Doktorspiele und Ufos

Manchmal ist das Leben so enorm, dass Gott auf der Stelle jegliche Erinnerung daran mitnimmt, und verbrennt.

– Die Gräfin –

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foto.gott

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Doktorspiele haben am meisten Spaß gemacht mit viel Spucke, erzählt sie.

Micha musste immer unten liegen und das T-Shirt hochziehen, während Frau Doktor, also sie, die kleine Gräfin, mit der Assistentin plauderte und dabei die Spucke in seinem Bauchnabel verrührte, abwechselnd mit Mittel-und Zeigefinger.

„Sehen Sie, Frollein Müller..?“

Wahrscheinlich guckt sie deswegen so gern Dr. House und so Arztserien mit Petrischale.

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Erinnerung,

das ist ein Prozess von einer Tausendstel Sekunde. Für diesen winzigen Zeitraum gelingt es dem Gehirn, dich in Echtzeit zurück zu versetzen in die Jugendtage, in die Kindheit, wohin auch immer. Alles, was auf diese Tausendstel Sekunde folgt, ist bloßer Anhang, ist bewusstes Erinnern. Dein Gehirn hat den Braten gerochen und als Vergangenheit enttarnt, doch dieser magische Moment, dieses Fingerschnippen, hat es dir erlaubt, ganz und gar loszulassen und hinabzusteigen, tief in den eigenen Brunnen.

Es ist die reine unverwüstliche Zeitmaschine. Eine Erinnerung, die man tätscheln möchte wie einen treuen Gefährten.

„Du musst für immer bei mir bleiben.“

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„Remember.. walking in the sands.. remember.. the night was so exciting..“

– The Shangri-Las, „Remember“ –

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I wo. Man muss nicht unendlich neugierig bleiben im Leben. Eine gesunde Portion Zumachen geht in Ordnung.

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Was auch immer dir im Leben gelingen mag, denk dran:

Der liebe Gott klatscht keinen Beifall.

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Spätabends sitzen wir im Garten. Es ist immer noch warm. Die Mücken brüllen, wie nach einem langen Nickerchen. Und dann beginnt der UFO-Spuk: Glühwürmchen! Zu Dutzenden sausen sie durch die Dunkelheit, wie eine grüne Halluzination von zuviel Glutamat! Frau Moll springt auf und beisst in die Luft, mit dem Geklapper einer vergeblichen Kastagnette.

Die Brüder waren jahrelang nicht mehr im Garten!  Wo waren die die ganze Zeit?

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Wir hatten ein Pärchen in der Nachbarschaft wohnen, das uns nervte. Er war ein dicker Deutschnationaler, der mit der Nationalhymne duschen ging, sie war klein und lief in einer Art kupferrotem Western Style durch die Gegend. Das allein machte es nicht nervend. Nervend waren die Fickgeräusche. Die klangen so aufgesetzt. So extra geil. Als hätte ER beim Geschlechtsverkehr Göbbels gespielt („Wollt ihr das totale Glied?!“) und SIE unbedingt mit der Vagina durch die Wand gewollt.

Das hat genervt.

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Die wichtigen Sachen im Leben werden einem erst klar, wenn man sie beiläufig erwähnt, und alle halten den Atem an.

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Manchmal begegnen einem Leute, von denen man glaubte, sie seien längst ausgestorben. Dann ist der Jubel aber gross!

Oder der Jammer.

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Fortziehen aus der Heimat war nie ein Thema, nicht in den Zeiten einer den Globus befeuernden totalen Geschäftigkeit, nicht für einen, dem die Heimaterde mit dem Pürierstab zerstoßen eingetrichtert wurde, deklariert als Kraftnahrung für ewig.

Aber nachdem ich die Bücher von Richard Brautigan, John Fante und Charles Bukowski entdeckt hatte, wünschte ich mir manchmal, ich wäre woanders geboren wurden, in spannenderer Gegend, in Los Angeles vielleicht oder in den weiten Wäldern von Montana, und hätte dort bleiben

müssen.

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Die einfachsten Worte fallen mir manchmal nicht ein.

„Wie heisst das noch mal, wenn man zunehmend Probleme mit der Wortfindung hat?“ frage ich, doch die Gräfin liest ungerührt weiter in ihrem neuen Buch. „Verflucht! Wie heisst diese Krankheit denn?!!“

Sie blickt nicht mal auf.

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Das Buch, das sie liest, spielt in Lissabon, und eine Stunde später, beim gemeinsamen Mittagessen, erwähnt sie diese Urlaubsfahrt nach Portugal, zu Beginn der Achtziger Jahre. Sie war mit ihrer besten Freundin und einem acht Jahre älteren Typ namens Hagemann unterwegs, der auch genauso aussah: hager und lang, ein Kiffer vor dem Herrn. Sie mochte Hagemann nicht besonders. Er studierte Ethnologie.

„Du willst Völkerkunde studieren, kommst aber nicht mal mit mir klar..!?“

Die Antipathie beruhte auf Gegenseitigkeit. Besonders ihre Vorliebe für Gianni Nannini ging ihm schwer auf die Nerven.

„Solange diese italienische Krähe läuft, steige ich nicht mehr in diesen Wagen ein!“ ereiferte er sich an der Autobahnmeisterei kurz vor Straßburg.

„Ich glaub, mit Krähe meinte der damals mich, und nicht die Naninni.“

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„Wir sind so weit entfernt vom wirklichen Leben, wir wissen doch gar nicht mehr, wie richtiges Leben sich anfühlt!“ schimpft sie.

Schon als Kind sehnte sie sich nach einer klaren Härte, nach Steinfußboden statt flauschigem Teppich, nach Plumpsklo mit großen fetten Spinnen an der Wand statt kuscheliger Toilette.

„Wir sind alle so weich aufgewachsen! Ich meine, wer braucht schon einen Teppichboden?!“ stampft sie wütend auf. „Los, lass uns das Scheissding endlich rausreissen!“

„Warte wenigstens, bis wir zu Hause sind“, füge ich vorsichtig an.

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An der alten Papiermühle. Die Stunden liegen heiss in der Mittagssonne.

„Ich gehöre nicht in diese Welt“, keucht die Gräfin, „ich bin nur ein Happening.“

Entlang der Wupper kommen uns Wanderer entgegen, mit verquollenen Hitzeschühchen. Sie warnen uns vor dem Reitweg, der angeblich mit Pferdeäpfeln übersät ist. Dennoch führt Frau Moll uns dorther. Die Hündin ist Chefin heute. Erste Dame. Sie läuft voraus, hechelnd wie ein Popsong, der lacht und lacht und lacht..

„Die haben tatsächlich üppig geäppelt, die Pferde“, tänzle ich von Freifläche zu Freifläche.

„Das liegt an der Hitze“, meint die Gräfin. „Da äppeln Pferde wie irre.“

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Wir besuchen die alte Lehrerin. Die hat auch einen Hund. Der ist pummelig und alt, doch seitdem er neue Herztabletten verschrieben bekommt, flitzt er wie ein Tischtennisball durch den Garten.

„Ich will auch neue Herztabletten!“ rufen alle.

Die alte Lehrerin bewohnt ein Häuschen am Zedernweg, im Gewölbekeller ist es kühl. Wir atmen durch bei einem Gläschen. Es duftet nach Erdbeeren und Dill.

„Erdbeeren sind ein Aphrodisiakum“, lächelt sie.

„Und Dill ist ein Räuber!“ fahre ich fort. Ein Gauner.

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Aufgebracht berichtet die alte Lehrerin von der diesjährigen Schneckenplage. Die Biester kommen aus dem Wald gekrochen und wüten in ihrem Gemüsegarten.

„Ich kann mir nicht erklären, wie die über den Zaun gelangen, die müssen Räuberleiter machen! Von unten her kommen die nicht rein, der Zaun geht einen halben Meter tief in die Erde.“

Ihr Hund liegt mittlerweile im Körbchen und röchelt wie ein Kastrat. Die Wirkung der Herztabletten lässt nach. Frau Moll schreitet hochmütig hin und her. Sie ist ganz erste Dame.

So ziehen wir also weiter, auf ihren Befehl hin, der Wupper entlang.

„Guck mal, Goldfische!“ rufe ich.

„Von wegen“, entgegnet die Gräfin.

Diese Goldfische sind weggeworfene Baby-Möhrchen, bei näherer Betrachtung. Die dazugehörige Blechdose plätschert leer am Ufer.
Eine Pferdebremse, angezogen vom Schweiss, fliegt von der nahen Koppel herüber und krallt sich im Unterschenkel der Gräfin fest.
Sie schlägt zurück. Rasch bildet sich ein roter Flatschen an ihrem Bein. Als sie sich bückt, um die Stelle mit warmer Spucke einzureiben, schnappt eine Brennessel nach ihrer nackigen Wade.

„Jetzt reichts aber mit dem ganzen Viehzeugs!“

Schon kommt ein Schmetterling angeflattert, dreht eine Runde um die Gräfin herum und lässt plötzlich – pfffitzzaa! – ein Häufchen.

„Das gibts doch nicht!“ Die Gräfin ist fassungslos. „Hast du das gesehen?! Ich werd nicht mehr!“

Auf ihrem Handrücken befinden sich drei bräunlich-rote Pünktchen, wie Bolognesesauce. So sieht Schmetterlingsscheisse aus?

„Ich wusste gar nicht, dass die überhaupt mal müssen“, sag ich verwirrt.

„Sag ich doch, ich bin ein Happening“, prustet die Gräfin.

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foto.molly.gross

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4 Gedanken zu „Doktorspiele und Ufos

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