Geplant war Ewigkeit (10)

Schon auf mein Klopfen kommt nur zögerlich Antwort. Als ich die Türklinke runterdrücke und das Zimmer betrete, bietet sich zum zweiten Mal in dieser Woche ein beinah identisches Bild: Er steht inmitten der eigenen Urinlache, und es stinkt erbärmlich. Er kann das Wasser nicht mehr halten, seit er den Blasenkatheter trägt. Es sprudelt aus ihm heraus, ob er will oder nicht. Er ist verzweifelt.

“Papa..! Was machst du da..!?” frage ich auch noch, als wäre es nicht offensichtlich, was gerade passiert, doch ich fühle mich überfordert, kaum, dass ich angekommen bin. Er steht ohne Hosen da, nur mit seinem roten Holzfällerhemd bekleidet, ein zittriges nackiges Männlein, das ich liebe.

Gott sei Dank, dass du da bist, sagen seine Augen. Endlich.

„Einen Moment”, sag ich, “setz dich aufs Bett, ich hole jemanden.”

Ich versuche Ruhe zu bewahren, aber ich bin sofort auf 180. Ich mache das Malheur nicht weg. Diesmal nicht. Monat für Monat fließen mehr als dreitausend Euro aufs Konto des Altenheims, da wische ich denen nicht auch noch die Pisse auf. Nicht, wenn es sich um solche Mengen handelt. Gefroren könnte man darauf Schlittschuhlaufen. Ich begebe mich auf die Suche nach Personal. Es ist Donnerstagnachmittag. Im Gang vorm Aufenthaltsraum sitzt ein Dutzend alter Damen schweigend beisammen und erwartet das Abendbrot, das in gut anderthalb Stunden serviert wird.

“Ist hier irgendwo ein Pfleger?” frage ich in die Runde. Man kennt mich mittlerweile. Was bedeutet, man nimmt mich wahr. Als ich die ersten Male freundlich grüßte, blickte ich in eisige Gesichter voller Einsamkeit und Verdruss. Jetzt ist es besser geworden. Ich ernte vereinzelt sogar ein zaghaftes Lächeln.

“Nein..”

“Niemand da..”

“Vielleicht drüben..”

“..im anderen Trakt.”

Zwei Pflegekräfte plus stundenweise eine Sozialarbeiterin sind in diesem Altenheim für jeweils zwei Wohngruppen verantwortlich, für vielleicht fünfzig Senioren. Ich frage mich, wo das ganze Geld bleibt, das Monat für Monat zusammenkommt und sich aus Rentenzahlungen, Leistungen der Pflegekasse, aus Ersparnissen, Sozialhilfe und Kostenanteilen von Angehörigen zusammensetzt. Ich frage mich, wer zum Teufel sich da die Taschen vollmacht. Das Pflegepersonal jedenfalls nicht, das steht mal fest.

Im anderen Trakt der Etage, am Ende des Gangs, sehe ich den Medikamentenwagen. Eine Zimmertür steht offen. Marcel, der nette jungenhafte Pfleger sowie eine ältere Kollegin, ein draller blonder Blitz, machen sich am Hintern einer bettlägerigen Heimbewohnerin zu schaffen. Ich klopfe an den Türrahmen.

“Darf ich kurz stören?”

Pfleger Marcel hat mich bereits erblickt, in der Hand einen Batzen vollgeschifftes Zellstoffpapier.

“Sicher“, gluckst er. „Wenn Sie nur noch einen Moment draußen bleiben.”

“Gern”, geb ich süffisant zurück.

Von der Heiminsassin ist aus meiner Position wenig zu erkennen, ich seh nur Marcels routiniert wirbelnde Hände und das Scheißhauspapier, das sich wie Jongliermasse in der Luft bewegt.

Ich stehe im Türrahmen.

“Ich komme gerade von meinem Vater. Der pinkelt wieder sein Zimmer voll. Es stinkt bestialisch nach Pisse.”

Wenn ich etwas gelernt habe im Leben, dann zweierlei. Erstens: Es gibt immer eine gute Chance in Schwierigkeiten zu geraten, und zweitens: Klartext hilft.

Die Pflegerin ist nicht überrascht.

“Ihr Vater hat sich gestern schon vollgemacht. Drei Mal mussten wir sein Zimmer wieder auf Vordermann bringen.”

“Könnt ihr ihm nicht eine Art Windel anziehen?”

“Ja, das mit der Windel können wir noch mal versuchen.”

“Aber er reißt sie sich immer wieder ab”, schränkt Marcel ein. “Gestern meinte er zu mir, in die Hose machen wär sowieso bequemer.” Er lacht. “Das findet nicht jeder Kollege lustig.”

“Ja gut”, sag ich. “Können Sie trotzdem gleich mal rüberkommen?”

“Na sicher”, sagt Marcel.

Die Flure des Heims sind hell und geräumig, es gibt ansprechend eingerichtete Nischen und Bastelecken. Sogar an echte Wohnstuben haben die Heimbetreiber gedacht, mit Möbeln aus dem Antiquitätenladen, echten Liebhaberstücken, aber diese Räume liegen im Dornröschenschlaf, sie bleiben unbenutzt. Lieber tummeln sich die Alten im nüchternen Durchgang vorm Essensraum, mit angespannten Gesichtern, als erwarteten sie die Medikamentenlieferung für die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr oder die liebe Verwandtschaft, die niemals kommt.

Viele Heimbewohner sind dement. Darunter auch Herr Ohoven, den mein Vater, selbst schon Siebenundachtzig und dement, den Alten getauft hat. Der Alte ist ununterbrochen unterwegs, den Gang rauf und runter, ohne Rollator. Ein zäher, in gebückter Haltung vorwärts drängelnder Greis, der kaum ein Wort spricht, sich aber vehement an Vorhängen zu schaffen macht, an Tischdecken, Zuckerdosen und Zimmertüren. Ständig fordert er einen auf, ihn bei der Hand zu nehmen und ein Stück des Weges zu begleiten, doch sein Weg kennt kein Ziel, es ist ein schier unendliches hoffnungsloses Strecke machen.

Auch die weichliche alte Frau im Rollstuhl, die jedes Mal die Hände nach mir ausstreckt wie nach dem Heiland und dabei unverständliches Zeug brabbelt, streckt wieder die Hände nach mir aus und wimmert wie ein Kleinkind. Was mich wütend macht. Nein, ich bin kein verdammter Pfleger, gute Frau, ich bin der Sohn eines demenzkranken alten Mannes, der zufällig in diesem Heim gelandet ist, Pflegestufe 2. Und jetzt pinkelt er auch noch regelmäßig in die Landschaft, die sich aus Laminatfußböden, Jutehexen und Kastanienmännchen zusammensetzt. Ich könnte heulen!

Weg da! die verdammten Hände da weg! gute weiche Frau – ich muss weiter!

Eine weitere Heimbewohnerin winkt mir zu. Frau Berend ist noch relativ fit im Kopf. Mit ihrem verstorbenen Mann führte sie einen Stahlwarenhandel in der Nordstadt. Vierzig Jahre lang war sie Tag für Tag im Büro und machte die Bücher. Ihr linkes Auge flattert.

“Soll ich schweinische Witze erzählen?”

„Heute nicht. Ich muss zurück zu meinem Vater. Dem geht’s nicht gut.”

“Ja, wir haben uns schon gewundert, wo er bleibt. Er war heut Mittag gar nicht beim Essen.”

Vergangene Woche saßen wir zu dritt unten im Café, tranken Glühwein und amüsierten uns. Da ging es Vater noch gut. Was heißt gut, blendend ging es ihm. Frau Berend haute einen Witz nach dem anderen raus und Vater musste schallend lachen. Beim zweiten Witz, wo es sich um eine 70jährige, eine 80jährige und eine 90jährige drehte, lachte er so laut auf, wie ich es lange nicht mehr gehört hatte. Es platzte richtig aus ihm heraus, Kuchenkrümel flogen, alles drehte sich um. Ich war so glücklich, dass ich unterm Tisch kurz die Hand von Frau Lindner drückte. Sie schaute verblüfft auf. Ihr linkes Auge flatterte vor Glück. Man sollte sich öfters schweinische Witze erzählen.

Als ich zurück in Vaters Zimmer bin, kauert er unverändert schief auf dem Bettrand und präsentiert seinen dicken Sack.

„Da bist du ja wieder.. Gottseidank.“

Eine bepinkelte Unterhose hängt über der Armlehne des Ohrensessels, Strümpfe verteilen sich auf dem Boden, ebenso flauschige Winterkleidung, die er vermutlich aus dem Schrank geholt hat, auf der verzweifelten Suche nach sauberer Unterwäsche. Ich bewege mich vorsichtig durchs Zimmer. Sammle Kleiderstücke auf, entsorge sie in den Wäschekorb, trete möglichst nicht in Pfützen. Versuche konzentriert durch den Mund zu atmen.

“Mann, hier stinkt’s vielleicht”, sag ich und kippe das Fenster.

“Ja, ist doch klar”, sagt Papa leise.

Es ist ihm alles furchtbar peinlich, aber er ist unfähig, etwas an der Situation zu ändern.

“Papa, warum drückst du nicht den Alarmknopf, wenn du Not hast?”

Er blickt mich mit großen hilflosen Augen an. Er hat keinen Schimmer, wovon ich spreche. Ich zeige ihm das Notruf-Medaillon, das auf dem Nachttisch liegt. Ein alarmrotes Teil, schwer zu übersehen.

“Hier musst du draufdrücken, wenn du Hilfe brauchst.”

Ich weiß nicht, wie oft wir ihm schon gezeigt haben, wie es funktioniert.

“Ja.. aber die haben doch gar keinen Dienst”, sagt Vater.

“Wer hat keinen Dienst?”

“Na.. die..”

“Die Pfleger?”

Er nickt.

“Doch”, sage ich, “klar haben die Dienst, die arbeiten doch hier. Es ist deren Job, dir zu helfen. Aber wenn du keinen Alarm drückst, wissen die nicht, dass du Hilfe brauchst. Dann gehen die am Zimmer vorbei und denken, mit dem Mann ist alles in Ordnung. Mit dem Mann ist aber nichts in Ordnung.”

“Wer ist denn der Kerl in der Ecke..?” fragt Vater unvermittelt.

“Was für ein Kerl?”

“Na, der .. mit den roten Handschuhen.”

Zur Demenz gesellen sich zunehmend Halluzinationen, von den zahllosen Medikamenten, die er einnimmt. Er sieht Leute in der Ecke sitzen, die nicht da sind, er sieht gerahmte Fotos in Flammen aufgehen, er sieht Löcher in der Wand, die bis tief ins Mauerwerk reichen und die Welt offenlegen als das, was sie ist, ein Ort der Leere, der abgrundtiefen Furcht.

“Hier ist niemand außer mir. Was du meinst ist mein Rucksack, der hat rote Seitenstreifen. Ruh dich aus, Papa. Es ist alles in Ordnung.”

Ich stehe auf und knipse die Deckenbeleuchtung an.

“Siehst du, es ist nur mein Rucksack, den ich auf dem Tisch abgelegt hab.”

Er nickt, ist aber nicht restlos überzeugt. Ich sehe es seinen Augen an. Es ist dieser ängstliche Blick, der mich an meine eigenen Ängste als Kind erinnert, wenn Samstagmittags Punkt zwölf die Luftschutzsirenen heulten und ich jedes Mal fürchtete, es wäre kein Probealarm, was aber außer mir niemand zu bemerken schien.

“Ich muss schon wieder pinkeln”, sagt Vater.

Ich greife nach seiner Hand.

“Okay, wir gehen aufs Klo. Du schaffst es bis dahin.”

Er hat Mühe, vom Bett hochzukommen, selbst mit meiner Hilfe. Er bewegt sich mit langsamen tippelnden Schritten, wie eine Geisha. Seinem Gesichtsausdruck ist anzusehen, dass er es nicht schaffen wird. Dass er den Kampf schon aufgegeben hat. Einen Moment später bleibt er stehen, schaut an sich herunter, und lässt es laufen. Er steht mitten in seinem Zimmer und pinkelt auf den mit Laminat ausgelegten Fußboden.

Ein Zimmerspringbrunnen.

Ich halte seine Hand gedrückt.

„Der Pimmel ist kaputt“, sagt er.

In diesem Augenblick öffnet sich die Zimmertür und die dralle kleine Pflegerin, (“Die Dicke ist in Ordnung”, sagt Vater später), schaut herein, fassungslos.

“Sehen Sie”, sag ich, “er kann es nicht bei sich behalten. Er schafft es nicht.”

Mir ist übel von dem Gestank, der von der Heizungswärme noch befeuert wird. Die Situation an sich ist in Ordnung. Es ist, wie es ist.

“Er macht es ja nicht extra”, wiegle ich ab.

“Ja, natürlich nicht.”

Marcel taucht auf und übernimmt das Ruder.

“Ah, in flagranti erwischt!”

Er führt Papa zum Klo.

“Wohin?” fragt der. “Hier lang?”

Der Pfleger legt ihm eine Inkontinenz-Einlage an, inklusive Stretchunterhose, während die Kollegin den Boden putzt, mit einer speziellen Desinfektionslösung. Nachdem Vater versorgt ist, wird er ins Bett verfrachtet, er ist völlig erschöpft. Er ist blass und dünn wie nie. Die Zunge knallrot, vermutlich von der italienischen Apotheken-Lakritze, die er so gern mag. Meist mischt er sie mit Pfefferminzbonbons, so macht er das seit seinen Kindertagen, Pfefferminze und italienische Lakritze gemixt. Italienische Lakritze, weil die einen Schlag stärker sei als deutsche, so seine Überzeugung. Überhaupt sei es die Mischung, die stimmen müsse im Leben. Schwarz und weiß, Lakritze und Pfefferminze.

“Man sollte medizinisch darauf aufbauen”, so Vater.

Ich decke ihn mit einer Extra-Wolldecke zu, weil er trotz der Hitze im Zimmer friert. Er liegt da wie eine Mumie. Ein frisch parfümierter Platzhirsch.

“Was bin ich fertig”, flüstert er. ”Du hast vielleicht eine Krücke als Vater.”

“Ach wo. Du bist keine Krücke. Mit Siebenundachtzig darf man das.”

Das Merkwürdige: auch wenn er kaum noch in der Lage ist, allein den Weg zum Klo zu finden, sein Langzeitgedächtnis verblüfft immer wieder. Wenn wir alte Dias betrachten, kann er mitunter genau sagen, bei welchen Lichtverhältnissen bestimmte Bilder entstanden sind. Etwa eine Porträtaufnahme meiner Mutter, schwarz-weiß, vom August 1949, wo sie im blitzenden Bikini zu sehen ist, eine atemberaubend schöne und geheimnisvolle Mittzwanzigerin.

„Da trug sie einen hellgrünen Bikini, den hat sie selbst genäht. Und sie hatte Fieber an dem Tag.“

„Das weißt du noch?“

„Ja, hier auf dem Foto hatte sie über neununddreißig Fieber. Ein ganz heißes Gesicht.“

Die beiden Pflegekräfte verabschieden sich, ich reiße das Fenster auf, um frische Luft reinzulassen, doch sofort beginnt Vater zu stöhnen und ich schließe das Fenster wieder.

Die Augen fallen ihm zu, er sinkt ins Bett zurück.

“Endlich”, wispert er, “kann ich mich etwas ausruhen.“

“Ja”, sag ich. “Ruhe dich etwas aus.”

“Ja, endlich kann ich mich ausruhen..”

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11 Gedanken zu „Geplant war Ewigkeit (10)

    • “Now just bones and silver hair,
      my restless twisting mother sleeping there
      As my mother lay lying, I learned
      As my mother lie dying, I learned some more.”

      It’s a haunting composition, with a simple melody which reveals itself slowly and is perfectly suited to the song’s lyrics. It deserves to be counted among Richman’s very best work.

      – wsws.org – (2008)

  1. Super geschrieben. Ich hatte das Gefühl im Zimmer zu sitzen.

    Da bekommt man Angst vor dem Alter. Meine Oma hatte als Pflegefall bei uns gewohnt und diesen Pissegeruch bekommt man jahrelang nicht raus. Man kann lüften, streichen, neuen Teppich verlegen, etc. Er geht nicht weg. Ich habe manchmal gedacht, dass ich mir das nur einbilde. Allerdings hatte ich damals nie Angst vor dem Alter. Mittlerweile habe ich eine Vorstufe von Angst, auch im Hinblick auf meine Eltern.

  2. NÜ!

    im nachhinein stell ich mir vor, das alle sieben Jahre ein kleiner unmerklicher Schubser –
    ohne es zu merken – von statten eilt
    mit dem Gedanken –
    die Welt ist nicht so wie du –

    danke

  3. Die Mischung muss stimmen, sehr wohl. Und bei Deinem Schreiben stimmt sie: Tragik und Komik, Empathie und Distanz, Prosa und Poesie. Das gefällt mir immer wieder aufs Neue. Gruß, Uwe

  4. Lieber Glumm,
    „Geplant war Ewigkeit“ sind die anrührendsten Texte, die ich seit langem lesen durfte. Die geschilderten Gefühle und Erlebnisse treffen mich jedes Mal ‚bis ins tiefste Mark‘, auch wenn ich mit meinen Eltern diese Erfahrungen nicht machen musste/durfte.
    Mein ganz herzlicher Dank für das Geschenk.

    • Ich hab den Namen der Einrichtung nicht erwähnt, weil es keine Rolle spielt: es ist ein Heim wie das andere. Alle Heime arbeiten unter den gleichen Bedingungen, fast alle beugen sich den Gegebenheiten.

      Wie es anders geht, zeigt die Schweiz. Dort ist ein alter Mensch zuerst mal ein Mensch, und dann ein Kostenfaktor. Allerdings – ein Heimplatz ist dort auch doppelt so teuer wie in D.

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