Benzini stand auf der Matte

Wir hatten gerade zu Mittag gegessen und wollten uns auf einen Kaffee zurückziehen, da schellte es an der Wohnungstür. Frau Moll war sofort auf dem Posten und schlug an, wie es sich gehört für einen Hütehund.

„Könnte der Jimmy sein“, seufzte die Gräfin, ein Auge am Türspion. „Halt die Klappe, Molli..! Jedenfalls hat er ne Kapuze.“

Jimmy, ein Typ aus der Nachbarschaft, kam schon mal rüber, wenn er Zucker brauchte oder eine Kopfschmerztablette. Oder ihm fehlte ein Zehner für die Pferdewette.

„Nee..! Ich werd verrückt..!“ hörte ich die Gräfin überrascht rufen, als sie im Hausflur stand. „Benzini..! Ist nicht wahr!!“

Ich nahm die zischende Kaffeekanne vom Herd, während Frau Moll kläffend um den Fremden herumtanzte. Er war ihr unbekannt. Nie gesehen, den Kerl.

„Benzini!“ rief ich und schmiss meine Hand in seine Pranken. Groß verändert hatte er sich nicht. Immer noch der alte Panzerknacker, ganz die kantige Visage.

„Glumm, du Arsch!!“

Seit er meinen Blog im Internet entdeckt hatte, waren wir wieder in Kontakt gekommen, per Email. So erfuhr ich wenigstens im Nachhinein, dass er mit angegriffener Bauchspeicheldrüse auf der Intensivstation einer Kölner Klinik gelegen hatte.

„Bauchspeicheldrüse, das Ding hat der Meckenstock schon seit dreissig Jahren kaputt“, war mein erster Kommentar. „Der darf seit Ewigkeiten keinen Schluck mehr saufen.“

„Ja weiss ich doch. Aber der Sausack steht immer noch am Tresen.“

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Benzini blieb zweieinhalb Stunden. Er kam wie eine stabile Windhose über unsere Wohnküche – als wäre aus dem Nichts eine Windhosenfront aufgezogen, als hätte es Bimssteine geregnet. Vor lauter Erzählerei wurde Benzini krebsrot im Gesicht, während wir immer bleicher und schrumpeliger wurden, vom vielen Zuhören.

Und als er längst über alle Berge war, „Kinder, war schön, aber ich muss los, Geld verdienen“, hatten wir immer noch schlimme Rückkopplungen im Ohr, und die Gräfin setzte eine Kanne Arznei-Tee auf.

„Tu Baldrian rein!“ krächzte ich. „Mehr Baldrian!“

*

Wenn Benzini quartalsmäßig zu Besuch kam, im Gepäck die jüngsten Abenteuer, dann brauste es in unserer auf Rückzug bedachten Klause, dass ich mich fragte, warum eigentlich niemand auf die Idee kam, bei uns eine Tafel mit Sponsorenlogos aufzustellen und die Wände mit Werbebannern zuzupflastern, von 10000 Lux-Strahlern beleuchtet, bei gleichzeitigem Bockwurst- und Bierverkauf, wegen der plötzlichen Champions League-Atmosphäre. Oder warum niemand die Melodie von Der Pate einspielte, wenn Benzini in Cinemascope-Hochform geriet, oder wenigstens den Rosaroten Panther. Denn immer geht es um Leben und Tod, wenn Benzini seine Aufwartung macht. Seit ich Benzini kenne, geht es bei ihm um Leben und Tod. Da kann man doch mal eine Krimi

Ich hatte ganz vergessen, wie laut Benzini werden kann, wenn er sich in Rage redet, welche Phon-Nuggets er übers Laufband schickt, sobald er einmal warm geworden ist. Aber dass nicht jede Story mit einer befreienden Pointe endet, gar nicht enden kann, das hatte ich nicht vergessen. Das wusste ich selbst noch aus meinem früheren Leben. Das Leben ist nicht auf Pointen aus. Es nimmt sich einfach das Naheliegendste, und

Je älter ich werde, desto genereller empfinde ich Lautstärke als Angriff auf meine Person. Es macht mich zunehmend aggressiv, wenn Leute die Trompete spitzen, auch wenn es natürlich darauf ankommt, wem man die Türe aufmacht, wer die Trompete spitzt. Muss ja auch mal sein, das provinzielle kleine Bohemien-Dasein mit Possen aus der dreißig Kilometer entfernten rheinischen Großstadt aufzurauen.

Seltsam: Frau Moll, sonst hypernervös, wenn fremde Männer zu Besuch kommen, blieb die ganze Zeit die Ruhe selbst. Platzierte sich in der Mitte zwischen der Gräfin und mir, die Pfoten brav nebeneinander wie die Sphinx von Gizeh, wenn auch in der zottelig-schmutzstarrenden Version.

Was will der Onkel hier? 

Erzählen. Von der kaputten Bauchspeicheldrüse. Hochkomplexes kleines Ding. Zunächst wussten selbst Fachärzte nicht, was los war. Warum Benzini sich dauernd schlecht fühlte, so schlapp, so neben der Kappe, warum er keinen Appetit hatte, so lustlos war.

„Nicht mal den Weibern bin ich noch nachgestiegen.“

Er stellte verzweifelt das Rauchen ein, reduzierte die Trinkerei, („nur noch guten Wein“), Resultat: eine dicke fette Depression.

„Du sitzt nichtsahnend im Sessel und plötzlich springt dich die Traurigkeit an wie ein Tier aus hinterster, dunkelster Ecke. Es klammert sich an dich, es raubt dir den Atem, und du kommst einfach nicht mehr hoch..“

Immer häufiger starrte er die Decke an, konnte sich nicht aufraffen, zur Arbeit zu gehen.

„Nicht mal den Weibern bin ich noch nachgestiegen!“

Das sagte er bereits.

„Nicht mal Geldverdienen machte noch Spaß!“

Das war das Zeichen, nun wurde es eng. Ein Benzini, dem Geldverdienen keinen Spaß mehr machte, war ein abgespeckter Benzini. Niemand wollte einen abgespeckten Benzini, am allerwenigsten Benzini selbst. Sein Hausarzt diagnostizierte, was Ärzte bei Privatpatienten seines Kalibers gerne diagnostizieren: Burn-Out-Syndrom. Er verschrieb Tranquilizer. Und da in Benzinis Familiengeschichte Darmkrebs gang und gebe war, riet man ihm eine Darmspiegelung an. Bei der Kamerafahrt durch den Dickdarm brach ein Stück der winzigen Videokamera ab. „Wer hatte mal wieder voll die Arschkarte gezogen?!“ brüllte Benzini in unserer Küche. „BENZINI!“

„Ist nicht wahr“, sagte die Gräfin.

„Doch, ist wahr!“

„Die haben das Ding echt nicht wieder rausgekriegt?“

„Ich war noch halb weggetreten und hörte nur was vonwegen, es wäre ein Chip abgebrochen, dann bin ich weggedämmert. Aber ich nehm an, die haben die Antenne da wieder rausgefischt, ich denk schon.“

„Was für ne Antenne?“

„Na, was weiss ich denn, was die alles in meinen Hintern reingesteckt haben!“

Weitere Dinge kamen ans Tagelicht. Etwa, dass Benzini im Jahre 2000, als die Internet-Blase platzte, auf einen Schlag 300.000 Mark verlor. Dreihunderttausend!

„Soviel hab ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen!“ schrie ich.

Angeblich geriet Benzini auf der Autobahn vor Frankfurt in ein Funkloch, als er gerade mit seinem Anlageberater telefonierte, der ihn vor einem Aktiengeschäft warnte. Dummerweise verstand Benzini Kaufen statt Verkaufen, ein tragisches, 300 Mille teures Super-Mißverständnis.

„Soviel hab ich in meinem ganzen Leben nicht verdient!“

„Ja, wir haben es gehört.“

Benzini blieb ein kümmerlicher Rest von 8.000 Mark auf dem Konto. Damit startete er erneut durch. Machte andere Geschäfte. Auf einem ganz anderen Feld. Und dass er nun wieder dick im Geschäft war,  sah man an der Jeans, die er trug, Jeans von Aldi. Wenn Benzini Geld scheffelte, trug er grundsätzlich so billige Anziehsachen, als würde er immer noch in Schmierstoffen und Diesel machen.

„Alles nur Tarnung!“

Andere erstaunliche Dinge erfuhr ich. Etwa dass Benzini und der rothaarige Fleschkönigs mal gemeinsam in eine Schulklasse gingen. Sogar befreundet waren. Davon hatte ich nichts gewusst. Nachmittags trafen sich die beiden auf dem Friedhof, um sich mit dem Ausheben von Gräbern ihr Taschengeld aufzubessern. Die Kirche zahlte acht Mark die Stunde.

Fleschkönigs hatte ein liebes Gesicht, umrandet von langen roten Locken, um die ihn jede Frau beneidete. Innendrin sah es weniger mädchenhaft aus. Wenn Flesch, der später mit einem Leichenwagen das Bergische Land abkurvte, pleite war, brach er den Leichnamen kurzerhand das Zahngold aus dem Kiefer und brachte es seinem Stamm-Juwelier zum Hinterausgang.

„Flesch, lass sein, das gibt nur Ärger“, warnte ihn Benzini. „Wenn das der Friedhofsverwalter mitkriegt..“

Einmal schmuggelten die Beiden einen Totenschädel ins Haus der Jugend, den sie vom Friedhof gemopst hatten. Die Mädels quiekten und gingen stiften, während wir Jungs mit dem Ding in der Töpferwerkstatt verschwanden. Weil der Totenkopf spackig und voll Erde war, setzte Benzini einen Topf Essigwasser auf. Den Tipp hatten ihm ältere Friedhofsmitarbeiter gegeben – so sollte er schön weiss und glänzend werden. Aber es musste richtig brodeln! Irgendwann kam Trudy rein, stellvertretende Leiterin des Haus der Jugend, ein gutmütiges spätes Mädchen. Als sie sah, dass wir alle um den dampfenden Kochtopf herumstanden, wunderte sie sich.

„Na, was macht ihr denn da, ihr Halunken?“ rief sie fröhlich und kam rüber. „Blumenkohl?“

Doch bei aller Ungestümheit und Vitalität, Benzini war ein sensibler Bursche. Auch mit Ende vierzig nahm er noch kleinste, scheinbar nebensächliche Gesten wahr. Als ich es nach zwei Stunden Dauerbeschuss wagte, kurz zu gähnen, sah ich gleich die Empörung in seinem Blick. Dann dauerte es auch nicht mehr lange, und er verabschiedete sich Richtung Köln.

Advertisements

5 Gedanken zu „Benzini stand auf der Matte

  1. Ha! Das ist er also, der Benzini.
    Und so kam er zu dem Schädel. Auf Arbeit mitgenommen.
    (Hab ich mich natürlich auch gefragt, nach deinem Kommentar bei mir).
    Laut und sensibel? Bemerkenswerte Kombi.
    Frau Moll wird das gespürt haben.

  2. Danke, Glumm…hab mich 10 Min. köstlich amüsiert..ha haaaaaaaaa wie geil..die Antenne 🙂 Und dann noch der Kopp inne Brühe 🙂
    *drückt dich und die Gräfin, küsst Frau Moll und zieht Tornadomäßig von Dannen*

  3. wie du über menschen schreibst, finde ich einfach klasse. liebevoll-ehrlich. ich sehe ihn beinahe vor mir.
    (das mit der lärmsensibilität habe ich auch immer mehr, je älter ich werde. vielleicht hat man einfach irgendwann zu viel oder jedenfalls genug lärm gehört?)

  4. Der Bruder meiner Freundin ist ein liebenswerter 52jähriger, zwei Meter fünf großer Bäcker,der noch in Mama’s Haus wohnt,nie ne Frau hatte und dessen BVB Südtribünendauerkarte seinen Lebensinhalt bestimmt.wieviel Dezibel seine Stimme erreicht,weiß ich nicht,aber nach Familienfesten bin ich jedes Mal fix und fertig,ein seelisches Wrack.mag ihn trotzdem!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s