bullen hat Sammy fünfzigtausend angegeben, so viel hätte gefehlt. Fünfzigtausend D-Mark. Dabei war ER der erste in der Wohnung gewesen, nicht ICH, ich war erst ne Stunde später da, konnte es aber nie beweisen. Erst später hab ich Kontobewegungen gefunden, die stimmten hinten und vorne nicht. Und wer war immer der Empfänger? Mein lieber Herr Bruder.“

Eigentlich ist so ein Gewitter nichts weiter als ein riesiger Karton voll loser Elektrokabel, Spulen und Blitzlichtwürfel, umgedreht und übers Land gestülpt. Sobald alles zur Erde plumpst, wird der leere Karton angehoben, Licht fällt auf die Straße und die Herren Elektriker ziehen wieder ab.

Der Hund stupst mich mit der Schnauze an, will los, er hat keine Lust mehr.

„Ich muss mal los“, sag ich zu Ben, dem mittleren der drei Brüder, von denen der Jüngste den Herointod starb und der Älteste sich aktuell aus dem Haus schleicht für ein Bierchen am Abend.

Er hebt die Tragetasche vom Boden. Ein aufrechter Bursche, irgendwie. Was kann er für seine Fresse. Die Äuglein. Die Steckdosennase. Er schnippt die Kippe in den Rinnstein.

„Ich muss auch los.“ Er hält die Hand in den Regen. „Bisschen nass werden schadet nicht. Wir sind ja nicht aus Zucker, wa? Tschö.“

„Ja, bis dann“, sag ich und seh ihm nach, wie er sich im dampfenden Grau der Strasse davonmacht. Ein kleiner Mann Mitte vierzig, nicht aus Zucker, negroide Nasenführung. Jede Wette, dass er die halbe Zeit das Bild vor Augen hatte, wie ich sturzbetrunken den Disco-Ausgang nicht finden konnte, damals? Eine obeinige, oberpeinliche 80er Jahre-Saufziege, komplett neben der Kappe?

*

foto.platzregen

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5 Gedanken zu „Ein grosses düsteres Live-Konzert

  1. Wow. Was für ein Text. Grandios.
    Ach scheiße, „grandios“. Das Wort beschreibt nicht einmal annähernd, wie sehr ich gerade meinen imaginären Hut ziehe.
    Danke für diese ansprechende Lektüre!

  2. … hinter dem Bordstein am Straßenrand tat sich ein Abgrund auf.
    Hätte ich meine Naivität doch nur niemals verloren…

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