Notizbuchklassiker (2)

Meinst du, das hat der.. alles extra aufgeschrieben..?“

Das gepflegte ältere Ehepaar, das zufällig mein Notizbuch auf der Bank gefunden hat, blättert neugierig darin herum, als ich im Laufschritt, „he, Sie da!“, in den Coppel-Park einbiege.

„He, das ist meins! Pfoten da weg!“

Meine heiligen Notizbücher!! Die können mich langsam mal, meine heiligen Notizbücher. Der Schreibtisch platzt aus allen Nähten vor lauter heiligen Notizbüchern, und mit jedem neuen Monat kommt ein neues hinzu, ist wieder so ein scheiß Heiligtum voll.

Es kommt schon zu Missverständnissen, zu kommunikativen Störungen, wenn ich am Straßenrand stehe und das Notizbuch aus der Jackentasche ziehe, weil mir etwas in den Sinn gekommen ist, WAS SOFORT FESTGEHALTEN WERDEN MUSS, bevor es mir entfällt und ade! für immer weg ist. Autofahrer dagegen sehen bloß jemanden am Straßenrand, der ihr Nummernschild aufschreibt, und steigen in die Eisen.

Sie halten mich für eine zivile Fußstreife. Vielleicht sind sie ein bisschen zu schnell gefahren, oder sie waren einen Moment nicht angeschnallt, haben während der Fahrt telefoniert, keine Ahnung, jedenfalls treten sie jäh auf die Bremse und schleichen mit unterdrücktem Stinkefinger an mir vorüber. Ich bin eine Politesse auf O-Beinen.

Was will man machen.

*

Was will man machen. Mit meinem leuchtend orangefarbenen Notizbuch komm ich mir unter all den Smartphones, Portables und Piano Blacks schon wie ein Ureinwohner vor, ein kabelloser Pöbel, ein Landei.

Ich bin komplett neben der Zeitspur.

Wenn ich etwas notiere, das nicht warten kann, das keinen Aufschub duldet, fühlen sich die Leute zunehmend unwohl in meiner Gegenwart. Besonders junge Leute, im Bus zum Beispiel. Mit dem Stift übers Papier schwingen ist etwas anderes als eine elektronische Oberfläche bedienen, wobei – Schreiben auf Papier ist den Kids ja nicht unbekannt. Noch am Vormittag in der Schule haben sie es selbst noch getan – geschrieben, doch das war in der Schule. IN DER SCHULE! Nicht draussen in der freien mobilen Welt.

Uncool.

Ich bin ein Alien.

Ein hoffnungsloser Fall. Die Kids glotzen mich an. Ein ganz junges Mädchen weint sogar bei meinem Anblick.

Vielleicht sollte ich das Handy rausholen und sinnlos einen Blog in die Welt puffen. Nur zur Sicherheit.

*

„Schau mal, was ein großer Wuschel..!“ staunt die Mutter.

Das Töchterchen springt sofort an.

„Darf ich den mal anfassen?“

„Besser nicht“, sag ich. „Das hat der nicht gern.“

Es ist jedes Mal das gleiche. Kaum hab ich es ausgesprochen, dass mein Hund nicht gern angefasst wird, (er ist Autist),  bin ich der Buhmann, der böse Onkel. Enttäuschung macht sich breit im Kindergesicht – Enttäuschung, und eine gewisse Ungläubigkeit. Warum sollte man einen Hund nicht streicheln dürfen, der so lieb und wuschelig aussieht wie Frau Moll? Wie ein verschlafenes Nest, wo sich alle aufs Ohr gelegt haben nach dem zweiten Frühstück? Sind solche Streuner denn nicht zum Anfassen und Streicheln geboren?

Nein, mein Kind. Sind sie nicht. Nicht unbedingt. Auch der liebste Jungvogel ist im Herzen ein Raubvogel, wenn er wach wird vom Vormittagsschläfchen und hungrig den Hals aufreißt und die Mama anbrüllt, sie soll gefälligst einen Eimer Futter anschleppen, sonst ruiniere ich euch allen die Nerven mit meinem Geschrei, ihr Fotzen!

Was ich sagen wollte.

Hände weg von wuscheligen Hunden.

*

foto.molly.gross

Frau Moll, hier noch im zarteren Alter

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4 Gedanken zu „Notizbuchklassiker (2)

  1. Och ist der Hundi süß. Hamm, Hamm Handab!
    -In diesen weichgespülten Zeiten braucht es einfach mal was hartes.
    (Hö, schreibt der mich jetzt auf, der Politesserich?!)

  2. Habe ich doch glatt das Sternchen überlesen und spürte schon die rechte Augenbraue hochwandern beim Lesen. Und als dann auch noch die Tochter fragt, den Wuschel anfanssen zu dürfen, fragte ich mich, wo das noch hinführt, wenn Kinder mit ihren Eltern Fußgänger, nein Herumsteher mit Notizbuch streicheln wollen. Das ist ja gerade nochmal gut gegangen.

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