Können wir noch zwei Kaffee haben?

Es ist kurz nach fünf, als die Mitarbeiterin des Altenheim-Cafes missmutig die Tische wischt und darauf wartet, dass es endlich halb sechs wird und sie pünktlich die Kasse abrechnen und nach Hause kann. Da sind zwei späte Gäste nur lästig.

“Können wir noch zwei Kaffee haben?”

Auf meine erste Frage antwortet sie gar nicht, stellt sich konsequent taub und guckt woanders hin. Erst als ich die Frage wiederhole und dabei den stoischen Eindruck vermittle, es zur Not auch 45mal zu wiederholen,”Können wir noch zwei Kaffee haben?”, “Können wir noch zwei Kaffee haben?”,”Können wir noch zwei Kaffee haben?”, lässt sie sich zu einer Reaktion hinreißen. Was bleibt ihr auch übrig.

Öffnungszeiten: bis 17.30.

“Ja..”, brummt sie, “zwei mal Kaffee..”

Bis in den letzten Winkel ihres unglücklichen muffigen Gesichts ist ihr anzusehen, dass sie aktuell so ziemlich alles andere lieber täte als für meinen alten Vater und mich zwei Becher zu nehmen, unter den Henrystutzen des Kaffeeautomaten zu stellen und volllaufen zu lassen. Sie kann ihren Widerwillen kaum unterdrücken.

“Große Kaffee?”

“Ja.”

(Auch ich kann militärisch knapp.)

Papa steht unentschlossen am Tisch, ganz mit seinem Rollator verwachsen. Müde von den vielen verrauchten Momenten seines Lebens.

“Kannst dich setzen”, sag ich.

“Was?!”

“Kannst dich schon mal setzen..!”

“WASS?”

“DU KANNST DICH HINSETZEN! KAFFEE KOMMT GLEICH!”

“Ja, ist ja gut.. ist ja gut..”

Er bleibt dennoch stehen und weiß nicht, wie es weitergeht. Was es als nächstes zu tun gibt. Dass er das nicht weiß, passiert immer häufiger und ist neu. Keine Marotte, sondern das Fortschreiten der vaskulären Demenz.

“Komm”, sag ich, “ich helf dir.”

Verfall und Schwerhörigkeit schreiten voran. Er ist oft gar nicht mehr richtig bei der Sache, der Blick bleibt im Ungefähren hängen. Denkt man jedenfalls. Und dann haut er einen Spruch raus, dass einem schwindlig wird.

“Sag mal, fliegen da vorn Vögel durch die Speichen?”

“Was..? Welche Speichen?”

“Na da vorn, die Speichen vom Rollstuhl, der da.. rumsteht, da.. fliegen doch so kleine Vögel durch. Oder wie seh ich das?”

Er hat regelrechte Halluzinationen, vermutlich von dem Dutzend Medikamente, das er täglich schluckt. Wenn er das Zeugs aber nicht nimmt, überwältigt ihn die Angst und er bekommt die schiere Panik. Wovor? Vor dem eigenen Zustand. Davor, was mit ihm wird. So bleibt wenigstens eine dicke fette Decke drüber, mit den vielen Pillen.

Als er endlich am Tisch sitzt, kommt schon der Kaffee. Das heißt, der Kaffee wird aufgerufen, wie auf dem Amt. “Ihr Kaffee ist fertig!” Fertig zum Abholen, auf dem großen Plastiktablett. Ist ja ein Selbstbedienungs-Cafe. Wozu soll man heutzutage auch noch freundlich sein zu den Menschen. Lohnt doch nicht. Womöglich noch in der Gastronomie.

“Solln wir auch n’paar Plätzker eten?” meint Vater.

Plätzker. Das ist gehobenes Platt. N’paar Plätzker eten. Nicht Plätzchen, Plätzker.

„Warum nicht.“

Ich entscheide mich für ein Pfund Waffeln & Kekse, Gebäcktraum. Kaum ist die Packung geöffnet, langt Vater zu. Er zieht sich eine Schokowaffel nach der anderen rein, Stück für Stück, er ist eine gut geölte, ausgehungerte, verfallende Maschine. Wie ich ihm so zuschaue, wird mir bewusst, dass er unter Alterszucker leidet, doch die Werte sacken oft dermaßen in den Keller, dass die Pflegerinnen ihm den Traubenzucker riegelweise in den Mund schieben und erst Ruhe geben, wenn er sich das Zuckerstück bis zum letzten Krümel einverleibt hat.

Da kann er auch ein Pfund Plätzker vertragen.

Vater süßt seinen Kaffee mit Natreen, ich mit raffiniertem Zucker. Dummerweise ist der Zuckerspender nicht richtig zugedreht, und so geht reichlich was daneben, auf die Tagesdecke. Der halbe Tisch ist voll Zucker. Nachdem ich mich absichere, dass die Kellnerin mit der Kasse beschäftigt ist, schüttle ich das Deckchen überm Fußboden aus.

“Was machst du denn da?” wundert sich Vater.

“Da war Zucker drauf.”

“Ach soo.”

Das  Schöne am Beisammensein mit demenzkranken Menschen ist ihre unvergleichliche Akzeptanz so ziemlich jeder Situation. Sie nehmen alles als gegeben hin. Oder man hat Pech und es passiert das genaue Gegenteil und alles endet in einem riesigen Unverständnis. Man müsste es so formulieren: Das Schöne am Beisammensein mit demenzkranken Menschen ist die Überraschung, die jederzeit möglich ist.

“Probier mal den Kaffee”, sag ich.

“Probier mal meine Gedanken?”

“Den Kaffee! Probier mal, ob er dir süß genug ist! Du futterst ja nur Plätzker!”

“Ja, die schmecken gut. Schön frisch.”

Zwischendurch fallen ihm die Augen zu. Wach wird er meist von irgendwelchen lauten Geräuschen, die plötzlich sein Gehör erreichen. Etwa wenn die Putzkräfte einlaufen, mit ihren Supersaugern.

“Was ist das denn..? Kommt die Eisenbahn??”

“Das ist die Putzfrau”, sag ich, und er nickt.

“Die kenn ich. Die ist in Ordnung.”

Beim Griff in die Kekspackung scheint er ein Gebäckstück erwischt zu haben, bei dem die Schokolade schon angeschmolzen ist, von der Wärme, die im Cafe herrscht. Alte Menschen frieren schnell. Jedenfalls sind nicht nur seine Finger voller Schokolade, sein ganzes Gesicht enthält deutliche Spuren von Kakao.

“Na, Zuckerschnute”, sag ich.

(wird fortgesetzt)

*

Mehr davon:

  1. Mittags, im Heim
  2. Schub
  3. Verdammte Transportarbeiter
  4. Einwurf
  5. Mein Vater, mein Vater, sein Auge!
  6. Becher Kakao auf dem Balkon
  7. Es ist was ganz schlimmes passiert
  8. As my mother lay dying
  9. Wahlmöglichkeit
  10. Wie ich Mutter einmal fast die Seele verbrannte
Advertisements

5 Gedanken zu „Können wir noch zwei Kaffee haben?

  1. Ich hab meine Oma im gleichen Modus bis zum Ende täglich begleitet…Kekse ohne Limit, die Pflegerinnen immer so, geht doch nicht sie hat doch Diabetes. Fotzen. Am Ende haben die Ösen den finalen Infarkt für Magenverstimmung gehalten. Ich sag mal so, bei Demenz alles rein was lecker ist und geht. Für Demenz muss man zeit und Geduld haben und auf die Gesundheit scheißen. MUSS.

  2. ach graf komma,

    man könnt dich und deinen vater knutschen. wenn man bedenkt, dass es nur worte sind, die du aneinander hängst. wort licks, die so fein ineinander greifen, wie svensson am piano singt.

    p.s.: danke für den pyarno link, auch wenn die dropbox momentan überlastet ist. laß dich wissen, wenn der komplettschnitt fertig ist. bis die tage.

    py

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s