Geplant war Ewigkeit (1)

Das Schreckliche am Tod ist das Gefühl, als wäre nie etwas gewesen, als hätte das Leben niemals stattgefunden.

Als hätte sich jemand alles bloß ausgedacht.

Als wäre bloß der Tod real.

*

Er war in seinem Element, wenn er von früher erzählte. Von der Zeit in englischer Kriegsgefangenschaft, in die er 18jährig während der Ardennenoffensive geraten war, vom Tanzengehen nach dem Krieg, als der Eintritt einen Brikett kostete, damit das Tanzcafé beheizt werden konnte, von der Kindheit am wilden Bärenloch.

Besonders die Geschichten rund ums Bärenloch klangen in meinen Ohren wie aus Tausendundeiner Nacht. Es hatte einen fernen dunklen Zauber und war von einer zügellosen Zärtlichkeit durchdrungen.

Nichts tat Vater lieber, als uns mit Anekdoten aus seinem Leben zu versorgen, und so hielt er es auch nach dem plötzlichen Tod von Mutter, wenn ich ihn Nachmittags besuchte und wir auf dem Balkon saßen. Wo die Dynastie der sonnigen Nachmittage ihren Anfang nahm.

Nachdem wir eine Weile unterm Sonnenschirm gesessen, uns gegenseitig aus der Zeitung vorgelesen und den Hund gestreichelt hatten, schaute er über die Balkonbrüstung in den Himmel und begann zu erzählen. Er wusste, dass ich seine alten Geschichten gern hörte und nicht mal etwas dagegen hatte, wenn er sich wiederholte, weil ich es mir dann besser merken konnte. So hatten wir beide etwas davon.

In seiner ruhigen und gemächlichen Art trank Vater einen Schluck von der heißen Trinkschokolade, die eine bräunliche Rinne auf seinen Lippen hinterließ –  an manchen Tagen eine Kruste, eine dicke Kruste.

„Papa, du hast da was“, sagte ich.

Aber ich sagte es auch nur dann, wenn der Kakao-Schnauz so massiv geworden war, dass es mich ablenkte und ich nur noch auf den Mund starrte wie auf einen kleinen schmuddeligen Tatort anstatt den Worten zu lauschen.

Papas Familien-Geschichten waren aktive Ahnenforschung, auch wenn ich bis zum Schluss Schwierigkeiten hatte, die vielen Namen unter einen Hut zu kriegen, ihre verwandtschaftlichen Verhältnisse untereinander zu klären. Und beim nächsten Mal nicht wieder alles durcheinander zu werfen.

Abschließend blickte er in seine verschorften Hände. Sie lagen auf dem Camping-Tisch, die Finger ineinander gekreuzt. Hände, die ein Leben lang hart zugepackt hatten, aber auf eine akribische und langsame Art, bei der Arbeit wie am Akkordeon.

Und jetzt ist alles vorbei, brummte er traurig.

Wie ein kleiner Bub saß er da, ein kleiner Bub Mitte Achtzig, dement in einem noch relativ frühen Stadium, ein Witwer, der nicht mehr weiter wusste. Geplant gewesen war Ewigkeit, verflucht noch mal, nicht alleine zurückbleiben, ohne Frau.

So saßen wir beisammen, Vater und Sohn, zwei Schiffbrüchige, ohne groß Land in Sicht, aber ein Floß unterm Hintern. Ein Floß, immerhin: der Kaffeetisch auf dem Balkon. Die Sonne am Himmel. Der Nachmittag. Der Hund, und die Geschichten.

*

20. Januar 2014

PFERDEWURST FÜR PAPA steht im Notizbuch obenan, wie eine Schlagzeile, die mich vorm nächsten Besuch im Altenheim daran erinnern soll, einen Umweg über den Werwolf zu machen, beim Pferdemetzger vorbei. Zweimal schon hab ich es verbockt, doch diesmal steckt die Pferdewurst in meiner Jackentasche, in Wachspapier eingerollt. Gut, dass ich ohne Hund unterwegs bin.

Papa ist ungehalten. Nicht nur, dass ich zu spät gekommen bin, seiner Auffassung nach.

„Warum machst du das?!“ geht er mich kurz an, so als würde ich ihn bestrafen wollen, indem ich mich extra verspäte. Dabei hab ich bloß am Schreibtisch gesessen und die Zeit vergessen.

„Aber jetzt bin ich ja hier“, sag ich.

Nein, es passt ihm nicht, und irgendwo hat er auch recht. Wenn ich erst nach vier ins Altenheim komme, bleibt kaum Zeit bis das Abendbrot serviert wird. Abendbrot um sechs ist der natürliche Break, um sich zu verabschieden, und von vier bis sechs, zwei Stunden, ist das mindeste, was wir brauchen, um miteinander warm zu werden.

Es ist halb fünf.

Aber Vater ist nicht nur böse auf mich, er beklagt sich auch über meine Schwester.

„Sag ihr, sie möchte doch bitte noch mal kommen. Ich hab sie so lang nicht gesehen.“

„Das kann doch gar nicht sein“, sag ich. „Klar, sie hat viel zu tun, aber sie war doch gestern hier.. oder nicht? Sie kommt doch jeden Sonntag. Sie war bestimmt hier, du hast es nur vergessen.“

Ich wende mich den beiden betagten Damen am Tisch zu, die in den vergangen Monaten so etwas wie Vertraute geworden sind. Wenn ich wissen will, was im Heim vor sich geht, ohne einen Mitarbeiter hinzuziehen, erkundige ich mich bei den beiden Damen. Beide sitzen im Essensraum am Tisch meines Vaters, beide sind an den Rollstuhl gefesselt und halten sich vom Gros der Mitbewohner fern, ohne sich zu isolieren. Sie bilden so etwas wie eine operative Einheit. Körperlich gebeutelt setzen sie Herz und Hirn ein, um im Altenheim zu überleben, sie sind ein Gespann.

„Doch, doch.. Ihre Tochter war gestern hier“, beruhigt die stämmigere der beiden Alten meinen Vater. Sie hält stets ein gutmütiges Lächeln in der Hinterhand, obwohl ihre Hüften wie verrückt schmerzen, vom vielen Sitzen im Rollstuhl.

„Siehst du, Papa, deine Tochter war gestern hier“, sag ich.

„Wer sagt das?“

„Na, die Damen. Die können das bezeugen.“

Vater ist nicht so schnell zu beeindrucken.

„Gestern war meine Tochter hier?“ wirft er ungläubig in die Runde.

„Ja, gestern. Am Sonntag.“

Plötzlich hellt sich sein Gesicht auf. Jetzt versteht er.  „Am Sonntag? Na, aber da war ich doch nicht hier!“

„Mh, klar warst du hier. Wo sollst du denn gewesen sein“, sag ich.

Er blickt mich unwirsch an, aus chemikalisch aufbereiteten, blutunterlaufenen Augen.

„Und ich hab .. mit ihr gesprochen..?“

„Ja, nehm ich doch an. Du hast es nur vergessen.“

„Ja, hab ich vergessen“, sagt Vater leise.

„Macht doch nichts. Hauptsache, sie war hier, und du warst hier.“

„Ja, Hauptsache, sie war hier..“

„Und du auch.“

„Und ich auch..“

*

Später fahren wir mit dem Aufzug runter ins Cafe. Er will Glühwein trinken. Wobei das mit dem Glühwein unwichtig ist, Hauptsache etwas mit Alkohol. Bloß keinen Kaffee. Nicht schon wieder Kaffee. Er kann keinen Kaffee mehr sehen.

Er hat eiskalte Hände. Ich nehme seine Hände und lege sie in meine.

„Hast du warme Hände“, sagt Vater.

Im Cafe ist kaum was los. Wir schauen in den hellen Innenhof, jeder hängt seinen Gedanken nach. Manchmal beobachte ich Vater und frage mich, was in seinem Kopf wohl vorgeht. Er ist nicht mehr der selbe, seit er im Heim ist. Man kann sich kaum noch länger mit ihm unterhalten, er hat seine Konzentration verloren. Er weiß oft nicht einmal, wovon ich spreche, und schaut ins Nichts. Er sieht Dinge, die sonst niemand sieht. Vögelchen, die zwischen den Speichen von Rollstühlen hin und herfliegen, Löcher in der Wand, die tief ins Mauerwerk reichen.

Er verschwindet auf seine ganz ureigene Weise, ganz anders als Mutter vor drei Jahren. Es geschieht in seinem Kopf, während Mutter Pfund für Pfund abmagerte und dünn wie ein Gespenst aus dem Leben schied, geistig aber bis zum Schluss intakt blieb.

„Heute gibts Pferdewurst zum Abendbrot“, sag ich.

Er schaut mich an. Nicht wirklich überrascht, eher so, als müsse er überrascht tun, mir zum Gefallen.

„Pferdewurst..?“

„Ja, hab ich dir mitgebracht. Hast du dir doch gewünscht.“

„Mh“, macht er und schürzt die Lippen. „Lecker Pferdewurst..“

Ich glaube ihm kein Wort, und wir lächeln uns an.

*

Abschied liegt in der Luft. Die Dynastie der sonnigen Nachmittage, die nach Mutters Tod ihren Anfang nahm, mit heißem Kakao auf dem Balkon, ist an ihr Ende gekommen. Doch noch lebt der alte Herrscher, noch atmet die alte Familie, noch ist die alte Sonne draußen. Einmal noch lächelt der Nachmittag.

Ich gluckse.

„Was ist?“ fragt Vater.

„Ach, nichts“, sag ich.

*OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Original War Index Card, British Army, 1945

Während der Ardennen-Offensive geriet mein Vater im Januar ’45 nahe Bastogne (Belgien) in Gefangenschaft

6 Gedanken zu „Geplant war Ewigkeit (1)

  1. In den letzten zwei Wochen war ich bis zu seinem Tod und Beedidgung bei meinem Schwager, den ich sehr liebe und meine Schwester noch mehr.
    Doch warum ich überhautpt schreibe, diese Sätze von Dir:

    „Das Schreckliche am Tod ist das Gefühl, als wäre nie etwas gewesen.

    Als hätte das Leben niemals stattgefunden.

    Als hätte sich jemand alles bloß ausgedacht.

    Als wäre nur der Tod

    real.“

    haben mich regelrecht umgehauen. Besser kann man es nicht sagen.Die Worte lassen einem noch noch trauriger zurück.

  2. Da kann man schon Liebe und Zärtlichkeit zwischen den Zeilen lesen! Dein Vater war mal ein sehr hübscher junger Mann. Grauenhaft sich vorzustellen, wie Adolf damals so viele Kinder in den Krieg geschickt hat. Mein Vater kam als seelisches Wrack zurück und hatte nicht soviel Glück wie Deiner mit seiner Inge. Gut, dass die beiden jetzt nebeneinander begraben sind. Mein Mitgefühl!

  3. Pingback: Flache historische Vergleiche und ein Haufen Links | Zurück in Berlin

  4. Hat mich sehr berührt, da ich gerade meine 87jährige Tante besucht habe, die auch langsam dement wird. Ich habe ein Foto von uns gemacht und sie hat gesagt: „Bin ich etwa diese alte Frau? Und ich war früher doch so eine hübsche Frau!“

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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