Karlos, der Zeitverbieger

1984

Karlos, etwa 1983 (Foto: Ralf Schneider)

*

Ich kannte eine Menge Leute, die gern lange im Bett blieben, die keine Lust hatten aufzustehen, richtige Langschläfer waren das, doch was mein alter Kumpel Karlos früher in Grund und Boden geratzt hat, das war allerhand, das war legendär, das endete selten vor zwei, halb drei am Nachmittag.

Niemand schaffte es je die Nacht so breit zu treten und in die Länge zu ziehen wie mein alter Kumpel Karlos. Er machte Chewing Gum aus der Nacht, er verbog die Zeit, wie es ihm in den Kram passte, er machte einen Riesenschlenker um den helllichten Tag, er baute ein Wurmloch an, um noch ein Extra-Stündchen rauszuholen, er rauchte beim Schlafen, er war der erste deutsche Schläfer.

Ein zäher Hund.

Die Eltern wohnten in diesem efeubewachsenen Haus gegenüber der Evangelischen Stadtkirche, an deren Glockenturm dieses Bibelwort in Messing prankte:

O LAND
LAND
LAND
HÖRE DES
HERRN WORT

Meist war es sein Mütterchen, das mir die Haustür öffnete, wenn ich Karlos am Nachmittag abholen wollte, und noch bevor ich hallo sagen konnte, flüsterte sie mit leicht vorwurfsvoller Stimme, und immer ein wenig neckisch, als trüge sie Sonnenschirmchen und Nonnentracht ohne was drunter,

“psst..! Karlos schläft noch.”

„Gut“, sagte ich, „ich geh mal gucken.“

Vermutlich wäre es ihr lieber gewesen, ich hätte ein Stündchen im Garten gesessen, eine Zitronenlimonade getrunken und duldsam darauf gewartet, dass Karlos von ganz allein wach geworden wäre, doch ich steppte schon die knarrende Treppe hoch bis unters Dach, wo Karlos eine von zwei winzigen Kammern bewohnte.

Schräge Wände, nikotingetränkte Jalousie, der Boden mit Playboyheften und leeren Zigarettenschachteln übersät. Karlos hatte diesen Tick. Wenn er eine Packung Zigaretten aufmachte, entfernte er das Zellophan, entnahm mit gekonntem Griff sämtliche Kippen und stopfte sie falschrum in die Schachtel zurück, mit dem Filter nach unten. Es machte keinen Sinn, es sah scheiße aus, aber er konnte es nicht lassen. Hätte er im Suff jemanden erschlagen und die Kippen am Tatort verloren, sie hätten ihn unmissverständlich verraten. Diesen Tick gab es rauf bis nach Pjöngjang nur ein einziges Mal.

Es war brandgefährlich.

„Sauf wenigstens nicht so viel, damit du im Suff niemanden erschlägst“, riet ich ihm, doch Karlos war ein sturer Bursche, der gern mal ausschlief und dauernd Ärger mit seinem Vater hatte. Einmal hörte ich, wie eine seiner Standpauken mit einem gurgelnden “.. dann verreck doch!” endete.

Karlos war spät in der Nacht heim gekommen und hatte im besoffenen Schädel das Klo nicht gefunden, worauf er kurzerhand den Speicher zum Pissoir erklärte. Das brachte das Fass, sozusagen, zum Überlaufen.

“Nicht nur, dass der Taugenichts bis in die Puppen pennt, jetzt schifft er uns auch noch den Speicher voll! Mach dass du verschwindest! Verreck doch!”

Doch da war Karlos’ Mutter vor, ein rundliches kleines Persönchen, das die Hand über ihren Ältesten hielt. Im Hochsommer flanierte sie gern unterm Sonnenschirm durch die Parkanlagen der Stadt, mit einem schinanten Lächeln im Gesicht. Sie erinnerte mich an eine Figur aus den rätselhaften Klavierstücken von Erik Satie. Kein Wunder, dass Karlos’ jüngerer Bruder früh Talent zum Klavierspielen entwickelte und Kirchenorganist wurde.

Auf den letzten Treppenstufen hörte ich sie schon, Kinskis kratzig-verruchte Stimme, stets auf dem Weg ins Bordell, um etwas Zunge zu ergaunern: Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund, Karlos‘ erklärte Lieblingsscheibe.

Eine Sprechplatte, die er noch im Schlaf inhalierte.

Lange vor unserer Zeit war Klaus Kinski mit Rezitationsabenden durch die Republik gezogen. Er hatte große Hallen gefüllt mit Texten von Rimbaud und Francois Villon, es war Kinskis beste Zeit gewesen.
Er war großartig. Er wimmerte, er flehte, er bellte, er mordete. Er klang wie ein Irrer, der zugeschaltet aus dem späten Mittelalter zu seinen Fans sprach, live aus stinkigen Pariser Spelunken, wo er als gebrochene Bestie um Liebe bettelte, um Verzeihung und Absolution.

Karlos war ein bedingungsloser Verehrer von Klaus Kinski, und da wir damals viel Zeit miteinander verbrachten, durchlitt auch ich Villons Erdbeermund  viele Dutzend Male, auch ich konnte das verkratzte Album beinah auswendig mitbrüllen, mitmorden, mitbetteln, bis die Scheibe eines Tages materialmüde auseinanderbrach.

Oben angekommen, stieß ich die Zimmertür auf. Karlos lag im Bett, sein Gesicht verschwand unter der Daunendecke. Nur die Nasenspitze lugte hervor, rot und cholerisch, ein gewaltiges Teil, mit dem man nach Würmern graben konnte. Mehr war nicht zu sehen von Karlos.

In der engen Dachkammer stank es wie im Hundezwinger, kalt und organisch. Und: Die Hunde hatten Schnaps gesoffen. Die Luft blieb einem weg. Ich atmete vorsichtig durch den Mund. Das war nicht der Vorhof der Hölle, das war Rimbauds Hölle, und da lag der Höllenhund in seinem weichen Kerker, und er schnarchte wie ein Lastesel.

„Ist Karlos schon wach?“ hörte ich seine Mutter von unten herauf rufen, durchs Spalier der Treppengeländer. „Er soll runterkommen, Essen ist fertig!“

Dann zu mir: „Willst du einen Happen mitessen?“

„Nee, danke!“

Damals war es schwer in Mode, Reclam-Heftchen in die Gesäßtasche zu stecken, aus der Reihe Universal-Bibliothek mit Texten von Dickinson, Poe oder Beckett. Unser gemeinsamer Freund Schnaat etwa bevorzugte Arthur Rimbauds Kracher Eine Zeit in der Hölle/Une Saison en Enfer, und zwar die zweisprachige Ausgabe Deutsch/Französisch, aus der man sich abends am Tresen gegenseitig vorlesen konnte.

Einst, wenn ich mich recht erinnere,
war mein Leben ein üppiges Fest,
da öffneten sich alle Herzen,
da flossen alle Weine..

Was für herrliche Worte, besonders wenn man selbst erst neunzehn ist und die Vorstellung, auf sein Leben zurückzublicken, noch sentimentale Verzückung auslöst, weil das Alter noch weit, weit weg ist, in einer anderen Dimension, wo man noch nicht gehörnt ist vom schmutzigsten aller Nebenbuhler, dem Verfall.

Auch wenn es auf Kinskis Erdbeermund geradezu zarte und klare Passagen gab, wie in der Kindheit, wenn man den Schorf vorsichtig von der Wunde knibbelt und darunter schimmert schon der Glanz einer neuen rosa Haut durch, oft deprimierte mich die Stimmung auf der Platte.

Sobald Karlos nun wach war, die Bettdecke fortstieß und mürrisch Richtung Scheißhaus tapperte, („mal schön auspennen, nee, ist nich drin in dem Puff hier..“), nahm ich Kinski vom Plattenteller und legte eine andere Scheibe auf. Was nicht so einfach war, bei seiner spärlich bestückten Plattensammlung..

The Best of The Monkees, Ernst Jandl.

Ich zog die alte Klampfe unterm Bett hervor, eine verstimmte, nicht mehr bundreine Klira, die eine Nacht lang am Lagerfeuer gelegen hatte, aber es reichte für zwei, drei knackige Chuck Berry-Riffs, die Schnaat mir beigebracht hatte,

with no particular place to go.

Und wenn Karlos endlich vom Pott kam und sah meinen Duckwalk an der schief tönenden Wandergitarre, war er ruckzuck in den Klamotten, der lahme Klepper war ausgehfertig in nicht mal einer Minute, inklusive Kippe im Hals,

„Mensch, Glumm! Lass uns endlich losmachen!“

 

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9 Gedanken zu „Karlos, der Zeitverbieger

  1. „Auch wenn es auf Kinskis Erdbeermund-Album geradezu zarte und klare Passagen gab, wie in der Kindheit, wenn man den Schorf vorsichtig von der Wunde knibbelt und darunter schimmert schon der Glanz einer neuen rosa Haut, …“
    Was für ein wunderbares Bild!!
    Mal wieder: 1.000 Dank für die Texte

  2. Soso,‘ schwarzen Schnurbart und Narben wegretuschiert.
    Trotzdem ist mein Mitarbeiter noch gut zu erkennen. :)))

  3. Bei uns war’s Markus,komischer weise fand er Kinski genial und schleppte immer etwas von Rimbaud mit sich rum,der wirklich manchmal locker 15 Stunden durchpennen konnte.ich lese Deine Geschichten seit acht Tagen und erwähnte schon in einem anderen Kommentar,dass mich unzählige Gemeinsamkeiten in so gut wie jeder Deiner Geschichten verwundern,teilweise erschrecken.und wir waren ein Jahrzehnt später on the road.ob es sowas heute noch gibt (meine den Zeitgeist in Deinen Geschichten)?haben wir nicht in einer unfaßbar geilen Zeit unsere Jugend und die 20er verbracht?gibt es auch in Zukunft solch hervorragende Geschichtenerzähler?ich glaub ich will’s gar nicht wissen.

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