Die 50 besten Pop-Platten der Welt (18) – HOT LOVE, T.REX

Ich war elf, und es war Sommer. Ich saß neben meiner großen Schwester auf dem Balkon. Sie döste in der Sonne auf einer Campingliege, ich hörte die Top Twenty Show auf Radio Luxemburg. Ich wartete auf einen bestimmten Song. Weil wir schon bei den Top Five angelangt waren, der Song aber noch nicht gelaufen war, konnte er nur ganz oben sein, unter den ersten 5. Oder aber, (auch wenn ich mich weigerte, diese Variante ernsthaft in Betracht zu ziehen), der Song war gar nicht in den Charts und Deutschland war so was von Unterammergau, ja, das konnte natürlich auch sein. Soweit war mir das schon damals klar. Das mit Deutschland und mit Ammergau. Es liefen noch vier Hits, dann kündigte der Discjockey den Spitzenreiter an, und die ersten Takte setzten ein.

HOT LOVE!

Tatsächlich! Oberammergau!

Ich drehte den Lautstärkeregler des BAJAZZO Koffer-Radios bis zum Anschlag hoch, und meine Mutter kam aus der Küche angelaufen.

“Nicht so laut, es ist Sonntagmittag!”

Selbst meine Schwester zeigte mir den Vogel.

“Ich glaub, es hackt!”

Dabei wollte ich ihr nur imponieren. “Hot love”, strahlte ich zum Radio hin, “T.Rex!”

Noch immer dröhnte das Intro über den aufgehitzten Balkon, bis Marc Bolans Stimme endlich einsetzte. “WELL SHE’S MY WOMAN OF GOLD” heulte und wimmerte er durch die Nase, “BUT SHE’S NOT VERY OLD, A-HA-HAA..!”

Wow! Ich war elf Jahre alt und kapierte nicht die Bohne, was Marc Bolan and T. Rex mit dem Text meinten, aber egal! SEINE FRAU WAR AUS GOLD, NICHT SEHR ALT!

Perfekt!

Ich hatte den Song bislang zweimal gehört, es war purer Sex gewesen, aber dieses dritte Mal fegte mich vom Balkon. HOT LOVE war Himmel, Volldampf und ein Hammer, alles zugleich! Keine Frage, am nächsten Tag würde ich bei Radio Palenschadt die Single kaufen, vom Taschengeld für übernächste Woche. Beschlossene Sache.

“Jetzt mach endlich die Musik leiser, was sollen die Nachbarn denken?!” fauchte meine Mutter.

“Ja, ja, schon gut..”

Ich schraubte die Lautstärke minimal runter, es war aber auch zu lächerlich. Das alles nur wegen Frau Sieloff, die ein Stockwerk unter uns wohnte, die Sieloff mit dem ungeheuren Atombusen, wie Vater mir jedes Mal zuzwinkerte, wenn sie ihre Glocken über die Balkonbrüstung bammeln ließ.

Nachdem Mutter in der Küche verschwunden war, stellte ich mit pochendem Herzen die Frage aller Fragen, die ein Elfjähriger Sonntagmittags zur besten Chartszeit seiner sieben Jahre älteren Schwester stellen kann, die unnatürlich ruhig, ja teilnahmslos auf ihrer Campingliege döste.

“Wie findest du das Lied?” fragte ich.

„Welches Lied?“

„Na, Hot Love.“

“Blöd.”

Ich war ruckzuck am Boden. Ich war zerstört, ich war im Eimer. Ich war frühpensioniert, ich war am Arsch. Das allersexiste Lied, das mir jemals untergekommen war, sexier als Sugar Sugar von den Archies und Popcorn, und was fiel meiner großen Schwester dazu ein?!

“Blöd.”

Nach diesem Sommervorfall 1971 war sie für mich erledigt. Eine verknöcherte alte Tante, für die der Zug abgefahren war. Sie mochte ja soweit  ganz okay sein, menschlich gesehen, aber von Rockmusik hatte sie keinen Schimmer. Ich holte die Stinkbombe aus dem Versteck im Kinderzimmer und machte sie scharf, auf dem Balkon.

11 Gedanken zu „Die 50 besten Pop-Platten der Welt (18) – HOT LOVE, T.REX

  1. Yes! Genau so war es auch bei mir! Hot Love war ein Lebensgefühl, die Macht auf dem Dorf, und der Einstieg in das Werk eines geilen Hippiemusikgenies: Marc Bolan!

  2. Okay, mein Fehler, hatte ich vergessen, ich fand ja damals auch ELO und Manfred Mann und Hawkwind gut – hängen geblieben /akzeptiert bis heute ist nur Hawkwind.

    Übrigens sind Accept bei den besten 100 Heyvy Metal Bands aller Zeiten auf Platz dreissig-irgendwas im aktuellen Rolling Stone.

    Der beschreibt übrigens auch sehr fein, was ich 1978 im Borgward von meinem Freund Helmut beim ersten Hören von „Sultans of Swing“ im Autoradio erlebte: „Das ist doch Bob Dylan“, „Nee isses nicht“, „Hör mal die Gitarre – komplett andres – besser“, „nee das ist Dylan – die Stimme“, Nee, auf gar keinen Fall. … usw. Hat dann noch ein paar Tage gedauert, bis alles sich aufklärte … drei Mann und keinen Plan (der Ingo S. war nämlich auch dabei). Danach ab in die Börse – Donnerstags war Wackeltreff – Eintritt 2 Mark Fuffzich.

    Gruss
    jens

    • oj ja, die ersten male dire straits hören, das debüt-album, da hatte ich als 17jähriger das gefühl, eine neue zeit geht los. eine neue frische zeit. ganz großes album. einer der besten debüts aller zeiten.

  3. Princess cards she sends me with her regards,
    Oh, bar-room eyes shine vacancy
    To see her you gotta look hard
    Wounded deep in battle, I stand stuffed like some soldier undaunted

    To her cheshire smile I’ll stand on file
    She’s all I ever wanted
    You let your blue walls stand in the way of these facts, honey
    Get your carpet baggers off my back

    Girl give me time to cover my tracks
    You said, „Here’s your mirror and your ball and jacks“
    But they’re not what I came for
    Oh I came for so much more

    And I know you that too
    And I know you know that’s true

    I came for you
    I came for you
    I came for you
    For you
    I came for you…

    (Manfred Mann´s Earthband)

    das also ist nicht mehr akzeptiert? junge junge junge

  4. Meine erste CD war Love over Gold.letzten Sonntag lief auf 3sat n Konzert von damals.Mark Knopfler mit Stirn-und an beiden Armen jeweils große weiße Schweißbänder.sah das Kacke aus.und spielt dabei so geil-göttlich die Gitarre bei Telegraph Road!Danach kam noch n Queenkonzert mit nem ganz jungen Freddie.auch geil,obwohl ich wirklich nie der große Queen-Fan war.T-Rex ist völlig an mir vorbeigegangen.bei den Doors oder anderen Bands konnte man ruhig zehn Jahre später geboren werden,an denen kam man trotzdem nicht vorbei.habe damals zwar mitbekommen,daß Marc Bolan durch einen Unfall früh starb,ich glaube meine Schwester hatte eine Single von T-Rex,aber das war’s.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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