Frisörbesuch

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Er ist Frau Molls hartnäckigster Verehrer: Marley, ein gestandener und immerzu schmutziger Deutsch Drahthaar, der gern mit dem Bauch im Bach liegt, aber was für ein Gentleman..

Nach dem Gassigehen begleitet er unsere Hündin bis zur Haustür und verabschiedet sich mit einem galanten Knurren. Manchmal putzt er ihr das Öhrchen und heult ein kleines Wolfslied aus vergangenen Zeiten. Alles für Frau Moll.

Als Gesellschaftsdame hat sie nur einige wenige Termine frei.

Das Frauchen von Marley, ewiger Fan von Robbie Williams, ist Frisörin. Sie jobbt oben in der Cut Lounge und erzählt mir, dass man letztes Jahr ein Loch in ihrem Schädel entdeckt hat, das fix abgedichtet werden musste.

Danach lag sie vier Wochen im Koma.

Alle dachten, wenn sie wieder aus dem Koma erwacht, müsse sie alles neu lernen. Nun ist sie schon ein Jahr aus der Klinik heraus, will aber nichts neu lernen.

“Bringt doch nichts”, sagt sie aufgekratzt. “Ich bin auch so.. ganz heiter. Ich ähm meine.. nein, heiser. Mein Mann hat mir schon zwei Scharlach gegeben gegen die Heiserkeit – nein – nicht Scharlach.. wie heisst das noch..? Zwei.. na..”

Ich will ihr helfen, aber sie lässt mich nicht. Sie schaut weg.

“So Schnaps. Gegen meinen Kopf.. nebel. Zwei Stück oder zwei Glas.., nicht Scharlach. Cognac..! Zwei Cognac! Mensch, hab ich Nebel..”

Ihr Deutsch Drahthaar-Rüde hat jedes Mal einen neuen Namen, wenn wir uns begegnen. Marley hiess schon Angel, Charlys Girl und zehn Mal anders. Ein temperamentvoller Bursche, aber manchmal macht sich Ratlosigkeit breit im Hund. Und da ist viel Hund, viel Platz, viel Ratlosigkeit. Als sein Frauchen davonwackelt, im kurzen Sommermäntelchen mitten im Februar, wie eine schwankende Fähre, die niemals einen Hafen findet, man hätte das Loch vielleicht drin lassen sollen.

*

Cut Lounge.

Ich komme eine halbe Stunde vor Feierabend. Die Chefin ist müde und übergibt mich in die Hände ihrer kroatischen Mitarbeiterin. Eine schweigsame kaugummikauende Person, die irgendwann von der Chefin die Order bekam, während der Arbeit keine Kaugummis mehr zu kauen, weil der Deutsche das nicht gerne sieht, dass man ein Kaugummi im Mund hat, während man arbeitet und Geld verdient. Du darfst in Deutschland bei der Arbeit alles sein, hat die Chefin gesagt, müde, geil, alles darfst du sein, aber nicht lässig.

Schade, ich hatte sie immer ganz gern lässig kauend in meinem Rücken. Ab und an hob ich den Blick und konnte im Spiegel zusehen, wie sie ein Wrigleys frisch in den kleinen kroatischen Mund einführte, wo es aufblitzte wie ein langes weißes Komma.

Sie ist eine langsame, eine hypnotische Frisörin. Es dauert nicht lange und ich verfalle unter ihren Händen in eine Art Duldungsstarre, bei der die Augen geschlossen bleiben und man nur noch das Klappern der Scherenblätter vernimmt. Ein Klang, so weich und so fern, als säße man nebenan im Kabuff und lausche den Kolleginnen, die sich ein Pausenbrot schmieren mit gleichmäßig-rhythmischen Bewegungen.

Fünf Minuten später hilft sie mir aus dem Kittel und das eben noch lange Haar ist in den ewigen Jungsgründen verschwunden. Genial.

Eine Zauberin.

Sie trägt einen weißen Rollkragenpullover, mit Haaren drauf, von mir.

*

WM-Splitter

9 Spiele Sperre! Suarez: „Ich könnt mich in den Arsch beissen!“

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