Irgendwas lief falsch, die ganze Zeit

Aufgewacht im Westen der Stadt, irgendwo unten am Weyer, und mich davongestohlen. Dem Sonnenlicht nach zu urteilen musste es Mittag sein. Nicht etwa, dass Sonne zu sehen war. Ein mächtiges Paket dunkler Wolken verschnürte den Himmel. Es war mehr das Gefühl, ein Gefühl von Mittag.

Am Stiehl’s Teich überholten mich zwei Gärtner auf ihrem Elektrokarren. Hallo, sagte ich. Hallo, antworteten die Gärtner und stoppten ein paar Meter vor mir. Sie machten Zigarettenpause, mit vor Nässe und Kälte steif gefrorenen Arbeitshandschuhen.

„Wie heißen die Dinger?“ fragte ich einen der Gärtner. Den mit der Halbglatze.

„Welche Dinger?“

Ich zeigte auf die Maschine, auf der sie saßen.

Er zuckte bloß mit der Schulter.

„Karren vielleicht?“  meinte er.

Er und sein Kollege gackerten. Ich ging weiter. Ich hatte das Parkgelände fast schon verlassen, da hörte ich, wie sich von hinten der Elektrokarren näherte. Als ich mich umdrehte, hielt der Karren an, die beiden Gärtner sprangen herunter.

“Sagen Sie.. Wollen Sie so ein Ding nachbauen?”

Der Kompagnon der Halbglatze nahm einen Spaten vom Anhänger und begann, Mutterboden zu schaufeln.

“Was.. ? Nachbauen? Na ja.”

“Maschinengespann”, ereiferte er sich. “Firma Polder.”

Ich antwortete nicht.

“Wollen Sie so ein Ding nachbauen..??”

Ich zeigte ihm einen Vogel und ging weiter, umrundete noch mal den Teich, bis mir endlich warm war. Auf dem nassen Rasen kickten zwei Jungs. Es waren noch Winterferien. Ich setzte mich auf die Bank und zündete mir eine Kippe an. Der kleinere der Beiden war talentiert, hatte Witz im Fuß, der Ältere dagegen brauchte einen Riesenanlauf für einen pomadigen Roller, der im Gebüsch verendete.

Der Kleine gab sich loyal und zerrte die Pille aus dem Dickicht.

Lass liegen, dachte ich. Lass doch den großen Blödmann sich die Klamotten schmutzig machen. Aber es waren bloß Gedanken, niemand vernahm sie.

Niemand konnte folgen.

Es war 1986.

Unterwegs kaufte ich frische Brötchen und Marmelade und beim Metzger einen Topf Fleischsalat. Ich ließ sämtliche Bushaltestellen stehen und ging den ganzen Weg zu Fuß. Die kühle Luft tat gut. Zwei Stunden später war ich zu Hause. Karlos war nicht da. Ich machte mir Kaffee, da schellte das Telefon.

“Hier ist Manu, hallo, mein Freund. Wie isses? Stabil?”

“Na, gut.. Ja.”

“Erinnerst du dich?”

“Na ja sicher”, sagte ich.

Wer zum Henker kannte Manu nicht. Wenn auch weniger unter ihrem Vornamen. Sie war in der Szene als Schuss bekannt. Der Schuss. Das verlebte Gesicht verlieh ihr etwas Verruchtes, Nachtclubmäßiges. Sie hatte langes blondes Haar und eine Top-Figur, konnte kiffen und saufen wie ein Kerl und Make up auflegen wie ein Weib.

“Was machst du gerade?”

“Frühstücken”, sagte ich. “Bin eben nach Hause gekommen.”

“Das trifft sich ja prima, kannst du gleich einen Frühschoppen dranhängen. Wir sitzen bei mir zu Hause, mit ein paar Leuten. Bier ist genug da und auf dem Herd köchelt eine Gulaschsuppe. Was ist Sache? Keine Lust?”

“Also.. warum nicht.”

“Kannst auch’n paar  Leute mitbringen, kein Thema.”

Sie nannte die Bushaltestelle, an der ich in Ohligs aussteigen musste, und erklärte den restlichen Fußweg.

“Da hätte ich ja auch gleich in Ohligs bleiben können”, sagte ich.

Vom Sehen kannte ich sie schon lange, doch näher war ich Manu, dem Schuss, erst auf Lonnies Heiligabend-Party gekommen, als ich ihr im besoffenen Kopf die Ohren vollsabbelte, dass ich zwar ein Mädel für die Nacht suche, aber nicht zum Ficken.

Sie war entsetzt gewesen.

“Glaubst du, ich will dich auffressen, oder was?”

(Eine Stunde später schleppte ich das Burgfräulein ab.)

Ein paar Tage später war Manu mit zu mir gekommen, hatte mir zwei Mal einen runtergeholt, ich ihr zweimal einen geblasen. Am nächsten Morgen steckte ich ihn sofort rein. Über Nacht war eine dünne Schicht Neuschnee gefallen, und sie hatte sich im Minirock und auf Stöckelschuhen vom Acker gemacht, nicht ohne Frohe Weihnachten zu wünschen. Ein nettes Mädel, der Schuss. Geradeaus, ohne Wenn und Aber, ohne viel Vertun.

Ich legte den Hörer auf und glotzte in den Garten. Regentropfen hingen ordentlich aufgereiht an der Wäscheleine, wie auf dem Regentropfenamt. Ich löffelte den Rest Fleischsalat, nahm noch ein Brötchen auf die Faust und machte mich auf die Socken.

Erst mal in die Stadt, kurz ins Mumms reingucken. Die ersten zwei Bier liefen zäh. Ich schüttete zwei Beaujelais drüber. Posse saß auf seinem Stammhocker, wenn man rein kommt, links, und meinte, dass viele Alkoholiker Gelbsucht nicht vom Trinken bekämen, sondern aus Ekel vor den ersten Gläsern am Tag.

“Ist wahr?”

“Keine Ahnung. Ja sicher.”

Posse war ein undurchsichtiger Bursche. Obwohl er keinerlei Arbeit nachging, hatte er stets Geld auf der Tasche und zeigte sich spendabel. Er kleidete sich wie ein Businessman, der Popcorn-Maschinen oder bunte Las Vegas-Partyzelte verlieh und damit einen Haufen Schotter machte. Ein hagerer Bursche, kein Gramm Fett zu viel. Gelegentlich trug er ein Menjoubärtchen.

Vom Saufen war seine Bauchspeicheldrüse schwer angeschlagen, und weil nun jedes Schnäpschen zuviel den Tod bedeuten konnte, soff er konsequent leichte Sachen, meist Sekt, dem er durch ständiges Rühren den Sprudel entzog und somit erst zur harmlosen Plirre machte, wie er glaubte.

“Alles nur Plirre, Jungs.”

Plirre war sein Mantra. Den speziellen Eislöffel, extralang und in feines Anstecktuch gewickelt, trug er immer bei sich. Zum Plirre anrühren.

“Komm, trink ne Plirre mit”, forderte er mich auf.

Um die Uhrzeit Sekt, nee, lass mal, sagte ich, bin ich ruckzuck hinüber.

“Ich hatte vor, noch ein bißchen zu leben.. heute.”

“Heute?” echote Posse. “Muß es unbedingt heute sein?”

“Na, nicht unbedingt.”

Er lachte. “Na bitte.”

Posse war voller Marotten und Tics. Er musste ständig Dinge berühren, anfassen. Man ging mit ihm durch die Stadt, runter zur Chinesischen Mauer, was essen, und Posse blieb alle paar Meter stehen und spürte mit den Fingerspitzen der Hauswand entlang. Ganz leicht nur, wie eine Spinne und mit einem seligen Lächeln im Gesicht, als lausche er einer feinen inneren Arie.

Posse war schwul, aber auf eine solch unschwule Weise, dass kaum jemand davon wußte. Sein Schwulsein war ihm unangenehm.

“Ich hasse mein Schwulsein, aber was soll ich machen? Ich steh nun mal auf Schwänze.”

Er hatte sich ganz dem exzessiven Trinken verschrieben. Sein gesamter Tagesablauf ordnete sich der Zufuhr von Alkohol unter, alles war drumherum organisiert. Selbst der Vorgang des Trinkens an sich war auf soldatische Art ritualisiert. Wenn Posse das Glas Sekt zum Mund führte, stand der Ellbogen des glasführenden Arms waagerecht in der Luft, wie ein Warndreieck, und dann zack, runter damit. Bloß kein langes Federlesen.

Sein größter Traum: JETZT MÜSSTE ES EINEN RIESENKNALL GEBEN – UND ICH BIN AUF DER STELLE VOLL!!

Der Wunsch sollte zehntausend Mal in Erfüllung gehen.

Da Posse nichts besseres zu tun hatte, begleitete er mich nach Ohligs. Die Party lief bereits seit dem Wochenende, wie wir erfuhren, als wir per Taxi in der gepflegten Reihenhaus-Siedlung einliefen.

“Halloo, ihr Süßen! Meine Eltern sind verreist”, begrüßte uns der Schuss im knappen Lederröckchen, als wäre sie fünfzehn und nicht fünfundzwanzig. Ihre Beine waren der Knaller. Ansonsten war nicht viel los. Von wegen Party. Keine zehn Leute waren übrig geblieben, aufgeputscht von zu wenig Schlaf und endloser Bongkifferei liefen sie ziellos umher.

Der Schuss stellte uns drei Kölner Freunde vor, die gut aufeinander eingespielt am Tisch saßen und eine Gras-Tüte nach der anderen bauten. Sie stimmten ein Lied an, einen Kanon.

“Die Arbeit ist kein Frosch”, johlten sie und klatschten sich ab, “sie hüpft, sie hüpft, sie hüpft uns nicht davon!”

Posse starrte zu mir rüber. Wohin zum Teufel hast du mich verschleppt? Ich will zurück, ich will nach Hause, heim an den Tresen! Ins Mumms! Wenn man reinkommt links, zu meiner Plirre! Lonnie, seit Weihnachten im Dauerrausch, kam rüber und entschuldigte sich, dass er das Burgfräulein und mich aus dem Ehebett seiner Eltern geschmissen hatte, auf seiner Heiligabend-Party.

“Ganz übler Fauxpas!” krähte Lonnie. “Ich störe sonst NIE bei der Liebe, NIEMALS, aber ich war so breit, Mann, ich hatte voll einen an der Klatsche!”

Die drei Kölner mit ihrer dämlichen, aufgesetzten rheinischen Fröhlichkeit gingen allen auf den Sack. Ich floh in die Küche. Weil das Faßbier alle war, hielt ich mich ans Flaschenbier und versuchte mein Level zu erreichen. Es war die reinste Schinderei. Ich durchsuchte die Möbel nach einer vergessenen Schrankbar. Irgendwo musste doch Schnaps aufzutreiben sein.

Ich fragte mich, warum der Schuß mich überhaupt angerufen hatte. Sie guckte mich nicht mal an. Gerade war sie in ein Gespräch mit Lonnie vertieft, als Posse zu mir kam und meinte, er habe gerade ein Taxi gerufen, wolle zurück ins Mumms fahren – da stand sie ganz schnell bei mir und packte mich am Ärmel.

“Wohin willst du!? Warum bleibst du nicht?” funkelte sie mich böse an.

“Ich äh komme wieder”, sagte ich. “Ich muss nur auf einen Sprung weg, was erledigen.”

Blödsinn, natürlich. Großer Blödsinn. Aber ich versprach, im Laufes des Tages wieder zu kommen.

Wir fuhren in die Stadt. Im Mumms verlor ich mich zwischen den Gesichtern, von meinen Leuten war niemand da. Kein Karlos, kein Schnaat, kein Mitsubishi Boy, kein dicker Hansen. Selbst Posse hatte die Biege gemacht. Ich trank die paar Bier, die noch reinpassten und ging rüber in den Stahlhof, eine harte Trinkerkneipe. Doch es war Montag, nichts los. Nicht mal die Kellnerin machte was her, eine mittelprächtige Blondine in Pumphosen und Reiterstiefeln. Ein Bier kriegte ich runter, dann setzte ich mich ins erstbeste Taxi und ließ mich nach Ohligs kutschieren. Obwohl mir schwante, dass der Schuss längst nach hinten losgegangen war.

Und tatsächlich – Manu lag besoffen im Bett, sie war komplett hinüber. Die Kölner waren fort, allein Lonnie und zwei, drei andere Gestalten hielten die Stange. Doch als der Schuss die Augen öffnete und mich im Türrahmen erblickte, war sie sofort auf den Beinen.

“He, mit dir hab ich nicht mehr gerechnet..”

„Siehst du“, sagte ich.

Ich legte mich zu ihr, wir knutschten rum.

“Da ist noch was Bier im Fass”, sagte sie. “Lass uns was trinken.”

“Ich dachte, das Fass wär schon heute Nachmittag leer gewesen.”

“Für ein paar Bier reichts noch.”

Wir gingen rüber ins Wohnzimmer. Lonnie hing abgeschlafft vor der Glotze. Endlich kam ich in Form, es lief bei mir. Jetzt machte Trinken Spaß. An manchen Tagen war es ein schmaler Grat zwischen dem zwanzigsten und dreiundzwanzigsten Bier, aber dafür lohnte es. Ich war charmant und überbot mich in schrägen Wortspielereien.

“Mir gefällt nicht, was du schreibst”, unterbrach mich der Schuss.

“Mir auch nicht”, sagte ich. “Aber, mal ehrlich, hast du überhaupt schon mal was gelesen von mir?”

“Klar. Bei dir auf der Schreibmaschine. Als du geschlafen hast.”

“Ist wahr?”

“Na, glaubst du, ich erzähl dir einen? Jedenfalls, es kam mir vor, als wolltest du den harten Macker geben, beim Schreiben.”

“Den harten Macker? Tatsächlich? Liest sich das so?”

“Was ich gelesen hab, schon.”

Spät am Abend landeten wir im Bett. Diesmal zu dritt. Während ich nämlich mit dem Schuss zugange war, („Du hast einen schönen Schwanz, aber du bist ein Schwein!“), schnarchte zur Linken ihre Busenfreundin, die in meiner Abwesenheit aufgetaucht war. Ein hübsches kleines Ding, selbstverliebt, aber im Kern unsicher – eine vertrackte Mischung.

Eine Weile machte ich extralaut mit Manu rum, damit ihre Freundin aufwachte und uns zusah, eine Vorstellung, die mich mächtig antörnte. Ich bearbeitete den Kitzler vom Schuss nach ihren Instruktionen mit der Zunge, sie kam heftig und sprudelte wie ein Zimmerspringbrunnen.

“Schlaf mit mir”, forderte sie mich auf.

“Nee, ich bin zu voll”

Sie nahm meine Eier in die Hand, spielte damit, sie versuchte mir einen runterzuholen.

“Mach dir keinen Stress”, meinte sie, aber schließlich lohnte sich die ganze Ackerei, ich spritzte in den Dienstag rein.

*

Als ich wach wurde, war Manu verschwunden, nur ihre finnige kleine Freundin lag noch im Bett, tief in den Decken vergraben. Finnig, so nannte meine Oma eine Hühnersuppe, der man auf Anhieb nicht ansehen konnte, wie brühend heiß sie war. Eine finnige Suppe versteckt ihre Hitze unter einer unauffälligen Oberfläche, und man verbrennt sich schnell die Schnauze daran.

Ich wartete, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, dann raffte ich meine Klamotten zusammen und ging nach nebenan. Von der tagelangen Sauferei war ich nicht mal mehr verkatert. Wenn man viel trinkt, ist es irgendwann wie auf Arbeit. Man geht hin, man drückt die Karte, macht seinen Job. Vielleicht wechselt man ein paar Worte mit den Kollegen.

„Was machen die Kinder? Auch schon am saufen?“

Im Wohnzimmer entdeckte ich Manu. Sie hockte auf dem Ledersofa, die nackten Beine angezogen, und stierte durch die Panoramafenster in den Garten. Sie trug Slip und ein schwarzes Dessous, rauchte eine Zigarette. Nieselregen sprühte an die Scheibe.

Während ich den Pullover anzog, beobachtete sie mich ungeniert. Ich hatte Mühe, die Strümpfe anzukriegen. Sie war sehr sexy, wie sie da saß. Bleich, ein leichte Gänsehaut. Ob sie vielleicht erwartete, dass ich ihn nochmal reinsteckte? Jetzt hatte ich die Strümpfe aber schon an. Eine Uhr blickte von der Wand runter und tickte laut.

„Termin?“ fragte sie der Ordnung halber.

Ich nickte und murmelte etwas in der Richtung Termin, ja, irgendwas. Wir gaben uns ein Küsschen. Sie roch nach Kippen und Bier. Haut. Gar nicht so übel. Aber es half nichts, die Situation war vergeigt.

Als ich die Haustüre hinter mir zuzog, versuchte ich mich zu orientieren. Ich befand mich ungefähr in der Gegend wie Tags zuvor, als ich mich von der Unordentlichen verabschiedet hatte – doch wo genau, ich hatte keinen Plan. Irgendwo in Ohligs, am Weyer, im Westen der Stadt.

Wie gehabt.

Allmählich geriet alles durcheinander. Das Jetzt machte mir zu schaffen. Dass fast schon Zukunft war, was immer man auch tat, und kaum hatte man es getan, war es schon wieder Geschichte – es gab keinerlei Gegenwart. Kein Jetzt – nirgends. Nur elenden Transport, ohne Halt. Das Jetzt war ein ruckelndes offenes Fließband. Man konnte jederzeit ins Schleudern geraten, soviel stand fest, und Hals über Kopf vom Band fliegen. Das ging ganz schnell. Tock, tock. Und du warst weg.

Ich bog in einen Heckenweg ein. Er mündete in eine Parkanlage. Sah aus wie Stiehl’s Teich. Auf einem Schild: Ballspielen erwünscht. Nicht zu fassen. Da wachte ich in fünfundzwanzig Jahren kein einziges Mal am westlichen Zipfel der Stadt auf, und nun gleich an zwei verkaterten Morgenden hintereinander. Ach nee. Stimmte ja nicht. Ich hatte ja gar keinen Kater. Bloß leichtes Nasenbluten.

Transportschaden.

Eine Joggerin kam mir entgegen, mit federndem Laufstil. Vom Rest-Alkohol befeuert malte ich mir aus, wie ich sie ins Gebüsch schubste, sie kurz und heftig nahm. So heftig, dass ich Blut schneuzend und rotzend durch den Park stiefelte, die Arme vor der Brust verschränkt, dem verärgerten Blick eines Anglers standhaltend, der am Fischteich hockte, im grün glänzenden Regencape.

Stunde später. Karlos war ausnahmsweise daheim. In langen Western-Unterhosen und grünem OP-Hemd stocherte er im Kohleofen, als ich zur Tür reinkam.

„Herr Geheimrat, der Ofen ist aus. Tässchen Mocca?“

Er war erkältet. Wir brauchten neue Briketts. Hast du Kohle? Das Telefon klingelte. Das Burgfräulein. Ob ich ihre Kreditkarte gefunden habe.

„Nee“, sagte ich.

„Ist schon drei Tage her“, sagte sie. Und wo ich die ganze Zeit gesteckt habe. Ob ich was dagegen hätte, wenn sie am Nachmittag vorbei käme. Wegen der Karte.

„Nee“, sagte ich.

„Was jetzt.., ja oder nein?“

Ich hatte einen schlimmen Kater mittlerweile. Dass ich Blut gerotzt hatte im Park, machte mir Sorge.

„Ja, dann komm“, sagte ich, und wir beendeten das Gespräch.

Karlos grinste.

„Kreditkarte liegen lassen“, prustete er. „Ja, genau. Sie braucht doch nur einen Grund, um anzurufen.“

„Quatsch. Die ruft auch so an. Ohne Grund.“

„Na ja klar. Sie weiß doch gar nicht mehr, was Sache ist.“

„Da ist ja auch nichts.. Sache.“

„Für dich nicht. Für sie bist du sehr wohl.. Sache.“

Scheiße, er hatte recht. Was für mich bloße Spielerei war, Vertändeln von Nächten, schien für sie mehr zu sein. Sonst wäre sie nicht dauernd mit so komischen Mädchenfragen angekommen. Was ich denke. Ob ich sie gern habe. Wo ihre Kreditkarte geblieben sei. Und, ganz oben: Warum ich so wenig rede.

„Mit Karlos hast du auch dauernd was zu bequatschen.“

Als Karlos fort war, knallte ich mich mit dem neuen Stern in die Badewanne. Sobald das Wasser kalt geworden war, liess ich heißes Wasser nachlaufen. Nach zwei Stunden war es so weit, ich hatte es geschafft. Endlich löste es sich auf, mein Ich, in Dampf und Wohlgefallen.

Später hackte ich ein paar Absätze in die robuste schwarze Continental aus den Vierzigern, und dann war sie auch schon da, das Burgfräulein. Sie trug Zopf und PLO-Schal. Mit dem Rücken zur Wand lümmelten wir auf meinem Bett, erzählten uns unwichtige Dinge. Die Küsse kamen klein und zart, unschuldig, beinahe niedlich.

„Ich hab Lust auf Popcorn“, sagte sie und wir beschlossen, uns einen Film anzusehen. 19 Uhr-Vorstellung im Programmkino auf der Schützenstrasse. Wir waren die einzigen Zuschauer. Weil ich den ganzen Tag nichts gegessen hatte, gingen wir anschließend zum neuen Chinesen am Werwolf. Ich nahm Ente süß-sauer, sie Schweinefleisch.

„Rindfleisch ist mir zu glitschig“, erwähnte sie.

Sie aß mit Stäbchen, nicht ungeschickt. Weil wir uns sonst nichts zu erzählen hatten, schielten wir zum Nachbartisch rüber, wo eine eingedeutschte Kleinfamilie aus China mit Messer und Gabel speiste. Der Sohnemann verwechselte Sojasauce mit Maggi, und als die Familie aufbrach, zeigte der Bub vorlaut aufs Aquarium und fragte, ob die Fische darin eines Tages so groß würden wie das Aquarium und ob es dann platzte und wohin das Wasser dann liefe und, wichtig: „Kommt die Feuerwehr durchs Fenster rein?“

Ich lud das Burgfräulein auf seine Aufforderung hin zu mir auf einen Kaffee ein, sie nahm an und blieb über Nacht. Wir einigten uns darauf, Silvester gemeinsam zu verbringen. Kaum ausgesprochen, hoffte ich, dass ich es nicht bereuen würde.

Irgendwas lief falsch, die ganze Zeit.

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3 Gedanken zu „Irgendwas lief falsch, die ganze Zeit

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