Großstadtmythos Goldhamster

Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, dass Goldhamster nicht als Spielkamerad für Kinder taugen, weil sie nachtaktiv sind und tagsüber gern ihre Ruhe haben, doch in den Siebzigerjahren machte man sich darüber keine Gedanken. In den Siebzigerjahren machte man sich überhaupt keine Gedanken, es war das Komm, packen wir noch einen drauf!-Jahrzehnt. Sehr angenehm, aber nicht für jeden. Zum Beispiel nicht für Goldhamster.

Goldhamster hatten in den Siebzigerjahren keine Lobby, sie waren Auslegware in Zoofachgeschäften und Tierhandlungen. Man kaufte Goldhamster zum Mitnehmen wie Doppelte Pommes und packte sie zu Hause aus und dann schnell wieder ein, weil sie undicht waren und nur am pennen.

70er Jahre Hamster waren arme Schweine.

Heute ist das anders. Heute sind 2010er Hamster arme Schweine. Auf You Tube sieht man stolze Hamsterbesitzer in Neuengland, wie sie ihren Hamstern Geschirr im Stil der US-Fahne häkeln, damit sie kleine Wagen über den Wohnzimmertisch ziehen können, wie beim Großen Treck Richtung Westen.

Andere Hamsterbesitzer schildern auf ihrem Hamsterblog, wie ihr Hamster ein Stück Zartbitterschokolade findet und in sich reinstopft. Die Besitzer versuchen alles, um ihm die Beute zu entreißen, doch der Nager ist eisern bis die Schokolade plötzlich schmilzt und ihm aus den Backentaschen quillt. Das läuft richtig über wie bei einer prallvollen Badewanne. Der Hamster, ein Schokobrunnen. Zuletzt rutscht er mit seinen Pfötchen auf der Kuvertüre aus und das total Funny Chocolate & Cappucino Golden Hamster Dancing  nimmt seinen Lauf.

Es gibt auch besoffene Hamster im Internet.

Einer begeht den Fehler, an einem Hochsommertag Wassermelone zu fressen, ein Stück nur, das aber innerhalb kurzer Zeit zu gären beginnt. Zuletzt sieht man ihn durch den Käfig torkeln und wanken, ein Anblick, der fatal an den dicken Bill Haley erinnert, anno 1958 unter den Piss-Laternen von St.Pauli.

Armer besoffener Hamster.

Natürlich gibt es auch eine Engländerin (56). Sie findet ihren alten Daddy-Hamster eines Tages leblos in seinem Häuschen, bettet ihn in eine Faltschachtel um und beerdigt ihn im Garten. Am nächsten Mittag trifft sie fast der Schlag, als der alte Gauner fröhlich durchs Haus scharwenzelt, das Fell verdreckt und um eine Nahtoderfahrung reicher, aber sonst okay. Er war kurz in eine Art Winterstarre getreten und hatte sich nach dem Aufwachen durch die aufgeweichte Pappe und das Erdreich gefressen bis er wieder an der frischen Luft war. (Heute spielt er Cricket in der 3. Liga.)

Die meisten Hamster-Storys im Internet enden damit, dass die lieben Kerle einen selbstgebauten kleinen Karlsson vom Dach-Motor auf den Rücken geschnallt bekommen und unter zynischen Hooray!-Rufen mit Liverpooler Akzent vom Balkon eines Hochhauses auf die letzte Reise geschickt werden. Unten angekommen rollen sie sich locker auf dem Asphalt ab, verstauen den Fallschirm im Gebüsch und gehen auf Wanderschaft. (Panama. Immer Panama. Sollen sie sich doch bei Janosch bedanken, die Panamäer.)

Auch unsere Familie hatte einen Familienhamster in den frühen Siebzigern. Es gab, glaub ich, keine Familie in den Siebzigern ohne einen Hamster, auch wenn es nur versuchsweise für eine Viertelstunde war. Unser Hamster ging an fehlender Zuneigung ein. Schon seine Ankunft am 17. Geburtstag meiner großen Schwester ließ nichts gutes erwarten. Ihr Freund G. platzte ins Zimmer und überraschte meine Schwester mit einem gekonnten Hamster-Seitfallwurf,“hepp!“

Sie verfehlte den Nager knapp, er landete auf dem Boden und watzte verstört von einem Party-Gast zum anderen. (Die Clique trug Boots und Cordhose, auf dem Dual-Plattenspieler drehte sich Electric Ladyland von Jimi Hendrix, und zwar das Eröffnungslied mit dem Hüsteln.) Der Hamster verkrümelte sich aus lauter Angst unter dem bullernden Heizkörper. Die Verbrennungen waren leichter Natur. Wir tauften ihn Pepsi.

Niemand konnte etwas mit Pepsi anfangen, niemand mochte ihn. Er lungerte den ganzen Tag im Käfig herum, unter Heu begraben, nur die vibrierende Gefriertruhe in der Küche, auf dem der Käfig stand, verschaffte ihm etwas Entspannung, eine Bosch-Massage. Selbst in der Nacht, wenn andere Nagetiere aktiv werden und ins Laufrad steigen, hörte man Pepsi nur schwermütig zum Salatnapf schlurfen. Irgendwann ging er ein, sang-und klanglos, vermutlich Fettleber, und wurde samt Nistmaterial & Wheel im Baumhof meiner Großeltern beigesetzt.

Die Gräfin ist dran mit Erzählen. Wie ich höre, traf auch in ihrer Familie pünktlich Mitte der 70er Jahre der Familienhamster ein.

„Das war auch so ein degenerierter Schweinepriester wie euer Hamster, aber im Gegensatz zu Pepsi war er ein freier Bürger.“

Er bekam täglich Auslauf und machte sich in der Küche über den Napf von Trixi her. Trixi war eine alte Spitzdame, der alles egal war, Hauptsache, sie war dabei und es gab was zu lachen.

„Der Hamster hat sich mit Trixis Nassfutter so die Backentaschen vollgestopft, das war krank, das war eklig, der sah aus wie ein Breitmaulfrosch. Er konnte einfach nicht aufhören, Hundefutter zu verdrücken, das war krank, das war abartig, der war schon am röcheln und schlang weiter.. “

„Wie hiess der?“

„Nah.. der hatte keinen Namen, glaub ich. Näh, hatte der nicht. Der hieß Hamster. Fertig. Aus.“

Immerhin starb Hamster als freier Bürger. Vermutlich. So genau wusste es niemand. Er tauchte nämlich eines Tages nicht mehr auf. Und blieb fort, für immer. Und da das Haus am Waldesrand stand, vermutete man den Bürger auf Wanderschaft.

Bis zum Frühjahrsputz.

Die Mutter der Gräfin, eine energische kleine Person, die am selben Tag wie Joan Baez geboren wurde, (beiden stehen Mäntel gut und ein Lächeln gegen die eigene Strenge), stieg in den Waschkeller und öffnete die Waschmaschine – ein großes altes AEG-Gerät mit Trommel und separater Schleuder sowie jeder Menge Hohlräume zum Verstecken.

Was soll man sagen?

Erst wusste die Mutter gar nicht, was das sein sollte, was ihr da beim Reinigen der Maschine entgegenquoll, es sah aus wie ein Haufen trauriger Staub, bis ihr plötzlich aufging, um was es sich handelte: Hamsterfell, büschelweise Hamsterfell. Nicht ein einziger Knochen, nicht mal ein Knöchelchen oder eine Gräte war vom Hamster übrig geblieben, nur etwas Fell.

Der Bursche muss bei der Buntwäsche zermahlen worden sein, mutmaßte der Familienrat.

70er Jahre Hamster waren ganz arme Schweine.

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5 Gedanken zu „Großstadtmythos Goldhamster

  1. knaller. meine fresse, das waren arme schweine…
    und ich denke an meinen hamster namens oskar, der sich mit knapp 30 joghurtdrops in den backen hinterm bücherregal in einem riesenknäuel wolle (die vormals zum flokatiteppich gehörte) gemütlich zwischen den zernagten kupferkabeln meiner stereoanlage niederließ.
    er ruhe in frieden.

  2. Pingback: ReBlog: Großstadtmythos Goldhamster | It's raining pigs and dogs...

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