Pass auf dich auf!

Als ich morgens um kurz vor acht die neblige Korkenziehertrasse betrete, sitzt da dieses Grüppchen Teenies beisammen, raucht Zigaretten und steht mächtig im Vibrationsmodus, so kurz vor Schulbeginn.

In der Parallelklasse, höre ich heraus, hat die alte Kunstlehrerin am Vortag, genervt vom ewigen Handygeklingel und SMS-Tippen, die Telefone aller Schüler einkassiert und in eine große NETTO-Tüte gesteckt – dabei aber nicht bemerkt, dass die meisten bloß ihren Taschenrechner abgaben, „die Vollhonk-Alte!“

Ich mache, dass ich schnell weiterkomme.

*

Eine Website ist auch nur ein Buch im Regal!, schreit der Deutsch-Lehrer wütend.

*

Gelegentlich trifft man sich in der Stadt. Man bleibt eine Weile stehen, unterhält sich ein paar Takte, wie das so üblich ist unter Arbeitskollegen, die lange Jahre in derselben Firma angeschafft haben: Morphin & Co LTD.

Es fallen Namen aus längst vergangenen Tagen, verbrannte Namen, verschollene Gesichter.

Jessy.

„Erinnerst du dich an Jessy?“

„Jessy..?“ geb ich zurück, und nach einem winzig-kurzen Moment des Innehaltens: „Ja sicher.. Jessy!“

Bei einem Namen, der vierzig Jahre auf dem Buckel hat und davon  fünfundzwanzig nicht gefallen ist, kann es schon mal was dauern, bis das dazugehörige Gesicht sich bequemt, Konturen zu kriegen, zwei Augen, eine Nase. Die Nase ist wichtig in der Erinnerung. Die Erinnerung macht sich nicht selten von der Nase abhängig. Erinnerst du dich an die Nase, erscheint das restliche Gesicht von allein.

Jessy war ein Tscheche, ein Wuschelkopf, von kleiner, aber muskulöser Statur. Er hiess Jechiczek oder so, aber weil das die Deutschen nicht aussprechen konnten, nannte er sich Jessy. Einer der seltenen Fälle, wo sich jemand selbst seinen Spitznamen verpasste.

„Bis über den Tod hinaus“, sagt Schenk.

„Wieso? Ist Jessy tot?“

„Der ist schon 1992 gestorben, an AIDS. Im Knast. Aber auf Jessy lasse ich nichts kommen. Der Mann war in Ordnung. Den haben die Bullen tagelang mit drei Mann in die Mangel genommen, der hat dicht gehalten, bis zum letzten. Auf den lasse ich nichts gekommen. Selbst als die Russen ihn in den Kofferaum gesteckt und bedroht haben, wenn du uns nicht verrätst, wo die Schore ist, fahren wir den Wagen ins Baggerloch, ist er nicht weich geworden. Jessy hat nie jemanden angeschissen.“

Schenk, ein eher introvertierter Typ, hochgewachsen, ein Einzelgänger, ist immer noch begeistert von seinem einstigen Buddy. Schenk kann unter Umständen laut und unangenehm werden, wenn ihm etwas gegen den Strich geht, ein echter Hitzkopf. Etwa wenn der Wind im falschen Moment aus der falschen Richtung bläst, ihm unter den Trenchcoat fährt und mit dem Mantelsaum frech die Kippe aus der Hand schlägt – dann wird Schenk schnell zum Tier. Dann fletscht er die Zähne und scheisst die versammelte Fußgängerzone zusammen. „OH NO! WAS EINE … GOTTVERDAMMTE SCHEISSE WIEDER!!“

Ältere Passanten machen sich da schon mal dünne.

Die Freundschaft zwischen Schenk und Jessy begann 1976 mit einem Faustkampf. In der unterirdischen Ladenpassage stand ein Weinlokal leer, da traf man sich für Prügeleien. Man konnte Wetten platzieren. Hippies gegen Rocker, altgediente Mods gegen Kommunisten, Pleitiers gegen Privatiers. Es was jedes Wochenende was los.

Montags auch.

Schenk und Jessy schlugen sich gegenseitig solange auf die Fresse, bis sie nicht mehr konnten und der Fight für remis erklärt wurde. Danach hatten beide zeitlebens Respekt voreinander.

„He, mein Bus!“ ruft Schenk, und im Weglaufen, „Pass auf dich auf!“, den Abschiedsgruß unter den Überlebenden.

„Ja, du auch!“

*

san.nachbarn

„Pass auf dich auf!“

4 Gedanken zu „Pass auf dich auf!

  1. Hat dies auf zolaski rebloggt und kommentierte:
    Reinlegen möchte ich mich in diese Geschichten von Herrn Glumm. Lesen Lesen wieder lesen. Abtauchen in seine Irren und feine Sätze. Wohlbadgeschichten wie ich sie nie in einem Buche fand. Ach….welch delikatfeine Schreibart und welch Lesekino. Ein Buchvoll möchte ich haben um am Strand den Tag vergessen mit seinen Wohlgeschichten. Ich danke sehr.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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