Dressman

In zwei vollbesetzten Wagen flogen wir nach Mitternacht am Pfaffenberg ein, einer ruhigen, eher exklusiven Wohngegend. Der Mitsubishi Boy war an Bord, Pepe, Karlos und sein Bruder, Ringo, der dicke Hansen, der schwule Posse, der so gerne hetero gewesen wäre, Benzini, der wie Käptn Haddock aussah an diesem Abend – lauter Typen, nicht ein einziges Mädel.

„Ist überhaupt einer eingeladen?“

Als niemand antwortete, brach Gelächter aus.

*

Heiligabend-Partys waren Legende. Warum sie regelmäßig aus dem Ruder liefen, lag auf der Hand. Während der Bescherung am Nachmittag und dem obligatorischen Familienessen hatten die Leute soviel gebechert, dass sie schon knülle waren, wenn sie spät am Abend auf einer der großen Partys aufkreuzten. Ein falsches Wort, und es gab was auf die Mütze. Andererseits konnte man locker mit acht Mann auf einer Heiligabend-Party auflaufen, ohne dass es weiter auffiel. Wenn’s drauf ankam auch mit acht Mann und Käptn Haddock.

Karlos und ich stiessen miteinander an. Wir zogen Bilanz. 1986 war ein laues Jahr gewesen, nicht Fisch, nicht Fleisch, ein Schattenreich.

„Als hätte man durch die Monate hindurchgreifen können“, sagte Karlos, „wie durch einen Schatten.“

Wir standen in der Küche, mit Blick auf den Gartenteich, in dem sich die Lichter der umliegenden Häuser und Laternen brachen, die zittrige Skyline einer versinkenden Stadt.

„1986 war gespenstisch.“

„Eine Ausnahme gab es, einen Lichtblick“, sagte ich, „Slave to the Rhythmn von Grace Jones. Das war großer weltumspannender Discobeat, schwerer Discoblues.“

„Ja, schon“, sagte Karlos, „aber das war 85, du Penner.“

Ist wahr? So weit war es gekommen. Ich brachte schon die Hits durcheinander und Karlos musste mich korrigieren. Ausgerechnet Karlos, für den noch 1980 jede neue Band Dire Straits geheissen hatte und auf dessen Plattenspieler drei Jahre lang ein- und dieselbe Langspielplatte gelegen hatte.

Van Morrison, Inarticulate Speech of the Heart.

Und dann war das Fassbier alle, kaum, dass wir warm geworden waren. Selbst die rote Plastikwanne unterm Fass: leer gesoffen.

Im Wohnzimmer ist noch Wein, hörte ich.

Unterwegs lernte ich den Gastgeber kennen, vom Sehen wenigstens. Abgesehen vom Menjoubärtchen hatte er das Gesicht eines blankpolierten grünen Apfels. Er kurbelte zwischen verschiedenen Party-Grüppchen hin-und her, machte Konversation bezüglich Effizienz und Rentabilität seines neuen Lebens, kam nirgends damit durch, hatte nichts zu sagen, war bloß ein Äpfelchen, aber mit Heimrecht.

Das ist ja auch schon mal was, dachte ich.

Mit zwei Flaschen ungekühltem Weisswein kehrte ich zurück in die Küche. Ich machte einen großen Plastikbecher randvoll, packte zwei Eiswürfel drauf.

„He.. wie gehts?“ tippte mir jemand auf die Schulter.

Ich drehte mich um.

„He.. ich hab dich gar nicht gesehen“, sagte ich. „Schon lange hier?“

Wie hiess sie noch? Ich kannte sie von früher, vom Schulhof.. Mir fiel der Name nicht ein. Die kleine Blonde mit der Brille. Die Strenge.

„Nee, ich bin gerade erst gekommen. Ich bin nur auf einen Sprung hier, hab nicht soviel Zeit. Morgen in aller Herrgottsfrühe flieg ich schon wieder nach Hause.“

„Wieso nach Hause?“

„Nach München. Ich lebe in München.“

Sie arbeitete als Pharma-Referentin für einen bayrischen Konzern. Ihr Job: die Schulung neuer Vertreter. Nachwuchsarbeit. Sie hatte viel zu tun, war froh, über Weihnachten ein paar Tage frei zu haben, endlich mal die Eltern und Geschwister besuchen zu können.

„Und die Freunde“, fügte ich an.

Sie zögerte. Klar, und Freunde. Heimat eben.

„Ich bin dauernd unterwegs für den Konzern. Montags in London, mittwochs in Zürich. Ich lebe eigentlich nur aus dem Koffer. Das ist ganz schön stressig, ich sag es dir.“

„Na, wenn du das sagst“, sagte ich.

Mit 25 sind die Menschen auf dem Höhepunkt ihrer Kraft. Ich schaute mich um. Wir waren Mitte zwanzig, die ganze verdammte Bagage. Dann war es das jetzt also. So sah der Mount Everest aus. Ziemliches Geplapper hier oben. Wärmer als gedacht. Während die kleine Blonde weitersabbelte, sah ich mich nach Sauerstoff um und Karlos machte sich grinsend vom Acker. Entweder, er hatte meine Gedanken erraten oder er machte sich über mich lustig, weil ich die Angeberin am Hals hatte.

Sie war eine 1a-Angeberin. Bilder von früher drängten sich auf. Untertertia, Raucherecke am alten Bunker, wo geknutscht und gefummelt wurde. Wie ich versuchte, ihr die Hose aufzuknöpfen, den Verschluss aber nicht aufkriegte – eine frisch gewaschene, fast noch steife Levis 501 ist keine Jeans, lernte ich in jenen Schulhof-Tagen fürs Leben, eine frischgewaschene 501er ist Krieg. Ein Intimpanzer. Du kriegst sie nicht auf, nicht ohne Wasserpumpenzange und Schmierfett.

„Und du? Was machst du so? Was arbeitest du?  Ich hab von dem Literatur-Preis gehört.. für dein Schreiben, oder? Glückwunsch. Ist denn was draus geworden?“ Sie legte los wie eine Uzi, sie atmete nicht mal zwischen den Sätzen. „Ich mein, ist jemand auf dich zugekommen? Ein Verlag oder so? Kannst du vom Schreiben leben?“

Hitze brauste über mein Gesicht, von einem Ohr zum anderen – mein Kreislauf rebellierte. Ich trank zu viel, und dann noch die falschen Sachen. Sofort verschüttete ich etwas von dem Wein.

„He, du Sau!“ schimpfte Beate aus Remscheid, die mit ihrer Schwester im Schneidersitz auf dem mit antikem Linoleum ausgelegten Fußboden hockte, gleich neben dem mit Delfter Kacheln ausgelegten Kamin. „Pass doch auf, du Bauer!!“

Die beiden Remscheider Schwestern waren so bekifft, dass sie mit dem Hintern nicht mehr hochkamen, nicht mal zur Toilette. Ist denen doch egal, die lassen sowieso alles unter sich, hatte Karlos schon gemeckert.

„Lass mal ziehen, Beate-Darling“, sagte ich.

Beate starrte mich kurz an, als hätte ich sie nicht mehr alle, reichte mir dann den aktuellen Joint hoch. Ein kurzes atmungsaktives Ofenrohr, ähnlich den Knüppeln, wie ich sie baute.

„Aber nicht heißrauchen, Mann“, warnte sie mich.

„So, jetzt sag mal: Wann ist es denn soweit mit dir?“ Meine ehemalige Mitschülerin liess nicht locker.

„Wann ist was soweit?“ fragte ich.

„Na, wann ist es denn soweit, dass ich mit dir angeben kann? Wann kann ich denn sagen, den Glumm hab ich mal gekannt, mit dem hab ich schon auf dem Schulhof geschäkert!“ Sie gackerte. „Mit dem Bestsellerautor!“

„Sehr witzig“, sagte ich und klärte sie darüber auf, dass ich einen Job brauchte. Das ich pleite war, dass es mit dem Schreiben nicht weit her war. Dass ich eine faule Socke war. Dass ich mich zwar mit einer gewissen Stabilität durchs Leben bewegte, aber auch nur solange die Dinge bequem liefen. Ich war 26, das war der Punkt. Ich hatte den Zenit überschritten.

„Du brauchst einen Job..?“ Sie überhörte den ganzen Quark und konzentrierte sich auf das Wesentliche. Und fackelte nicht lange. „Probier es doch als Dressman.“

„Als.. Dressman!! Yee-haa! GLUMM ALS DRESSMAN..!“ Die Remscheider Schwestern hatten ihre Ohren überall. Große hässliche Ohren. Bergische Hausschlappen. SCHLUFFEN.

„Was für Schlampen“, zischelte die Referentin aus München und zog mich aus der Schusslinie. „Nein, ich mein das ernst. Dressman ist doch kein schlechter Job.“

Sie musterte mich ungeniert.

„Gute Figur hast du, siehst ganz passabel aus, probiers doch einfach mal bei so einer Agentur.“

Wieso ganz passabel. War hier irgendwer auf der Party, der passabler aussah.

„Mach mal ein paar Schritte“, forderte sie mich auf und rückte ihre Designerbrille zurecht. „Nur um zu sehen, wie du dich bewegst.“

Da ich schon einiges an Fusel intus hatte, wankte ich durch den Flur, vorbei an den giggelnden Bodenkühen.

„Gut!“ rief die Pharmareferentin. „Und jetzt dreh dich mal, und zurück!“

Ich legte mich beinahe aufs Maul.

„Mit seinen O-Beinen kann der Glumm Werbung für ne Schweinefarm machen!“ Beate klatschte sich mit ihrer johlenden Schwester ab. „Da passen locker zehn Schweine durch! Wie beim Bauer Ewald!“

Das Netzwerk der Schwestern kriegte sich kaum noch ein. Ich schwankte den langen Flur zurück, wobei ich Beate-Darling noch etwas Wein vermachte, aufs weiße Kleid.

„He, pass doch auf! Du Bauer!“

„Blöde Kuh“, sagte ich.

„Sieht gut aus“, sagte die alte Schulkameradin kopfschüttelnd. Sie war schon immer ein nettes.

„Und was ist mit O-Beinen?“ Ich wunderte mich selbst, wie ernst ich die Sache plötzlich nahm. Wie verzweifelt ich sein musste. „Die Beine sind aber schon ein Handicap, oder?“

„Wieso? O-Beine sind nicht das Problem, nicht dass ich wüsste. Guck dir John Wayne an. Was der für Haxen hatte, ist doch sexy bei Männern. Sagen wir, bei manchen Männern. Aber..“

„Was aber?“

„.. na ja, wie groß bist du?“

„Eins einundachtzig.“

„Mhh..“

„Eins zweiundachtzig“, schichtete ich einen Zentimeter drauf, schließlich war ein Job auf dem Catwalk immer noch besser als Gemüsemesserschleifen bei einem der Solinger Traditionsunternehmen für 10 Mark die Stunde.

„Trotzdem eher klein für ein Männermodel.. gerade an der Grenze. Aber egal. Ich würde an deiner Stelle einfach mal einen Termin machen, bei so einer Agentur. Gibts doch haufenweise in Düsseldorf und Köln.“

„Mh. Sicher.“

Zumal das Schleifen von Gemüsemessern gar nicht so einfach ist, wie es sich anhört. Das Schleifen von großen Messern ist sogar eine Geheimwissenschaft. Das kann längst nicht jeder, und ein Mann mit zwei linken Händen und einem schlimmen Obein erst recht nicht. Nein, ob ich wollte oder nicht, es führte kein Weg daran vorbei.

Am Dressman werden.

..

Fortsetzung

*

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

2 Gedanken zu „Dressman

  1. Pingback: Es sang in mir aufgebracht : der Zellenchor | Glumm

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s