Geplant war Ewigkeit (2)

Glühwein also. Er schlürfte den Becher wie ein geübter Trinker. Schwer zu glauben, dass er auf seine alten Tage plötzlich so scharf auf Alkohol war. Er hatte sein Leben lang nicht geraucht und kaum Alkohol getrunken.

Davon kriege ich nur Kopfschmerzen, sagte er immer.

Bis zum vergangenen Weihnachtsfest. Da bastelten meine Schwester und die Kinder meines Bruders einen Adventskalender für Vater: 24 Säckchen, in denen allerlei Krimskrams steckte. Darunter auch vier kleine Kräuterschnäpse zur besseren Verdauung. Sie waren natürlich in vier verschiedene Säckchen gepackt, für vier verschiedene Dezembertage. Wie bei Adventskalendern üblich.

Aber dann fand eine der Pflegerinnen schon am Morgen des 2. Dezembers alle vier Fläschchen auf seinem Nachttisch, stramm nebeneinander aufgereiht und bis auf den letzten Tropfen geleert, wie eine Aufforderung: VOLL MACHEN BITTESCHÖN!

Meine Schwester war platt, als sie davon erfuhr. Wir waren alle platt. Damit hatte niemand rechnen können. Das war ein Novum. Vater trinkt Alkohol und hat augenscheinlich Spaß daran. Es gab noch Überraschungen, und Vater war der Urheber.

„Papa.. die Schnäpschen solltest du nicht alle auf einmal trinken..“, rüffelte ihn meine Schwester. „Das war doch für vier verschiedene Tage gedacht.“

Er schaute sie spitzbübisch an.

„Warum das denn?“

Da musste unser Vater also gestandene 87 Jahre alt und dement werden, um sich endlich mal einen zwitschern zu wollen. Und nicht nur das: jetzt wollte er mehr. Jetzt wollte er eine ganze Voliere voller Gezwitscher. Jetzt wollte er die Papageien richtig schreien hören. Das Gezeter der Aras! Ich staunte nur noch.

Plötzlich kam nicht mehr ich nach meinem Vater, wie die Leute immer gesagt hatten, wenn sie uns gemeinsam auf der Straße sahen, plötzlich kam Vater nach mir! Auf diesen kostbaren goldenen Moment hatte ich fünfzig Jahre lang warten müssen.

Er bat mich, ihm eine Pulle Weizenkorn mitzubringen.

Halber Liter reicht, sagte er.

Er ließ nicht locker, bis ich ihm schliesslich eine Flasche besorgte. Und da meine Schwester das gleiche tat, weil sie nichts davon gewusst hatte, dass ich ebenfalls beauftragt worden war, hatte er nun, was er wollte: genug Stoff für eine spirituöse Supersause!

Doch weder meine Schwester noch ich brachten den Schnaps mit ins Altenheim. Da war so eine Ahnung, dass es nicht gut gehen würde. Wir hatten mittlerweile spitz gekriegt, dass er uns beide eingespannt hatte. Nein, Demenz und harter Fusel, das passte nicht zusammen. Das würde massiv Stunk geben im Heim, Minimum.

Das Erstaunliche: auch wenn Vater nicht wusste, was er zehn Sekunden zuvor geredet hatte, auch wenn er alles vergaß, eins vergaß er nicht: dass er uns angewiesen hatte, Schnaps zu besorgen.

Er sprach mich ständig darauf an.

„Was ist mit dem Fusel?“ fragte er. „Warum bringst du die Flasche nicht mit?“

„Hab ich vergessen“, sagte ich und zuckte bedauernd mit der Schulter.

„Dann schreib es dir auf. Du schreibst dir doch sonst alles auf.“

Verdammt. Da hatte er noch nicht einmal einen anständigen Rausch gehabt, funktionierte aber schon wie ein Junkie. O ja, er kam ganz nach mir..

Zuletzt hatte er mich soweit, dass ich plante, den Weizenkorn, ich hatte eine Literflasche besorgt, in kleine Pittermännchen umzufüllen und so peu a peu ins Heim einzuschleusen. Davon konnte er unmöglich besoffen werden. Doch bevor ich den Plan in die Wirklichkeit umsetzen konnte, starb Vater. Und so steht sowohl im Kühlschrank am Kannenhof wie auch im Kühlschrank meiner Schwester eine ungeöffnete Literflasche Korn, die eigentlich unserem Vater gehört. Der alten Saufnase.

7 Gedanken zu „Geplant war Ewigkeit (2)

  1. Recht fröhlich und traurig zugleich. Die beiden Flaschen werden wohl noch länger halten (wenn auch nicht unbedingt verschlossen bleiben). Mein herzliches Beileid.

    Gruss
    Jens

  2. Glumm, ich lese seit einiger Zeit hier. Viele Geschichten haben mich ziemlich mitgenommen oder belustigt (mit Träne im Knopfloch) zurückgelassen. Dafür möchte ich hier danken. Und dem Vater auch, für alle Geschichten, die man hier miterlebt hat (die ungefilterten Geschichten sind natürlich eine andere Geschichte).Möge er seinen Weg zu Ende/zum Ziel gegangen sein.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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