Romeo gegen Julia

Astrid funkelte in all ihrer Jugend. Sie war groß gewachsen und schlank, und ihre Brüste ein biblisches Ereignis, gebenedeit geradezu, soweit ich das beurteilen konnte. Und sie roch lecker nach Brausetütchen, die man am Meer gegen den Wind hält.

Ich lernte Astrid an einem schwülen Sommerabend im Keller kennen, einer Szenekneipe mit angeschlossenem Programmkino. Der Keller lag in den Katakomben einer stillgelegten Brauerei an der Schützenstrasse, einem gewaltigen Backsteinbau. Stieg man die steile Treppe runter und öffnete die Stahltür, schlug einem der feuchte Hefegeruch vom jahrzehntelangen Einlagern der Bierfässer entgegen. Eine düstere Atmosphäre, die an den Cavern Club in Liverpool erinnerte. Die Decken waren niedrig, die Wände unverputzt, die Musik von früher. Einige ausgediente Bierfässer hatte Coco, der Pächter, fest im Boden verschrauben lassen, sie dienten als Stehtische, auf denen lange Kerzen brannten, aber sie schafften nicht mehr als ein funzliges Licht.

Coco, ein stadtbekannter Rock’n Roller, war nicht nur beseelt von der Beat- und Surfmusik der frühen 60er Jahre, The Kinks, The Who, Dick Dale, er war auch vernarrt in die Alkoholeskapaden von Harald Juhnke. Ganze Wände des Keller waren zugepflastert mit Seite 1-Aufmachern der BILD-Zeitung.

JUHNCKE IN WIEN: SCHON WIEDER VOLL!

ER KANN ES NICHT LASSEN! JUHNCKE BESOFFEN VON BÜHNE GEKIPPT!

„ICH HATTE NUR EINEN PICCOLO VORHER!“

Coco war ein Schrat, ein Unikum, behangen mit Schmuck und schwerem Voodookram. Der Keller war sein Kind und er steckte all seine Energie hinein. Für das angeschlossene Programmkino kassierte er Jahr für Jahr Förderpreise des Landes, die ihn über Wasser hielten. Das Kino war klein und gemütlich und hatte sein Stammpublikum, das auf ausrangierten Sofas und Ohrensesseln voller Brandlöcher Platz nahm, es durfte geraucht werden. Als Aschenbecher standen leere Erdnussdosen bereit, Ültje.

Jahre später, zu Beginn der 90er, als die halbe Stadt plötzlich auf Junk war, wohnte ein paar Häuser weiter die Strasse rauf Paolo, ein hagerer Italo-Dealer, der seine Stammkundschaft gerne aus der Badewanne heraus bediente, ciao, ragazzi! Dabei hatte er eine Zigarre im Mund und spielte mit Badeschaum. Der lässigste Dealer, den ich je hatte. Wenn ich von ihm kam, aus seinem Badezimmer, vergrub ich mich nicht selten mutterseelenallein im unterirdischen Kellerkino, schnappte mir eine leere Erdnussdose und schaute japanische Kunst- und Sexfilme, bis ich selig wegdämmerte.

Im heißen Sommer 1986 fand in Mexiko die Fußball-WM statt und in den Zentren meiner Sucht regierten noch Bier und Marihuana. In meinem Notizbuch aus diesen Tagen finden sich Originalzitate, etwa von Benzini: „DIE GUTEN MÄNNER VERZWEIFELN: Junge, ich will nicht so alt werden!“

Ich fand diesen Job im Turmhotel als Kofferträger für amerikanische Reisegruppen, die auf ihrer Heart of Europe-Tour Station in unserer Stadt machten. Wenn der Reisebus mit den Amis ankam, meist am späten Nachmittag, verteilte ich das Gepäck auf die einzelnen Zimmer, und am nächsten Morgen, bei Abreise, schaffte ich alles zum Bus zurück. Dafür kassierte ich vom Reiseleiter pro Gepäckstück einen Dollar fünfzig. Bei im Schnitt fünfzig Touristen machte das 75 Dollar, und da sich die Amis beim Trinkgeld freigiebig zeigten, (vermutlich gingen sie davon aus, dass ich als Gepäckboy, wie in den USA üblich, von ihrem tip lebte), waren 100 Dollar am Tag keine Seltenheit. Dafür hatte ich schnell Schwielen an den Händen.

Ich wurde Stammgast am Devisenschalter der Stadtsparkasse, wo ich jeden Morgen bündelweise die grüne US-Marie gegen D-Mark umtauschte, auch wenn Dutzende abgegriffener Ein-Dollar-Scheine am Schalter nicht gern gesehen waren.

In diesem Sommer war ich ein gemachter Mann. Ich war jeden Tag früh auf den Beinen, ich hatte für meine Verhältnisse Unmengen Kies auf der Tasche, ich war braungebrannt. Wenn die Sonne morgens um neun auf die Dächer knallte, hatte ich meinen Job schon getan. Ich trug fingerdick Tiroler Nussöl auf und legte mich hinters Haus in den Garten, um die gewaltlose Koexistenz mit Bremsen, Bienen und Hornissen zu feiern.

Auch was den Liebeskummer anging war ich auf dem Weg der Besserung. Ich hatte mich dem Gedanken arrangiert, von nun an ohne Lena zu leben. Und siehe: Es war gar nicht mal so übel.

Nachmittags klingelte das Telefon. Es stand auf dem Fensterbrett, damit ich vom Garten aus bequem den Hörer abnehmen konnte. Es war das weltweit erste Mobiltelefon. Lena war dran. Die große, verflossene. Wir waren seit einem halben Jahr auseinander, nach einigem Hin und Her. “Ich weiß, wie du dich fühlst”, hatte sie noch im Frühling am Telefon gesagt. “Du trinkst zu viel und morgens ist niemand da, der dir einen Kuss gibt.” Das war vorbei. Es war zwar immer noch keiner da, der mir einen Kuss gab, jedenfalls nicht jeden Morgen, aber das war nicht mehr so wichtig.

“Ladylover, sollen wir heute Abend was zusammen machen?” fragte sie.

Ich war überrascht.

“Klar”, antwortete ich. “Warum nicht. Blöde Kuh.”

Nach dem Gespräch legte ich mich wieder in den Garten und wartete, dass es Abend wurde. Beobachtete meine Nachbarin, die alte Frau Kohl, die nur wenige Meter entfernt im Campingstühlchen saß und friedlich vor sich hin strickte. Als ihr ein Wollknäuel aus dem Schoß fiel und den kleinen Hang hinunter rollte, na, da ließ ich ihn rollen ohne meinen Arsch zu bewegen. Sommer 1986, das war Verzetteln in Gesellschaft und Sortieren im Alleinsein, damals wie heute, aber Alleinsein musste auch Alleinsein bleiben, völlige Reglosigkeit, sonst kriegte ich mich nicht sortiert. Was ich damit meine? Keine Ahnung. Woher soll ich das wissen. Die Jahre sind verschollen, Motive längst über alle Berge.

Lena kam um acht. Mexiko spielte gegen Paraguay. Sie kam rein und schaltete rotzfrech um. Im ZDF lief Romeo gegen Julia.

“Romeo UND Julia!”

Per Fernbedienung knispste ich wieder nach Mexiko, wo Diego Maradona gerade seinen Auftritt hatte. Nach einem spektakulären Sololauf übers halbe Feld blieb er stehen, bückte sich und applaudierte den eigenen Füssen.

“Amorcito corazon!” schwärmte ich, “Blutsbruder!”

Maradona war mein Held. Unverdorben, nicht korrupt, adelig.

“Du mit deinem dämlichen Fußball”, meinte Lena.

Wir endeten bei Shakespeare im Zweiten. Als sie eher nebenbei verkündete, dass sie um elf noch mit ihrer Busenfreundin Britta verabredet sei, wurde ich wütend.

“Wenn du nur zum Fernsehen gekommen bist, kannst du dich auch gleich wieder verpissen!”

Sie ging nicht weiter darauf ein. War überhaupt ganz zutraulich an dem Abend. Küsste meine Hände, legte den Kopf in meinen Schoß. Wir saßen gemeinsam auf einem Sessel und guckten Romeo gegen Julia. Ganz brav.

“Romeo UND Julia!”

Ich schaute sie von der Seite an. Es war sowieso besser, wenn sie nicht über Nacht blieb. Ich liebte die Frau immer noch, aber mein Widerwille wuchs mit jedem Tag, den ich alleine war und mich besser sortiert bekam. Ich wusste nicht, woher dieses Gefühl kam, aber plötzlich war es da. So lange war ich ihr nachgelaufen.. komm zurück.. bleib.. Nun nervten mich ihre flüchtigen Küsschen. Die konnte sie sich an den Hut stecken.

Es schellte. Harry und sein bester Kumpel Meckenstock flogen ein, mit zwei Plastiktüten voller Flaschenbier.

“Stören wir?” grinste Harry.

Lena mochte ihn nicht besonders, und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Der labert nur Scheiße, dein Freund Harry, hatte Lena mal gesagt, als Harry am Tresen gerade die Vorzüge polnischer Frauen pries. Die sind super durchblutet, die Polackinnen, nicht so wie die deutschen Weiber mit ihren Spatzenköpfchen und dicken Hausfrauenbeinen.

Worauf ihm Lena einen Vogel zeigte.

Kauf dir doch gleich ne Plastikpuppe, die machen auch nicht so einen Lärm, wenn du in sie reinspritzt.

“Nee ihr stört nicht, ist schon in Ordnung”, grinste ich zurück, “Lena haut sowieso gleich ab”, und fühlte mich ganz wohl dabei.

Harry war schon ziemlich betrunken und wollte unbedingt Straße der Sehnsucht hören, den sentimentalen Evergreen von Peter Kraus. Ich besaß die Original-Single, die ich in diesem Sommer so oft spielte, dass die Leute schon von sich aus auf mich zukamen und die zerkratzte Edelschnulze forderten, während ich sie bald nicht mehr hören konnte. Ich war Straße der Sehnsucht pappsatt. Der Fluch des selbst angeschobenen Kults.

Ich hatte partout keine Lust, die Single aufzulegen, aber Harry und Meckenstock ließen nicht locker und irgendwann wurde es mir zu doof und ich gab nach.

“Na schön – aber nur ein Mal.”

Lena verabschiedete sich.

“Nicht schon wieder die scheiß Schnulze. Ich hab Dienstag frei. Sollen wir noch mal was zusammen kochen?” flüsterte sie. “Dazu hätte ich Lust. Und auch zu anderen Sachen..”

“Meinetwegen”, sagte ich.

“Na ja, lass uns telefonieren”, sagte sie. “Ich ruf dich mal an.”

Was war das denn jetzt?! Ach, scheiß drauf. Weg war sie. In ihrem neuen Auto. Sie hatte es geschenkt bekommen, zu Geburtstag. Von ihrem Schrauber, einem ihr tausend Verehrer. Er wusste angeblich nicht, was er ihr sonst hätte schenken sollen. Ein Auto.

Mit den Jungs machte ich das restliche Bier leer, dann riefen wir ein Taxi. Auf der Fahrt ins Mumms, unserer Zentrale in der Innenstadt, gaben wir eine a-capella-Version von Straße der Sehnsucht zum besten. Ich zog vor, Harry und Meckenstock zogen nach. Zum Schluss fiel sogar der Taxifahrer in den Refrain ein.

Einmal heiß geliebt zu werden, einmal nicht beiseite stehen, ja, das.. wär schön..

Straße der Sehnsucht, einsam und still, dir muss ich folgen bis an mein Ziel..

Das Mumms war komplett tot an diesem Abend. Die Leute hockten daheim und guckten Fußball. Harry und ich beschlossen, in den Keller zu fahren. Meckenstock hatte keine Lust, blieb im Mumms.

Meckenstock war ein undurchsichtiger Bursche. Er hatte immer Kohle auf der Tasche, obwohl er so gut wie nie arbeitete, und er war wie ein lässiger Geschäftsmann gekleidet, einer, der Popcorn-Maschinen verlieh oder große bunte Party-Zelte. Vom vielen Saufen war seine Bauchspeicheldrüse hinüber. Die Ärzte verboten ihm jeglichen Alkohol, aber er konnte es nicht lassen. Meist orderte er Sekt, dem er durch ständiges Rühren mit dem Eislöffel den Sprudel entzog, damit sein Magen noch ein Weilchen mitspielte.

Er war eine einzige Trink-und Sitzmaschine und voller Marotten und Tics. So musste er ständig Dinge berühren. Man ging mit ihm durch die Stadt, runter zum Chinesen, und Meck blieb alle Nase lang stehen und spürte mit den Fingern den Hauswänden entlang. Ganz leicht nur, mit den Fingerspitzen. Hauswand für Hauswand. Als wären überall kleine Geheimnisse verborgen, Vagabunden.

Ich bin mal nachts mit ihm durch die Stadt gezogen, und irgendwann mal führte er mich in ein Innenstadt-Büro. Kärglich möbliert, wie in einem amerikanischen Film Noir-Thriller, kein Schild an der Türe, nicht mal eine Klingel. Auf meine Frage, wem das hier gehöre, hat er nur milde gelächelt. In eine Schublade gegriffen und einen Bündel Geldscheine rausgezogen. Dann sind wir wieder los. Ein rätselhafter Bursche.

Meck war schwul, aber auf eine solch unschwule Art und Weise, dass kaum jemand davon wusste. Und er war nicht gerne schwul. Ich würde alles dafür geben, normal zu sein, sagte er einmal zu mir. Dennoch gab es wichtigeres. Ich kannte niemanden, der sich so dem Trinken verschrieben hatte. Alles wurde dem Alkohol untergeordnet, quasi drumherum organisiert. Selbst der Vorgang des Trinkens war auf beinah soldatische Art ritualisiert: Das Glas vom Tresen gerissen wie eine scharfe Handgranate und zack zack runtergespült, auf ex.

“UND JETZT MÜSSTE ES EINEN KNALL GEBEN – UND ICH BIN VOLL!”

Das war sein größter Traum.

Harry und ich riefen ein Taxi. Es kam derselbe Fahrer, der uns eine halbe Stunde zu Hause abgeholt hatte.

“Zur Straße der Sehnsucht, Jungs?”

“Immer, Meister. Immer.”

Und dann saß sie da im Keller, an diesem zerschrammten und schwach beleuchteten Ecktisch, ganz hinten, Astrid. Mit hochgesteckter Doo-Wop-Frisur, mächtigen Möpsen und einem scheuen Rehlächeln. Ich setzte mich zu ihr, weil sonst nirgends was frei war, und baggerte sofort drauflos, ganz gegen mein Naturell. Ich machte richtig auf Silberrücken, ich betrommelte meine Brust, und als hätte Coco es gerochen, legte der Boss nur funzlige kleine Balladen auf. This ole Devil called Love, Something (in the way she moves) und solche Sachen, die mich zusätzlich anspornten und zur entscheidenden zweiten Luft verhalfen.

Irgendwann hatte ich Astrid soweit. Ich bin unheimlich weiß und ich komm aus dem Beton, entpuppte sich als der Schlüsselsatz. Wir  gingen raus vor die Tür und fummelten und knutschten, als wären wir gerade Sechzehn geworden.

Endspielsonntag. Maradona und Argentinien waren Weltmeister geworden. Nach dem Finale gegen Deutschland strömten Tausende in die Innenstadt, mit riesigen Fahnen, stockbesoffen, Unheil lag in der Luft. Vorm Mumms riss ich irgendwem die Trompete aus dem Gesicht und zog “AR-GEN-TINA! AR-GEN-TINA” pöbelnd los, nicht etwa weil ich den Gauchos den Titel so sehr gönnte, sondern weil mich diese kalte sabbernde Aggressivität nervte, mit der die Leute durch die Stadt stiefelten und die Niederlage nicht verkrafteten. So rempelte ich gegen die besoffene Menge an, “AR-GEN-TINA! AR-GEN-TINA!” trompetend und selbst natürlich keinen Deut weniger besoffen. Dass ich in dieser Nacht nichts auf die Fresse gekriegt habe, lässt sich im Nachhinein nur mit dem Sondereinsatz meiner Schutzengel erklären.

Es nervte gewaltig. Ob Weltmeister 1986 oder Vize-Weltmeister 1986 – was ein Scheißdreck. Mir gefielen andere Sachen. Siegesgewiss in die Schlacht ziehen und 10:0 untergehen – das ging in Ordnung. Oder 3:4 nach Verlängerung und dramatischem Spiel, das hatte Größe. Verlieren nach großem Kampf.

Um zwei Uhr in der Nacht stand ich vorm Cafe Tijuana in Gräfrath, das einen Schlag Süden in die Stadt brachte, und hielt den Daumen raus. Tatsächlich hielt der erstbeste Wagen an und nahm mich mit bis in die Innenstadt. Auf der Schützenstrasse ruderte ich die letzten Meter bis zum Keller an den Hauswänden entlang und ruinierte meine Jeansjacke. Ich hatte nur eins im Kopf: ich wollte gucken, ob Astrid da war.

Nach unserem ersten Abend hatte ich versprochen sie anzurufen, was ich nicht gemacht hatte, warum auch immer. Im Keller stiefelte ich schnurstracks nach hinten, wo die Tische standen. Der Laden war rappelvoll an diesem Abend, und wieder saß sie in der dunklen Ecke.

“Hör zu”, sagte ich. “Ich hab dich nicht angerufen, das tut mir leid, aber jetzt bin ich hier. Nur wegen dir.”

Astrid meinte später, sie hätte es beinahe mit der Angst bekommen, wie ich da auf sie zugestiefelt kam, mit diesem irren Glanz in den Augen. Von da an waren wir zwei Tage lang zusammen. Sie wohnte in Wermelskirchen, gut dreißig Kilometer entfernt. Sie hatte gerade ihr Studium abgeschlossen und war ohne Umweg ins mittlere Management einer Firma eingestiegen, die chirurgische Instrumente anfertigte.

“Bring mir doch mal was mit”, forderte ich sie irgendwann auf.

“Mitbringen? Was denn mitbringen?”

“Na, irgendwas aus eurem Sortiment. Einen schönen Hobel, oder so Klammern, die man braucht, wenn jemand am offenen Bauch operiert wird.”

Ich nervte sie solange, bis sie mir endlich ein Reflexhämmerchen ins Mumms  mitbrachte. Aber da hatten wir schon längst nichts mehr miteinander. Da war das nur noch das Reflexhämmerchen von einer Ex.

Montag früh um halb acht fuhr sie mich zum Turmhotel, wo ich meinen Job zu erledigen hatte. So ein großer Gepäckboy, lachte sie. Sie wartete ein halbes Stündchen im Wagen, bis ich fertig war mit den Koffern und Taschen aus Kansas und Chicago. Weil der Devisenschalter der Sparkasse erst um neun öffnete, hatten wir noch Zeit und bumsten im Auto. Trotz der frühen Stunde war es schon so schwül, dass mir der Schweiß in die Augen rann und ich alles wie durch einen flirrenden Vorhang sah. Sie hatte Möpse, Junge Junge, wie im Kino. Danach fuhren wir nach Wermelskirchen und frühstücken mit Sekt, wobei ich die Hälfte des Schampus über meine Hose verspritze.

Nachmittags tauchten Bekannte von Astrid auf. Ein Pärchen aus Köln, eine dicke Matrone und ihr Feuerwehrmann. Sie konnten nichts mit mir anfangen, weil ich die ganze Zeit im Bett blieb mit meinem Ständer, den zwar niemand sah, der aber die Atmosphäre bestimmte. Jedenfalls waren Astrid und ich heilfroh, als die Beiden sich endlich verabschiedeten.

In der folgenden Nacht kühlte es nicht ab, es blieb stickig. Wir schliefen ohne Decke, und als ich wach wurde, mitten in der Nacht, war es stockdunkel und ich hatte keine Ahnung, wo ich mich befand. Normalerweise, wenn man sagt, es ist stockdunkel, ist irgendwo ein Spalt, durch den etwas Licht einfällt, ein Streifen nur vielleicht, oder die Ziffern eines Digitalweckers leuchten, irgendeine Kleinigkeit, doch in Astrids Schlafzimmer war nichts davon, um mich herum nur Finsternis, bodenlose Schwärze.

In Nullkommanichts stieg Panik in mir hoch, ich griff nach links ins Leere, drehte mich zur anderen Seite, bis ich einen Arm erwischte. Einen Körper. Ich beugte mich hinunter, hörte ein Atmen, aber ich wusste nicht, wem die Luft gehörte, wer das war, wer das sein sollte. Alles strebte fort von mir, ich suchte verzweifelt einen Punkt in der Nacht, der Nähe vermittelte, Orientierung. Ich geriet so durcheinander, dass ich vom Bett aufsprang und mich der Länge nach hinlegte, wobei ich noch den Ventilator mit zu Boden riss, der sofort ansprang und Wind machte, und Lärm.

“ICH BIN BLIND! ICH SEH NICHTS MEHR! HILFE!”

Noch am selben Vormittag nahm ich den Überlandbus von Wermelskirchen nach Hause. Ich nahm mir vor, ein paar Tage lang nichts zu trinken. Die alte Frau Kohl saß in ihrem zerschlissenen Campingstühlchen im Garten und zog sich Obsttorte rein, mit Sahne. Sie winkte freundlich, als sie mich am Fenster sah.

Ich winkte zurück und trat aus Versehen auf Straße der Sehnsucht, die auf dem Teppichboden lag. Dummerweise war es bloß das Cover. Peter Kraus war einfach nicht kaputt zu kriegen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Astrid war schlank, hatte stramme Möpse und roch lecker nach Brausetütchen, die man am Meer gegen den Wind hielt. Ich lernte sie an einem schwülen Abend des WM-Sommers 1986 im Keller kennen, einer Szenekneipe mit angeschlossenem Programmkino.

Der Keller lag in den Katakomben einer stillgelegten Brauerei an der Schützenstrasse, einem gewaltigen Backsteinbau. Stieg man die steile Treppe runter und öffnete die Stahltür, schlug einem der feuchte abgestandene Hefegeruch vom jahrzehntelangen Einlagern der Bierfässer entgegen.

Eine düstere Atmosphäre, die an den Cavern Club in Liverpool erinnerte. Die Decken waren niedrig, die Musik von früher. Einige ausgediente Bierfässer hatte Coco, der Pächter, fest im Boden verschrauben lassen, sie dienten als Stehtische, auf denen lange Kerzen brannten, aber sie schafften nicht mehr als ein funzliges Licht.

Coco, ein stadtbekannter Rock’n Roller, war nicht nur beseelt von der Beat- und Surfmusik der frühen 60er Jahre, The Kinks, The Who, Dick Dale, er war auch vernarrt in die Alkoholeskapaden von Harald Juhnke. Ganze Wände des Keller waren zugepflastert mit Seite 1-Aufmachern der BILD-Zeitung.

JUHNCKE IN WIEN: SCHON WIEDER VOLL!

ER KANN ES NICHT LASSEN! JUHNCKE BESOFFEN VON BÜHNE GEKIPPT!

„ICH HATTE NUR EINEN PICCOLO VORHER!“

Coco war ein Schrat, ein Unikum, behangen mit Schmuck und schwerem Voodookram. Der Keller war sein Kind und er steckte all seine Energie hinein. Für das angeschlossene Programmkino kassierte er Jahr für Jahr Förderpreise des Landes, die ihn über Wasser hielten. Das Kino war klein und gemütlich und hatte sein Stammpublikum, das auf ausrangierten Sofas und Ohrensesseln voller Brandlöcher Platz nahm, es durfte geraucht werden. Als Aschenbecher standen leere Erdnussdosen bereit, Ültje.

Jahre später, zu Beginn der 90er, als die halbe Stadt auf Morphinbase war, wohnte nur ein paar Häuser weiter Paolo, ein hagerer Italo-Dealer, der seine Kundschaft gern aus der Badewanne heraus bediente, ciao, ragazzi! Mach die Tür zu, es zieht!  Wenn ich gelegentlich von ihm kam, aus seinem Dope-Kiosk mit angeschlossenem Bad, vergrub ich mich nicht selten mutterseelenallein im unterirdischen Keller-Kino, zog mir ein Näschen und schaute japanische Kunst- und Sexfilme, bis ich selig wegdämmerte.

Im heißen WM-Sommer 1986 sah die Sache anders aus, ich stand noch auf Bier und Marihuana, von härteren Sachen wollte ich nichts wissen. Heroin war der Pate, der nichts gutes im Schilde führte, und ich machte einen weiten Bogen um ihn. Ich fand einen Job im Turmhotel als Gepäck-Manager, so die offizielle Bezeichnung für den Kofferträger. Ich war zuständig für amerikanische Reisegruppen, die auf ihrer zweiwöchigen Heart of Europe-Tour Station in unserer Stadt machten. Natürlich besichtigten die Amis Köln, also den Dom, aber bei uns waren die Zimmerpreise erschwinglich.

Wenn am Nachmittag der Reisebus ankam vom Flughafen Schiphol in Amsterdam, wurde ich angerufen und flitzte los auf meinem 3-Gang-Rad. Im Turmhotel verteilte ich das Gepäck auf die einzelnen Zimmer, das ich am folgenden Morgen, Abreise Punkt acht Uhr, zurück zum Bus brachte. Dafür kassierte ich vom Reiseleiter pro Gepäckstück 1,50 Dollar. Bei im Schnitt fünfzig Touristen pro Bus kam ich auf 75 Dollar, und da sich die Amerikaner beim Trinkgeld freigiebig zeigten, (sie gingen davon aus, dass ich als Gepäckboy von ihrem tip lebte), waren hundert Dollar pro Bus keine Seltenheit.

Ich wurde Stammkunde am Devisen-Schalter der Stadtsparkasse, wo ich einmal die Woche bündelweise die grüne US-Marie in D-Mark umtauschte. Ich war ein gemachter Mann auf einem 3-Gang-Rad. Ich war jeden Tag früh auf den Beinen, hatte Bargeld auf der Tasche, ich war braungebrannt. Wenn die Sonne morgens um neun auf die Dächer knallte, hatte ich meinen Job schon getan. Ich trug Nussöl auf, drehte einen kleinen Stickie und legte mich hinters Haus in den Garten, um mich in gewaltloser Koexistenz mit Bremsen, Wespen und Hornissen zu üben. Manchmal nahm ich auch ein Buch in die Hand und schlug mittenrein in die scheiß Viecher.

Die Zeit mit Lena war definitiv vorbei. Ich arrangierte mich mit dem Gedanken, von nun an ohne sie zu leben. Und es war gar nicht mal so übel. Ich entdeckte die Freiheit neu, niemandem Rechenschaft ablegen zu müssen. Auch wenn ich nicht viel tat, wofür ich Rechenschaft hätte ablegen müssen. Aber das würde noch kommen. Sollte sie mir doch den Buckel runterrutschen.

Natürlich liebte ich sie immer noch. Aber die Tage, wo ich verzweifelt den Herrgott anrief und seine Männerkameradschaft anmahnte, in seiner Funktion als Schicksalsmacher, als Wegbereiter, als.. ALS GOTT EBEN, HERRGOTT NOCH MAL, waren vorüber. Sagen wir, fast, fast vorüber. Wenn ich nämlich mein Konfirmatonsjäckchen aus der Ecke holte und durch die Stadt promenierte, wartete ich ja nur darauf, dass sie in ihrem grünen Alfa vorbeirauschte, erstaunt das Seitenfenster runterkurbelnd: He, der Bursche sieht ja richtig gut aus..! DEN HOL ICH MIR ZURÜCK!

Arschlecken, Mariechen!

Nachmittags klingelte das Telefon. Es stand draußen auf dem Fensterbrett, damit ich vom Garten aus bequem den Hörer abnehmen konnte, es handelte sich weltweit um mein erstes Mobiltelefon. Lena war dran. Wer sonst. Die große verflossene. Wir waren seit ein ein paar Monaten auseinander, nach einigem Hin und Her und sechs Jahren.

„He.. Ladylover, sollen wir heute Abend was zusammen machen?“

Ich war überrascht.

„Klar“, antwortete ich. „Warum nicht. Blöde Kuh.“

Ich legte mich wieder in den Garten und wartete, dass es Abend wurde. Ich beobachtete meine Nachbarin, die alte Frau Kohl, eine hochgewachsene nette Person, die nur wenige Meter entfernt im Campingstühlchen saß und beim Stricken den Wollknäuel verlor, er fiel ihr aus der Hand. Und als der Stoffballen die abschüssige Wiese runterrollte und gar nicht mehr aufhören wollte zu rollen, wie ein verspieltes graues Kätzchen, na, da ließ ich ihn rollen.

Lena kam um acht. Argentinien spielte gegen England. Sie kam rein und schaltete rotzfrech ins Zweite, da lief was von Shakespeare. Romeo gegen Julia. Per Fernbedienung knipste ich zurück nach Mexiko-Stadt, wo Diego Maradona seinen Auftritt hatte. Nach einem spektakulären Sololauf übers halbe Feld blieb er plötzlich stehen, bückte sich und applaudierte den eigenen Füßen.

„Amorcito corazon!“ schwärmte ich, „Blutsbruder!“

Maradona war mein WM-Held 1986. Unverdorben, nicht korrupt, adelig.

„Du mit deinem dämlichen Fußball“, meinte Lena.

Als sie eher nebenbei verkündete, dass sie um elf noch mit ihrer Busenfreundin Britta verabredet war, wurde ich wütend.

„Wenn du nur für deinen Shakespeare hergekommen bist, kannst du gleich wieder abhauen!“

Sie ging nicht weiter darauf ein. War überhaupt ganz zutraulich an dem Abend. Küsste meine Hände, legte den Kopf in meinen Schoß. Wir teilten uns einen Sessel und schauten abwechselnd Fußball und Spielfilm. Ganz brav alles. Ich blickte sie von der Seite an. Sie hatte recht, es war besser, wenn sie nicht über Nacht blieb. Ich liebte die Frau immer noch, aber mein Widerwille wuchs mit jedem Tag, den ich allein war und mich besser sortiert bekam. Ich wusste nicht, woher das Gefühl kam, aber plötzlich war es da.

So lange war ich ihr nachgelaufen.. komm zurück.. bleib.. geh nicht.. Nun nervten mich ihre flüchtigen Küsschen. Die konnte sie sich an den Hut stecken.

Es schellte. Harry und sein Kumpel Meckenstock standen vor der Tür, mit zwei Plastiktüten voller Flaschenbier.

„Stören wir?“ grinste Harry.

Lena mochte ihn nicht, und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Der labert nur Scheiße, dein Harry, hatte Lena Tage zuvor noch gemeint, als Harry am Tresen die Vorzüge polnischer Frauen pries. Die sind super durchblutet, die Polackinnen, nicht so wie die deutschen Weiber mit ihren Spatzenköpfchen und dicken Hausfrauenbeinen, worauf ihm Lena einen Vogel zeigte.

Kauf dir doch gleich ne Plastikpuppe, die machen auch nicht so’n Lärm , wenn du in sie reinspritzt.

„Nee, ihr beiden stört nicht, ist schon in Ordnung“, grinste ich, „Lena haut sowieso gleich ab“, und fühlte mich ganz wohl dabei.

Harry war betrunken und wollte unbedingt Straße der Sehnsucht hören, den Evergreen von Peter Kraus. Die 45er-Original-Single war in meinem Besitz, und ich hatte sie in diesem Sommer so oft gespielt, dass die Leute schon auf mich zukamen und den sentimentalen Edelschlager forderten, während ich es nicht mehr hören konnte. Der Fluch des selbst angeschobenen Kults.

Ich hatte partout keinen Nerv, Straße der Sehnsucht aufzulegen, aber Harry und Meckenstock ließen nicht locker und irgendwann wurde es mir zu doof und ich gab nach.

Lena verabschiedete sich.

„Nicht schon wieder die dämliche Schnulze. Ich hab Dienstag frei. Sollen wir noch mal was zusammen kochen?“ flüsterte sie. „Dazu hätte ich Lust. Und auch zu anderen Sachen..“

„Meinetwegen“, sagte ich.

„Na ja, lass uns noch mal telefonieren“, sagte sie. „Ich ruf dich an.“

Was war das denn jetzt?! Na, scheiß drauf. Mit den Jungs machte ich das Bier leer, dann riefen wir ein Taxi. Auf der Fahrt ins Mumms gaben wir eine a-capella-Version von Straße der Sehnsucht zum besten. Ich zog vor, die Jungs zogen nach. Zum Schluss fiel sogar der Taxifahrer in den Refrain ein.

Im Mumms war nichts los, die Leute schauten alle Fußball. Harry und ich beschlossen, in den Keller zu fahren. Meckenstock hatte keine Lust, er blieb, wo er war, im Mumms.

Meckenstock war ein undurchsichtiger Bursche. Obwohl er nie einem Job nachging, kleidete er sich wie ein Businessman, der glitzernde Popcorn-Maschinen und Party-Zelte verlieh, und er hatte immer Kohle auf der Tasche. Meistens war er es, der einen ausgab und den Deckel beglich, auf den man den ganzen Abend gesoffen hatte.

Harry und ich riefen ein Taxi. Der Fahrer war derselbe wie eine Stunde  zuvor.

„Zur Straße der Sehnsucht, Jungs?“

„Immer, Meister.. Immer.“

Und dann saß sie da, Astrid, im Keller, an diesem zerschrammten, schwach beleuchteten Ecktisch. Mit hochgesteckter Doo-Wop-Frisur und scheuem Lächeln. Eine Mona Lisa von weit her. Ich setzte mich zu ihr, weil neben ihr Platz war, und baggerte drauflos. Ich machte richtig auf Silberrücken, mit kleinen Einschüben von Zurückhaltung zur rechten Zeit, alles Taktik. Und als hätte Coco es gerochen, legte er eine Reihe funzliger kleiner Balladen auf, raffinierte Einzelposten, die mich zusätzlich anspornten.

Später gingen Astrid und ich vor die Tür, fummelten und knutschten in dunklen Brauerei-Eingängen, wie mit sechzehn. (Dass sie tatsächlich erst achtzehn war, erfuhr ich erst später.)

Endspielsonntag in Mexiko.

Maradona und Argentinien waren Fußball-Weltmeister geworden. Nach dem Finale gegen Deutschland strömten Tausende in die Innenstadt, mit riesigen Fahnen, alles stockbesoffen. Deutschland war nur mit Dusel ins Endspiel gestolpert. Ich hasste dieses Team. Vorm überfüllten Mumms riss ich irgendwem die Trompete aus dem Gesicht und zog „AR-GEN-TINA! AR-GEN-TINA“ pöbelnd los, nicht etwa weil ich den Gauchos den Titel so sehr gönnte, sondern weil mich die kalte sabbernde Aggressivität nervte, mit der die Leute durch die Stadt stiefelten und gegen die Niederlage anstanken.

„AR-GEN-TINA! AR-GEN-TINA!“

Ich rempelte und trompetete gegen die besoffene Menge an, selbst nicht weniger besoffen. Allein die Blicke, die ich kassierte, reichten für den Verrätertod, sie knüpften mich an der nächsten Straßenlaterne auf. Dabei war ich nur ein alberner Störenfried, ein Lump unter tausend Aufrechten, ich war der Kerl mit dem Furzkissen, der nicht genug bekam.

Auch wenn ich fußballverrückt war: Weltmeister werden interessierte mich einen Scheiß. Mir gefielen andere Sachen. Mir gefiel siegesgewiss in die Schlacht ziehen und 10:0 untergehen – das war in Ordnung. Oder bei brütender Hitze ein 3:4 nach Verlängerung und dramatischem Spiel im Halbfinale, das hatte Größe. Verlieren zu können nach großem Kampf. Das war ritterlich.

Um zwei Uhr in der Nacht stand ich vorm Cafe Tijuana in Gräfrath, das einen Schlag Süden in die Stadt brachte, und hielt den Daumen raus. Der  erstbeste Wagen hielt an und nahm mich mit in die Innenstadt. Die letzten Meter Richtung Keller ruderte ich an den Hauswänden entlang und ruinierte mein admiralblaues Konfirmationsjäckchen. Ich hatte nur noch eins im Kopf: Astrid.

Ich hatte ihr versprochen sie anzurufen, woraus natürlich nichts geworden war. Jetzt hoffte ich, dass sie im Keller war. Und sie war da, tatsächlich. Mit Doo Wop-Frisur, scheuem Lächeln, strammen Möpsen – alles wie gehabt. Ich stiefelte schnurstracks auf sie zu. Der Laden war rappelvoll, trotz der späten Uhrzeit.

„Hör zu“, sagte ich. „Ich hab dich nicht angerufen, das tut mir leid, aber jetzt bin ich hier. Nur wegen dir.“

(Astrid meinte später, sie hätte es beinahe mit der Angst bekommen, wie ich da auf sie zugestiefelt kam, mit diesem irren Glanz in den Augen..)

Von diesem Augenblick an blieben wir zwei Tage zusammen. Sie wohnte in Wermelskirchen, einem Kaff im Oberbergischen, dreißig Kilometer entfernt. Am folgenden Morgen fuhr sie mich zum Turmhotel. Ich erledigte meinen Koffer-Job. Weil ich Geld brauchte und der Devisenschalter der Sparkasse erst um neun öffnete, hatten wir noch Zeit und bumsten im Auto. Es war so schwül, dass mir die Augen beschlugen vor lauer Schweiß und ich alles nur durch einen flirrenden Vorhang wahrnahm, wie ein Nachtwächter, der sich in den hellichten Tag verirrt hat.

Wir fuhren zurück nach Wermelskirchen und frühstückten mit Sekt, wobei ich mir die Hälfte des Schampus über die Hose verspritzte. Nachmittags tauchten Bekannte von Astrid auf, ein Pärchen aus Köln, eine dicke Matrone und ihr Feuerwehrmann. Die beiden konnten nichts mit mir anfangen, zumal ich die ganze Zeit im Bett blieb mit meiner Latte, die zwar niemand sah, die aber die Atmosphäre bestimmte. Die dicke Matrone verzog das Näschen. Alle waren heilfroh, als sie sich verabschiedeten.

In der folgenden Nacht kühlte es nicht ab, es blieb so stickig, dass wir ohne Decke schliefen, ein Laken reichte. Als ich wach wurde, mitten in der Nacht, und pinkeln musste, war es stockdunkel und ich hatte nicht die Spur einer Idee, wo ich mich befand. Normalerweise, wenn man sagt, es ist stockfinster, befindet sich irgendwo ein Spalt, durch den Licht einfällt, vielleicht ein winziger Streifen nur, oder die Ziffer eines Digitalweckers leuchten auf, irgendetwas, was zur Orientierung hilft, doch in dieser Nacht, in diesem fremden Bett, war nichts zu sehen, da war nur absolute bodenlose Schwärze.

Panik überfiel mich. Ich beugte mich runter, hörte ein Atmen, aber ich wusste nicht, von wem es kam, wer das sein sollte, welche Person neben mir atmete. Ich fasste ins Leere, erwischte einen Arm, zog die Hand erschrocken zurück. Alles strebte fort von mir, ich suchte verzweifelt einen Punkt in der Finsternis, der Nähe vermittelte, Orientierung.. ich geriet so durcheinander, dass ich plötzlich einen Satz machte und vom Bett fiel, mich der Länge nach hinlegte, wobei ich einen Ventilator mit zu Boden riss, der auf dem Nachtschrank gestanden hatte und sofort ansprang und Wind machte und Lärm..

Noch am selben Vormittag stieg ich in den Überlandbus und fuhr nach Hause. Ich nahm mir vor, es ruhig angehen zu lassen, mal ein paar Tage nichts zu trinken. Die alte Frau Kohl saß in ihrem zerschlissenen Campingstühlchen im Garten und zog sich Obsttorte rein mit Sahne.

Sie winkte freundlich, als sie mich am Fenster sah.

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9 Gedanken zu „Romeo gegen Julia

      • Ich habe einmal einen ganzen Tag damit verbracht die „Frau“ vom ersten Mal wieder zu finden, da es mich einfach interessiert hat wie sie wohl heute aussieht, aber leider kein Glück. Ein Allerweltsvorname und wahrscheinlich geheiratet und den Namen des Mannes angenommen.

  1. „Verlieren zu können nach großem Kampf. Das war ritterlich.“
    Genau: Vergesst das Siegen.

    Schön, wie Du uns Leser mit den strammen Möpsen von A. erst anspitzt, Dich dann in notwendigen Abschweifungen über Milieu und Örtlichkeiten sowie in eine alte Liebe verlierst, um zuletzt noch einmal zu A. zurückzukehren, und das einzige, was dann spritzt, ist der Schampus, zumindest im Text, den wir hier lesen dürfen. Grandios, Deine Verzögerungstaktik. Die Strategie großer Fußballer beim gezielten Schuss vom Punkt.

    Gruß, Uwe

  2. Pingback: Was die Hitze so ausgebrütet hat | Zurück in Berlin

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