Göring und sein Hund Sammy

Göring kam mit seinem kleinen Bahnhofskiosk gerade so über die Runden. Das reichte ihm, er erwartete nicht viel vom Leben. Er wollte hauptsächlich seine Ruhe haben. Er mochte es nicht, wenn andere Leute ihm reinquatschten, er quatschte anderen Leuten auch nicht rein. Ein autarker Bursche war er, geschieden, eine Tochter. Und er hatte einen ziemlich seltsamen Hund.

Ich habe Göring seit Jahren schon nicht mehr gesehen, doch er steht immer noch in unserem Telefonbüchlein, unter G, wie Guter Mann. Die Gräfin ist nicht gut auf unser Telefonbüchlein zu sprechen.

„Da drin sind nur Nummern von toten Junkies und Campingplätzen in Holland.“

Na schon, sag ich. Aber nicht nur! Schau mal, der Göring zum Beispiel. Wenn ich den mal anrufen will..

Warum solltest du den denn anrufen wollen.

Auch wieder wahr.

Ich lernte Göring über Ringo kennen, der am alten Bahnhof eine Wohnung ergattert hatte, die sich sehen lassen konnte. Er teilte sie sich mit einem Taxifahrer, der aber so gut wie nie zu Hause war. Immer, wenn ich bei Ringo zu Besuch war und ihn fragte, wo ist eigentlich dein Mitbewohner, meinte Ringo nur lapidar, der ist Taxifahren. Na gut.

Anfang 2005 besaß Göring am alten Hauptbahnhof einen feststehenden Verkaufswagen, der besonders bei den Pendlern nach Düsseldorf und Köln beliebt war, Göring versorgte sie mit heißem Kaffee, Revolverblättern und Jägermeister. Jägermeister war der heimliche Renner und rettete ihm manches Mal die Miete. Ein kleiner Jägermeister kursierte unter Trinkern als Eierköhlchen, ein großer als Brikett. Es ging zu wie im Kohlenhandel.

„Zwei Brikett zum Mitnehmen, ein Eierköhlchen zum anheizen.“

„Macht dann drei Brennstufen, Heinz.“

Göring hatte einen ständigen Begleiter, den alten Sammy, Sammy mit dem Schubsauge. Ein Terrier-Mix, ein Sport-Mops, gestandene dreizehn Jahre alt. Er war Tag und Nacht an Görings Seite. Wenn Sammy hustete, flog schon mal ein Backenzahn raus. Das konnte passieren. Er war ein lieber kleiner Kerl, aber er hatte ein schlimmes Auge.

„Was hat Sammy da?“ fragte ich.

„Ne Krankheit“, nuschelte Göring.

Der Kioskbetreiber schob einen ziemlich Wanst vor sich her, der ihm bis an die Kehle reichte und den Adamsapfel bedrängte. Wenn Göring redete, klang es wie Nuscheln. Aber er war freundlich zu Jedermann und überaus verläßlich. Punkt 5 Uhr 30 öffnete er den Kiosk für die ersten Bahnkunden, und vor zweiundzwanzig Uhr machte er die Bude nicht dicht. Privatleben? Er wusste nicht mal, wie man Privatleben schreibt. Ob das überhaupt ein anerkanntes Wort war.

„Ne Kanaille? Was für ne Kanaille?“ fragte ich verständnislos.

„Ne Krank-heit!“ Göring hob die Stimme, ganz wenig nur, ein achtel Zoll vielleicht. Aber so verstand ich ihn besser. „Sammy hat ne chronische Schleimbeutelentzündung.“

Durch die Entzündung war der Innendruck im Auge des Hundes gestiegen und schubste nun den Augapfel regelrecht aus seiner Höhle heraus. Wie im Cartoon stand das Auge hervor, ein Pressball, ein seltsamer Minigolfball, von zahllosen roten Äderchen durchzogen. Wenn Göring seinem Sammy einmal am Tag die verordnete Arznei ins Auge träufelte, glänzte der Augapfel wie eine Piemont-Kirsche von Mon Cheri.

Fast ein bißchen lecker.

„Guck mal, wer da kommt, Sammy!“ rief Göring jedes Mal, wenn ich mit Frau Moll, damals noch ganz jung, am alten Hauptbahnhof auftauchte, in Nähe der Schalterhalle. „Deine große Liebe!“

Alle paar Wochen holte ich den Ordner mit den Steuersachen ab, voller Lieferanten-Rechnungen und Quittungen und Kassenbons, unerläßlich für die Umsatzsteuer-Voranmeldung, die ich quartalsweise für Göring erledigte, um seinen Kiosk am laufen zu halten. Seit ich an einer Wirtschaftsschule mit Ach und Krach die Umschulung zum Steuerfachangestellten bestanden hatte, durfte ich mich Steuerfachangestellter nennen.

Die Umschulung war eine blöde Idee gewesen, aber immerhin – eine Idee. Die Idee ging so. Tagsüber Broterwerb im Steuerbüro, abends Schreiben. Was ich dabei nicht bedacht hatte, war Buchführung. Ich konnte keine Buchführung, auch nicht nach zwei Jahren Wirtschaftsschule und einem Jahr Praktikum beim Steuerberater. Das war nicht meine Welt. Das war die Zahlenwelt. Zwar fand ich Zahlen an sich gar nicht mal übel, aber die Zahlen mochten mich nicht. Sie lehnten mich rundherum ab. Der Widerstand war gewaltig. Ich hatte nie eine reelle Chance.

Geh zurück auf Anfang, lachten die Zahlen und zeigten ihr Spruchband, wenn sie mich sahen. Verpiss dich.

(Am Morgen der Abschlußprüfung hatte ich mir vorgenommen, unserem Klassenprimus Timo in der Teeküche der Wirtschaftsschule aufzulauern, ihn zusammenzuschlagen und per Strohhalm sämtliches Buchführungs-und Bilanzsummen-Wissen aus dem Schädel zu schlürfen. Das jedenfalls war der Plan gewesen. Das hätte ich besser mal gemacht.)

Sammy war besessen von Frau Moll. Ach was, infiltriert. Jede andere Töle, die sich Görings schmuddeligem Verkaufswagen näherte, wurde von Sammy aufs Schärfte verbellt. Die junge Frau Moll dagegen hatte Narrenfreiheit, sie konnte sich alles erlauben. Selbst wenn sie sich auf dem Hinweg zum Bahnhof in Entengrütze wälzte oder das Fell mit Aas einsaute, glich Sammys Hallo einem Staatsempfang. Sobald er sie von weitem ausmachte, blinkte sein Schubsauge in einer Geschwindigkeit, als wollte er gleichzeitig nach links und rechts abbiegen.

„Gnä‘ Frau“, sagte sein Blick, und der Blinker pulsierte und zitterte, „darf ich Sie eine Runde hinter den Kiosk jagen?“

„Deine Hündin macht Sammy jedes Mal so rattenscharf, dass er nachts wie wild seine Decke reitet“, erzählte Göring. „Und anschließend liegt er ausgepumpt in der Ecke und schläft durch bis morgen früh.“

„Das geht in Ordnung“, sagte ich.

„Sicher“, sagte Göring.

Frau Moll dagegen, die Angebetete, strafte Sammy zunehmend mit Missachtung. Du hässlicher Vogel, sagte ihr Verhalten, geh mir aus dem Auge. Mach dich dünne, Monstrum. Oh ja, Frau Moll konnte ein Luder sein, schon damals, im zarten Alter von gerade mal einem Jahr.

Den Nebenjob hatte mir Ringo beschafft. Bevor er morgens in den Zug nach Düsseldorf stieg, wo er als Software-Distribitor sein Geld verdiente, das er bis auf den letzten Pfennig in Heroin und Schnaps umsetzte, deckte er sich bei Göring mit Jägermeister ein.

„Brauchst du keinen Buchhalter?“ fragte Ringo ihn spaßeshalber, und Göring brauchte tatsächlich einen. So kam ich zu meinem ersten (und einzigen) Job in der Welt der Zahlen, und es funktionierte, trotz meiner haarsträubenden Ahnungslosigkeit.

„Du machst das schon“, meinte Göring, dessen Plauze an manchen Tagen so drall wirkte, als habe er einen aufgespannten Regenschirm verschluckt, „versuchen wir’s.“

Einem ebenso schlampigen wie freundlichen Kioskbesitzer eine Weile die Umsatzsteuer berechnen und anmelden, ich schaffte es so gerade. Aber nach sechs Monaten war Schluss. Göring machte seinen Kiosk dicht. Es lohnte nicht mehr. Der Verkauf von Jägermeister alleine war zu wenig.

Besonders der alte Sammy war traurig. Was sollte nun aus ihm und seiner großen Liebe werden? Als wir vier uns voneinander verabschiedeten, am vernagelten Verkaufswagen, schmachtete Sammy Frau Moll an, und etwas Flüssigkeit lief aus seinem schlimmen Auge. Ob es nun eine Träne war oder bloß Arznei, meine Güte – wen juckte das schon.

Es floss, und es floss reichlich.

*

san.ichbineinhund

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3 Gedanken zu „Göring und sein Hund Sammy

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