Herzbuben

Als Nachtportier im Turm-Hotel hatte ich gelegentlich mit Leuten vom Tournee-Theater, Kabarettisten oder Volksmusikanten der C-Klasse zu tun. Leute, die sich für prominent hielten, weil sie mal in einer alten Polizeiruf-Folge den Hund des Hausmeisters mit Rattengift füttern durften.

Da waren die Wildecker Herzbuben schon ein anderes Kaliber.

Es waren zwei Doppel-Zimmer für sie gebucht. Ihr Monster-Hit Herzilein war schon ein Jahr alt und dudelte immer noch die Radiostationen rauf und runter, sie waren Stammgast in jeder Volksmusik-Sendung im TV, doch was da spät am Abend am Tresen stand, um die Zimmerschlüssel abzuholen, waren zwei abgetakelte dicke Clowns, zwei Trauerklöße mit langen Bärten, keine Stars.

Ich verstand nicht, warum die Beiden so mies drauf waren, trotz ausverkaufter Konzerte und einem millionenschweren Super-Schunkler. Die müssen doch jeden Abend überglücklich ins Bett sinken, dachte ich. Die müssen doch dem lieben Gott jede Minute danken für so viel Herrlichkeit..

Und da war noch was:

Warum zum Henker standen sie so weit weg von der Rezeption, warum kamen sie nicht näher? Hatten sie Muffen, sich beim Nachtarbeiter mit anhaltender Schlaflosigkeit zu infizieren? War ihnen der Erfolg schon so sehr zu Kopf geschunkelt, dass sie dem Pöbel nur noch auf Abstand zu begegnen wussten? Erst, als ich in ihre abgekämpften müden Augen schaute, begriff ich. Es waren ihre massigen Bäuche, die verhinderten, dass sie näher an die Rezeption rankamen, es war ihre ganze mitgeschleppte Tonnage, der Vorbau der Kameradschaft Hinterschinken.

Was ich da zufällig beobachten durfte, war die kürzest mögliche Distanz zu Menschen wie mir. Sie schafften es einfach nicht, näher ran zu kommen. Sie waren zu fett geworden für Dinge des Alltags. Ich musste mich schon weit über Telefonanlage und Tresen beugen, um den zwei tragischen Trutzburgen im gleissenden Lichtschein der Neonröhren die Zimmerschlüssel überreichen zu können, und es war ihnen sichtlich peinlich. Sie errieten meine Gedanken. Sie standen da wie riesige Robben mit ganz kurzen Ärmchen.

Und ich war nichts als ein Idiot.

Scheiße, waren wir drei mies drauf in diesem Moment..

*

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In Töpfen, Susanne Eggert, 2012

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7 Gedanken zu „Herzbuben

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