Geplant war Ewigkeit (5)

„Hast du es schon gehört?“ fragte Mutter, als sie Freitagabend anrief.

„Mh, was meinst du..?“

„Papa kommt nicht mehr nach Hause.“

„Was? Wieso..? Wer sagt das?“

„Die Ärztin.“

„Welche Ärztin?“

„Die neue, die in Langenfeld.“

Mutters Stimme klang gebrochen von den vielen Tränen. Ihre Worte fielen hin, rappelten sich auf, klopften sich den Staub aus den Kleidern, versuchten weiter zu gehen, doch der Staub blieb drin. Machte die Stimme schwer.

„Was sagt die neue Ärztin denn?“

„Die Ärztin sagt, sein Gehirn wäre durch die Herzschwäche zu lange unterversorgt gewesen mit Blut, daher die schnelle Demenz. Er kommt nicht wieder nach Hause.. Er kommt.. er muss ins Pflegeheim.“

Es gibt Worte, die eine gewisse poetische Schärfe an den Tag legen, Worte wie Seenotfackeln oder Einfahrt frei halten Tag und Nacht, und es gibt Worte, die einfach nur scharf ins Ohr stechen, Worte wie Locked In Syndrom, Methadon, Pflegeheim. Worte, die alles aus dem Weg schaufeln. Die das Leben frei machen für Neues oder es beenden. Pflegeheim. Ich seufzte. Auch wenn wir Kinder die Möglichkeit schon ins Auge gefasst hatten, dass Vater im Pflegeheim vielleicht besser aufgehoben war als zuhause, falls sein Zustand sich nicht besserte, die eindeutige Prognose einer Ärztin, die sich mit dieser Krankheit auskannte, machte sprachlos.

„Dann bleibst du ja.. allein zurück“, sagte ich traurig zu Mutter.

„Ja, was soll man machen.“ Sie versuchte, besonnen zu bleiben. „Hier in der Nachbarschaft sind viele Frauen, die allein sind, das schaff ich schon. Da muss ich durch..“

Es dauerte keine halbe Minute, und sie begann zu schluchzen. Es kam mit solch einer Wucht und Vehemenz, dass auch ich nicht mehr an mich halten konnte. All die Anspannung der letzten Wochen, all die ungeheuerlichen Vorgänge rund um unseren alten Vater suchten ein Ventil.

„Moment..“, kriegte ich nur noch raus und legte den Telefonhörer auf den Küchentisch, während es mich schüttelte.

In diesem Moment betrat die Gräfin die Küche. Sie war mit dem Hund draußen gewesen.

„Was ist denn hier los..!?“

Ich zeigte nur auf den Telefonapparat, aus dem die Trauer meiner Mutter strömte. Die Gräfin wusste sofort Bescheid, wer dran war. Sie nahm den Hörer in die Hand.

„Er weint“, sagte sie zu meiner Mutter, die ihrerseits überhaupt nicht wußte, was los war.

Ich konnte nicht mehr.

*

Im Frühjahr 2009 rutschte Vater nach seinem zweiten Herzinfarkt ins Durchgangssyndrom ab, einer temporären Form von Demenz, die nicht selten in Altersdemenz mündet.

Zwar gelang es den erfahrenen Ärzten des Landeskrankenhauses gegen jede Prognose, den extra-geriatrischen Zellverfall zu stoppen und ihn medikamentös so einzustellen, dass er ins Leben zurückkehrte. Es war beinah, als wäre ihm ein hochpotenter Licht-Trunk verabreicht worden, der sein Hirn wieder aufhellte. Selbst die vorübergehende Entmündigung wurde von Amts wegen zurückgenommen. Er war wieder Herr seiner Sinne. Er war zurück. Und doch, im Rückblick erscheint diese Zeit wie ein letztes Verschnaufen vor dem endgültigen Abstieg. Wie ein letztes Gönnen Gottes.

*

Es war nicht mehr zu übersehen: Die Ehe meiner Eltern hatte im Laufe der Zeit gelitten, wie jede anständige langjährige Ehe – auch wenn es in erster Linie die Misere des Alters war, die beiden zusetzte.

Mutter wurde immer dünner und schwacher, und je mehr Gewicht sie verlor, je krummer der Rücken wurde, desto unwirscher reagierte sie selbst auf Vaters Schwächen. Besonders seine Schwerhörigkeit stellte das Zusammenleben auf eine harte Probe. Zuletzt schleuderte er einem sein gereiztes „WAS!?“ selbst dann entgegen, wenn er ausnahmsweise mal etwas verstanden hatte, auf Anhieb. Es war schon ein Automatismus geworden,WAS? zu rufen, ein Reflex. Ein nervtötender Reflex. Und da er sich weigerte, Hörgeräte zu tragen, (wegen der vielen störenden Nebengeräusche, „das scheppert und häckselt so im Hintergrund“), war Besserung nicht in Sicht. Sollten doch die Anderen zusehen, wie sie damit zurechtkamen, dass er jedes Mal nachfragen musste. Die Menschen in seiner Umgebung mussten Monat für Monat lauter werden, um noch zu ihm vorzudringen. Und unserer alten Mutter fehlte dazu schlicht die Kraft.

Und die Lust.

Wenn ich mir mittags den Hund schnappte und die Eltern auf einen Sprung besuchte, war die schlechte Stimmung zwischen den beiden oft greifbar. Sie kauerten am Mittagstisch und schaufelten das vom nahen Altenheim Cronenberger Strasse gelieferte, wässrige Mittagsmenü in sich hinein, jeder für sich: Vater den Kopf aufgestützt, lustlos löffelnd, Mutter müde und ohne Appetit. Es herrschte brütendes Schweigen.

Es war besonders dieses Schweigen, mit dem ich nicht umgehen konnte. Dabei schwieg Mutter hauptsächlich, um der Gefahr zu entgehen, das Gesagte wiederholen zu müssen. Dies ständige Wiederholen in Vaters Gegenwart war ja nicht nur anstrengend, es war absehbar und stupide. Und Vater schwieg, weil er eh keiner Unterhaltung mehr folgen konnte. Es gab Momente, da fühlte ich mich so ohnmächtig, dass ich am liebsten schreiend aus der Wohnung gelaufen wäre. (Doch was hätten da die Nachbarn gesagt: Sagen Sie, Frau Glumm, seit wann läuft ihr Ältester schreiend aus dem Haus..?)

*

Vater spürte Mutters zunehmenden Widerstand, natürlich. Einmal bekam er einen schlimmen Hustenreiz. Nach dem Mittagessen saßen wir noch etwas am Tisch, als Mutter meine Hand in ihre legte, wie eine Wahrsagerin. Sie streichelte die Handfläche, zeichnete die Adern nach und sagte schliesslich so was ähnliches wie ja, seit wann hast du denn so rote Wurstfinger, worauf ich überrascht auflachen musste, aber Vater, der uns misstrauisch beäugte, fing wie verrückt an zu husten. Es war nah am Asthmaanfall und nahm kein Ende, er schnappte schwer nach Luft. Mutter verdrehte nur genervt die Augen und kümmerte sich nicht weiter darum.

Es dauerte, bis ich verstand, was vorgegangen war. Vater war eifersüchtig geworden, weil Mutter mir Zärtlichkeiten zukommen ließ, die sie ihm vorenthielt. Mutter geizte ohnehin mit Berührungen, auch wenn sie insgesamt alles andere als kühl oder gar kalt gewesen wäre. Mit Anfassen war in unserer Familie nie viel, das hab ich erst später mühsam von den Frauen meines Lebens lernen müssen.

Was die Situation am Mittagstisch betraf, da hatte Mutter nach dem Motto agiert: Wenn du mir zuliebe nicht wenigstens ab und zu deine Hörapparate anlegst und mein Leben erleichterst, tue ich dir zuliebe auch nichts mehr. Eine langwährende Liebe beim Zieleinlauf. Er verstand sie nicht mehr, sie fühlte sich unverstanden. Zwei isolierte alte Menschen, die sich einst doch so gemocht hatten.

Nur gelegentlich schimmerte er noch durch, der alte Zauber. Wenn Vater sich aufraffte und von früher erzählte, sah ich in ihrem Blick, was sie an ihm so geliebt hatte. Seine Wärme, sein bedächtiges Zupacken, seinen Humor.

*

Ich fuhr mit Vater zum Akustiker. Wir hatten ihn überreden können, seinem zehn Jahre alten Hörgerät ein Update zu verpassen, inklusive Reinigung und Desinfizierung.

„Desinifizierung?“ rief Vater. „Wieso das denn? Bin ich schon ansteckend doof?!“

Zunächst gab es einen Hörtest. Da er den Kommandos des Akustikers kaum folgen konnte, begleitete ich ihn in die separate Testkabine. Erst da ging mir auf, wie schlecht er mittlerweile hörte. Besonders hohe Töne waren ein Problem. Nicht mal den hohen Dauerton konnte er hören, der ihm über Kopfhörer eingespielt wurde und den ich noch aus zwei Metern Entfernung ohne Kopfhörer vernahm, (und nicht nur das, es kratzte mir so an den Nervenenden, dass ich mir die Finger in die Ohren steckte, um nicht hysterisch aufzujaulen.)

Erst als der Ton gellend laut wurde, rief Vater endlich „JETZT!“, als Zeichen, das er ihn vernommen hatte.

„Ihre Ohren sind schon sehr geschädigt“, drückte es der Filialleiter des Akustikerfachgeschäfts behutsam aus. Ein Geschäftsmann, der überraschenderweise nicht alle Hebel in Bewegung setzte, um meinem Vater ein neues Hörgerät aufzuschwatzen. Im Gegenteil. Selbst die Auffrischung und Neueinstellung des alten Geräts lief unter Service und war kostenlos. Lediglich neue Knopfbatterien waren nötig.

„Ich wusste gar nicht, dass in Solingen so ein Krach ist“, meinte Vater, als wir im Taxi saßen und zurück zur Schillerstraße fuhren. Er hatte den Hörapparat ausnahmsweise drin gelassen.

Daheim ging es mit den akustischen Sensationen weiter. Als Mutter einen Kessel Wasser aufsetzte und das Wasser zu kochen begann, glaubte er Handwerker im Haus zu hören, die mit dem Schneidbrenner zugange waren.

„Machen die kein Mittag!?“ rief Vater wütend.

Und als ich die Balkontüre öffnete, um frische Luft reinzulassen, bellte er sofort „WAS??!“, weil er das Quietschen der Tür missgedeutet hatte.

„Ich dachte, ihr hättet nach mir gerufen!“

10 Gedanken zu „Geplant war Ewigkeit (5)

  1. „Mit Anfassen war in unserer Familie nie viel, das hab ich erst später mühsam von den Frauen meines Lebens lernen müssen.“
    Ach Glumm, ich verstehe Dich gut.
    Und diese Ewigkeit-Reihe dürfte zum Besten gehören, was Du je geschrieben hast. Herzlichst! Candy

  2. Ich liebe diese „ewigkeit“-Serie auch sehr! Ganz vielen dank dafür! Manchmal habe ich wirklich Tränen in den Augen! Liebe Grüße von Nathalie

  3. Was ich an Deinen Texten mag, ist das Feinfühlige und Liebevolle.
    Dafür, für diese Fähigkeit, das Auszudrücken möchte ich Danke schön sagen.
    Es macht den Schmerz so nachvollziehbar, so bedauerlich.
    Alles Gute.

  4. Es ist wirklich nicht einfach mit Schwerhörigen auszukommen. Bei mir fängt das jetzt schon an, dass mein Liebster extra laut redet, wenn ich nachfrage, wenn ich wegen Nebengeräuschen aus der Umgebung etwas nicht verstanden habe. Und ich dann sauer werde, weil ich mich wie eine Oma behandelt fühle, und er dann sauer wird, weil ich sauer bin. Ohje.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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