Geplant war Ewigkeit (3)

23. Januar 2014

Morgens rufe ich im Krankenhaus an. Er wurde gestern vorsorglich eingeliefert, da seine Blutzuckerwerte verrückt spielten. Er liegt auf der Nephrologie, wo er eigentlich nichts zu suchen hat, doch auf der Inneren ist auf die Schnelle kein Bett frei gewesen, schon gar kein Privat-Bett.

„Wie gehts meinem Vater? Wie hat er die Nacht verbracht?“

„Wie er die Nacht verbracht hat, dazu kann ich Ihnen nicht sagen“, meint die Krankenschwester. „Aber im Moment sitzt er draußen auf unserem Hanse-Stuhl und schimpft wieder über Gott und die Welt, wie man ihn kennt.“

Sie klingt amüsiert und zugleich genervt. Da ist unser alter Vater gerade mal einen halben Tag und eine Nacht auf Station, und schon heißt es, wie man ihn kennt.

Wenn das mal kein Qualitätsmerkmal ist.

*

Als ich gestern Nachmittag die Station betrete und zunächst mal jemand suche, der zum Zustand meines Vaters Auskunft geben darf, komme ich an einer offenstehenden Tür vorbei. Ein Männlein steht mitten im Zimmer, das weiße Krankenhaus-Leibchen schlottert am Körper. Es hat eine Strickjacke übergeworfen, deren Knöpfe falsch geknöpft sind. Haltlos tapst es umher, auf Socken, die schiere Panik im Gesicht. Erst, als es mich erkennt und meinen Namen ruft, „Andreas!!“, erkenne ich ihn.

„Papa..!!“

Vater schließt mich, nein, er gräbt sich in meine Arme und versteckt das Gesicht hinter seinen Händen.

„Ich.. ich dachte schon, ihr hättet mich alle abgeschrieben! Ich könnte so luggen..!“*

Er ist kaum zu bändigen. Er irrt im Kreis umher, das Gesicht in den Händen verborgen. Ein alter Dickhäuter, der zu lange schon auf der Welt ist, um sie noch zu verstehen.

Es dauert seine Zeit, bis ich ihn so weit habe, dass er sich ins Bett legt, um etwas zur Ruhe zu kommen. Auch ich bin aufgebracht. Ich bin aufgebracht, weil man ihn ohne Rücksprache mit uns Kindern ins Klinikum eingeliefert hat. Mit der Heimleitung war abgesprochen, Vater nur dann ins Krankenhaus einzuweisen, wenn es dazu medizinisch keine Alternative gibt. Jeder Krankenhausaufenthalt bereitet ihm solche Qual, dass er vom Moment der Einlieferung an radikal abbaut, seelisch wie körperlich.

Ortsveränderungen sind Gift für demenzkranke Menschen. Die vielen fremden Gesichter, die überflüssigen und langwierigen Untersuchungen, mit denen die Kliniken ihre millionenschweren Apparateparks begründen, die damit verbundenen Strapazen und Ängste. Willst du einen pflegebedürftigen Angehörigen töten, stecke ihn ins Krankenhaus und warte fünf Minuten.

Trotz der Abmachung mit der Altenheimleitung geschieht es immer wieder, dass einzelne überforderte Pflegekräfte sofort nach dem Notarzt rufen, wenn Vater sich morgens beim Waschen nicht kooperativ zeigt und grantig wird. Und wenn dann noch zufällig die Blutzuckerwerte gestiegen sind, macht man daraus kurzerhand ein „heftiges Variieren der Blutzuckerwerte“. Und je nachdem, welcher Notarzt gerade Dienst hat, fackelt auch der nicht lange und schreibt so fix eine Einweisung aus, dass keine Zeit bleibt, sich mit Angehörigen in Verbindung zu setzen – Sache erledigt. Sollen sich doch Andere mit den dementen Deppen herumärgern. Es liegt ein medizinischer Notfall vor, und niemand will sich wegen unterlassener Hilfeleistung strafbar machen.

*

Bis 19 Uhr liegt er gestern friedlich im Bett und schläft. Aber es ist ein unruhiger Schlaf. Trotz zweier zusätzlicher Wolldecken und der auf volle Pulle gestellten Heizung ist ihm so kalt, dass er fröstelt, sein scharf ausrasiertes Kinn bibbert regelrecht. Er öffnet kurz die Augen, rollt mit den Pupillen, starrt zur Decke. Dann fällt er wieder in den Schlaf. Unruhig, ohne echte Entspannung. Mit bibbernder Kinnlade. Doch immerhin, er liegt im Bett.

„Zum ersten Mal an diesem Tag,“ wie eine Pflegerin erleichtert feststellt, als sie ins Zimmer reinschaut, um das Abendbrot zu bringen. „Er hat praktisch den ganzen Nachmittag im Hanse-Stuhl auf dem Gang gehockt und gezetert und geschimpft.“

Der Hanse-Stuhl, ein Riesenmöbel, bleibt dem unregelmäßig amtierenden König der Station vorbehalten. Die Jury besteht aus dem Pflegepersonal, das gerade Dienst tut, und die Arzt-Visite hat ebenfalls ein Wörtchen mitzureden. Der Hanse-Stuhl hat weitläufige Armlehnen, die ihn zu einem majestätisch anmutenden Thron, ja zum Herrschersitz aufbrezeln. Selbst von anderen Stationen kommen am Wochenende Patienten und Pflegekräfte auf einen Sprung rüber und huldigen dem aktuellen König. Unserem Vater.

Der alte Schreihals.

„Die trachten mir nach dem Leben“, soll er nachmittags in einer Art Dauerschleife geschrien haben. „Die wollen mich abspeisen, die wollen mich fertig machen! Das ist ein ganz dreckiges Stück, was hier gespielt wird. Und nur, weil ich nicht weiß, welches Datum heute ist und welchen Wochentag wir haben, halten die mich für bekloppt. Der ist bekloppt, heißt es dann. Das ist ein ganz dreckiges Stück, was hier gespielt wird!“

Man kann es nicht anders sagen. Seit Vaters Umzug ins Altenheim feiert die Demenz fröhliche Eskapaden, und er spricht die Wahrheit.

*

Der Bettnachbar ist wesentlich jünger als mein Vater und ein komischer Kauz. Ständig ins Kreuzworträtsel der Frau im Spiegel versunken, hat er keinen Blick für seine Umgebung. Selbst in dem Moment, wo ich erstmals das Zimmer betrete, blickt er nicht auf. Und als Vater lauthals schreit, „DIE WOLLEN MICH FERTIGMACHEN!“, bleibt er stur im Kreuzworträtsel versunken. Wie ein Bussard, der einen halben Meter über der Zeitschrift steht und auf Beute wartet, Buchstaben.

Erst im Laufe des Abends merke ich, dass der Mann ein Problem mit den Ohren hat, ja, dass er vermutlich schwerhörig ist und außerdem kaum Deutsch versteht, geschweige denn Deutsch spricht. Kein Wunder, dass er mit dem Kreuzworträtsel nicht zurecht kommt.

Als ich ihn frage, ob er vielleicht wisse, wie sich das grelle Licht am Krankenbett herunterdimmen ließe, muss ich dreimal nachfassen und ihm direkt unter die Augen treten, bis er endlich kapiert, wovon ich spreche und was ich will. Dann aber gibt er mit Händen und Füßen kompetent Auskunft, und ruckzuck ist es gemütlich im Zimmer.

Vater hat dennoch keinen Respekt vor seinem Zimmergenossen. Er nennt ihn bloß Vinzenz, wenn er von ihm spricht. Aus jahrelanger Erfahrung weiß ich, dass Vater Leute nur dann Vinzenz nennt, wenn er sie nicht ernst nimmt. Ein Vinzenz rangiert im Ansehen meines Vaters noch weit unter einer Pfeife, und eine Pfeife gilt schon nicht arg viel. Ironischerweise ist Vinzenz von Viktor abgeleitet und bedeutet Sieger.

Aber so ist das mit den Märtyrern im Dunstkreis meines Vaters.

*

„Mir ist kalt“, jammert Vater, die Decke bis zur Nase hochgezogen. Immer wieder erkundigt er sich, ob ich die Heizung auch wirklich hochgedreht habe.

„Ich friere wie ein Schneider.“

„Du bist ein Frösterpitter“, sag ich, und er lächelt. Wenn ich Platt spreche, lächelt er.

„Stimmt, ich hab schon als kleiner Junge immer gefroren.“

Das ist doch mal ein Wort. Endlich ist er klar im Kopf. Ich geh sofort darauf ein.

„Wie hast du das denn später im Beruf gemacht?“

„Was meinst du?“

„Na, du hast doch als Installateur in Kellern gearbeitet, ich mein, da muss es doch ständig bitterkalt gewesen sein. Oder hat Mutti dir alle zwei Stunden eine Wärmflasche vorbeigebracht?“

Er übergeht den müden Scherz.

„Na, deswegen hab ich mich doch früh selbständig gemacht.“

Er wartet einen Moment, um zu prüfen, ob ich weiß, worauf er hinaus will.

„Damit ich als Meister solche Arbeiten nicht ausführen musste. Das konnte ich.. delegieren. Das waren meine Überlegungen damals. Es war ja alles genau geplant. Als Meister nirgendwo arbeiten, wo es kalt ist. Außerdem konnte ich jeden Mittag nach Hause fahren, Mittagessen und mich ein Stündchen aufs Ohr legen.“

„Ich erinnere mich“, sag ich.

Zwischen eins und halb drei hatten wir Kinder still zu sein, weil Papa sich hingelegt hatte. In diesen anderthalb Stunden war in der ganzen Wohnung nichts anderes zu hören als dieses leicht wiegende Surren der Spülmaschine.

„Ja, siehst du. Das hätte ich als einfacher Geselle alles nicht gekonnt.“

Da hatte er also Mitte der 50er Jahre einen eigenen Betrieb eröffnet, um nicht sein Leben lang in kalten Kellern buckeln und frieren zu müssen. Noch Jahrzehnte später ziehe ich den Hut vor solchen Schachzügen, die einem das Leben erleichtern.

Und nicht nur das: Weil er in seiner eigenen Kindheit so oft frieren musste und uns Kindern diese Erfahrung ersparen wollte, bekam jeder von uns Dreien seinen eigenen Heizkörper ans Bett montiert.

Ehrensache.

Vater schließt die Augen und schläft etwas. Ich schaue ihm zu. Den unruhigen Atemzügen, den Zuckungen in seinem Gesicht, mit denen er auf Geräusche vom Stationsflur reagiert. Einmal kracht ein Tablett zu Boden, mit lautem Geschepper von Besteck und Porzellan.

Er reißt die Augen auf.

„Was war das denn..??!“

„Ach nichts. Da ist nur ein Tablett zu Boden gefallen.“

Er nickt zufrieden. Unterdessen nehme ich seine Hände, die über Kreuz auf dem Brustkorb liegen, in meine Hände, und drücke sie.

„Ja, das kannst du ruhig tun“, flüstert er.

____________________________________________________________

* Solinger Platt; weinen

Advertisements

8 Gedanken zu „Geplant war Ewigkeit (3)

  1. Pingback: Geplant war Ewigkeit (4) | Glumm

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s