Nebenan, in der Wirklichkeit

Die beiden Jungs stürmten auf die Parkbank zu. Ihnen war der Ball weggerollt. Als sie den großen Hund sahen, der sich zu meinen Füßen zusammengerollt hatte, bremsten sie ab, wie zwei Flugzeuge, die über die Landebahn hinaus zu schiessen drohten. Die kleinen Turnschuhe qualmten.

„Beißt der Hund?“

„Nö“, sagte ich. „Nur kleine Jungs.“

Die Beiden waren 56 Jahre alt. Na, Moment. Die Beiden waren 5, 6 Jahre alt. Einer hieß Francesco, er trug Brille. Der andere, aschblond, krähte, er würde aus Francesco am liebsten eine Menschenpizza machen, mit ner kaputten Brille als Belag.

„Schmeckt doch nicht“, sagte ich. „Auf ne Pizza gehört Thunfisch, oder Knoblauch.“

„Knoblauch, äh..! Frisst der Hund auch Knoblauch?“

„Der frisst am liebsten hartes Brot.“

„Wirklich? So.. Knüppelbrot?“

„Ich mag nur Fisch!“ ging Francesco dazwischen. „Reis auch! Pizza! Alles mag ich! Fisch und Reis! Brot auch! Aber nicht Spinat!“

„Spinat.. kommt ja auch hinten raus, wenn man Durchfall hat“, pflichtete ich Francesco bei.

„Mahaaa..! Genau!“ lachten die beiden Freunde. „SPINAT IST DURCHFALL!“

„VOLLL DER DÜNNPFIFF!“

Wie immer, wenn ich Erfolg hatte, nahm ich Fahrt auf und legte einen nach.

„Habt ihr beiden Hübschen auch schon mal aus dem Hals geschissen?“ flüsterte ich übermütig, und die Picos kriegten sich kaum ein vor Vergnügen. Ich war der geborene Stand up-Comedian, wenn Kinder im Publikum saßen, die noch im Fäkalienwitze-Alter waren, früh-anal und genital, und nicht genug davon bekommen konnten. Dann war ich in meinem Element.

„Seid ihr schon mal nach Hause gerannt, weil ihr dachtet, ihr müsstet kacken, und dann war es nur ein Riesenfurz?“

Ich kassierte einen Lacher nach dem anderen. Erst als ich von einer mächtigen, von zuviel Opium herrührenden Super-Verstopfung erzählte, „als hätte man drei Wochen nur Kniestrümpfe gefressen, nicht wahr“, war es vorbei. Die Jungs nahmen ihren Ball und machten, dass sie fortkamen.

Ich schlenderte mit dem Hund den Kannenhof runter.

Ein weißer Kastenwagen hielt direkt neben mir, mit Karlos am Steuer. Er hatte vor kurzem den Führerschein gemacht, jetzt war er ein gemachter Mann. Dass es nicht lange gut gehen würde, lag auf der Hand. Ich gab ihm eine Woche, dann hatte die Schmiere seinen Lappen kassiert. Sein Problem: Karlos hatte ein Kripogesicht. Das provozierte die echten Polizeibeamten, sich ihn mal näher vorzuknöpfen und ins Röhrchen blasen zu lassen.

Fester.

„Is los, Glumm? Kommst du mit ins Mumms?“ Karlos ließ lässig den Arm aus dem Seitenfenster baumeln, wie ein kalifornischer Beach Boy. „Ich geb einen aus.“

Ich brachte den Hund rein, gab ihm was zu futtern, dann fuhren wir in die Stadt.

Im Mumms war kaum was los, bis auf einige wenige Figuren, die nicht wussten, wohin sie Mittags sonst gehen sollten. So wie der lange schmächtige Klaus.

„Meine Olle steht wieder unter Müller im Telefonbuch. Wir sind seit gestern offiziell geschieden.“

Vor ihm stand ein Glas Sprudel, unangetastetes Alibiwasser, falls zufällig seine neue Freundin reinschneien sollte. Klaus war die meiste Zeit besoffen. Vom Trinken war er mit der Zeit so dünn und knochig geworden, ihm tat schon nach fünf Minuten Sitzen der Arsch weh.

„Marina, Schätzchen! Komm her zu mir, hmm? Können wir ein bisschen schmusen. Ein bisschen ferkeln.., nur wir beide.“

Marina winkte genervt ab. Sie hatte Sade aufgelegt, Your Love is King. Eine tadellose Fummelscheibe, bloß – was soll man mit einer tadellosen Fummelscheibe, wenn keine Frau da ist. Mittags traf man in den Kneipen und Pubs traditionell nur Säufer, die ihren Pegel auffüllten.

„Ein bisschen Sex wär jetzt nicht schlecht..“, nuschelte Klaus, „ein bisschen ferkeln..“

Ich sah ihn mir näher an. Irgendwas störte. Er hatte eine frische Kruste auf der Nase.

„Hast du was auf die Nase gekriegt?“

Er überlegte einen Moment, bevor er antwortete.

„Nee, ich bin.. die Treppe runtergefallen. Aber ich erzähle lieber, ich hätte was auf die Nase gekriegt. Hört sich besser an. Nicht so nach Loser.“

Klaus, eigentlich ein Architekt, der in München eine Total-Pleite hingelegt hatte und auf der Flucht vor Gläubigern in seiner alten Heimat gelandet war, verdiente sein Geld zuletzt auf Antikmärkten, mit dem Verkauf aufgemotzter alter Lampen. Er starb in den frühen 90er Jahren, als er hinterrücks die steile Treppe runterfiel, die zu seiner Dachwohnung hinauf führte. Auf seiner Beerdigung hat niemand geweint. Ich meine, niemand, obwohl er in Ordnung war.

Er war dauernd traurig und betrunken.

Irgendwann setzte das große Mittagsschweigen ein. Allein das Bestellen der Getränke brachte noch etwas Abwechslung in die düster-unterkühlte Mittagsatmosphäre. Das Mumms war wie ein L-förmiger Karnickelschlauch gebaut, und wir hockten am Tresen wie gründelnde Enten. Jeder für sich. Drei Bier, drei Calvados. Mach vier draus, Marina.

Vier Bier, vier Calvados.

„Deutschland hat das tiefste Tief seit 1857“, warf ich ein. Ich war der klügste Gaul auf der Weide. Karlos, der Klepper, nickte eifrig. Da fiel mir ein, woher ich die Meldung hatte: sie war im Autoradio gelaufen, im Wetterbericht, als wir Richtung Mummstrasse unterwegs waren.

Micks kam rein. Blieb kurz stehen, blickte mich an, meinte, „Mensch, hast du kurze Haare gekriegt“, weil ich tags zuvor beim Frisör gewesen war, und ging nach hinten durch zum Spielautomaten. Big Towne 2061.

„Wusstest du, dass der menschliche Körper unter Anstrengung selber Opiate produziert? Beim Marathonlaufen zum Beispiel.“ Das hatte Karlos irgendwo aufgeschnappt und gab es nun exklusiv weiter.

„Das hat mein Körper nicht nötig“, hielt ich dagegen. „Ich nehm meine Drogen immer noch selbst.“

Karlos blieb munter. Er drehte richtig auf. Die Bäckchen glühten. Ich weiss nicht, wie er auf das Thema kam, jedenfalls war er plötzlich elf, zwölf Jahre alt.

„Damals hatte ich die genialsten Gummistiefel der Welt, rutschiger als jede Gleitschuhe! Auf denen konntest du nicht stillstehen, ohne loszurutschen. Ganz einfache rote Dinge waren das, wie Nikolausstiefel, aber die sausten ab wie die Zauberpantoffeln vom kleinen Muck.“

Karlos konnte sich wunderbar begeistern für die einfachen Dinge im Leben, das rechnete ich ihm hoch an. Fünf Minuten später war unsere Kohle versoffen. Wir waren pleite.

„Ich ruf Sandy an, paar Bier retten“, meinte Karlos.

Just in diesem Moment kam Sandy zum Eingang rein, wie bestellt.

„Das ging aber schnell“, sagte ich.

Sandy grinste. Sie und Karlos waren seit zwei Jahren ein Paar, genauso lange wie die Gräfin und ich. Wir setzten uns an einen Tisch.

„Du siehst melancholisch aus“, meinte Sandy.

Ich dachte: Wenn man pleite ist.

„ANDAUERND! MUSS SEIN! ICH BRAUCH DAS!“ hörten wir Klaus. Er stand am Münzfernsprecher und telefonierte sich um Kopf und Kragen.

Der Tamile mit der Höckernase, ein Rosenverkäufer, der spätabends von Tresen zu Tresen zog, kam zur Tür rein, sah, dass kaum was los war und schenkte Sandy eine einzelne, in Zellophan verpackte rote Rose. Dann verschwand er.

Micks, der vom Flipperautomat zurück war, hielt mir sein Ohr hin und ich berichtete ihm von den Fertignudeln, die mich schon seit Tagen ernährten. Daraufhin stellte er mir ein großes Bier hin.

„Wo ist denn die Gräfin?“

„Im Urlaub“, sagte ich. „Und sonst, Micks? Wie isses?“

„Ich komm gerade von Frau Kötting.“

„Ist nicht wahr.. Die lebt noch?“

„Geht so.“

Die gute alte Frau Kötting. Seit unseren Kindheitstagen führte sie ein kleines Büdchen am Klauberg. Ihre Spezialität: dich totlabern, wenn man auf die Schnelle nur eine Rock’n Roll-Zeitschrift kaufen wollte, die sie nicht im Programm hatte. Das war ihre Spezialität. Nichts im Programm haben, was man gern gekauft hätte. Darin war sie ein verdammtes Genie. Rolling Stone? Nie gehört. Was soll das sein.

„Ich saß längst wieder im Auto“, strahlte Micks,“ und hatte die Scheibe hoch und den Motor am laufen, aber die Kötting war immer noch am plappern. Ich hab nur genickt und irgendwann einfach Gas gegeben. Wahrscheinlich reckt sie immer noch ihr Köpfchen aus dem Fenster und plappert drauflos.“

Als Karlos aufs Klo verschwand, fragte mich Sandy: „Warst du beim Zahnarzt?“

„Wieso?“

„Weil du beim Reden den Mund nicht richtig aufmachst.“

„Ich hab Hunger. Deswegen.“

Sie schob mir einen Zehner rüber. Ich dachte: PIZZA!

Schnaat kam aus dem Haus der Jugend, wo er jeden Montag einen E-Gitarren-Kurs gab.

„Schnaat“, grüßte ich. „Was hast du den Kids heute gezeigt?“

„Wie ein Kinks-Riff geht. All day and all of the night. Kennen die doch gar nicht mehr. Trinkst du ein Bier mit?“

Ich trank drei.

Schnaat erzählte von einem französischen Spielfilm aus den Vierzigern, so mit Taschendieben und Untertiteln. Schwarz-weiss.

„Lief gestern Abend im Dritten. Hast du auch gesehen?“

„Nee“, sagte ich. „Ich hab Hunger.“

„Ich auch“, sagte Schnaat.

Er nahm mich im Auto mit. Wir fuhren zum Wassili. The Best Of Pizza’s. Ich bestellte die größte. „Mit Knoblauch.“

An der Ecke runter zum Kannenhof liess Schnaat mich aussteigen.

„Gruß an die Gräfin.“

„Die ist in Italien.“

„Dann eben, wenn sie anruft.“

Ich im Laufschritt die Straße runter. Der Belag verrutschte.

Als ich in der Nacht wach wurde, junkerte der Hund im Schlaf wie ein Streifenwagen, der Koksdealer jagte, und strampelte mit den Beinen. Ich schmeckte Knoblauch auf dem Kopfkissen, ging pissen und schlief wieder ein.

Advertisements

2 Gedanken zu „Nebenan, in der Wirklichkeit

  1. Irgendwie muss ich gerade an einen Song von John Lee Hooker denken.
    -Nur, dass der einen anderen Geschmack auf der Zunge hatte.
    Aber so isdas halt, wenn Frau Graf Urlaub hat…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s