Dressman

Heiligabend 1986.

In zwei vollbesetzten Wagen flogen wir nach Mitternacht am Pfaffenberg ein, einer ruhigen, eher exklusiven Wohngegend am Stadtrand. Der Mitsubishi Boy war an Bord, TB, Karlos, der dicke Hansen, der schwule Posse, der sein letztes Hawaii-Hemd gegeben hätte, um hetero zu sein, Benzini, der sich einen Spaß daraus machte, Käptn Haddock zu zitieren, „Hunderttausend Höllenhunde! Affenpinscher!“, der jüngere Bruder von Karlos, der jüngere Bruder vom dicken Hansen – lauter Kerle, nicht ein einziges Mädel.

„Ist überhaupt jemand eingeladen?“ fragte ich.

Als keiner antwortete, brach Gelächter aus.

Heiligabend-Partys waren Legende, weil sie regelmäßig aus dem Ruder liefen. Der Grund lag auf der Hand. Während der Bescherung am späten Nachmittag und dem anschließenden Familienessen hatten die Leute soviel gebechert, dass sie staatstragend knülle waren, wenn sie spät am Abend auf einer der großen Partys aufkreuzten. Oft reichte schon ein falsches Wort und man ging vor die Tür, um eine Sache zu regeln, die nicht auf den Tisch gekommen wäre, hätte man nicht gesoffen wie ein Loch.

Benzini war so voll, wir mussten ihn stützen, er konnte kaum allein gehen. Zur Begrüßung hatte er unten vorm Haus einen Stein in eine Wegleuchte geschmissen, „Affengesindel!“ Das Klirren hatte nur deswegen keiner gehört, weil die Party voll im Gange war.

Wir stießen miteinander an, Karlos, Benzini und ich. 1986 war ein laues Jahr gewesen – nicht Fisch, nicht Fleisch, ein Schattenreich. Wir standen in der Küche, mit Blick auf den Gartenteich, in dem sich die Lichter der umliegenden Häuser und Laternen brachen; die zittrige Skyline einer versinkenden Stadt. Und dann war das Fassbier alle, kaum, dass wir warm geworden waren. Selbst die rote Plastikwanne unterm Party-Fass war leer gesoffen.

Im Wohnzimmer ist noch Wein, hörte ich und machte mich auf die Socken.

Unterwegs lernte ich den Gastgeber kennen. Trotz Menjoubärtchen ähnelte er mit seiner Glatze einem gepflegten blankpolierten Apfel. Ich kannte ihn vom Sehen. Ich glaube, sein Name war Henry. Er hingegen schien mich überhaupt nicht zu kennen. Sein Blick verriet fast ein bisschen Panik, als er mich sah. Vielleicht hielt er mich für einen Verbrecher, der sein Heim auskundschaftete. Ich hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da war er schon wieder weg. Er dackelte zwischen verschiedenen Party-Grüppchen hin-und her, machte Konversation bezüglich Effizienz und Rentabilität der neuen Zeit, kam nirgends damit an, hatte nichts zu sagen, war bloß ein Äpfelchen, ein blankpoliertes grünes Äpfelchen, aber eins mit Heimrecht.

Ist ja auch schon mal was, dachte ich. Das war schon mal einiges mehr als ich vorzuweisen hatte am Ende eines Jahres. Und 1986 war noch um einiges besser gewesen als die Jahre zuvor. Ja, persönlich war 1986 sogar eine Bombe gewesen, mit dem Literaturpreis. Das war ja das deprimierende.

Im Schlepptau des Gastgebers bewegte sich jemand, der aussah wie eine jüngere Ausgabe von Henry, nur sehr viel hübscher – noch. So ein hübscher Junge, und irgendwann wird er Filialleiter, dachte ich. Der Bauch wird dick, er kriegt ne Glatze – was eine Verschwendung. Ich sah es schon vor mir. War das alles ein Elend.

Filialleiter!

Mit zwei Flaschen ungekühltem Weißwein kehrte ich in die Küche zurück. Leute hockten auf dem Fußboden, darunter die beiden Remscheider Schwestern. Karlos und Benzini hatten sich verzogen, ich hörte ihre Stimmen irgendwo in der Tiefe des Hauses. Der Bruder von Karlos lehnte am Kühlschrank. Er verzog das Gesicht und zeigte auf ein Tablett, auf dem eine Pyramide aus lauter kleinen Fingerfood-Gemüsefrikadellen aufgebaut war.

„Die kann ich bedenkenlos weiterempfehlen.. ans nächste Gesundheitsamt“, meinte er in seinem typisch ironischen Ton. Ironie war sein Lebenselixier. Er konnte höllisch gut Klavier spielen, war aber eine bequeme Socke und ließ sein Talent weitgehend brachliegen. Manchmal fragte ich, woran das eigentlich lag, dass manche Leute mit viel weniger Talent alles aus sich herausholten und regelrechte Granaten wurden auf ihrem Gebiet, während die eigentlichen Könner by nature ratlos am Kühlschrank lehnten, am Bier nippten und immer zynischer wurden mit der Zeit.

Wer sein Talent nicht auslebt, verdurstet mit Wasser im Maul.

„He.. wie gehts?“ tippte mir jemand auf die Schulter.

Ich drehte mich um.

„He.. ich hab dich gar nicht gesehen“, sagte ich. „Schon lange hier?“

Wie hiess sie noch, die Kleine? Ich kannte sie von früher, vom Schulhof.. Mir fiel der Name nicht ein. Die kleine Blonde mit der Brille. Ein strenges Mädel. Aus gutem Hause. Klar, dass sie hier auftauchte.

„Nee, ich bin gerade erst gekommen“, sagte sie. „Ich bin nur auf einen Sprung hier, hab nicht soviel Zeit. Morgen in aller Herrgottsfrühe flieg ich wieder nach Hause.“

„Wie? Wieso nach Hause?“

„Na ja, nach München. Ich lebe in München.“

Ich erfuhr, dass sie als Pharma-Referentin für einen bayrischen Konzern im Einsatz war. Ihr Job war die Schulung junger Vertreter.

„Nachwuchsarbeit“, sagte sie. „Ich habe das ganze Jahr über so viel zu tun und bin froh, dass ich über Weihnachten ein paar Tage frei habe, dass ich endlich mal meine Eltern und Geschwister besuchen kann.“

„Und die alten Freunde“, fügte ich an.

Sie zögerte. Klar, und die alten Freunde.

Heimat eben.

„Ich bin ja dauernd unterwegs für den Konzern. Montags in London, mittwochs in Zürich, ich lebe nur aus dem Koffer. Das ist ganz schön stressig, sage ich dir.“

Mit Mitte zwanzig sind Menschen auf dem Höhepunkt ihrer Kraft. Wir waren Mitte zwanzig, die ganze verdammte Bagage war Mitte zwanzig. Dann war es das jetzt also. Das war der Höhepunkt. So sah der Mount Everest aus. Ziemliches Geplapper hier oben. Wärmer als gedacht. Während die kleine Blonde weitersabbelte, sah ich mich nach Sauerstoff um und Karlos zog vorüber und zeigte mir grinsend den gereckten Daumen. Entweder, er hatte meine Gedanken erraten oder er machte sich über mich lustig, weil ich die Angeberin am Hals hatte.

Sie war eine 1a-Angeberin. Bilder von früher drängten sich auf. Untertertia, Raucherecke am alten Bunker, wo geknutscht und gefummelt wurde. Wie ich versucht hatte, ihr die Hose aufzuknöpfen, den Verschluss aber nicht aufkriegte – eine frisch gewaschene, fast noch steife Levis 501 ist keine Jeans, lernte ich in jenen Schulhof-Tagen fürs Leben, eine frischgewaschene 501er ist Krieg. Ein Intimpanzer. Ohne Wasserpumpenzange und Schmierfett ist da nichts zu machen.

„Und du? Was machst du so? Was arbeitest du?  Ich hab von deinem Preis gehört.. für dein Schreiben, oder? Glückwunsch. Ist denn schon was draus geworden? Ein Buch? Hast du ein Buch auf dem Markt?“ Sie legte los wie eine Uzi, sie atmete nicht mal zwischen den Sätzen. Sie war eine 1a-Verkäuferin. „Ich mein, ist jemand auf dich zugekommen? Ein Verlag oder so? Kannst du vom Schreiben leben?“

Hitze brauste über mein Gesicht, von einem Ohr zum anderen – mein Kreislauf rebellierte. Ich trank zu viel, zu viel von den falschen Sachen. Ich machte einen großen Plastikbecher randvoll Weißwein, packte zwei Eiswürfel drauf. Prompt schwappte es über.

„He, du Bauer!“ schimpfte Beate aus Remscheid, die mit ihrer Schwester im Schneidersitz auf dem mit antikem Linoleum ausgelegten Fußboden hockte, gleich neben dem mit Delfter Kacheln ausgelegten Kamin. „Pass doch auf, Glumm!“

Die beiden Remscheider Schwestern waren mal wieder so bekifft, sie kamen mit dem Hintern nicht mehr hoch, nicht mal zur Toilette wahrscheinlich. Ist denen doch schnuppe, die lassen alles unter sich, hatte Karlos schon gemeckert.

„Lass mal ziehen, Beate-Darling“, sagte ich.

Beate starrte mich kurz an, als hätte ich sie nicht mehr alle, reichte mir aber dann den aktuellen Joint hoch. Ein kurzes atmungsaktives Ofenrohr, ähnlich den Knüppeln, wie ich sie baute.

„Aber nicht heißrauchen, Mann“, warnte sie mich.

„So, jetzt sag mal: Wann ist es denn soweit mit dir?“ Meine ehemalige Mitschülerin liess nicht locker.

„Wann ist was soweit?“ fragte ich.

„Na, wann ist es denn soweit, dass ich mit dir angeben kann? Wann kann ich denn sagen, den Glumm hab ich mal gekannt, mit dem hab ich schon auf dem Schulhof geschäkert!“ Sie gackerte. „Mit dem Bestsellerautor!“

„Sehr witzig“, sagte ich und klärte sie darüber auf, dass ich einen Job brauchte. Das ich pleite war, dass es mit dem Schreiben nicht weit her war. Dass ich eine faule Socke war. Dass ich mich zwar mit einer gewissen Stabilität durchs Leben bewegte, aber auch nur solange die Dinge bequem liefen. Ich war 26, das war der Punkt. Ich hatte den Zenit überschritten.

„Du brauchst einen Job..?“ Sie überhörte den ganzen Quark und konzentrierte sich auf das Wesentliche. Und fackelte nicht lange. „Probier es doch als Dressman.“

„Als.. Dressman!! Yee-haa! GLUMM ALS DRESSMAN..!“ Die Remscheider Schwestern hatten ihre Ohren überall. Große hässliche Ohren. Bergische Hausschlappen. SCHLUFFEN.

„Was für Schlampen“, zischelte die Referentin aus München und zog mich aus der Schusslinie. „Nein, ich mein das ernst. Dressman ist doch kein schlechter Job.“

Sie musterte mich ungeniert.

„Gute Figur hast du, siehst ganz passabel aus, probiers doch einfach mal bei so einer Agentur.“

Wieso ganz passabel. War hier irgendwer auf der Party, der passabler aussah.

„Mach mal ein paar Schritte“, forderte sie mich auf und rückte ihre Designerbrille zurecht. „Nur um zu sehen, wie du dich bewegst.“

Da ich schon einiges an Fusel intus hatte, wankte ich durch den Flur, vorbei an den giggelnden Bodenkühen.

„Gut!“ rief die Pharmareferentin. „Und jetzt dreh dich mal, und zurück!“

Ich legte mich beinahe aufs Maul.

„Mit seinen O-Beinen kann der Glumm Werbung für ne Schweinefarm machen!“ Beate klatschte sich mit ihrer johlenden Schwester ab. „Da passen locker zehn Schweine durch! Wie beim Bauer Ewald!“

Das Netzwerk der Schwestern kriegte sich kaum noch ein. Ich schwankte den langen Flur zurück, wobei ich Beate-Darling noch etwas Wein vermachte, aufs weiße Kleid.

„He, pass doch auf! Du Bauer!“

„Blöde Kuh“, sagte ich.

„Sieht gut aus“, sagte die alte Schulkameradin kopfschüttelnd. Sie war schon immer ein nettes.

„Und was ist mit O-Beinen?“ Ich wunderte mich selbst, wie ernst ich die Sache plötzlich nahm. Wie verzweifelt ich sein musste. „Die Beine sind aber schon ein Handicap, oder?“

„Wieso? O-Beine sind nicht das Problem, nicht dass ich wüsste. Guck dir John Wayne an. Was der für Haxen hatte, ist doch sexy bei Männern. Sagen wir, bei manchen Männern. Aber..“

„Was aber?“

„.. na ja, wie groß bist du?“

„Eins einundachtzig.“

„Mhh..“

„Eins zweiundachtzig“, schichtete ich einen Zentimeter drauf, schließlich war ein Job auf dem Catwalk immer noch besser als Gemüsemesserschleifen bei einem der Solinger Traditionsunternehmen für 10 Mark die Stunde.

„Trotzdem.. eher klein für ein Männermodel.. gerade an der Grenze. Aber egal. Ich würde an deiner Stelle einfach mal einen Termin machen, bei einer Agentur. Gibts doch haufenweise in Düsseldorf und Köln.“

„Mh. Sicher.“

Zumal das Schleifen von Gemüsemessern gar nicht so einfach ist, wie es sich anhört. Von wegen du setzt dich an die Schleifmaschine und lässt die Maschine machen, die macht das schon, die hat das Schleifen programmiert. Nein, das Schleifen von großen Messern ist eine Geheimwissenschaft, das weiß jeder Solinger. Das kann längst nicht jeder, ein Messer so scharf schleifen, dass es das Siegel Made in Solingen verdient, und ein Mann mit zwei linken Händen und einem schlimmen Obein erst recht nicht. Ob ich wollte oder nicht, um mit Mitte zwanzig endlich Geld zu verdienen, führte kein Weg daran vorbei, am Dressman werden.

*

Hauptbahnhof Köln, Mittagszeit.

Ich weiß nicht warum, aber die Leute guckten komisch, sobald ich in ihr Blickfeld geriet. Keine Ahnung, was los war. Sah man mir die ganze heillose Sauferei schon an der Nasenspitze an? Hatte sich ein lustig Saufgesicht geformt? Alkohol war die letzte große Offensive, der große Öffner, der Salto Mortale in die kommunikative Nacht. Ohne Saufen ging gar nichts mehr. Ich war auf dem besten Wege ein Trinker zu werden. Nicht süchtig und hoffnungslos in dem Sinne, dass ich morgens nach dem Aufwachen gleich nach einem Drink verlangte, das nicht, doch von dem Moment an, wo ich mein Zuhause verließ und die Gesellschaft anderer Menschen suchte, genehmigte ich mir einen. Musste ich mir einen genehmigen. Sonst wäre ich allein geblieben.

Weil noch Zeit war bis zum Termin im Fotostudio, trieb ich mich am Dom herum und geriet auf der Domplatte in die Jesus People, einem Haufen runderneuerter Les Humphries Singers in weiten Gewändern. Man traf sich zum Oh Happy Day-Singen und tanzte sich in Trance. Ich schloss die Augen, versuchte mich einzufühlen, dem Gospel nahezukommen. Um mich herum junge Leiber in weiten Kleidern, kräftige Gospel-Stimmen. Doch auch hier kassierte ich Stirnrunzeln, vereinzelt Gekicher, ohne mir erklären zu können, warum. Als Oh Happy Day, zufälligerweise mein Lieblings-Gospel, zu Ende war, musste ich dringend aufs Klo.

Wendy’s Schnellrestaurant war ganz in der Nähe. Auf dem Herren-WC blickte ich in den Spiegel, Endkontrolle Qualitätssicherung, bevor mich das Fotoshooting um 14 Uhr auf dem falschen Fuß erwischte. Und da endlich sah ich es: Ein Rußfilm lag quer über dem ganzen Gesicht – vom linken Ohrläppchen über die Nase bis hin zur rechten Schläfe. Jetzt war ich es, der lachte. Es musste am Morgen beim Befüllen des Kohleofens mit Briketts und Eierkohlen passiert sein, als ich mir wie üblich mit dem Arbeitshandschuh den Schweiß von der Stirn wischte, ohne daran zu denken, dass es später am Tag noch einen Termin im Foto-Studio geben würde. Das war’s also. Und ich hatte schon geglaubt, ich würde nicht gut aussehen, hör mal. Gibts doch gar nicht!

Wo ich schon mal im Wendy’s war, bestellte ich eine warme Riesenkartoffel, gefüllt mit Broccoli und Käsesauce, und löffelte sie aus. Was ein Fraß. Rein damit. Ich schaffte nicht mal die Hälfte. Hättest du doch Chili genommen, du Penner.

Kaum hatte ich das Schnellrestaurant verlassen, kreuzte ein korpulenter Mann meinen Weg, verstohlen in sein Käse-Schinken-Croissant beißend, das groß und warm aus der Papiertüte ragte und in seinen hochgestellten Mantelkragen krümelte. Fast hätten wir uns gegenseitig in Grund und Boden gerannt, du Penner.

Ich fühlte mich lausig, ich war schwer verkatert, ich war immer noch hungrig. Ich hatte keinen Nerv auf den Vorstellungstermin als Dressman, als Model, in einem Fotostudio! Was hatte ich mir da eingebrockt! Warum ließ ich mich auf solche Dinge ein! Was hatte ich in Köln überhaupt zu suchen! Es war Schwachsinn alles. Ich hatte Hunger. Zurück zu Wendy’s. Ich nahm ein Doppel-Chili mit Käse und Zwiebeln, dazu einen Beutel Crackers zum Tunken und ein Cola. Zum Hierfressen.

Noch eine halbe Stunde bis zu dem Termin. Auf der Hohen Straße erkundigte ich mich nach dem Weg zum Fotoatelier, doch wie immer stammte jeder, den ich in einer fremden Stadt nach dem Weg fragte, nicht von hier. Im Gegenteil – die meisten Gesichter kamen mir sogar aus anderen Zusammenhängen bekannt vor. Vermutlich war in der ganzen Republik das gleiche Pack in den Fußgängerzonen unterwegs. Es machte absolut keinen Unterschied, in welcher Stadt man welche Leute nach dem Weg fragte, stets landete man am Ende daheim und zog sich die Decke über den Kopf bis es dunkel wurde und Stille senkte sich nieder.

Ein Kölner Großmütterchen half mir aus dem Dilemma.

„Zum Opernhaus? Immer geradeaus.“

„Wie lange brauch ich zu Fuß?“

„Na, Sie sind noch jung. Ich alte Oma mit meinen morschen Knochen.. Wissen Sie, was, junger Mann? Als Frau hat man Kinder, und man hat doch keine.. Ich würd sagen, zehn Minuten.“

Eine Gaststätte namens Fertig machte mich neugierig. Es war noch ein bisschen Zeit. Ich betrat die Kneipe. Es war niemand zu sehen, kein einzige Bürger bis auf mich. Selbst der Wirt blieb diskret im Hintergrund. Man hörte ihn in der Küche klappern und wuseln mit Pfannen und Töpfen, bis ein weiterer junger Mann zur Tür reinschneite.

„Juten Morjen!“ stellte er ein buntes Spielzeugflugzeug auf dem Tresen ab. Mit durchsichtigen Cockpitscheiben, aus Plastik. „Kost‘ nur fuffzehn Mark, Meister!“

Der Wirt erschien im Durchgang zur Küche und schüttelte traurig den Kopf.

„Is jot, Jung..“

„Flugzeug hier, kost‘ sonst fünfundvierzig Mark, für Sie nur fuffzehn.. Können Se verschenken, Meister, oder hier in’t Schaufenster stellen.. Sieht jut aus, wollen alle gucken kommen, und Bier saufen.“

„Is jot, Jung. Komm, mach et jot. Und nimm dat Ding da mit.“

„Hm.. denn, danke auch, und schönen Tag noch.“

Das Telefon klingelte.

„Gaststätte Fertig.. Jo, Herr Schumann. Ach, su früh? Ich han für zwölf Uhr zwei Bestellungen für Muschele, Herr Schumann. Nee, kann ich nich.. Muschele. Tschö, Herr Schumann. Schad, ja.“

Ich trank ein großes Kölschbier, weil ich kleine Kölsch zeitlebens lächerlich fand, und sah mir im ausliegenden Südstadt-Magazin die Schadstoffsammeltermine in der Kölner Südstadt von Januar bis Juni 1987 an.

Die Kneipe füllte sich, während ich mich mit dem Köbes unterhielt. Ein Mann vom alten Schlag. Er taxierte seine Gäste mit sicherem Blick. Mich hatte er nur kurz mit der Nase im Notizbuch gesehen und schon wusste er: alles.

„Schreiben ist ein Hungerberuf“, sagte er auf hochdeutsch, bevor er auf Kölsch fortfuhr:

„Sach ens, hättest du nix angeres liehre künne?“

Und dann, mit zwinkerndem Auge, „Su oder su, ihr Künstler sid Verdötschte.“

Verrückte.

Kurz vor drei, Foto-Agentur Adler nahe dem Opernhaus. Ich stand am Eingang, froh, dass eine Kölsch-Fahne nicht durch eine Gegensprechanlage passte, klingelte, sagte brav meinen Namen. Eine männliche Stimme erwiderte barsch: „Dritter Stock.“ Ich nahm das Treppenhaus, und oben angekommen öffnete sich eine Wohnungstür. Ein Gesicht blickte mich fragend an, ich wiederholte den Namen, das Gesicht ächzte: „ach?“

Der Typ war Mitte dreißig und trug das Haar graumeliert und zu dünnen Löckchen gekräuselt, ein bisschen wie das Meer, wenn es an den Strand spült. Eigentlich war alles grau an dem Kerl, Geist und Körper feierten große graue Verbrüderung. Auf den zweiten Blick blieb ein Mix aus Zerstreut- und Verschlagenheit. Ich guckte ein drittes Mal hin: locker über der Lehne seines Stuhl hing ein apricotfarbener Blazer. Jetzt war er ein Auftragskiller, der Auftragsmorde beging im schicken Sonntagsstaat, damit es auch ja jeder mitkriegte.

Statt sich dunkel und unauffällig zu kleiden wie ein Donnerstag. Blödmann.

Er reichte mir einen Bogen Papier.

„Hier. Kannst du schon mal ausfüllen, ich rufe dich dann rein“, sprach er und verschwand im angrenzenden Büro.

Da es in dem großzügigen Loft keine Türen gab, konnte ich von meinem Stuhl aus bequem zuschauen, wie der Auftragskiller am Schreibtisch Platz nahm. Vor ihm, mit dem Rücken zu mir, saß ein massiger Mann in Wintersportkleidung, auf den ich mir keinen Reim machen konnte.

Ich füllte das Bewerbungsblatt aus.

Die ersten Fragen bezogen sich auf Konfektionsgröße, Kragenweite und Taille, ich ließ sie durch die Bank unbeantwortet. Woher sollte ich von solchen Spitzfindigkeiten wissen? Ich war froh, wenn ich im Schuhladen auswendig meine Schuhgröße kannte, doch ausgerechnet die wurde nicht verlangt.

Ich widmete mich dem zweiten Interview-Teil. Sind Sie zielbewusst? Zielsicher? Selbstbewusst? Finden Sie sich erotisch anziehend? Halten Sie Werbung für notwendig oder für Volksverdummung? Wollen Sie mit dieser Arbeit das „große“ Geld verdienen?
Ohne Ausnahme kreuzte ich Ja an.

Ob ich modebewusst bin? Auch zu erotischen Videospots bereit?

Ja. Ja. Ja. Zweimal ging die Türschelle. Der Auftragskiller erhob sich, bellte „Dritter Stock!“ in die Sprechanlage und wartete eine halbe Minute, während er mich beobachtete und ich ihn zurückbeobachtete und er schnell wegblickte und so tat, als habe ein Killer besseres zu tun, als ausgerechnet mir beim Ausfüllen eines Bewerbungsformulars zuzugucken.

Zwei schicke junge Dinger kamen zur Tür rein. Freundinnen, vielleicht 15, 16 Jahre alt. Die größere trug einen grauen Velours-Mantel, darunter ein Plissee-Röckchen aus den 60ern mit großen Karos, die andere schlammschlürfende knallrote Wencke Myrrhe-Gedächtnisstiefelchen.

Die beiden Mädels machten sich lustig über die Fragen auf dem Bewerbungsblatt, gingen verschwörerisch Frage für Frage einzeln durch. Ich vertrat mir die Beine. Schaute mir Scheinwerfer und Stative an, einen aufgespannten Regenschirm. Auf dem schwarzen Granitfußboden stach mir ein Fitzel Papier ins Auge. Als ich mich bückte und danach griff, stieg eine Motte hoch und flatterte mir fast in die Fresse. Ich blickte mich um. Niemand hatte etwas mitgekriegt.

Weiter.

An der Wand eine meterlange Fotogalerie, Portrait-Aufnahmen in Passfotoformat, das Lächeln eingemeißelt, eines wie das andere. Ich versuchte mir mein Gesicht in der Galerie vorzustellen, mich einzureihen, es funktionierte nicht. Eine einzige Portraitaufnahme tat es mir an, der kleine voluminöse Mund einer Frau, der wie ein Schiffchen durchs hübsche Gesicht paddelte.

Ich setzte mich zurück zu den kichernden Mädels.

Endlich verabschiedete sich der dicke rätselhafte Mann, der Auftragskiller begleitete ihn zur Tür.

Dann kam er zu uns an den Tisch.

„So. Wer war der nächste? Du? Schön. Bringst du den Bogen mit?“

Ich folgte ihm ins Büro, ließ mich am Schreibtisch nieder. Die Sitzfläche des Stuhls war noch warm vom dicken Vorgänger-Hintern, es war, als nähme ich auf einem Pfannkuchen Platz. Die graue Eminenz überflog meinen ausgefüllten Bewerbungsbogen. Stutzte, als sie die Spalte Jetziger Beruf erreichte.

„Momentchen.. Was soll das heißen? Kofferträger und Autor..?“

„Richtig.“

„Hm.. Autor? Du schreibst? Toll. Was schreibst du denn so?“

„Geschichten.. aus meinem Leben.“

Das fand er aber supi interessant und kam zur Sache.

„Also, um zu sehen, ob du vor der Kamera etwas darstellen kannst, ob du dich gut verkaufen kannst, müssen wir einige Probebilder machen. Das kostet dich dreihundert Mark..“

Ich guckte blöd.

„..na, sagen wir, zweihundert, weil du es bist, Künstler haben es ja nicht so dicke. Wenn die Bilder fertig sind, entscheidet das Team, ob wir es mit dir versuchen oder nicht. Es ist letztlich ein Risiko für dich. Ich kann dir nichts versprechen.“

Er musterte mich kurz.

„Wie sieht‘s aus, sollen wir gleich einen Termin ausmachen für Probeaufnahmen? Für, sagen wir, morgen?“

Ich war selbst erstaunt, als ich mich sagen hörte, „ja, können wir gleich klarmachen“, ohne jeglichen Plan, wo ich auf die Schnelle so viel Geld auftreiben sollte.

„Gut“, meinte der Typ und blätterte in seinem Terminbuch, „sagen wir, Moment.. morgen dreizehn Uhr fünfzehn..?“

Mein Kopf nickte, während gleichzeitig in mir die Bestürzung wuchs. Einen Termin morgen Mittag..? Dann kann ich mir heut Abend keinen ansaufen, wenn ich morgen fit sein muss für ein Fotoshooting!

Es sang in mir aufgebracht: der Zellenchor.

Flink zog der Kerl einen Vertrag aus der Schublade, übertrug die persönlichen Daten aus dem Fragebogen, fragte beiläufig, ob ich etwas anzahlen könne von den dreihundert Mark.

„Zweihundert“, verbesserte ich ihn.

„Zweihundert..?“

„Ja. Wir hatten zweihundert abgemacht.“

„Aber ja, sicher.“

Er schrieb weiter.

„Und?“

„Was und?“

„Was ist nun mit der Anzahlung?“

„Nee, hab ich nicht dabei.“

AUSSERDEM KANN ICH HIER MORGEN UNMÖGLICH MIT SCHWEISSAUSBRÜCHEN VOR DER KAMERA STEHEN UND EINEN AUF COOL MACHEN, WENN ICH MIR HEUT ABEND DOCH EINEN BRENNE, VERDAMMT!

(Der Chor kicherte.)

Der Kerl spürte meine Unentschlossenheit und setzte nach.

„So eine Fotosession kostet dich woanders locker einen Tausender. Das finde ich aber eine Sauerei, tausend Mark für ein paar Bildchen. Obwohl dir das vielleicht merkwürdig vorkommt, dass ausgerechnet ich das sage, so als Unternehmer.“

Ja, stimmt, kam mir merkwürdig vor.

Der Vertrag war soweit ausgefüllt, inklusive Termin für die verabredete Probesession am folgenden Tag, 13 Uhr 15, und wartete nur noch auf meine Unterschrift.

„Lies es dir gut durch.“

Ganz unten sah ich, Gerichtsstand Düsseldorf. Eigentlich kann ich ja immer noch aufstehen und einfach gehen, dachte ich. Es ist noch nichts unterschrieben. Er reichte mir einen Stift. Noch kann ich mir heut Abend schön einen saufen. Noch war ich im Rennen.

„Wie viel verdiene ich überhaupt?“

„Pro Auftrag sind das zwischen dreihundert und vierhundert Mark. Das kann über ein paar Stunden gehen, vormittags, nachmittags, in der Woche, abends, am Wochenende, manchmal auch nur ne Stunde, da kann ich dir nichts versprechen. Das ist ganz verschieden.“

„Und in welchen Klamotten werde ich äh ..morgen fotografiert?“

„Aber ja, richtig!“ seufzte er in einem Ton, als müsse er sich wirklich über sich selbst wundern, dass er das nicht von sich aus angesprochen hatte. „Accessoires musst du selbst mitbringen, und zwar dreierlei: was Modisches, was Sportliches, was Seriöses. Bring mit, was du magst. Hut, Sonnenbrille, Ledermantel..“

„Ich hab einen original Gestapo-Mantel zuhause..“

„Äh.. ja. Fein.“

Ich stand unvermittelt auf, weil der Zellenchor Recht hatte. Ich war dabei, einen Fehler zu begehen. Aber noch war es ja nicht zu spät. Noch konnte ich den Killer kontern.

„.. aber andere Sachen müsste ich erst noch organisieren. Einen Hut, eine Sonnenbrille..“

„Ach was, ist nicht nötig, haben wir auch alles hier“, hieß es plötzlich.

„Nee, nee, ich melde mich, wenn ich alles zusammen hab.“

Der Vertrag blieb auf dem Tisch liegen, ohne Unterschrift. Wir verabschiedeten uns flüchtig, und als ich durch das Loft zur Ausgangstür ging, blickten mich die Mädels mit großen Augen an, als wollten sie in meinem Gesicht ablesen, wie es gelaufen war, aber ich blieb cool.

Undurchsichtig bleiben, Mädels, ist das A und O in diesem Metier..

Als ich endlich draußen war, in den Straßen von Köln, war ich heilfroh. Einerseits. Andererseits verdiente man kaum Geld damit, dass man andauernd heilfroh ist, weil es nicht geklappt hat.

Zurück in Solingen marschierte ich ohne Umschweife ins Mumms.

„Ein großes Kölsch, Marina.“

Es wartete einer der schlimmsten Abstürze seit Monaten auf mich. Ein lückenloser Filmriss.

 

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2 Gedanken zu „Dressman

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